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Archive for the ‘Betrachtungen’ Category

Was wissen wir schon von den Kämpfen unseres Nächsten. Von all den ungesagten Worten, den dunklen Erinnerungen, dem Scheitern, das niemand beweint. Was wissen wir schon von seinen Triumphen, den stillen, wenn seine Zuversicht über den Trümmern des Gestern leuchtet, und wenn er sich ein zärtliches Herz bewahrt, für den Anderen, für den Bruder noch, der keine Brüderlichkeit aufbringt. Was wissen wir schon von seinen stummen Gebeten, von der Kapelle seines Lebenshungers, in der ein Licht brennt das dem unseren nicht gleicht. Dann erst sind wir Mensch, wenn wir begreifen, wie heilig dieser Andere ist, dieser Fremde, dieser Geliebte, dieser gesegnete Ort, an dem Gott erscheint, auf eine Weise die einzigartig ist.

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In einer Welt der Superlative, in einer Zeit, in der auch populäre spirituelle Konzepte uns mit dem Größer-Weiter-Besser gelockt und in eine fragwürdige Geschäftigkeit geführt haben, gibt es etwas, das befreit, klärt und zentriert: die Andacht zum Kleinen. Wenn wir unsere Andacht zum Kleinsten wenden – und wer könnte dies meisterlicher lehren als die Natur – erleben wir, wie unser inneres Schauen sich weitet, und unsere Lebensmitte – nennen wir sie Herz – in einer natürlichen Bewegung mehr und mehr die Welt umarmt, und gleichermaßen als das eine Selbst begreift, aus dem alles Leben hervorgeht.

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Die Menschen, die mich am tiefsten berührt und bewegt haben, das waren nicht diejenigen, die von Erwachen sprachen, nicht diejenigen, die einen Gott predigen, nicht die, die mir erklären wollen, wie mein Leben in Ordnung kommt. Es waren nicht die, die den Anspruch hatten, mich zu heilen, oder solche die glaubten es besser zu wissen. Es waren nicht die, die auf alles eine Antwort haben und auch nicht die, die jede schmerzliche Situation überlegen anzulächeln trachteten. Es waren keine Menschen, die behaupteten, frei von Ego oder Verstrickung zu sein, weder solche, die Stimmen hörten, noch solche, die erhebende Erscheinungen hatten. Es waren nicht die ewig jungen, dynamischen, erfolgreichen menschlichen Schlachtschiffe, die in einsamem Triumph durch das Meer des Lebens fahren, noch waren es Menschen, deren Hände hart sind von der Gewohnheit, alles im Griff zu haben.

Die Menschen, die mich am tiefsten berührt und bewegt haben, das waren diejenigen, die still taten, was viele tun, doch ohne sich zu brüsten oder zu klagen. Das waren diejenigen, die mir zuhörten, wenn es darauf ankam. Die das Gute in mir sahen, das ich selbst längst vergessen hatte. Die gut zu mir waren, auch wenn ich es nicht verdient hatte. Das waren diejenigen, die fragten, anstatt zu meinen, und wissen wollten, anstatt zu urteilen. Das waren diejenigen, die sich zeigten, auch auf die Gefahr hin, ausgeliefert zu sein. Die sich hingaben, auch auf die Gefahr hin, nicht gehalten zu sein. Das waren die, die bereit waren, mit mir in die Finsternis zu gehen, anstatt mich ins Licht zu zerren. Das waren die, die von ihrem Scheitern sprachen, ohne das rasende Schwert der Beschönigung zu schwingen. Die, die ohne Zurückhaltung litten und lachten. Jene, die auf ihren Grund gesunken waren, von dem mich uferlose Bläue grüßte, so wehmütig leise in einer tosenden Welt. Die stillen Heiligen, an die wir uns oft erst erinnern, lange nachdem sie aus unserem Leben verschwunden sind.

Wessen Stimme vertraust Du? Welcher Hand vertraust Du Dein Leben an? Dort, wo wir Antworten suchen, sind wir so leicht zu blenden, leicht zu trösten und zu verführen. Es ist an der Zeit, neu hinzuhören, neu hinzusehen, und zu bejahen, dass der Schleier der Täuschung fallen will. Randvoll sind wir mit Kontakten, doch arm an Begegnung. Randvoll mit Vernetzung, doch arm an Gemeinschaft. Randvoll mit Erklärungen, doch arm an Gewissheit. Vertagt ist alle Weisheit, die uns von Karma, Erlösung, Auflösung erzählt. Ein tiefer Wunsch wird wach und wacher, den Menschen wirklich zu sehen, und wirklich gesehen zu sein – hineinzuwachsen in das Leben, das wir uns eben noch erklären lassen wollten, in den Moment, den wir gerade noch missachteten, auf der Suche nach dem Sinn dahinter.

