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Archive for the ‘Betrachtungen’ Category

Manche Fragen werden niemals beantwortet. Manche Zerwürfnisse niemals geklärt. Manch ein Geschehnis wird niemals verstanden. Manches Begonnene niemals vollendet, und manch ein jähes Ende niemals getröstet. Das Leben ist ozeanisch, manch eine Welle reiten wir, eine andere reisst uns hinab und wir treiben atemlos wieder zur Oberfläche.

Begriffen wir doch, dass das Leben bedeutet, zahllose Fäden aufzugreifen und wieder fallen zu lassen, und selten, höchst selten mit einem verstehbaren, annehmbaren Beginn und Ende beschenkt zu sein. Wir suchen rastlos Heilung, und verstehen darunter das Vollenden des Begonnenen, das Heilen des Zerbrochenen, das Verstehen des Chaotischen und das Halten einer Ordnung, in der sich jedes Geschehnis artig in einen erkennbar sinnvollen Kontext reiht. Deswegen aber ist unsere Suche rastlos, weil diese Heilung keine ist. Diese Suche trägt alle Zeichen eines Bedürfnisses nach Kontrolle, Kontrolle aber ist tiefe, tiefe Angst.

Heilung würde am ehesten wohl bedeuten, das Fragmentarische anzunehmen, das Flüchtige, das Unvollendete, das Ungeklärte und Unrettbare, das Endliche und das Unkontrollierbare, als Ausdruck des Lebens selbst, und das schliesst ein, dass wir auch uns selbst als Ausdruck dieses Lebens begreifen. Du bist das Ungeklärte für einen Menschen, das Unvollendete, Du bist das Unverstehbare für eine Person und für eine andere das Unkontrollierbare, Du bist für wenigstens einen Menschen der Fels, an dem seine Hoffnungen zerschellen oder sein Glauben an die Ordnung der Dinge. Wir müssen dies begreifen. Es ist nicht möglich, Ozean zu sein, ohne selbst als Welle Wirklichkeiten in den Abgrund zu reissen, die jemandem unabdingbar schienen.

Sich diesen Einsichten zu stellen erfordert großen Mut. Es ist ein ganz anderer Mut als der, den es scheinbar kostet, Dinge eigenmächtig gestalten zu wollen. Es ist der Mut der nicht daran zerbricht, dass wir höchst verantwortlich und schöpferisch sind, und gleichzeitig ausagierende Kräfte einer unbezähmten Wildheit, die jedem Vulkanausbruch, jedem Sturm, ja jeder Sternengeburt zugrunde liegt.

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Manchmal haben wir uns schon so sehr an das ewige Einerlei gewöhnt, an den Grauschleier der Immergleichen, des Überdrusses und der Langeweile, dass wir die Dinge gar nicht mehr sehen, und auch die Menschen nicht, mit ihren zu bunten Farben geronnenen Lebensgeschichten. Und wir hören nicht mehr hin, denn in unseren Ohren rauscht nur noch das eigene Wissen und das schmerzliche Wissenwollen, das wir so gerne betäuben mit unseren Jajadaskennichschons. Und wir beklagen die Gräue der Dinge, die nichts anderes ist als unser Schmerz, der vor lauter Ausweglosigkeit in alle unsere Sinne geflossen ist, und wir beklagen dass die Menschen mit wattierten Stimmen sprechen, so als hätten sie das Nichtgehörtwerden schon widerstandslos verinnerlicht.

Manchmal passiert es dann, obwohl wir es nicht verdienen, obwohl wir es nicht erwirken, und obwohl wir es schon gar nicht anziehen durch eine Haltung, dass ein Mensch uns begegnet, der solche Schönheit trägt, dass er durch unsere Gräue hindurchgeht wie ein Sonnenstrahl durch Schnee, wie eine Flamme durch totes Laub, und mit einem mal gehen wir in die Knie vor Erschütterung und wir brechen auf wie tönerne Krüge, randvoll mit Dunkelheit. Und die Dunkelheit entweicht uns wie Schwärme schwarzer Vögel, und Raum wird frei, dass wir endlich wieder atmen können, wieder sehen, wieder hören, wie aus bösen Träumen erwacht.

In diesen Momenten trifft uns das Wesen Gottes, die Barmherzigkeit, die auch dann bereit ist uns unseren selbstverschuldeten Alpträumen zu entreissen, wenn wir es nicht verdienen. Diese Barmherzigkeit holt uns heim wie den verlorenen Sohn, und sie erlaubt sich auf mannigfaltige Weisen in unser Leben einzubrechen, oftmals durch das Erscheinen eines Menschen, der nicht weniger für uns ist als der Engel der Verkündigung für Maria gewesen sein muss – die Verheissung nicht endenden Lebens in Fülle.

