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Archive for the ‘Betrachtungen’ Category

Es ist nichts schlimmes daran, jemanden zu brauchen. Unter Spirituellen gibt es ja oft so einen Wahn, man sei in seiner Bedürftigkeit eine gescheiterte Existenz, und in seiner Bezogenheit ein irregeleitetes Wesen. Wir Menschen lernen voneinander, und Begegnungen waren schon immer fruchtbarer als kluge Selbstgespräche, in denen wir uns vorbeten was wir längst wissen.

Es ist allerdings auch nichts schlimmes daran, zu betrachten, wann man braucht. Was man braucht. Zu hinterfragen, ob man braucht. Und festzustellen, dass eine Begegnung eine ganz neue Qualität bekommt, wenn man nicht mehr versucht, aus einem Anderen herauszuquetschen, was einem selbst im Augenblick fehlt.

Es ist heilsam und schön, festzustellen, dass wir den Anderen um seiner selbst willen lieben dürfen und können, und nicht weil er die Untröstlichkeiten beruhigt, die in uns wüten.

Es gibt ein Brauchen, das kein Aufbrauchen ist, kein Verbrauchen und kein Missbrauchen. Eine natürliche Zugewandtheit zum Anderen, die der dialogischen Natur unserer selbst entspricht.

Es gibt ein Wissen in uns, das sagt: sieh, alles was Du Dir von diesem Menschen wünschst, ist in Dir. Und Du musst es nicht von ihm fordern. Du kannst es aber mit ihm feiern.

Das ist bodenlos beängstigend für uns. Als Empfangende wie als Gebende. Denn oft fürchten wir, wenn wir den Anderen nicht mehr brauchen, dann müssten wir von ihm fortgehen. Deswegen hängen wir an Sätzen wie „Durch Dich bin ich vollständig“. Und oft fürchten wir, wenn der Andere uns nicht mehr brauchte, würde er uns verlassen. Deswegen machen wir uns unentbehrlich, anstatt dem Anderen zu helfen, seine innere Freiheit zu entdecken.

Mit einem Menschen gemeinsam, sei es in einer Familie, einer Freundschaft oder einer Partnerschaft, zu erkunden, wo Gefühle des Brauchens nur getarnte Ängste sind, und diese gemeinsam zu befreien, ist ein Segen. Dann finden wir uns selbst und einander auf neue Weise. Das ist nicht in fünf Minuten erledigt. Und niemand sagt, dass man erst eine Beziehung wagen sollte, wenn man frei von Bedürftigkeiten ist. Das ist ein lebenslanger Prozess, und mit einem Menschen gelingt es uns besser als mit einem anderen.

Auf diesem Weg beginnen wir, freier und reiner und froher zu lieben. Auf diesem Weg beginnen wir, uns selbst und den Anderen zu erkennen.

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Es gibt diese Erzählung von zwei Mönchen, die ihre Vorstellung vom Paradies hatten und einander versprachen, derjenige der zuerst sterbe, werde dem Hinterbliebenen davon erzählen, wie es dort drüben sei. Sie versprachen einander, nur ein Wort zu sagen, nämlich „aliter“, was bedeutet „Es ist anders, als wir es uns vorstellten“, oder „taliter“, „Es ist so, wie wir es uns vorstellten“. Als nun der eine Mönch starb, erschien er seinem Bruder im Traum, doch nicht wie versprochen mit einem dieser Worte, sondern mit den Worten „Totaliter aliter“, was bedeutet: „Es ist vollkommen anders, als wir es uns vorgestellt haben“.

Für mich sind diese zwei Worte wie ein kraftvolles Mantra. Wann immer ich feststelle, dass ich mich in festen Vorstellungen über einen Menschen, über die Welt, über die Sinnhaftigkeit des Lebens oder gar das Wesen Gottes befinde, sagt es in mir wie von selbst: „Totaliter aliter“.

