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Archive for the ‘Betrachtungen’ Category

Manchmal, wenn wir durch Schicht um Schicht unserer Weltanschauungen gestürzt und gesunken sind, durch unseren Glauben, unsere spirituellen Lehren, unsere Konzepte, schlagen wir auf dem Grund der Erkenntnis auf, dass es ein Verstehen gibt, das nicht an Worten reifen kann, nicht an der Anschauung derer, die verwirklicht scheinen, und erst recht nicht an dem Wunsch, erklärend Angst zu zähmen.

Dieses Verstehen gibt es nur um den Preis unserer ganzen Existenz, unseres Seins ebenso wie unseres Handelns, und dieses schließt eine Freiheit ein, die so bodenlos ist, dass wir wiederum stürzen und fallen, noch aus der Beruhigung einer individuellen Bestimmung, der wir bloß Folge zu leisten hätten.

Und fallend dämmert es uns, wie ein Morgen nach endloser Nacht, dass wir selbst lebend Verstehen werden. Dieses Verstehen ist die Liebe selbst, von der wir annahmen, wir müssten sie erst finden, bevor wir uns die Fähigkeit erwürben, wahrhaftig Mensch zu sein.

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Das Sein und das Werden sind die zwei Gesichter des Lebens. In Stille, im Gebet, in Meditation werden wir uns unseres Seins bewusst, unserer Essenz, unserer Weite jenseits von Biographie. Ungebrochen ist dies Sein, unbeschadet und unveränderlich, und mehr müssen wir über dies Sein nicht sagen, als: es ist.

Im Tun sind wir stets bewegt und bewegend, wir sind Schöpfer, wir erschaffen und streben und aus allem was wir schaffen, erwachsen neues Streben und neue Schöpfungen. Wir bauen Häuser, schreiben Bücher, berechnen Formeln, entwerfen Utopien. Wir zeugen Kinder. Und: wir machen Fehler. Dieses Tun ist Ausdruck ständiger Verwandlung, niemals endender Entwicklung, und mehr müssen wir über dies Tun nicht sagen, als: es ist ein Werden.

Viele alte spirituelle Traditionen neigten dazu, das Tun zu verwerfen, es zu dämonisieren oder zu stigmatisieren, als Verliebtheit in die Welt, als Verkennung des wahren Seins, als Verstrickung in das Illusorische. Buddhismus, Hinduismus, Christentum, sie alle haben ihre Zeiten und Strömungen gehabt, in denen sie vor der Gefahr der Welt und ihrer Geschäftigkeit warnten. Und diesem Gedanken verdanken sich die zahllosen Asketen, erwachten Dauermeditierer und weltfremden bis weltfeindlichen Hüter des reinen Seins, bis hin zu vielen Vorurteilen, die wir noch heute schwerlich loswerden.

Eine zeitgenössische und zeitgemäße Spiritualität muss etwas anderes verkünden als die Seligkeit des Seins und die Gefahr des Tuns. Sie muss und darf diese beiden Gesichter der Wirklichkeit einen und sie als Ausdruck der allem Geschaffenen innewohnenden Weisheit betrachten. Als evolutionären Plan, in sich vollkommen und gut.

Das Sein und Werden gleichen dem Ein- und Ausatmen des Menschen. In Stille erfahren und verkosten wir unser Sein, das keiner Veränderung bedarf, weil es in sich vollkommen ist. Im Tun erfahren wir unser Werden, das ein niemals endender Schöpfungsakt ist.

Sich auf das Sein und Werden einzulassen, bedeutet, sich in der Seligkeit des reinen Seins nicht der Welt zu verweigern, die unserer Schöpfungen und unserer Gestaltungskraft bedarf. Es bedeutet auch, sich durch die schöpferische Teilnahme am weltlichen Geschehen nicht auf eine Art zu zerstreuen, die uns das stille unbewegte Sein an unserem Seelengrund vergessen lässt. Wir atmen ein, wir atmen aus. Wir sind. Wir werden.

