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Archive for the ‘Christus’ Category

Manchmal müssen wir blind werden
für die Fehler des Anderen,
für die schwarze Tinte auf den Schuldscheinen,
die nicht abgetragenen Hügel der Verfehlungen gegen uns.
Einen Moment lang in die Haut des Gütigen schlüpfen,
und blicken aus Augen ohne Anklage.
Einen Moment lang Geschichten mit Milde bereisen
ohne die Suche nach dem fehlenden Wort.

Manchmal müssen wir blind werden
für unsere schmerzlichen Versäumnisse,
für die Wunden die wir schlugen mit rasender Klinge,
die Ohnmacht, mit der wir ein Unrecht besiegelten.
Einen Moment lang in die Haut des Liebenden schlüpfen,
und blicken aus Augen ohne Zweifel.
Einen Moment lang umarmen was wir waren und werden
ohne das dunkle Gewicht der Erwartung.

„Siehst Du etwas?“ fragt Jesus den Blinden
mit seinen Händen auf geschlossenen Lidern.
Und der Blinde sagt, ich sehe Menschen wie Bäume
die gehen auf der Erde umher.
Ein neues Sehen ist Segen und Heilung
es achtet das Werden zwischen Wurzel und Krone,
es schneidet den Stamm nicht mit unnachgiebigem Urteil.

Vielleicht wird die Schönheit des Menschen
allein im Blick der Vergebung befreit.

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Die heilige Woche beginnt. „Frohe Ostern“ rufen schon viele, und das ist mehr als eine Unachtsamkeit gegenüber dem Kirchenjahr mit seiner Festordnung – es zeugt viel mehr von unserer Furcht vor dem Schmerzlichen und unserem Wunsch, schon in festlicher Freude angekommen zu sein. Denn die Karwoche erzählt eine quälende Geschichte von Leid und Sterben, von Unausweichlichkeit und Verlust – und wenn wir diese Geschichte auch als Skizze eines persönlichen, innerseelischen spirituellen Prozesses begreifen, dann schwant uns, dass auch wir vieles sterben lassen müssen um ein neues Leben zu finden.

Als Papst Franziskus gestern dazu aufforderte, Jesus nicht nur auf Gemälden anzusehen, sondern sein Gesicht in all den Leidenden denen wir begegnen zu finden, dachte ich, diese Mahnung hat auch in der freien spirituellen Szene Gültigkeit. Denn wie sehr wird dort ein Bogen um den Leidenden gemacht. Wie sehr wird dort der starke, erfolgreiche, gesunde, junge Mensch verehrt, und wie sehr wird dort Leid als Folge fehlerhafter Gedanken, Verhaltensmuster und Interpretationen stigmatisiert. Westliche Spiritualität ist längst so grundlegend instrumentalisiert, dass sie zu einer Selbstimmunisierung gegen Leid schlechthin dient – auch und vor allem gegen das Leid des Anderen, an dem wir oftmals nicht unbeteiligt sind.

Was das verehrte Jesusgemälde an der Wand und das Idealbild des erwachten postmodernen Spirituellen gemein haben, ist, dass sie nicht viel mit dem Alltag zu tun haben. Dass sie unseren Wunsch bedienen, unversehrt und heil zu sein. Dass wir sie dazu benutzen, uns gedanklich und real aus einem leidvollen Kontext herauszuheben.

Jesu Worte, nachdem er auf einem Esel reitend in Jerusalem empfangen wird, fahren wie ein Schwert in diese Beschaulichkeit:

„Wem sein eigenes Leben über alles geht, der verliert es. Wer aber in dieser Welt sein Leben loslässt, der wird es bewahren für das ewige Leben.“ (Joh 12,25)

Das ist keine Einladung dazu, das irdische Leben gering zu achten oder auf die Welt herabzublicken. Es ist aber eine Aufforderung dazu, das kostbare irdische Leben in einen größeren Kontext zu betten. Der große Kontext des Christentums ist Begegnung und Beziehung, ist Verbundenheit und Verbindlichkeit. Ob wir nun also Gott suchen oder ein Heilsein, gelingendes Leben oder unser wahres Glück – wir finden es nicht jenseits des Menschen, nicht jenseits des Leidenden, nicht jenseits der Tatkraft, die den Leidenden aufrichten will.

In der Wunde unserer Endlichkeit, die wir fürchten und fliehen, ist der Sog des Heiligen, des Lebens das nicht endet und der Schönheit die wir nur erahnen. Sich in diesen Sog zu ergeben, kann das Schwerste und Unerträglichste sein – das erlebt auch Jesus im Ölgarten.

