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Archive for the ‘Betrachtungen’ Category

Das Problem ist nicht, dass wir heute weniger mystische Erfahrungen, Gotteserfahrungen, Einheitserfahrungen erleben als die Menschen früherer Zeiten. Wenn wir aufmerksam zuhören, dämmert uns, dass sehr viele Menschen diese Erfahrungen machen. Das Problem ist, was unser Alltagsbewusstsein, unsere Kleinlichkeit, daraus macht. Unser Egoismus, unser Narzissmus, reisst diese Erfahrungen gerne an sich, um sie für etwas anderes zu instrumentalisieren. Wir geniessen das Gefühl, anderen überlegen zu sein.

Wir geniessen das Gefälle, das wir zwischen dem Anderen und uns vermuten. Wir kauen genüsslich auf dem Gefühl herum, dem Anderen Lehrer sein zu können, Guru vielleicht, Heiler oder Priester, Erwachter unter Schlafenden. Kurzum: unser kleines Ich instrumentalisiert dieses Wunder, dieses uferlose Große allzu gern, um daraus etwas vermeintlich Nützliches zu quetschen. Was dem Ego nützt, dient aber noch lange nicht dem Menschen.

Die Kleinlichkeiten sind menschlich, da muss man nicht lamentieren, aber man muss schon den Mut und die Ehrlichkeit aufbringen, diesen menschlichen Regungen ins Gesicht zu blicken. Wir müssen unsere Erfahrungen der Unendlichkeit einfach wieder mutig all der Selbstsucht entkleiden, die sich – bemerkt oder unbemerkt – eingeschlichen hat. Dann erkennen wir uns selbst wieder besser. Dann erkennen und anerkennen wir auch endlich den Anderen, den wir gar nicht mehr gesehen haben, und auch gar nicht sehen wollten, weil uns das Bild von ihm viel lieber war als er selbst.

Es ist keine wahnsinnige Abstraktionsleistung, die da von uns verlangt wird, keine riesige Transformationsarbeit, kein unerreichbares Mysterium. Es reicht schon, wenn wir uns einfach mal in Stille hinsetzen, uns vergegenwärtigen, wie diese Momente waren, in denen das namenlose Schöne in unser Leben einbrach, einsickerte, hineinschimmerte. Es reicht schon, dass wir uns dann vergegenwärtigen, dass es auch jetzt da ist, egal wie stark oder schwach wir es fühlen. Und dann, in Aufrichtigkeit, einfach zu fragen: was macht denn diese Erfahrung mit mir. Was macht sie aus mir.

Binnen Sekunden ist es dann da, dieses Wissen, dieser Geschmack, diese Gegenwart der Erkenntnis, dass die mystische Erfahrung uns nicht grösser, besser, toller, überlegener macht. Sie macht uns nackter, verwundbarer, kleiner – weil all des Ballasts des Irgendwieseinwollens entkleidet – und sie schafft eine Nähe zwischen uns und dem Anderen, weil wir erleben, wie ähnlich, wie verbunden wir einander sind. Unsere Größe, die wir darin erfahren, ist keine Größe der Person, des Besitzes oder der Errungenschaft. Diese Größe ist die Größe eines Beschenktseins. Und dieses Beschenktsein kann nur zutiefst demütig machen.

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Manchmal, wenn wir durch Schicht um Schicht unserer Weltanschauungen gestürzt und gesunken sind, durch unseren Glauben, unsere spirituellen Lehren, unsere Konzepte, schlagen wir auf dem Grund der Erkenntnis auf, dass es ein Verstehen gibt, das nicht an Worten reifen kann, nicht an der Anschauung derer, die verwirklicht scheinen, und erst recht nicht an dem Wunsch, erklärend Angst zu zähmen.

Dieses Verstehen gibt es nur um den Preis unserer ganzen Existenz, unseres Seins ebenso wie unseres Handelns, und dieses schließt eine Freiheit ein, die so bodenlos ist, dass wir wiederum stürzen und fallen, noch aus der Beruhigung einer individuellen Bestimmung, der wir bloß Folge zu leisten hätten.

