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Archive for the ‘Betrachtungen’ Category

Mich fragte einmal ein Freund, ob ich mich nicht schämte für das was ich früher sagte oder früher war. Und ich dachte nach, und sofort stach mich Scham, für das was ich kindlich fand, kühn, was ich gedankenlos fand oder zu durchdacht, was ich gesagt hatte wider besseren Wissens und was ich nicht gesagt hatte obwohl es nötig gewesen wäre.

Dann ging ich in die Scham bis sie aus meinen Poren quoll wie Blut, und dann ging ich aus ihr heraus, wie eine Mutter, die ihr blutendes Kind betrachtet mit nichts als Erbarmen im Herzen. Und dann war ich schamlos, wie eine die begreift dass Dinge eben werden, und dem Werdenden nie Qual sein kann, dass die Dinge gestern noch anders waren, und dass sie morgen anders sein werden als er ahnen könnte.

Als Künstlerin kennt man das noch auf eine andere Weise: vielleicht sind einem die Texte fremd, die man gestern schrieb, die Bilder unangenehm, die man vorgestern malte, die Lieder schal, die nur allzu schnell unter einer Patina der Vergänglichkeit verklangen. Oft ist es, als habe die Wahrheit, die aus einem drängt, eine nur kurze Halbwertszeit – ständig stirbt sie in das weiter werdende Herz hinein, das Du bist, und die gestrige Kleinheit mag sie verletzt haben.

Wenn Dich Dinge reuen, die Du gestern sagtest, für die Du gestern branntest, dann lass der Scham ihre Seufzer, aber halte sie nicht fest, denn jeder Mensch der begreift dass er ein Werdender ist, hat die Größe, die Unzulänglichkeiten des Gestern, und jene die noch kommen, in sich zu bergen. Auch Du. Und die Welt, die in Dir heranwächst, sucht sich den Ausdruck, dessen Du fähig bist – mit einer Gnade die Dir alles verzeiht, und mit einer Kraft, die alles überwindet.

Bild: © Gina-Maria Pilipovici

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Wenn Du Deinem Mitmenschen einen echten Liebesdienst erweisen willst, lass ihn ausreden. Fall ihm nicht ins Wort. Reiche ihm kein vertrautes Wort an, wenn er um die Sagbarkeit einer Erfahrung ringt. Beende seine Sätze nicht auf der Suche nach dem Ruhebett vermeintlicher Übereinstimmung. Versuche nicht vorauseilend damit zu glänzen, dass Du weißt was er zu sagen anhebt. Kränke ihn nicht mit Deiner Ungeduld. Belehre ihn nicht mit Deiner Meinung, die sich für wichtiger hält als das Hören. Unterwirf die Worte die Du hörst, nicht widerstandslos der Herrschaft Deiner eigenen Urteile, kämpfe viel eher für ihr Recht auf Freiheit. Heuchle kein Interesse. Begib Dich lieber an den stillen heiligen Ort in Dir an dem eine natürliche Zugewandtheit zum Anderen längst lebendig ist. Höre die Worte des Anderen mit Staunen.

Sei weich genug, auch die spitzen Worte anzunehmen. Sei weise genug, auch das Ungesagte wahrzunehmen, das ebenso um Dein Hören ringt. Suche die blutrote Spur tiefen Verstehens, die durch Dein Herz wie durch Dein Denken führt, durch Dein Wissen wie durch Dein Nichtwissen, durch Deinen Leib noch, der selbst ein Organ des Hörens ist. Erlaube Dir, mit den Worten des Anderen zu hadern, an ihnen zu leiden, Dich schneiden zu lassen von der Fremdheit darin, aber nimm dies nicht zum Anlass, im Hören nachzulassen. Spüre der Ahnung nach, dass Dein Hören bereits Zwiesprache ist. Dass Deine Erwiderung nicht halb so wichtig ist, wie diese hohle Hand, diese sehnsüchtige Schale des Lauschens.