Vielleicht können wir die Karwoche zum Anlass nehmen, dieses Wagnis einzugehen: Gott unser Glück denken zu lassen. Abzulassen von der Unerbittlichkeit, mit der wir Unversehrtheit einfordern. Vorstellungen loszulassen, unter denen längst eine aufrichtigere Sehnsucht atmet.
Den Sog wahrzunehmen.

Ich wünsche Euch eine gesegnete Karwoche.

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Vom 29.1. bis zum 6.4. dauert die drei feministische Gottesdienste umfassende thematische Reihe „Vergebung“ in der evangelischen Stadtkirche St. Petri, Dortmund. Am 26.2.2017 durfte ich als Gastpredigern einige Betrachtungen zur Aufforderung Jesu, grenzenlos zu vergeben, beitragen:

Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal – Zwischen grenzenloser Vergebungsbereitschaft und dem Unverzeihlichen„.

Diese Predigt ist nun auf Youtube nachzuhören.

Was erscheint, wenn wir uns von Vergebungspraxis als ethischem Anspruch lösen? Was eröffnet sich, wenn wir auch unser Nichtvergebenkönnen anerkennen? Worauf verweist Jesu Aufforderung zu unendlicher Vergebungsbereitschaft?

Eine Spurensuche auf dem Hintergrund mystischer Erfahrung.

(Als PDF Download befindet sich die Predigt auf meiner Website)

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Was, wenn uns Gott nicht nur als Heilung begegnet, sondern als Krankheit? Nicht nur als Frieden, sondern als Zerwürfnis? Am 30.10 hatte ich die Freude, in der Stadtkirche St. Petri Dortmund eine Gastpredigt zum Thema Angst zu halten. Biblischer Gegenstand dieser mystischen Auslegung war die Geschichte der Sturmstillung (Mk 4,35-41). Die komplette Predigt „Leben inmitten des Sturms: Radikale Verletzbarkeit als Quelle der Gotteserfahrung“ ist nun auf Youtube nachzuhören. Viel Freude damit.

Stillung des Sturms

Am Abend jenes Tages sagte Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: »Lasst
uns ans andere Ufer fahren!« Sie schickten die Menge nach Hause, stiegen
in das Boot, in dem Jesus bereits war, und fuhren mit ihm ab. Einige andere
Boote begleiteten sie. Plötzlich brach ein heftiger Sturm los; die Wellen
schlugen ins Boot, und es begann sich mit Wasser zu füllen. Jesus aber
schlief im hinteren Teil des Bootes auf einem Kissen. Sie weckten ihn und
schrien: »Meister, macht es dir nichts aus, dass wir umkommen?« Jesus
stand auf, wies den Wind in seine Schranken und befahl dem See: »Schweig!
Sei still!« Da legte sich der Wind, und es trat eine große Stille ein.
»Warum habt ihr solche Angst?«, fragte Jesus sie. »Habt ihr noch kein
Vertrauen?« Da gerieten sie in große Furcht, und sie sagten zueinander:
»Wer ist nur dieser Mann, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?

(Markusevangelium 4,35-41, NGÜ)

 

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Wir alle brauchen Vergebung, denn wir alle vergehen uns. Wir vergehen uns an der Freiheit des Anderen, an der Würde des Anderen, an dem Recht auf Entfaltung unseres Nächsten, der Leben ebenso verkosten will wie wir. Wir sprechen viele achtlose Worte. Wir tun Dinge, derer wir uns am nächsten Tag schon schämen. Öfter noch unterlassen wir das Nötige, das Not-Wendige, das dem Leben dienende, und schliessen die Augen vor dem Leiden des Mitmenschen. Wir denken dunkle Gedanken, in denen sich unser Gesicht viel mehr offenbart als das Gesicht der Welt oder das des Menschen, über den wir mutmaßen.

Das Christentum ist randvoll mit der Betrachtung des Schuldigwerdens, randvoll auch mit einem Aufschrei um Vergebung, und niemand geringeres rufen wir an, als die Gottheit selbst, weil wir ahnen, dass nur die reine, unkorrumpierte Liebe ausreichend sei, unsere Fehlbarkeit zu umarmen.

Aber was ist Vergebung, wenn sie nicht im Menschen Gestalt annimmt? Was ist eine Bitte um Verzeihung, wenn wir ihr nicht den Weg freimachen in die Mitte unseres Herzens, und uns ihr ergeben mit dem Willen, dem Anderen Freiheit zu schenken? Wie wird Vergebung lebendig, wenn wir es nicht sind, die einander vergeben? Wenn wir es Gott überlassen, unsere Ketten zu lösen?