Und fallend dämmert es uns, wie ein Morgen nach endloser Nacht, dass wir selbst lebend Verstehen werden. Dieses Verstehen ist die Liebe selbst, von der wir annahmen, wir müssten sie erst finden, bevor wir uns die Fähigkeit erwürben, wahrhaftig Mensch zu sein.

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Das Sein und das Werden sind die zwei Gesichter des Lebens. In Stille, im Gebet, in Meditation werden wir uns unseres Seins bewusst, unserer Essenz, unserer Weite jenseits von Biographie. Ungebrochen ist dies Sein, unbeschadet und unveränderlich, und mehr müssen wir über dies Sein nicht sagen, als: es ist.

Im Tun sind wir stets bewegt und bewegend, wir sind Schöpfer, wir erschaffen und streben und aus allem was wir schaffen, erwachsen neues Streben und neue Schöpfungen. Wir bauen Häuser, schreiben Bücher, berechnen Formeln, entwerfen Utopien. Wir zeugen Kinder. Und: wir machen Fehler. Dieses Tun ist Ausdruck ständiger Verwandlung, niemals endender Entwicklung, und mehr müssen wir über dies Tun nicht sagen, als: es ist ein Werden.

Viele alte spirituelle Traditionen neigten dazu, das Tun zu verwerfen, es zu dämonisieren oder zu stigmatisieren, als Verliebtheit in die Welt, als Verkennung des wahren Seins, als Verstrickung in das Illusorische. Buddhismus, Hinduismus, Christentum, sie alle haben ihre Zeiten und Strömungen gehabt, in denen sie vor der Gefahr der Welt und ihrer Geschäftigkeit warnten. Und diesem Gedanken verdanken sich die zahllosen Asketen, erwachten Dauermeditierer und weltfremden bis weltfeindlichen Hüter des reinen Seins, bis hin zu vielen Vorurteilen, die wir noch heute schwerlich loswerden.

Eine zeitgenössische und zeitgemäße Spiritualität muss etwas anderes verkünden als die Seligkeit des Seins und die Gefahr des Tuns. Sie muss und darf diese beiden Gesichter der Wirklichkeit einen und sie als Ausdruck der allem Geschaffenen innewohnenden Weisheit betrachten. Als evolutionären Plan, in sich vollkommen und gut.

Das Sein und Werden gleichen dem Ein- und Ausatmen des Menschen. In Stille erfahren und verkosten wir unser Sein, das keiner Veränderung bedarf, weil es in sich vollkommen ist. Im Tun erfahren wir unser Werden, das ein niemals endender Schöpfungsakt ist.

Sich auf das Sein und Werden einzulassen, bedeutet, sich in der Seligkeit des reinen Seins nicht der Welt zu verweigern, die unserer Schöpfungen und unserer Gestaltungskraft bedarf. Es bedeutet auch, sich durch die schöpferische Teilnahme am weltlichen Geschehen nicht auf eine Art zu zerstreuen, die uns das stille unbewegte Sein an unserem Seelengrund vergessen lässt. Wir atmen ein, wir atmen aus. Wir sind. Wir werden.

Für manch einen ist es erstaunlich, aber auch das Kreuz erzählt uns von diesem zweigesichtigen Mysterium des Lebens. In der Horizontalen und Vertikalen des christlichen Kreuzes ist das vereint, was zunächst widersprüchlich scheint: das unverändliche Sein Gottes in uns und in allem Erschaffenen, und das unendliche Werden des Kosmos. Dort, wo sich die Balken vereinen, ist Christus.

Manchmal, wenn ich die Welt nicht mehr verstehe, bete ich: Christus, erzähle mir vom Sein. Christus, erzähle mir vom Werden. Es ist ein Gebet, das die Tür ins Mysterium öffnet. Jeden Tag ein wenig mehr.

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Es gibt in der spirituellen Landschaft Lehrer, die behaupten, dass alles was der Seele wirklich entspreche, alles was Deine Gaben hervorbringt und Deinen göttlichen Glanz, leicht sei. Das Falsche erkenne man daran, dass es mühselig sei und schmerzhaft.