Rilke sagte es in so tiefem Wissen, im Stunden-Buch:

“Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drüben
Nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn
Und dienend sich am Irdischen zu üben
Um seinen Händen nicht mehr neu zu sein.”

Und wo sonst liegen unsere Hände, wenn nicht in der Seinen:

“Laß Dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muß nur gehen: Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.
Du wirst es erkennen an seinem Ernste.
Gib mir die Hand.”

weekend

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Wie oft wollen wir frei sein, und wähnen uns frei, wenn wir frei von Krankheit sind, frei von Not, frei von Tränen, frei von der Bedürftigkeit, Erkenntnis, Wärme, Halt und Schönheit aus der Begegnung mit dem Anderen erlangen zu müssen. Freiheit aber ist nicht Freiheit vom Schmerzlichen, nicht Freiheit vom Stachel der Vergänglichkeit und des Todes, nicht Freiheit vom Werden am Du, das nicht Makel ist sondern Würde.

Freiheit ist Freiheit zum Schöpferischen, zum Ja dazu, die Welt mitzugestalten. Freiheit ist Erkenntnis der eigenen Kleinheit und Erfahrung der eigenen Grenzenlosigkeit. Freiheit ist Lust an der Begegnung, am blutvollen Geben und Nehmen, am Werden, Wachsen und Reifen, an der Schöpfung, am Herzen des Anderen, am Grunde des Kelches der Not ebenso wie auf den Gipfeln der Freude. Freiheit ist Atmen der Ewigkeit inmitten aller vergänglichen Erscheinungen, ist eine Umarmung des Chaotischen, aus dem immerzu neue Schöpfungen hervorgehen.

Freiheit zum Menschsein ist etwas ganz anderes als Freisein von etwas. Allenfalls bemerken wir in der freiheitlichen Bejahung des Lebens mit all seinen Facetten, dass Dinge von uns abfallen, die uns hinderten, auch die Sucht, immer nur uns selbst verpflichtet zu sein. Die Dinge loswerden zu wollen jedoch, die uns hindern, die uns verwunden, ärgern, krank machen oder belasten, hat uns noch nie frei gemacht, sondern unserem Gefängnis nur weitere Schlösser hinzugefügt.

Alle Dinge des Lebens enthalten eine Einladung an uns, unsere Freiheit zu umarmen, und mit ihr unsere gestalterische Kraft, unseren Willen, unsere Erkenntnisfähigkeit und unsere Verantwortung. Wir sind Narren, wenn wir denken, diese Freiheit machte uns zu Göttern, denen es zustehe, sich zu nehmen was ihnen beliebt. Denn dieser Freiheit wohnt solche Zärtlichkeit inne, solche natürliche Demut, solche mitfühlende Aufmerksamkeit, dass sie nichts anderes wollen kann, als Segen, als Frieden, als Seligkeit für alle.

vogi

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Was kann der Mensch anderes wünschen, als ins Leben zu finden. Überall da jedoch, wo wir unerbittlich Widersprüche auflösen wollen, innere Kämpfe leugnen, dort wo wir aufhören zu zweifeln und zu fragen, dort wo wir aufhören an der Welt wie sie ist, zu leiden, finden wir nicht ins Leben, finden wir nur in das Verlies unserer Angst, die uns bewahren will vor dem was sticht, doch auch vor der Wahrheit darunter.

Zwischen der erfahrbaren Vollkommenheit der Schöpfung und ihren Wunden liegt eine Spannung. Zwischen der Bestimmung, die wir so oft erahnen, und dem freien Willen, den wir so oft nicht zu nutzen wissen, liegt eine Spannung. Zwischen der Reue, die wir über unser Versagen empfinden und der Kraft, die wir aus dem Willen zur Wiedergutmachung schöpfen, liegt eine Spannung. Zwischen der Hingabe noch, die alles gibt, und die doch ein Alleslassen ist. Zwischen dem Willen zur Veränderung, und der Gewissheit, dass in allem etwas Unveränderliches wohnt. Zwischen der Klage und dem Dank. Dem Ewigen und der Brüchigkeit der Erscheinungen.