Für manch einen ist es erstaunlich, aber auch das Kreuz erzählt uns von diesem zweigesichtigen Mysterium des Lebens. In der Horizontalen und Vertikalen des christlichen Kreuzes ist das vereint, was zunächst widersprüchlich scheint: das unverändliche Sein Gottes in uns und in allem Erschaffenen, und das unendliche Werden des Kosmos. Dort, wo sich die Balken vereinen, ist Christus.

Manchmal, wenn ich die Welt nicht mehr verstehe, bete ich: Christus, erzähle mir vom Sein. Christus, erzähle mir vom Werden. Es ist ein Gebet, das die Tür ins Mysterium öffnet. Jeden Tag ein wenig mehr.

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Es gibt in der spirituellen Landschaft Lehrer, die behaupten, dass alles was der Seele wirklich entspreche, alles was Deine Gaben hervorbringt und Deinen göttlichen Glanz, leicht sei. Das Falsche erkenne man daran, dass es mühselig sei und schmerzhaft.

Es gibt in der spirituellen Landschaft Lehrer, die behaupten, dass alles was der Seele wirklich entspreche, alles was Deine Gaben hervorbringt und Deinen göttlichen Glanz, schwer sei. Das Falsche erkenne man daran, dass es leicht sei und Dir nichts abverlange.

Das, was wir schlechthin „Ego“ nennen, sitzt auch in jenen Behauptungen nicht untätig herum. Es rühmt sich der Leichtigkeit, und kaschiert damit seine Bequemlichkeit. Es rühmt sich der heldenhaft erlittenen Schmerzen, und kaschiert damit seinen verlorenen Glauben an den Fluss des Lebens. Das „Ego“ kann sich jeder Angelegenheit bemächtigen, und sich ebenso an glücksbesoffener Leichtigkeit satt essen wie an selbstmitleidiger Schmerzversessenheit.

Wenn wir also sagen: „Es ist leicht“, dann müssen wir uns zuallererst fragen, wer in uns das eigentlich behauptet. Ist es der Mensch, der nicht gerne übt, nicht gerne an sich arbeitet, ungeduldig ist und vielleicht sogar oberflächlich? Dem es darauf ankommt, über den Mühseligkeiten der Menschheit zu levitieren und von dort unbetroffen herabzulächeln? Oder ist es das Gewahrsein in uns, das unsagbar leicht ist, weil es sicht nicht erschaffen muss, sondern stets ist?

Und wenn wir also sagen: „Es ist schwer“, dann müssen wir uns zuallererst fragen, wer in uns das eigentlich behauptet. Ist es der Mensch, der gerne leidet, der gerne annimmt, dass jeder Andere es leichter habe als er, dass einem nichts Gutes geschenkt wird, wenn man sich dafür nicht abmüht? Dem es darauf ankommt, als kampferprobter Veteran aus den Schlachten des Lebens hervorzugehen? Oder ist es das uferlose Mitgefühl ins uns, das um das vielfache Sterben weiss, das der Mensch täglich durchschreitet?

Und wenn wir nicht sicher sind, so helfen uns vielleicht diese Fragen:

Was wäre schlimm daran, wenn es leicht wäre – Geschenk, Gnade, Überfluss, ausgegossen in uns, ohne dass wir jemals etwas dafür hätten tun müssen?

Was wäre schlimm daran, wenn es schwer wäre – Errungenschaft, Frucht beseelter Arbeit, Antwort auf eine Frage, für die wir alles tun, alles geben, ja sogar alles verlieren müssen?

Und was, wenn es beides wäre. Wenn es beides ist, immer schon?

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Es ist nichts schlimmes daran, jemanden zu brauchen. Unter Spirituellen gibt es ja oft so einen Wahn, man sei in seiner Bedürftigkeit eine gescheiterte Existenz, und in seiner Bezogenheit ein irregeleitetes Wesen. Wir Menschen lernen voneinander, und Begegnungen waren schon immer fruchtbarer als kluge Selbstgespräche, in denen wir uns vorbeten was wir längst wissen.