Es gibt in der spirituellen Landschaft Lehrer, die behaupten, dass alles was der Seele wirklich entspreche, alles was Deine Gaben hervorbringt und Deinen göttlichen Glanz, schwer sei. Das Falsche erkenne man daran, dass es leicht sei und Dir nichts abverlange.

Das, was wir schlechthin „Ego“ nennen, sitzt auch in jenen Behauptungen nicht untätig herum. Es rühmt sich der Leichtigkeit, und kaschiert damit seine Bequemlichkeit. Es rühmt sich der heldenhaft erlittenen Schmerzen, und kaschiert damit seinen verlorenen Glauben an den Fluss des Lebens. Das „Ego“ kann sich jeder Angelegenheit bemächtigen, und sich ebenso an glücksbesoffener Leichtigkeit satt essen wie an selbstmitleidiger Schmerzversessenheit.

Wenn wir also sagen: „Es ist leicht“, dann müssen wir uns zuallererst fragen, wer in uns das eigentlich behauptet. Ist es der Mensch, der nicht gerne übt, nicht gerne an sich arbeitet, ungeduldig ist und vielleicht sogar oberflächlich? Dem es darauf ankommt, über den Mühseligkeiten der Menschheit zu levitieren und von dort unbetroffen herabzulächeln? Oder ist es das Gewahrsein in uns, das unsagbar leicht ist, weil es sicht nicht erschaffen muss, sondern stets ist?

Und wenn wir also sagen: „Es ist schwer“, dann müssen wir uns zuallererst fragen, wer in uns das eigentlich behauptet. Ist es der Mensch, der gerne leidet, der gerne annimmt, dass jeder Andere es leichter habe als er, dass einem nichts Gutes geschenkt wird, wenn man sich dafür nicht abmüht? Dem es darauf ankommt, als kampferprobter Veteran aus den Schlachten des Lebens hervorzugehen? Oder ist es das uferlose Mitgefühl ins uns, das um das vielfache Sterben weiss, das der Mensch täglich durchschreitet?

Und wenn wir nicht sicher sind, so helfen uns vielleicht diese Fragen:

Was wäre schlimm daran, wenn es leicht wäre – Geschenk, Gnade, Überfluss, ausgegossen in uns, ohne dass wir jemals etwas dafür hätten tun müssen?

Was wäre schlimm daran, wenn es schwer wäre – Errungenschaft, Frucht beseelter Arbeit, Antwort auf eine Frage, für die wir alles tun, alles geben, ja sogar alles verlieren müssen?

Und was, wenn es beides wäre. Wenn es beides ist, immer schon?

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Es ist nichts schlimmes daran, jemanden zu brauchen. Unter Spirituellen gibt es ja oft so einen Wahn, man sei in seiner Bedürftigkeit eine gescheiterte Existenz, und in seiner Bezogenheit ein irregeleitetes Wesen. Wir Menschen lernen voneinander, und Begegnungen waren schon immer fruchtbarer als kluge Selbstgespräche, in denen wir uns vorbeten was wir längst wissen.

Es ist allerdings auch nichts schlimmes daran, zu betrachten, wann man braucht. Was man braucht. Zu hinterfragen, ob man braucht. Und festzustellen, dass eine Begegnung eine ganz neue Qualität bekommt, wenn man nicht mehr versucht, aus einem Anderen herauszuquetschen, was einem selbst im Augenblick fehlt.

Es ist heilsam und schön, festzustellen, dass wir den Anderen um seiner selbst willen lieben dürfen und können, und nicht weil er die Untröstlichkeiten beruhigt, die in uns wüten.

Es gibt ein Brauchen, das kein Aufbrauchen ist, kein Verbrauchen und kein Missbrauchen. Eine natürliche Zugewandtheit zum Anderen, die der dialogischen Natur unserer selbst entspricht.

Es gibt ein Wissen in uns, das sagt: sieh, alles was Du Dir von diesem Menschen wünschst, ist in Dir. Und Du musst es nicht von ihm fordern. Du kannst es aber mit ihm feiern.