Denn nur wenn wir uns eingestehen, einen Menschen nicht zu kennen, können wir ihm noch begegnen. Und nur wenn wir die Ahnung von der Unvorstellbarkeit des Lebens hereinlassen, können wir uns der Welt noch fragend, sehnend und atmend zuwenden. Und nur wenn wir bereit sind, noch jede tröstliche Vorstellung von Gott loszulassen, öffnen wir uns dem, den wir nicht kennen, dem, der da kommt. Dem, den wir erfahren, jenseits von Wissen und Erwartung.

„Totaliter aliter“ ist ein Gebet des Loslassens, ein Mantra des Nichtwissens, eine Einlassung in die Größe der Liebe, die alle unsere Vorstellung zum Schweigen bringt, all unsere Grenzen sprengt und all unsere Gewissheiten unendlich übersteigt.

Und wenn ich nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu wissen und nichts mehr zu hoffen hätte, wären es diese beiden Worte, auf denen ich reisen wollte, und ich wüsste, dass es eine gute Reise ist.

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Es gibt Menschen, die bringen unsere Liebe hervor, von der wir nicht einmal wussten. Es gibt Menschen, die bringen unsere alten Wunden hervor, von denen wir dachten sie seien längst geschlossen. Es gibt Begegnungen, die unser ganzes Leben verändern, und oft merken wir es erst lange nachdem sie verklungen sind. Grund genug, einmal zu betrachten, was die Menschen in Deinem Umfeld in Dir auslösen, und was ihre An- oder Abwesenheit in Deinem Leben bedeutet. Grund genug auch, DANKE zu sagen. Tiefe Begegnungen, so lieblich oder schmerzvoll sie sind, sind ein Geschenk.

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Vielleicht hast Du es auch schon erlebt, dass Dir Menschen erzählen, warum sie meditieren. Dann sagen sie, weil es ihnen Entspannung ermögliche, weil es ein Ausgleich zum stressigen Job sei, weil sie sich davon Gesundheit versprechen, weil sie glücklich sein oder auf dem Meditationskissen einen Ort jenseits ihrer Probleme finden wollen. Im Grunde sagen all diese Dinge aber nichts über das „warum“, sondern allenfalls über ein „wozu“. Und damit verraten wir schon wieder unsere westliche Denke, in der alles und jeder auf seinen Nutzen hin ausgewrungen wird, auf unseren ganz weltlichen, eigenen Nutzen und Vorteil hin, um den wir uns nicht bringen lassen, auch (oder sollte ich sagen: „gerade“) nicht in spirituellen Fragen.

Was wäre aber, wenn wir uns die Freiheit nähmen, auf den Nutzen zu pfeifen?
Meditation ist für mich, wie alle anderen Formen des Gebets, kein Tun oder Sein, das einem Nutzen unterworfen wäre. Manchmal scherze ich dann, Meditation gehöre schlicht und ergreifend zur artgerechten Haltung des Menschen. Denn ebenso wie der Körper sich bewegt, der Verstand denkt, der Emotionalkörper fühlt, ebenso meditiert eben, in einem prozesshaften Akt der Selbsterkenntnis, der Geist. Wenn wir ihn lassen.

Wem das zu wenig ist, der wird auf dem Meditationskissen sicher noch das ein oder andere mal sein blaues Wunder erleben. Denn auf einem aufrichtig beschrittenen spirituellen Weg geht es unseren eigennützigen Wünschen an den Kragen. Davon erzählt uns Buddha, der mit geschlossenen Augen nach innen blickt und lächelt, weil seine nach aussen dringenden Vorstellungen und Wünsche ihn nicht länger versklaven. Und davon erzählt uns auch Jesus, der im Ölgarten schwitzt und blutet und sagt „Nicht mein Wille geschehe, sondern Deiner“.

Das soll nicht heissen, dass das irdischen Wünschen, Denken, Urteilen und Wollen dem Willen Gottes zwangsläufig sündhaft zuwiderlaufen. Lange genug haben uns das die Religionen glauben machen, in einer niemals endenden Geschichte der Schuld und Sühne, des unwürdigen Körpers und der würdigen Seele, der nichtigen Welt und der glorreichen Ewigkeit. Viel eher heisst es wohl, dass der Meditierende, der Betende, der Gott um die Erfüllung Seines Willens Bittende, die in ihm waltenden Instanzen mitsamt ihrem Eigennutz und ihren Grenzen erkennen kann. Und dann kann er den entscheidenden Schritt gehen: diese Instanzen zu Dienern umformen zu lassen, anstatt sich länger ihrer Herrschaft zu unterwerfen.