Bild: Stoimen Stoilov

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Alles beginnt mit einem ersten Schritt.
Mit einem Entschluss, der vielleicht noch knirscht wie brüchiges Glas. Mit einer Entscheidung, die womöglich niemandem passt, wie ein neues Kleid für das niemand Maß nahm. Mit einer leisen Frage nach dem Geschmack der Zeit, und danach, ob die Dinge denn richtig getan sind, nur weil wir sie immer schon so taten. Mit einem kleinen Schaudern, weil die Dinge uns schrecken, die anders werden wollen. Mit einer Müdigkeit, die uns hielt, und die wir ablegen wie die Schlange eine alte Haut, und oft, so oft, betrachten wir sie voller Verwunderung, weil wir uns nicht mehr erkennen.
Alles beginnt mit einem ersten Schritt.
Mit einer Sehnsucht, das nie Gedachte zu denken, das nie Gesagte zu sagen, und unsere Lippen sind blass vor Aufregung, und die neuen Worte fühlen sich darauf an wie junge Vögel, die das Nest verlassen, halb fallend, halb fliegend, doch berauscht von der nahenden Freiheit. Mit einem scheuen Blick, weil wir nicht wissen, wer noch mit uns sein wird, wenn wir nicht mehr dieselben sind. Mit einem Klang wie unerwarteter Schnee. Mit einer Freude, die noch einsam ist, aber die schon die Verheißung von Gemeinschaft trägt. Mit einem Beten, das ehrlicher ist als unser erster Kuss.
Alles beginnt mit einem ersten Schritt.
Er mag so klein sein wie ein Staubkorn, so flüchtig wie ein Hauch, so unsichtbar für die Welt die voller erster Schritte ist. Und doch liegt derselbe Funke darin, an dem das ganze Universum sich entzündete.

klein

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Ich weiss nicht, warum ich das Glück höher schätzen sollte als die Traurigkeit. Die Traurigkeit hat mich so tief in die Stille geführt, in ein Hören das Anteil nimmt an den Leben derer, die viele Tränen zu weinen haben. Sie hat mich weich gemacht in einer Welt der Härte.

Ich weiss nicht, warum ich die Sanftmut höher schätzen sollte als den Zorn. Der Zorn hat mich so oft daran erinnert, dass in manchen Dingen ein notwendiger Aufschrei klingt. Dass es Wirklichkeiten gibt, die sich niemals bessern, wenn wir uns nicht empören, wenn wir der zum Schweigen gebrachten Menschlichkeit keine Stimme geben. Der Zorn hat zu mir gesprochen wie ein Mahner, wie ein Seher, wenn Viele die Blindheit wählen.

Ich weiss nicht, warum ich den Moment höher schätzen sollte als das Gestern oder das Morgen. Meine geduldigste Lehrerin war die Vergangenheit, meine, und die derer, die mich ins Herz trafen. Das Morgen aber grüßt mich als ungeschriebener Vers, und ich muss das Beste in meiner Seele finden, einem Perlenfischer gleich, damit dieser Vers Vielen wohlgefällig sei.

Ich weiss nicht, warum ich die Gesundheit höher schätzen sollte als die Krankheit. Vieles, was ich in gesunden Tagen vergaß, wurde mir bewusst, als ich Schmerzen trug. Als ich nicht mehr teilnehmen konnte an Leben, das mir selbstverständlich geworden war. Die Krankheit sprach zu mir als Endlichkeit, und ich lernte ihr zuzuhören mit reifendem Herzen.

Ich weiss nicht, warum ich die Geburt höher schätzen sollte als den Tod. Beide sind nur Momente, in denen Gott mir eine Tür öffnet. Und Er weiss besser als ich, wann diese Tür geöffnet werden muss, und welche Gärten dahinter liegen.

Es liegt kein Gift in diesen Dingen. Nur ein Gift ist in uns, und das ist das Festhalten an dem was wir haben, und an dem was wir haben wollen. Ihm verdankt sich unser ganzes Unglück.

Das Gebet aber ist wie ein Aderlass, es lässt das Gift aus uns heraus. Wenn die ganze Seele betet, sinkt unser Willen in den Seinen, und das Leben darf endlich wogen wie die See.

Bild: Jules Joseph Meynier, „Christ asleep in his boat“

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Was wissen wir schon von den Kämpfen unseres Nächsten. Von all den ungesagten Worten, den dunklen Erinnerungen, dem Scheitern, das niemand beweint. Was wissen wir schon von seinen Triumphen, den stillen, wenn seine Zuversicht über den Trümmern des Gestern leuchtet, und wenn er sich ein zärtliches Herz bewahrt, für den Anderen, für den Bruder noch, der keine Brüderlichkeit aufbringt. Was wissen wir schon von seinen stummen Gebeten, von der Kapelle seines Lebenshungers, in der ein Licht brennt das dem unseren nicht gleicht. Dann erst sind wir Mensch, wenn wir begreifen, wie heilig dieser Andere ist, dieser Fremde, dieser Geliebte, dieser gesegnete Ort, an dem Gott erscheint, auf eine Weise die einzigartig ist.

