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Archive for the ‘Betrachtungen’ Category

Wir reden so viel über Autarkie und Selbstermächtigung, über das selbstgenügsame Ganze, das wir sind, und dann wenn es ganz arg wird, ziehen wir das Wort „Augenhöhe“ heran, und meinen, damit unsere Unbeugsamkeit und Würde angemessen ausgedrückt zu haben. Doch die Wahrheit ist: wenn uns Schönheit berührt, sinken wir ihr so ergeben zu Füßen, als hätten wir nie etwas anderes getan. Und unsere Augen vermessen keine Höhen, sondern schließen sich in Hingabe. Eine Liebe erwacht, die sich nicht um Gesetze der Unbeugsamkeit kümmert. Denn die Liebe verliert nicht ihre Würde, wenn sie Ergebenheit wird. Die Liebe verliert nicht ihre Größe, wenn sie ihr Knie beugt. Die Liebe verliert nicht ihre Kraft, wenn sie bereitwillig zu Ohnmacht wird. Alles was wir in der Liebe verlieren, wird zu Reichtum, doch zu einem, den das Auge nicht versteht, das misst, und den die Hand nicht versteht, die gern die Zügel hält, und den der Mund nicht versteht, der gern das letzte Wort hat. Im Angesicht der Liebe kommt uns so leicht abhanden, woran wir eben noch unerbittlich festhielten, und es ist als würden wir aufgerichtet, während wir uns beugen, als würden wir beschenkt, während wir alles lassen, und als würden wir beseelt, während wir in bodenlose Ungewissheit hineinsterben.

schweben

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Wir müssen uns eingestehen, dass das, was wir aus spiritueller Perspektive „Zuhören“ nannten, lange nichts weiter war als „Abhören“. Wir hörten den Anderen ab wie Großinquisitoren, immer auf der Suche nach der Verfehlung in seinen Worten, nach der Abweichung die geahndet werden muss, nach der Ketzerei, die ihn als nicht spirituell, nicht erwacht, nicht würdig entlarvt. Wir hörten den Anderen ab auf der Suche nach der kleinen Unebenheit, auf die wir unsere Finger legen konnten um sie niederzuschleifen und einzuebnen mit der unerbittlichen Lust an einer normativen Ordnung, an Gesetzmässigkeiten, die wir glühenden Herzens verteidigen könnten wie blutrünstige Krieger. Wir hörten den Anderen ab auf der unablässigen Suche nach unserem Besserwissen und Bessersein, und die Tränen des Anderen waren uns lange nichts als der Treibstoff, mit dem wir das trudelnde Raumschiff unserer Überlegenheit antrieben. Ein All der Einsamkeit haben wir erschaffen. Nichts davon kann Bestand haben und nichts davon verdient es, Bestand zu haben.

Wir müssen das Zuhören lernen, das vom Wissen um unsere eigene Fehlbarkeit zehrt. Das Zuhören, das am Nichtweiterwissen gereift ist, an zahllosen dunklen Stunden, in denen wir Gott nur als Abwesenheit erfuhren. Wir müssen das Zuhören lernen, das das Fremde aushält. Das das Andersartige erträgt. Das es berührt mit fragenden Händen. Das Zuhören, das sich dem Anderen zuneigt in einer Andacht, die wir Gott vorbehielten, nichtsahnend, dass Gott im Nächsten zu uns spricht, während wir erwartungsvoll vor Tabernakeln, Altären und Bildnissen verharrten. Wir müssen das Zuhören lernen, das in Begegnung führt statt in Besitztum und in Herrschaft. Das Zuhören, das ein Mutterschoß ist für die Geschichten des Anderen, so störend und verstörend sie sein mögen, ein dunkler, bergender, heiliger Raum wie eine Kapelle der Zärtlichkeit. Und je mehr wir es wagen, es üben, um so mehr werden wir uns daran erinnern, mit welcher Segnung das Menschsein bedacht ist, mit welcher uferlosen Kraft zur Liebe, der letztlich nichts, auch nicht unsere steinernen Gewohnheiten, standhalten können. Eine neue Welt wartet. Hörst Du sie?