Tiefes Hören ist ein Schöpfungsakt – ein Leben wächst in einem anderen, ein Sprechen und ein Gehörtwerden öffnen den Raum für ein Drittes. Bezähme das Leben nicht im Beharren auf dem was Du weisst und auf dem was Du hören willst. Staune über die schöpferische Kraft des Hörens die auch Dich verwandelt und die von einem Menschsein zeugt, in das hineinzureifen wir eingeladen sind.

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Es gibt eine schmerzliche und zugleich gnadenvolle Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, die wir nicht im Versiegen, Abbrechen oder Entsagen erleben, nicht inmitten von Sorge, Trennung, Krankheit oder Tod – dort also, wo uns die Unerträglichkeit des Unvollendeten, des nicht gelingenden oder des jäh Fortsterbenden wie eine unheilvolle Klinge zerteilt – sondern im Angesicht ehrfurchtgebietender Schönheit und Anmut, dort wo Entzücken und Seligkeit uns so haltlos aus den Augen perlen, weil wir erstmalig schmecken, was das Wort „Leben“ überhaupt bedeuten könnte, lernten wir, Ergebenheit zu einem fortwährenden Gebet unseres Herzens heranreifen zu lassen.

Solcher Art ist diese Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, dass sie uns direkt und unverhohlen aus der verschwenderischen Schönheit des Augenblicks grüßt, aus dem Kuss der Geliebten, der Treue verheißt, aus dem Duft der Blüte, die ein stilles Amen auf das weit gereiste Licht der Sonne singt. Wie ein klagendes, jauchzendes Duett tönt in uns dann die Ewigkeit, die sich des Eingegossenseins in endliche Gestalten erinnert, und die Endlichkeit, die sich daran erinnert, Gefäß des Ewigen zu sein. Unter diesem Gesang sind wir Verwundete – und wir gleichen dem Jünger Thomas, da wir wie er, erst nachdem unsere Hände in die Wunde getaucht sind, das Wunder der Ewigkeit, das nicht ohne den blutberänderten Riss, nicht ohne das Sterben auskommt, bejahen und vertrauensvoll umarmen.

Wir wären Narren, nähmen wir die Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit zum Anlass, zu verzagen. Und Narren wären wir, nähmen wir jene Verwundung zum Anlass, unser Glück auf den letzten Ruf in die Ewigkeit zu vertagen. Jene Verwundung inmitten beseelter Schönheit hat die Macht, uns zu läutern und zu klären, und unsere Hände, die vielleicht bisher nur als grobe Enden unserer Ungeschicklichkeit hölzern in die Welt ragten, zu tatkräftigen, redlichen, irdenen Werkzeugen umzuformen, unter deren trauerlosem Fleiß eine neue Welt sich zu erkennen gibt. Oh, der Schönheit ist genug in unsere alte vernarbte Welt gegossen, doch unsere Werkzeughände liegen noch in ungeöffneten Truhen unter Schichten von Staub.

Dies ist die Gnade der Verwundung, dass sie uns zu gestaltenden Schöpfern umformt, deren Maß der Liebe ein Tun ist, ein menschenmögliches im kostbarsten Sinne, nicht um der Liebe die vollkommen ist, ein Jota hinzuzufügen, sondern um eine jede Stunde als Sakrament zu begreifen, in der die Liebe sich in den Menschen verwandelt, in den Menschen der ich bin, in den Menschen der Du bist, mit all unseren äschern gewordenen Worten und unseren Händen aus Treibholz auf einem Meer der Verzweiflung.

Die Liebe weiß nichts weiter, als Du zu werden, das ist wohl ihre Torheit, doch eine die wir begreifen, wenn erst die Schönheit uns bestürmt und einnimmt, ohne Rücksicht auf unser Beharren, dass alle Dinge bedeutungslos seien oder bitter wie Wermut.