„Liebt einander“, das enthält eine tiefe, folgenreiche Aufforderung zur Vergebung. Vergebung enthält ein Moment tiefer Selbsterkenntnis, denn erst der Mensch der sich als fehlbar und gefallen begreift, vermag nicht länger mit marmorner Härte von der Verfehlung des Anderen zu sprechen.
Vergebung enthält auch ein Moment tiefer Erkenntnis über die strebende, wachsende, reifende Natur des Lebens. Alles Lebendige reift am Scheitern. Am Fehler. Am Irrtum. Und es ist eine unschätzbare Lebenskunst, das Scheitern, den Fehler und den Irrtum nicht als Makel zu erdulden, sondern als Lebensatem zu begreifen. Als Weg der Reifung zu betreten.
Und letztlich enthält Vergebung auch einen Sog der Begegnung. Denn Vergebung ist nur in Zwiesprache zu erlangen, und nur in Zwiesprache zu gewähren. Wer vergibt, wer Vergebung erlangt, begreift, dass das Trennende überwindbar ist. Dass es ein Ungetrenntes gibt, das alle dunklen Wunden zu schließen vermag. Etwas, das heil ist und heil war, die ganze Zeit.

Und doch gibt es Dinge, die nur schwer zu verzeihen sind. Für manch einen Menschen, der schwer verwundet wurde, reicht eine Lebensspanne nicht aus, um Vergebung gewähren zu können. Auch das müssen wir aushalten, annehmen, und einander darin Gefährten sein. Wir können lernen, das Unverzeihliche das den Anderen plagt, mitzutragen. Raum zu sein, in dem das Schmerzliche das keine Heilung findet, atmen darf. Wir verkennen oft, wie wichtig dieses Miteinandertragen ist, und wie sehr auch dieses Tun Wege zu Vergebung öffnet. Jemand, der mit seiner Bitterkeit allein ist, wird alle Tage bitter sein. Jemand, der mit seinen Tränen allein ist, wird aller Tage untröstlich sein. Wir sind es, die einander Gefährten sein müssen, und dann werden wir staunen, darüber wie wir angesichts tiefer Begegnung und Gemeinschaft, angesichts heilsamen Miteinanders, neuen Frieden und neue Güte erlangen, die fruchtbarer Boden für Vergebung als Lebenshaltung werden.

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Ich liebe den aus dem 9. Jh. stammenden Hymnus „Veni creator spiritus“, „Komm Heiliger Geist“ aus vielerlei Gründen sehr. Besonders angetan hat es mir seit jeher die Zeile „Accende lumen sensibus“. Diese wurde vielfach – unpräzise – übersetzt, etwa von Luther, bei dem es „Zünd an ein Licht uns im Verstand“ heisst, oder bei Heinrich Bone, der vom „Lichtes Schein in uns“ spricht. Von Verstand ist aber gar nicht die Rede, und auch nicht von einem diffusen Lichterschein in uns, sondern es heisst korrekt: „Entzünde ein Licht in unseren Sinnen“.

Was für ein grossartiges Gebet! Es zeugt vom tiefen Wissen, dass Erleuchtung nichts ist, was jenseits der Person, jenseits der Biographie, in einem namenlosen, unnennbaren Raum stattfindet, sondern etwas, was alle Sinne des Menschen erfasst und durchdringt. Was für eine Würdigung des Leibes, der menschlichen Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit!

Der Heilige Geist erleuchtet das Sehen, das Hören, das Schmecken, das Riechen, das Tasten. Wir erlangen ein anderes Sehen, wenn wir vom Geist durchdrungen sind, ein anderes Hören, wir berühren die Dinge auf andere Weise. Deswegen folgt der Zeile auch das „infunde amorem cordibus“, das „Gieß Liebe in unsere Herzen“, denn diese auf neue Weise erleuchteten Sinne werden Diener eines liebenden Herzens. Die Richtung und Reihenfolge aber ist interessant! Das Herz wird von Liebe entflammt, nachdem durch die Sinne Gotteserfahrung geschehen ist.

Viele wissen es nicht, aber auch Goethe hat den Hymnus übersetzt. Bei ihm heißt es sehr richtig „Den Sinnen zünde Lichter an“ – und an dieser Stelle möchte ich herzlich dazu einladen, Goethes Version einmal aufmerksam zu lesen, denn sie trennt sich bewusst von einem streng christlichen Deutungshorizont und öffnet sich für west-östliches Verständnis.