Es ist allerdings auch nichts schlimmes daran, zu betrachten, wann man braucht. Was man braucht. Zu hinterfragen, ob man braucht. Und festzustellen, dass eine Begegnung eine ganz neue Qualität bekommt, wenn man nicht mehr versucht, aus einem Anderen herauszuquetschen, was einem selbst im Augenblick fehlt.

Es ist heilsam und schön, festzustellen, dass wir den Anderen um seiner selbst willen lieben dürfen und können, und nicht weil er die Untröstlichkeiten beruhigt, die in uns wüten.

Es gibt ein Brauchen, das kein Aufbrauchen ist, kein Verbrauchen und kein Missbrauchen. Eine natürliche Zugewandtheit zum Anderen, die der dialogischen Natur unserer selbst entspricht.

Es gibt ein Wissen in uns, das sagt: sieh, alles was Du Dir von diesem Menschen wünschst, ist in Dir. Und Du musst es nicht von ihm fordern. Du kannst es aber mit ihm feiern.

Das ist bodenlos beängstigend für uns. Als Empfangende wie als Gebende. Denn oft fürchten wir, wenn wir den Anderen nicht mehr brauchen, dann müssten wir von ihm fortgehen. Deswegen hängen wir an Sätzen wie „Durch Dich bin ich vollständig“. Und oft fürchten wir, wenn der Andere uns nicht mehr brauchte, würde er uns verlassen. Deswegen machen wir uns unentbehrlich, anstatt dem Anderen zu helfen, seine innere Freiheit zu entdecken.

Mit einem Menschen gemeinsam, sei es in einer Familie, einer Freundschaft oder einer Partnerschaft, zu erkunden, wo Gefühle des Brauchens nur getarnte Ängste sind, und diese gemeinsam zu befreien, ist ein Segen. Dann finden wir uns selbst und einander auf neue Weise. Das ist nicht in fünf Minuten erledigt. Und niemand sagt, dass man erst eine Beziehung wagen sollte, wenn man frei von Bedürftigkeiten ist. Das ist ein lebenslanger Prozess, und mit einem Menschen gelingt es uns besser als mit einem anderen.

Auf diesem Weg beginnen wir, freier und reiner und froher zu lieben. Auf diesem Weg beginnen wir, uns selbst und den Anderen zu erkennen.

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Es gibt diese Erzählung von zwei Mönchen, die ihre Vorstellung vom Paradies hatten und einander versprachen, derjenige der zuerst sterbe, werde dem Hinterbliebenen davon erzählen, wie es dort drüben sei. Sie versprachen einander, nur ein Wort zu sagen, nämlich „aliter“, was bedeutet „Es ist anders, als wir es uns vorstellten“, oder „taliter“, „Es ist so, wie wir es uns vorstellten“. Als nun der eine Mönch starb, erschien er seinem Bruder im Traum, doch nicht wie versprochen mit einem dieser Worte, sondern mit den Worten „Totaliter aliter“, was bedeutet: „Es ist vollkommen anders, als wir es uns vorgestellt haben“.

Für mich sind diese zwei Worte wie ein kraftvolles Mantra. Wann immer ich feststelle, dass ich mich in festen Vorstellungen über einen Menschen, über die Welt, über die Sinnhaftigkeit des Lebens oder gar das Wesen Gottes befinde, sagt es in mir wie von selbst: „Totaliter aliter“.

Denn nur wenn wir uns eingestehen, einen Menschen nicht zu kennen, können wir ihm noch begegnen. Und nur wenn wir die Ahnung von der Unvorstellbarkeit des Lebens hereinlassen, können wir uns der Welt noch fragend, sehnend und atmend zuwenden. Und nur wenn wir bereit sind, noch jede tröstliche Vorstellung von Gott loszulassen, öffnen wir uns dem, den wir nicht kennen, dem, der da kommt. Dem, den wir erfahren, jenseits von Wissen und Erwartung.

„Totaliter aliter“ ist ein Gebet des Loslassens, ein Mantra des Nichtwissens, eine Einlassung in die Größe der Liebe, die alle unsere Vorstellung zum Schweigen bringt, all unsere Grenzen sprengt und all unsere Gewissheiten unendlich übersteigt.