„Nicht mein Wille geschehe, sondern Deiner.“ Dieser Satz ist übrigens eine schöne Einleitung für eine Meditation. Wer es wagt, das auszusprechen, das nicht bloss mit den Lippen, sondern dem Herzen zu sagen, begibt sich in eine Meditation, die eine ganze Lebensspanne umfassen und durchdringen wird.

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Manchmal genügt ein Blick in den Himmel, um uns mit der Welt zu versöhnen. Das arglose Blau über uns, die schwerelosen Wolken die geduldig ihrer Wege ziehen, sie rühren an ein tiefes Wissen ins uns: dass das Leben gut ist.

In endlosen Diskussionen versuchen wir Leiden zu entkräften, Geschick von Verantwortung zu sondieren, unseren Wert zu finden, unsere Würde, ebenso wie unsere Triumphe und unser Scheitern, unsere Schuld. Wir blicken dabei ernst in unsere Computer, unsere Zeitungen, in die Augen unseres Gegenübers, und am Ende solcher langen Debatten, solcher langen Tage, wissen wir oft gar nicht, wie es draussen ausgesehen hat, unter dem blauen Himmel, der unbeeindruckt unsere inneren und äusseren Kämpfe betrachtete.

Es gibt eine Schönheit, die ist stärker als alle Argumente – eine innere Ordnung, die immer bleibt, auch wenn wir unsere verlieren. Diese Schönheit, diese Ordnung ist in der Natur. Vollkommenheit, der wir täglich begegnen dürfen. Und diese Schönheit und Ordnung grüssen uns, formen uns, korrigieren uns. Sie leeren uns und füllen uns neu an. Da geschieht Heilung. Ganz unprätentiös, und ohne Fanfarenklänge.

Es ist heilsam, sich dieser Schönheit und Ordnung auszusetzen, und sich formen zu lassen. Schweigend, im Nichtwissen. Das was dort geschieht, müssen wir nicht verstehen. Aber wir dürfen es geschehen lassen.

sky

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Wenn Du etwas Neues beginnst, vertraue auf deine Faehigkeiten. Auf die, die Du kennst, aber mehr noch auf die, die Du noch nicht kennst – und wisse, es sind viele. Wenn Du etwas Neues beginnst, vertraue darauf, dass dem Leben selbst Weisheit innewohnt, die Dich genau an diesen Punkt, an diesen Ort, in diese Situation geführt hat. Wenn Du etwas Neues beginnst, genieße den Zauber des Neuen und lass Dich vom Schrecken des Neuen nicht verängstigen. Denn alles was passieren kann, ist, dass Du Erfahrungen machst, an denen Du wachsen und reifen kannst, und Leben war und ist immer Lernen und Erfahren und Entgrenztwerden. Wenn Du etwas Neues beginnst, reise, auch wenn Du das Ziel Deiner Reise noch nicht kennst. Der Reisende grüßt das Unbekannte, und das Unbekannte grüßt ihn und füllt ihn an mit Leben. Bedauere nicht, dass Du eine Gewohnheit hinter Dir lässt, einen Tagesablauf, ein vertrautes Immergleiches, eine Comfort Zone. Denn diese Dinge wiegen Dich in Sicherheit und verschaffen Dir eine Ruhe, für die Du oft einen viel zu hohen Preis zahlst. Den, Deine Größe nie zu erfahren. Den, nie die Freude zu erleben, an einer Herausforderung zu wachsen. Den, nie von der Freiheit zu kosten, die im Verlassen der Grenzen liegt. Wenn Du etwas Neues beginnst, akzeptiere, dass Dir vielleicht das Herz bis zum Hals schlägt. Dass Du Dir vorkommst wie ein Kind, wie ein Unwissender, wie jemand der nicht weiss was er tut. Liebe den Mut, den Schritt dennoch zu gehen. Liebe die Reise, die Dich in neues blühendes Leben führt. Liebe den Moment, in dem Du erkennst, dass all das Neue, all das Beängstigende, all das Unwägbare Segen war und ist. Dir geschenkt, auf dass sich Deine Seele entfalte und ihre Flügel ausbreite, an einem Himmel voller Seelen, die mit Dir auf Reisen sind.