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In einer Welt der Superlative, in einer Zeit, in der auch populäre spirituelle Konzepte uns mit dem Größer-Weiter-Besser gelockt und in eine fragwürdige Geschäftigkeit geführt haben, gibt es etwas, das befreit, klärt und zentriert: die Andacht zum Kleinen. Wenn wir unsere Andacht zum Kleinsten wenden – und wer könnte dies meisterlicher lehren als die Natur – erleben wir, wie unser inneres Schauen sich weitet, und unsere Lebensmitte – nennen wir sie Herz – in einer natürlichen Bewegung mehr und mehr die Welt umarmt, und gleichermaßen als das eine Selbst begreift, aus dem alles Leben hervorgeht.

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Die Menschen, die mich am tiefsten berührt und bewegt haben, das waren nicht diejenigen, die von Erwachen sprachen, nicht diejenigen, die einen Gott predigen, nicht die, die mir erklären wollen, wie mein Leben in Ordnung kommt. Es waren nicht die, die den Anspruch hatten, mich zu heilen, oder solche die glaubten es besser zu wissen. Es waren nicht die, die auf alles eine Antwort haben und auch nicht die, die jede schmerzliche Situation überlegen anzulächeln trachteten. Es waren keine Menschen, die behaupteten, frei von Ego oder Verstrickung zu sein, weder solche, die Stimmen hörten, noch solche, die erhebende Erscheinungen hatten. Es waren nicht die ewig jungen, dynamischen, erfolgreichen menschlichen Schlachtschiffe, die in einsamem Triumph durch das Meer des Lebens fahren, noch waren es Menschen, deren Hände hart sind von der Gewohnheit, alles im Griff zu haben.

Die Menschen, die mich am tiefsten berührt und bewegt haben, das waren diejenigen, die still taten, was viele tun, doch ohne sich zu brüsten oder zu klagen. Das waren diejenigen, die mir zuhörten, wenn es darauf ankam. Die das Gute in mir sahen, das ich selbst längst vergessen hatte. Die gut zu mir waren, auch wenn ich es nicht verdient hatte. Das waren diejenigen, die fragten, anstatt zu meinen, und wissen wollten, anstatt zu urteilen. Das waren diejenigen, die sich zeigten, auch auf die Gefahr hin, ausgeliefert zu sein. Die sich hingaben, auch auf die Gefahr hin, nicht gehalten zu sein. Das waren die, die bereit waren, mit mir in die Finsternis zu gehen, anstatt mich ins Licht zu zerren. Das waren die, die von ihrem Scheitern sprachen, ohne das rasende Schwert der Beschönigung zu schwingen. Die, die ohne Zurückhaltung litten und lachten. Jene, die auf ihren Grund gesunken waren, von dem mich uferlose Bläue grüßte, so wehmütig leise in einer tosenden Welt. Die stillen Heiligen, an die wir uns oft erst erinnern, lange nachdem sie aus unserem Leben verschwunden sind.

Wessen Stimme vertraust Du? Welcher Hand vertraust Du Dein Leben an? Dort, wo wir Antworten suchen, sind wir so leicht zu blenden, leicht zu trösten und zu verführen. Es ist an der Zeit, neu hinzuhören, neu hinzusehen, und zu bejahen, dass der Schleier der Täuschung fallen will. Randvoll sind wir mit Kontakten, doch arm an Begegnung. Randvoll mit Vernetzung, doch arm an Gemeinschaft. Randvoll mit Erklärungen, doch arm an Gewissheit. Vertagt ist alle Weisheit, die uns von Karma, Erlösung, Auflösung erzählt. Ein tiefer Wunsch wird wach und wacher, den Menschen wirklich zu sehen, und wirklich gesehen zu sein – hineinzuwachsen in das Leben, das wir uns eben noch erklären lassen wollten, in den Moment, den wir gerade noch missachteten, auf der Suche nach dem Sinn dahinter.

Rilke sagte es in so tiefem Wissen, im Stunden-Buch:

„Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drüben
Nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn
Und dienend sich am Irdischen zu üben
Um seinen Händen nicht mehr neu zu sein.“

Und wo sonst liegen unsere Hände, wenn nicht in der Seinen:

„Laß Dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muß nur gehen: Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.
Du wirst es erkennen an seinem Ernste.
Gib mir die Hand.“

weekend

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