Und ins Leben zu finden, das kann nicht bedeuten, diese Spannung zu leugnen, sie auflösen zu wollen oder sie zu fürchten. Ins Leben zu finden, und dies ist zugleich Spirituell-Sein, bedeutet, diese Spannung zunächst auszuhalten und dann auszutragen. Als Frage, die Antwort sucht, und als Antwort, die neue Fragen hervorbringt. Als Verstehen in Gedanken, Herz und Hand, das sich in unseren Begegnungen ereignet. Und der Schmerz wird so ein anderer, weil er nicht länger der Schmerz der Versagung ist. Und die Liebe wird so eine andere, weil sie endlich eine Liebe zum Du ist.

lieblichistes

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Spiritualität kann und darf nicht eine Strategie sein, dort hinzugelangen, wo nur Glück und Frieden und Fülle sind, während die materielle Welt, während die Kreatur krankt. Sie ist keine Strategie der Bewältigung, der Distanzierung oder Immunisierung gegen Leid. Spiritualität kann als Weg nur dorthin führen, wo Leid, Unfrieden und innere wie äußere Armut gegenwärtig sind, und rufen wie ein hungriges Kind die Mutter ruft, und wehklagen wie ein Trauernder den Tod beklagt. Spiritualität ist nichts anderes als Liebe, die zur Tat gerinnen muss, weil sie gar nicht anders kann. Dort, wo wir uns zurückziehen auf eine Insel des Friedens, des Glücks, der Fülle, der Distanziertheit zu allem was in tiefer Not ist, sind wir nicht spirituell erwacht, sondern zynische Narren geworden, zutiefst entfremdet vom Mitgefühl, das die Abgründigkeit menschlichen Lebens niemals flieht, sondern ihr mutig, demütig und mit nicht endender Geduld begegnet.

spiri

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Das Problem ist nicht, dass wir heute weniger mystische Erfahrungen, Gotteserfahrungen, Einheitserfahrungen erleben als die Menschen früherer Zeiten. Wenn wir aufmerksam zuhören, dämmert uns, dass sehr viele Menschen diese Erfahrungen machen. Das Problem ist, was unser Alltagsbewusstsein, unsere Kleinlichkeit, daraus macht. Unser Egoismus, unser Narzissmus, reisst diese Erfahrungen gerne an sich, um sie für etwas anderes zu instrumentalisieren. Wir geniessen das Gefühl, anderen überlegen zu sein.

Wir geniessen das Gefälle, das wir zwischen dem Anderen und uns vermuten. Wir kauen genüsslich auf dem Gefühl herum, dem Anderen Lehrer sein zu können, Guru vielleicht, Heiler oder Priester, Erwachter unter Schlafenden. Kurzum: unser kleines Ich instrumentalisiert dieses Wunder, dieses uferlose Große allzu gern, um daraus etwas vermeintlich Nützliches zu quetschen. Was dem Ego nützt, dient aber noch lange nicht dem Menschen.

Die Kleinlichkeiten sind menschlich, da muss man nicht lamentieren, aber man muss schon den Mut und die Ehrlichkeit aufbringen, diesen menschlichen Regungen ins Gesicht zu blicken. Wir müssen unsere Erfahrungen der Unendlichkeit einfach wieder mutig all der Selbstsucht entkleiden, die sich – bemerkt oder unbemerkt – eingeschlichen hat. Dann erkennen wir uns selbst wieder besser. Dann erkennen und anerkennen wir auch endlich den Anderen, den wir gar nicht mehr gesehen haben, und auch gar nicht sehen wollten, weil uns das Bild von ihm viel lieber war als er selbst.

Es ist keine wahnsinnige Abstraktionsleistung, die da von uns verlangt wird, keine riesige Transformationsarbeit, kein unerreichbares Mysterium. Es reicht schon, wenn wir uns einfach mal in Stille hinsetzen, uns vergegenwärtigen, wie diese Momente waren, in denen das namenlose Schöne in unser Leben einbrach, einsickerte, hineinschimmerte. Es reicht schon, dass wir uns dann vergegenwärtigen, dass es auch jetzt da ist, egal wie stark oder schwach wir es fühlen. Und dann, in Aufrichtigkeit, einfach zu fragen: was macht denn diese Erfahrung mit mir. Was macht sie aus mir.

Binnen Sekunden ist es dann da, dieses Wissen, dieser Geschmack, diese Gegenwart der Erkenntnis, dass die mystische Erfahrung uns nicht grösser, besser, toller, überlegener macht. Sie macht uns nackter, verwundbarer, kleiner – weil all des Ballasts des Irgendwieseinwollens entkleidet – und sie schafft eine Nähe zwischen uns und dem Anderen, weil wir erleben, wie ähnlich, wie verbunden wir einander sind. Unsere Größe, die wir darin erfahren, ist keine Größe der Person, des Besitzes oder der Errungenschaft. Diese Größe ist die Größe eines Beschenktseins. Und dieses Beschenktsein kann nur zutiefst demütig machen.

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