wagedasneue

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Wir können auf Veränderung warten, aber das bedeutet, auf den Anderen zu warten, der den ersten Schritt gehen soll, oder auf eine Zeit zu warten, in der sich glückliche Umstände fügen. Das Warten, das oft im Leben einen so tiefen Wert und Sinn hat, kann uns zu einer Gefangenschaft werden – zu einer niemals endenden Vertagung unserer Tat, unserer Kraft, unserer Erfüllung.
Veränderung zu gestalten ist etwas anderes: es bedeutet, selbst den ersten Schritt zu gehen. Es bedeutet, eine Erkenntnis, eine Erfahrung, vielleicht auch nur eine Hoffnung in die Tat umzusetzen, unabhängig davon, wie viel Erkenntnis oder Tatkraft im Anderen ist, ja, selbst noch unabhängig davon, ob der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein scheint.

Im Moment, in dem wir den ersten Schritt gehen, mögen wir allein sein, furchtsam, heimatlos oder sogar verrückt. Aber unsere innere wie äußere Welt bedarf einer Ver-Rückung vorhandener Perspektiven, sie bedarf beherzter Taten, die ihre eigene Sprache sprechen. Eine Sprache, die beredt genug ist, um die Sprache der Herrschaft, der Besitzgier und Gleichgültigkeit zu entlarven und zu beenden.

Wir gestalten Veränderung, wir selbst werden Veränderung, indem wir unsere Verantwortung und unser Verbundensein mit den Geschicken der Anderen und der Schöpfung erkennen, anerkennen und bejahen. Indem wir den Dingen, Taten und Orten folgen, die uns in eine Erfahrbarkeit und Verkostung dieser Zusammenhänge führen, die uns erlauben, den schmalen Grat der eigenen Glückssehnsucht zu verlassen und einen weiteren Blick einzuüben.

Viele Lebenshilfestrategien haben uns in eine befremdliche Innerlichkeit geführt, in einen Egoismus, der sich spirituell nennt, in eine Selbstbezogenheit, die jede freie Hinwendung zum Du verunmöglicht zu haben scheint. Zu unerbittlichen Beobachtern unserer selbst sind wir geworden, immer den eigenen Fortschritt, den eigenen Reichtum, die eigene Unversehrtheit im Blick. Wie gläserne Gefäße gehen wir durch diese Welt, leise fürchtend, wir könnten an den Tragödien dieser Welt zerbrechen und unseren inneren Frieden verschütten und nie wieder zurück erlangen.

Innerlich zu sein, sich selbst mutig und liebevoll anzusehen, bedeutet aber unweigerlich, auf das Du verwiesen zu werden, auf das Andere, das in seiner Schönheit uns an unsere Schönheit erinnert, in seiner Not an unsere Bedürftigkeit und in seiner Unvollkommenheit an unser Tun, das mit dem Sosein dieser Welt, das mit dem Leiden jeglichen Geschöpfes nicht im Frieden sein kann.

Die Not der Welt ruft nach unserem Willen zur Veränderung. Die Schönheit dieser Welt ruft nach unserem Willen zur Veränderung. Etwas in uns will werden, was wir seit jeher schon sind: Geschöpfe, in denen die Liebe Gestalt annehmen will. Veränderung zu gestalten ist schöpferisch, ist Ausdruck unserer Natur, Ausdruck des Geistes der sich verschenkt und der sich gleichermaßen in unserer Tat ereignen will – als Leben, das wächst und sich entfaltet. Als Liebe, die sich den Raum erringt, der ihr längst gehört.

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