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Wir können Gott um Frieden bitten, aber wir müssen uns darüber im klaren sein, dass diese Bitte ein Ruf ist, der vor allem an uns selbst ergeht. Denn welche Gottheit könnte wohl Frieden in die Welt gießen, ohne dass unsere Herzen Frieden tragen? Welche Gottheit könnte Frieden in die Gesellschaft sprechen, ohne dass wir Frieden in unseren Familien pflegen? Welche Gottheit könnte Frieden über die Erde hauchen, ohne dass wir endlich davon ablassen, sie zu beherrschen und auszubeuten?
Eine Bitte um Frieden ist ein gefährliches Gebet: es ist gefährlich für unsere Trägheit, für unsere Halbherzigkeit, für unsere Starrsinnigkeit und unsere Unfähigkeit zur Veränderung.
Wenn wir also um Frieden beten, dann müssen wir bereit dafür sein, dass dieser Ruf uns aufbricht wie ein Hammer einen tönernen Krug – und was uns an Unfrieden und Kälte entweichen muss, wird uns erschrecken. Es wird uns erschrecken zu begreifen, wie sehr wir selbst Teil des Unfriedens sind, und wie sehr wir daran festhalten, mit unseren Gedanken, Worten und Taten, mit unseren Unterlassungen und unserem raffgierigen Streben nach persönlicher Erfüllung, das das größere Ganze nicht in den Blick zu nehmen gewillt ist, mit unserer Lust an Entzweiung, Überlegenheit und Macht.
Nach diesem Erschrecken aber, dem wir uns mutig stellen müssen, kann es geschehen, dass wir uns weiten wie der Himmel nach einem Gewitter. Dass wir Raum werden, in den Gott sein Wort des Friedens sprechen kann. Dann erst wird unser Gebet lebendig, und dann erst wächst die zarte Möglichkeit, dieser Welt ein friedliches Gesicht zu verleihen.

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Du bist nicht nur die Klage, die jedes Recht hat auf lauschende Ohren. Du bist auch der Trost, der seine Arme öffnet mit samtener Mütterlichkeit.
Du bist nicht nur der Ratlose, dem die Welt unhaltbar durch die Finger rinnt. Du bist auch die Weisheit, die alles gestaltet mit wissenden Händen.
Du bist nicht nur der Zorn, der wütet und brennt und äscherne Gesichter hinterlässt. Du bist auch die Versöhnung, die geduldig verknüpft was auseinanderriss.
Du bist nicht nur das Grau zahlloser Stunden, denen der Sinn abhanden kam. Du bist auch das Leuchten aller Farben feierlicher Lebendigkeit.
Du bist nicht nur der Einsame, dessen müde Schultern zu lange aufrichtender Worte harrten. Du bist auch der Garten der Begegnung, in dem wir einander erkennen.
Du bist das Paradies, in dem Hand und Mund und Herz eine einzige Sprache sprechen: die Sprache der Menschlichkeit.

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Versöhnung beginnt oft mit kleinen Schritten.

Zu achten, wenn ich nicht verstehen kann, eine Hand zu reichen, wenn ich nicht umarmen kann, mitzufühlen, wenn ich nicht lindern kann.

Risse zuzulassen, wenn ich Härte bin, Schatten zuzulassen, wenn ich lichthungrig bin, Fragen zuzulassen, wenn alles in mir Gewissheit ist.

Das Anderssein des Nächsten zu ertragen, auch wenn ich das Vertraute suche. Das Widersprüchliche des Anderen zu erdulden, auch wenn ich das Eindeutige erhoffe. Das Gewordensein des Mitmenschen anzunehmen, auch wenn es mich schreckt.

Zu hören, statt zu reden. Zu erwägen, statt zu urteilen. Zu lassen, statt zu kontrollieren.

Kleine Schritte führen zu Versöhnung mit den Menschen, deren Wege ich kreuzte, und die meine Wege kreuzten, deren Leben ich verwundete, und die mich verwundeten. Kleine Schritte führen zur Versöhnung mit mir selbst, die ich mir so oft fremd bin wie vertraut.