Eine wunderschöne Übung, um dem Tag eine sinnvolle und lebendige Ausrichtung zu geben, ist es, schon am Morgen seine Sinne, sein Herz und Denken dem Heiligen Geist darzubringen. Ich habe dazu einmal dieses Gebet geschrieben:

Rûah, Atem Gottes, ströme in meine Augen,
dass sie sehen, wie Deine Liebe die Welten webt.

Rûah, Atem Gottes, ströme in meine Ohren,
dass sie hören, wie Dein Name in allen Erscheinungen erklingt.

Rûah, Atem Gottes, ströme in meinen Gaumen,
dass er schmeckt wie mütterlich Du Deine Kinder nährst.

Rûah, Atem Gottes, ströme in meine Nase,
dass sie den Duft der Erde atme mit freudiger Dankbarkeit.

Rûah, Atem Gottes, ströme in meine Hände,
dass ihre Berührung Liebe sei.

Rûah, Atem Gottes, ströme in mein Herz,
dass es eine Kapelle der Andacht sei.

Rûah, Atem Gottes, ströme in mein Denken,
dass es Dich suche mit aufrichtigem Streben.

Rûah, Atem Gottes, ströme in mein Beten,
dass es ein Feuer der Verwandlung sei.

Amen

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Eines der Jesusworte am Kreuz ist das “Es ist vollbracht!” Allzu gern hat die Christenheit dieses Wort zum Schlusspunkt des Erlösungswerkes angenommen, über die Jahrhunderte zutiefst verhaftet im Konzept von Schuld und Sühnetod. Und auch heute möchten sich viele noch darauf ausruhen, denn das Erlösungswerk sei ja getan, vor 2000 Jahren gewissenhaft erledigt von einem, der ganz Mensch und ganz Gott war.

Wäre es so, würde das Evangelium nach diesen Worten enden. Wir würden das Buch zuklappen und unser Leben in den ausgebreiteten Armen des Gekreuzigten geborgen und vollendet wissen. Aber die Heilige Schrift endet nicht an diesem Punkt. Sie zwingt uns, über den Tod des Erlösers hinaus eine Reise anzutreten.

Eine wichtige Etappe dieser Reise ist der Garten, in dem Maria von Magdala den Auferstandenen erblickt. Und entgegen der Worte „Es ist vollbracht“ spricht der auferstandene Jesus von dem, was noch vollbracht werden muss. Er sagt: „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen.“

Und dann geschieht Himmelfahrt und wenn man mal in die Haut der Jünger schlüpft oder in die der sehnsüchtigen Maria von Magdala, dann bedeutet Himmelfahrt vor allem eines: wir werden uns selbst überlassen.

„Halte mich nicht fest“ und die Stille nachdem der Messias die materielle Welt verlassen hat, zeichnen ein erschütterndes Bild der gefühlten Abwesenheit Gottes. Nachdem Gott hinabgestiegen ist und dem Menschen gleich wurde, ruft er nun die Menschen hinauf, ihm gleich zu werden. Und das ist eine radikale Aufforderung zur Mündigkeit, und ein kompromissloses Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen, alte Welt- und Gottesbilder zu transzendieren. Fortan ist der Mensch gerufen, zum Vater zu gehen, wie es der Gesalbte zuvor tat: Durch den Aufstieg zum Berg Tabor und den Abstieg von eben diesem Berg zurück in die Welt. Durch die Angst im Ölgarten. Durch das Kreuz, das Sterben und die Auferstehung.

Nimmt man das Gebot des Nichtfesthaltens und die Himmelfahrt Jesu als Richtungsweiser im Gebets- und Glaubensleben, als Wahrheit für die eigene spirituelle Praxis, so darf man sich aufgefordert fühlen, Gottesbilder loszulassen und sich in die Wolke des Nichtwissens zu begeben. Die Vorstellungen von Messias, Heiland, Freund, Erlöser, Prophet, Lehrer, Guru als das zu erkennen, was sie sind. Es bedeutet, noch das Wollen loszulassen, das unaufhörlich nach Identifikation, Tröstung, festen Weltbildern und Gewissheiten strebt, das allzu oft Gott herabzerrt um ihn über all die nicht zu bewältigenden Traurigkeiten zu gießen und über den nicht endenden Hunger, die Stein gewordenen Gewohnheiten und die Verweigerung von Tiefe. Über unsere uferlose Angst vor dem Sterben.

Himmelfahrt bedeutet für uns Bejahung der Ungewissheit. Bejahung der Spannung zwischen Sein und Werden. Bereitschaft, dem unbekannten Gott zu begegnen, der uns umformt nach seinem Bild.
Das Kind, das den Vater liebt, wird erwachsen.

Frohes Fest!

Bild: © Kim Young Gil

kim

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