Das ist bodenlos beängstigend für uns. Als Empfangende wie als Gebende. Denn oft fürchten wir, wenn wir den Anderen nicht mehr brauchen, dann müssten wir von ihm fortgehen. Deswegen hängen wir an Sätzen wie „Durch Dich bin ich vollständig“. Und oft fürchten wir, wenn der Andere uns nicht mehr brauchte, würde er uns verlassen. Deswegen machen wir uns unentbehrlich, anstatt dem Anderen zu helfen, seine innere Freiheit zu entdecken.

Mit einem Menschen gemeinsam, sei es in einer Familie, einer Freundschaft oder einer Partnerschaft, zu erkunden, wo Gefühle des Brauchens nur getarnte Ängste sind, und diese gemeinsam zu befreien, ist ein Segen. Dann finden wir uns selbst und einander auf neue Weise. Das ist nicht in fünf Minuten erledigt. Und niemand sagt, dass man erst eine Beziehung wagen sollte, wenn man frei von Bedürftigkeiten ist. Das ist ein lebenslanger Prozess, und mit einem Menschen gelingt es uns besser als mit einem anderen.

Auf diesem Weg beginnen wir, freier und reiner und froher zu lieben. Auf diesem Weg beginnen wir, uns selbst und den Anderen zu erkennen.

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Es gibt diese Erzählung von zwei Mönchen, die ihre Vorstellung vom Paradies hatten und einander versprachen, derjenige der zuerst sterbe, werde dem Hinterbliebenen davon erzählen, wie es dort drüben sei. Sie versprachen einander, nur ein Wort zu sagen, nämlich „aliter“, was bedeutet „Es ist anders, als wir es uns vorstellten“, oder „taliter“, „Es ist so, wie wir es uns vorstellten“. Als nun der eine Mönch starb, erschien er seinem Bruder im Traum, doch nicht wie versprochen mit einem dieser Worte, sondern mit den Worten „Totaliter aliter“, was bedeutet: „Es ist vollkommen anders, als wir es uns vorgestellt haben“.

Für mich sind diese zwei Worte wie ein kraftvolles Mantra. Wann immer ich feststelle, dass ich mich in festen Vorstellungen über einen Menschen, über die Welt, über die Sinnhaftigkeit des Lebens oder gar das Wesen Gottes befinde, sagt es in mir wie von selbst: „Totaliter aliter“.

Denn nur wenn wir uns eingestehen, einen Menschen nicht zu kennen, können wir ihm noch begegnen. Und nur wenn wir die Ahnung von der Unvorstellbarkeit des Lebens hereinlassen, können wir uns der Welt noch fragend, sehnend und atmend zuwenden. Und nur wenn wir bereit sind, noch jede tröstliche Vorstellung von Gott loszulassen, öffnen wir uns dem, den wir nicht kennen, dem, der da kommt. Dem, den wir erfahren, jenseits von Wissen und Erwartung.

„Totaliter aliter“ ist ein Gebet des Loslassens, ein Mantra des Nichtwissens, eine Einlassung in die Größe der Liebe, die alle unsere Vorstellung zum Schweigen bringt, all unsere Grenzen sprengt und all unsere Gewissheiten unendlich übersteigt.

Und wenn ich nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu wissen und nichts mehr zu hoffen hätte, wären es diese beiden Worte, auf denen ich reisen wollte, und ich wüsste, dass es eine gute Reise ist.

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Es gibt Menschen, die bringen unsere Liebe hervor, von der wir nicht einmal wussten. Es gibt Menschen, die bringen unsere alten Wunden hervor, von denen wir dachten sie seien längst geschlossen. Es gibt Begegnungen, die unser ganzes Leben verändern, und oft merken wir es erst lange nachdem sie verklungen sind. Grund genug, einmal zu betrachten, was die Menschen in Deinem Umfeld in Dir auslösen, und was ihre An- oder Abwesenheit in Deinem Leben bedeutet. Grund genug auch, DANKE zu sagen. Tiefe Begegnungen, so lieblich oder schmerzvoll sie sind, sind ein Geschenk.

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