Versöhnung ist die Brücke über den Gräben die wir schufen.
Auf jener Brücke ist unser Gesicht dem Licht des Einen zugewandt.

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Wir alle brauchen Vergebung, denn wir alle vergehen uns. Wir vergehen uns an der Freiheit des Anderen, an der Würde des Anderen, an dem Recht auf Entfaltung unseres Nächsten, der Leben ebenso verkosten will wie wir. Wir sprechen viele achtlose Worte. Wir tun Dinge, derer wir uns am nächsten Tag schon schämen. Öfter noch unterlassen wir das Nötige, das Not-Wendige, das dem Leben dienende, und schliessen die Augen vor dem Leiden des Mitmenschen. Wir denken dunkle Gedanken, in denen sich unser Gesicht viel mehr offenbart als das Gesicht der Welt oder das des Menschen, über den wir mutmaßen.

Das Christentum ist randvoll mit der Betrachtung des Schuldigwerdens, randvoll auch mit einem Aufschrei um Vergebung, und niemand geringeres rufen wir an, als die Gottheit selbst, weil wir ahnen, dass nur die reine, unkorrumpierte Liebe ausreichend sei, unsere Fehlbarkeit zu umarmen.

Aber was ist Vergebung, wenn sie nicht im Menschen Gestalt annimmt? Was ist eine Bitte um Verzeihung, wenn wir ihr nicht den Weg freimachen in die Mitte unseres Herzens, und uns ihr ergeben mit dem Willen, dem Anderen Freiheit zu schenken? Wie wird Vergebung lebendig, wenn wir es nicht sind, die einander vergeben? Wenn wir es Gott überlassen, unsere Ketten zu lösen?

„Liebt einander“, das enthält eine tiefe, folgenreiche Aufforderung zur Vergebung. Vergebung enthält ein Moment tiefer Selbsterkenntnis, denn erst der Mensch der sich als fehlbar und gefallen begreift, vermag nicht länger mit marmorner Härte von der Verfehlung des Anderen zu sprechen.
Vergebung enthält auch ein Moment tiefer Erkenntnis über die strebende, wachsende, reifende Natur des Lebens. Alles Lebendige reift am Scheitern. Am Fehler. Am Irrtum. Und es ist eine unschätzbare Lebenskunst, das Scheitern, den Fehler und den Irrtum nicht als Makel zu erdulden, sondern als Lebensatem zu begreifen. Als Weg der Reifung zu betreten.
Und letztlich enthält Vergebung auch einen Sog der Begegnung. Denn Vergebung ist nur in Zwiesprache zu erlangen, und nur in Zwiesprache zu gewähren. Wer vergibt, wer Vergebung erlangt, begreift, dass das Trennende überwindbar ist. Dass es ein Ungetrenntes gibt, das alle dunklen Wunden zu schließen vermag. Etwas, das heil ist und heil war, die ganze Zeit.

Und doch gibt es Dinge, die nur schwer zu verzeihen sind. Für manch einen Menschen, der schwer verwundet wurde, reicht eine Lebensspanne nicht aus, um Vergebung gewähren zu können. Auch das müssen wir aushalten, annehmen, und einander darin Gefährten sein. Wir können lernen, das Unverzeihliche das den Anderen plagt, mitzutragen. Raum zu sein, in dem das Schmerzliche das keine Heilung findet, atmen darf. Wir verkennen oft, wie wichtig dieses Miteinandertragen ist, und wie sehr auch dieses Tun Wege zu Vergebung öffnet. Jemand, der mit seiner Bitterkeit allein ist, wird alle Tage bitter sein. Jemand, der mit seinen Tränen allein ist, wird aller Tage untröstlich sein. Wir sind es, die einander Gefährten sein müssen, und dann werden wir staunen, darüber wie wir angesichts tiefer Begegnung und Gemeinschaft, angesichts heilsamen Miteinanders, neuen Frieden und neue Güte erlangen, die fruchtbarer Boden für Vergebung als Lebenshaltung werden.

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