Und wenn ich nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu wissen und nichts mehr zu hoffen hätte, wären es diese beiden Worte, auf denen ich reisen wollte, und ich wüsste, dass es eine gute Reise ist.

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Es gibt Menschen, die bringen unsere Liebe hervor, von der wir nicht einmal wussten. Es gibt Menschen, die bringen unsere alten Wunden hervor, von denen wir dachten sie seien längst geschlossen. Es gibt Begegnungen, die unser ganzes Leben verändern, und oft merken wir es erst lange nachdem sie verklungen sind. Grund genug, einmal zu betrachten, was die Menschen in Deinem Umfeld in Dir auslösen, und was ihre An- oder Abwesenheit in Deinem Leben bedeutet. Grund genug auch, DANKE zu sagen. Tiefe Begegnungen, so lieblich oder schmerzvoll sie sind, sind ein Geschenk.

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Vielleicht hast Du es auch schon erlebt, dass Dir Menschen erzählen, warum sie meditieren. Dann sagen sie, weil es ihnen Entspannung ermögliche, weil es ein Ausgleich zum stressigen Job sei, weil sie sich davon Gesundheit versprechen, weil sie glücklich sein oder auf dem Meditationskissen einen Ort jenseits ihrer Probleme finden wollen. Im Grunde sagen all diese Dinge aber nichts über das „warum“, sondern allenfalls über ein „wozu“. Und damit verraten wir schon wieder unsere westliche Denke, in der alles und jeder auf seinen Nutzen hin ausgewrungen wird, auf unseren ganz weltlichen, eigenen Nutzen und Vorteil hin, um den wir uns nicht bringen lassen, auch (oder sollte ich sagen: „gerade“) nicht in spirituellen Fragen.

Was wäre aber, wenn wir uns die Freiheit nähmen, auf den Nutzen zu pfeifen?
Meditation ist für mich, wie alle anderen Formen des Gebets, kein Tun oder Sein, das einem Nutzen unterworfen wäre. Manchmal scherze ich dann, Meditation gehöre schlicht und ergreifend zur artgerechten Haltung des Menschen. Denn ebenso wie der Körper sich bewegt, der Verstand denkt, der Emotionalkörper fühlt, ebenso meditiert eben, in einem prozesshaften Akt der Selbsterkenntnis, der Geist. Wenn wir ihn lassen.

Wem das zu wenig ist, der wird auf dem Meditationskissen sicher noch das ein oder andere mal sein blaues Wunder erleben. Denn auf einem aufrichtig beschrittenen spirituellen Weg geht es unseren eigennützigen Wünschen an den Kragen. Davon erzählt uns Buddha, der mit geschlossenen Augen nach innen blickt und lächelt, weil seine nach aussen dringenden Vorstellungen und Wünsche ihn nicht länger versklaven. Und davon erzählt uns auch Jesus, der im Ölgarten schwitzt und blutet und sagt „Nicht mein Wille geschehe, sondern Deiner“.

Das soll nicht heissen, dass das irdischen Wünschen, Denken, Urteilen und Wollen dem Willen Gottes zwangsläufig sündhaft zuwiderlaufen. Lange genug haben uns das die Religionen glauben machen, in einer niemals endenden Geschichte der Schuld und Sühne, des unwürdigen Körpers und der würdigen Seele, der nichtigen Welt und der glorreichen Ewigkeit. Viel eher heisst es wohl, dass der Meditierende, der Betende, der Gott um die Erfüllung Seines Willens Bittende, die in ihm waltenden Instanzen mitsamt ihrem Eigennutz und ihren Grenzen erkennen kann. Und dann kann er den entscheidenden Schritt gehen: diese Instanzen zu Dienern umformen zu lassen, anstatt sich länger ihrer Herrschaft zu unterwerfen.

„Nicht mein Wille geschehe, sondern Deiner.“ Dieser Satz ist übrigens eine schöne Einleitung für eine Meditation. Wer es wagt, das auszusprechen, das nicht bloss mit den Lippen, sondern dem Herzen zu sagen, begibt sich in eine Meditation, die eine ganze Lebensspanne umfassen und durchdringen wird.

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