Bild: © Deborah Koff Chapin

zuhoeren

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Die Dinge haben eine erlösende Leichtigkeit, wenn wir mit unserem Wesen die Natur des Lebens erfassen, das immer ein Drängen, Erneuern und Werden ist, eine überschäumende Seinslust, die alles immerzu über sich hinauswachsen lässt. Und die Dinge haben eine aufrichtige Traurigkeit, wenn wir mit unserem Wesen erfassen, wie schmerzlich jede Geburt ist, wieviel Kapitulation und Sterben allem Neuen vorausgeht, und wieviel vermeidbares Leiden wir einander antun. In einem weiten Herz wohnt das eine Wissen wie das andere, und allein die Liebe vermag die Spannung zwischen diesen Polen auszuhalten und würdevoll auszutragen. Diese Liebe vermag die Welt nicht gering zu achten oder in eine Seligkeit zu flüchten, die nicht am Verkosten jedes menschlichen, ja, jedes kreatürlichen Kummers gereift ist.

fruehling16

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Es gibt eine Liebe zum Anderen, die nur zu erlangen ist, wenn wir das Fremde begrüßen, das Ungewisse umarmen, wenn wir unsere Loyalität dem Vertrauten und Voraussehbaren gegenüber aufgeben. Allzu oft haben uns spirituelle Lebenshilfen auf das Selbst hingewiesen, das uns aus den Augen des Nächsten entgegenleuchtet. Allzu oft wurden wir mit Sicherheiten gelockt, wie der, dass der Andere – unser Spiegel – uns letztlich doch immer einem besseren „Ich“ zuführe.

Wenn Zuneigung aber nur Selbstbezogenheit ist, sind wir von Liebe so weit entfernt wie vom Wesen der Begegnung. Begegnung wagt den Schritt auf wegloses Land, Begegnung vertreibt uns aus dem trügerischen Paradies der Selbstgenügsamkeit. Begegnung reißt uns wahrlich in die abgründigen Augen des Nächsten, doch verlieren wir uns dort, und das was wir für unser Selbst hielten, mindestens so oft wie wir es finden, und es nützt nichts, dies zu verschweigen und die Unannehmlichkeit zu verbergen, die es bedeutet, wenn wir an der geronnenen Welt des Anderen zerschellen und alle Fragen nach der Natur der Dinge im Erfahrungsraum des Anderen neu gestellt werden müssen.

Es nützt daher auch nichts, einem Menschen, der Fremde fürchtet, zu sagen, er werde nichts verlieren, denn das Gegenteil ist der Fall: echte und tiefe Einlassung auf das heilige Gewordensein des Anderen bedeutet immer, dass wir das Wagnis annehmen, alles zu verlieren, jede satte Selbstgewissheit, die uns dazu verleitete, uns nicht mehr zu entwickeln.

Eine Lehre, die uns also zur Liebe führen will, ohne das Abgründige und Gefahrenvolle, das Verlustreiche echter Begegnung auszusprechen, ist wenigstens betulicher Unsinn, wenn nicht sogar irreführende Lüge. Deswegen schätze ich die seltsam anachronistisch wirkende Aufforderung Jesu in der Bibel: „Liebe Deine Feinde“, denn das Wort „Feind“, das wir, durchtränkt von political correctness, heute reflexhaft ablehnen, weist uns doch darauf hin, dass wir für die Liebe ein Territorium der Fremdheit betreten müssen, den kleinen oder großen Schrecken des Anderen und Andersartigen, in dem wir uns zunächst mal oder auch niemals (wieder)finden.

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Manche Fragen werden niemals beantwortet. Manche Zerwürfnisse niemals geklärt. Manch ein Geschehnis wird niemals verstanden. Manches Begonnene niemals vollendet, und manch ein jähes Ende niemals getröstet. Das Leben ist ozeanisch, manch eine Welle reiten wir, eine andere reisst uns hinab und wir treiben atemlos wieder zur Oberfläche.

Begriffen wir doch, dass das Leben bedeutet, zahllose Fäden aufzugreifen und wieder fallen zu lassen, und selten, höchst selten mit einem verstehbaren, annehmbaren Beginn und Ende beschenkt zu sein. Wir suchen rastlos Heilung, und verstehen darunter das Vollenden des Begonnenen, das Heilen des Zerbrochenen, das Verstehen des Chaotischen und das Halten einer Ordnung, in der sich jedes Geschehnis artig in einen erkennbar sinnvollen Kontext reiht. Deswegen aber ist unsere Suche rastlos, weil diese Heilung keine ist. Diese Suche trägt alle Zeichen eines Bedürfnisses nach Kontrolle, Kontrolle aber ist tiefe, tiefe Angst.

Heilung würde am ehesten wohl bedeuten, das Fragmentarische anzunehmen, das Flüchtige, das Unvollendete, das Ungeklärte und Unrettbare, das Endliche und das Unkontrollierbare, als Ausdruck des Lebens selbst, und das schliesst ein, dass wir auch uns selbst als Ausdruck dieses Lebens begreifen. Du bist das Ungeklärte für einen Menschen, das Unvollendete, Du bist das Unverstehbare für eine Person und für eine andere das Unkontrollierbare, Du bist für wenigstens einen Menschen der Fels, an dem seine Hoffnungen zerschellen oder sein Glauben an die Ordnung der Dinge. Wir müssen dies begreifen. Es ist nicht möglich, Ozean zu sein, ohne selbst als Welle Wirklichkeiten in den Abgrund zu reissen, die jemandem unabdingbar schienen.

Sich diesen Einsichten zu stellen erfordert großen Mut. Es ist ein ganz anderer Mut als der, den es scheinbar kostet, Dinge eigenmächtig gestalten zu wollen. Es ist der Mut der nicht daran zerbricht, dass wir höchst verantwortlich und schöpferisch sind, und gleichzeitig ausagierende Kräfte einer unbezähmten Wildheit, die jedem Vulkanausbruch, jedem Sturm, ja jeder Sternengeburt zugrunde liegt.

meer

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Manchmal haben wir uns schon so sehr an das ewige Einerlei gewöhnt, an den Grauschleier der Immergleichen, des Überdrusses und der Langeweile, dass wir die Dinge gar nicht mehr sehen, und auch die Menschen nicht, mit ihren zu bunten Farben geronnenen Lebensgeschichten. Und wir hören nicht mehr hin, denn in unseren Ohren rauscht nur noch das eigene Wissen und das schmerzliche Wissenwollen, das wir so gerne betäuben mit unseren Jajadaskennichschons. Und wir beklagen die Gräue der Dinge, die nichts anderes ist als unser Schmerz, der vor lauter Ausweglosigkeit in alle unsere Sinne geflossen ist, und wir beklagen dass die Menschen mit wattierten Stimmen sprechen, so als hätten sie das Nichtgehörtwerden schon widerstandslos verinnerlicht.

Manchmal passiert es dann, obwohl wir es nicht verdienen, obwohl wir es nicht erwirken, und obwohl wir es schon gar nicht anziehen durch eine Haltung, dass ein Mensch uns begegnet, der solche Schönheit trägt, dass er durch unsere Gräue hindurchgeht wie ein Sonnenstrahl durch Schnee, wie eine Flamme durch totes Laub, und mit einem mal gehen wir in die Knie vor Erschütterung und wir brechen auf wie tönerne Krüge, randvoll mit Dunkelheit. Und die Dunkelheit entweicht uns wie Schwärme schwarzer Vögel, und Raum wird frei, dass wir endlich wieder atmen können, wieder sehen, wieder hören, wie aus bösen Träumen erwacht.

In diesen Momenten trifft uns das Wesen Gottes, die Barmherzigkeit, die auch dann bereit ist uns unseren selbstverschuldeten Alpträumen zu entreissen, wenn wir es nicht verdienen. Diese Barmherzigkeit holt uns heim wie den verlorenen Sohn, und sie erlaubt sich auf mannigfaltige Weisen in unser Leben einzubrechen, oftmals durch das Erscheinen eines Menschen, der nicht weniger für uns ist als der Engel der Verkündigung für Maria gewesen sein muss – die Verheissung nicht endenden Lebens in Fülle.

Bild: Stoimen Stoilov

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Alles beginnt mit einem ersten Schritt.
Mit einem Entschluss, der vielleicht noch knirscht wie brüchiges Glas. Mit einer Entscheidung, die womöglich niemandem passt, wie ein neues Kleid für das niemand Maß nahm. Mit einer leisen Frage nach dem Geschmack der Zeit, und danach, ob die Dinge denn richtig getan sind, nur weil wir sie immer schon so taten. Mit einem kleinen Schaudern, weil die Dinge uns schrecken, die anders werden wollen. Mit einer Müdigkeit, die uns hielt, und die wir ablegen wie die Schlange eine alte Haut, und oft, so oft, betrachten wir sie voller Verwunderung, weil wir uns nicht mehr erkennen.
Alles beginnt mit einem ersten Schritt.
Mit einer Sehnsucht, das nie Gedachte zu denken, das nie Gesagte zu sagen, und unsere Lippen sind blass vor Aufregung, und die neuen Worte fühlen sich darauf an wie junge Vögel, die das Nest verlassen, halb fallend, halb fliegend, doch berauscht von der nahenden Freiheit. Mit einem scheuen Blick, weil wir nicht wissen, wer noch mit uns sein wird, wenn wir nicht mehr dieselben sind. Mit einem Klang wie unerwarteter Schnee. Mit einer Freude, die noch einsam ist, aber die schon die Verheißung von Gemeinschaft trägt. Mit einem Beten, das ehrlicher ist als unser erster Kuss.
Alles beginnt mit einem ersten Schritt.
Er mag so klein sein wie ein Staubkorn, so flüchtig wie ein Hauch, so unsichtbar für die Welt die voller erster Schritte ist. Und doch liegt derselbe Funke darin, an dem das ganze Universum sich entzündete.

klein

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