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Archive for the ‘Mystik’ Category

Manchmal müssen wir blind werden
für die Fehler des Anderen,
für die schwarze Tinte auf den Schuldscheinen,
die nicht abgetragenen Hügel der Verfehlungen gegen uns.
Einen Moment lang in die Haut des Gütigen schlüpfen,
und blicken aus Augen ohne Anklage.
Einen Moment lang Geschichten mit Milde bereisen
ohne die Suche nach dem fehlenden Wort.

Manchmal müssen wir blind werden
für unsere schmerzlichen Versäumnisse,
für die Wunden die wir schlugen mit rasender Klinge,
die Ohnmacht, mit der wir ein Unrecht besiegelten.
Einen Moment lang in die Haut des Liebenden schlüpfen,
und blicken aus Augen ohne Zweifel.
Einen Moment lang umarmen was wir waren und werden
ohne das dunkle Gewicht der Erwartung.

„Siehst Du etwas?“ fragt Jesus den Blinden
mit seinen Händen auf geschlossenen Lidern.
Und der Blinde sagt, ich sehe Menschen wie Bäume
die gehen auf der Erde umher.
Ein neues Sehen ist Segen und Heilung
es achtet das Werden zwischen Wurzel und Krone,
es schneidet den Stamm nicht mit unnachgiebigem Urteil.

Vielleicht wird die Schönheit des Menschen
allein im Blick der Vergebung befreit.

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Vom 29.1. bis zum 6.4. dauert die drei feministische Gottesdienste umfassende thematische Reihe „Vergebung“ in der evangelischen Stadtkirche St. Petri, Dortmund. Am 26.2.2017 durfte ich als Gastpredigern einige Betrachtungen zur Aufforderung Jesu, grenzenlos zu vergeben, beitragen:

Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal – Zwischen grenzenloser Vergebungsbereitschaft und dem Unverzeihlichen„.

Diese Predigt ist nun auf Youtube nachzuhören.

Was erscheint, wenn wir uns von Vergebungspraxis als ethischem Anspruch lösen? Was eröffnet sich, wenn wir auch unser Nichtvergebenkönnen anerkennen? Worauf verweist Jesu Aufforderung zu unendlicher Vergebungsbereitschaft?

Eine Spurensuche auf dem Hintergrund mystischer Erfahrung.

(Als PDF Download befindet sich die Predigt auf meiner Website)

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Was, wenn uns Gott nicht nur als Heilung begegnet, sondern als Krankheit? Nicht nur als Frieden, sondern als Zerwürfnis? Am 30.10 hatte ich die Freude, in der Stadtkirche St. Petri Dortmund eine Gastpredigt zum Thema Angst zu halten. Biblischer Gegenstand dieser mystischen Auslegung war die Geschichte der Sturmstillung (Mk 4,35-41). Die komplette Predigt „Leben inmitten des Sturms: Radikale Verletzbarkeit als Quelle der Gotteserfahrung“ ist nun auf Youtube nachzuhören. Viel Freude damit.

Stillung des Sturms

Am Abend jenes Tages sagte Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: »Lasst
uns ans andere Ufer fahren!« Sie schickten die Menge nach Hause, stiegen
in das Boot, in dem Jesus bereits war, und fuhren mit ihm ab. Einige andere
Boote begleiteten sie. Plötzlich brach ein heftiger Sturm los; die Wellen
schlugen ins Boot, und es begann sich mit Wasser zu füllen. Jesus aber
schlief im hinteren Teil des Bootes auf einem Kissen. Sie weckten ihn und
schrien: »Meister, macht es dir nichts aus, dass wir umkommen?« Jesus
stand auf, wies den Wind in seine Schranken und befahl dem See: »Schweig!
Sei still!« Da legte sich der Wind, und es trat eine große Stille ein.
»Warum habt ihr solche Angst?«, fragte Jesus sie. »Habt ihr noch kein
Vertrauen?« Da gerieten sie in große Furcht, und sie sagten zueinander:
»Wer ist nur dieser Mann, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?

(Markusevangelium 4,35-41, NGÜ)

 

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Es gibt eine schmerzliche und zugleich gnadenvolle Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, die wir nicht im Versiegen, Abbrechen oder Entsagen erleben, nicht inmitten von Sorge, Trennung, Krankheit oder Tod – dort also, wo uns die Unerträglichkeit des Unvollendeten, des nicht gelingenden oder des jäh Fortsterbenden wie eine unheilvolle Klinge zerteilt – sondern im Angesicht ehrfurchtgebietender Schönheit und Anmut, dort wo Entzücken und Seligkeit uns so haltlos aus den Augen perlen, weil wir erstmalig schmecken, was das Wort „Leben“ überhaupt bedeuten könnte, lernten wir, Ergebenheit zu einem fortwährenden Gebet unseres Herzens heranreifen zu lassen.

Solcher Art ist diese Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, dass sie uns direkt und unverhohlen aus der verschwenderischen Schönheit des Augenblicks grüßt, aus dem Kuss der Geliebten, der Treue verheißt, aus dem Duft der Blüte, die ein stilles Amen auf das weit gereiste Licht der Sonne singt. Wie ein klagendes, jauchzendes Duett tönt in uns dann die Ewigkeit, die sich des Eingegossenseins in endliche Gestalten erinnert, und die Endlichkeit, die sich daran erinnert, Gefäß des Ewigen zu sein. Unter diesem Gesang sind wir Verwundete – und wir gleichen dem Jünger Thomas, da wir wie er, erst nachdem unsere Hände in die Wunde getaucht sind, das Wunder der Ewigkeit, das nicht ohne den blutberänderten Riss, nicht ohne das Sterben auskommt, bejahen und vertrauensvoll umarmen.

Wir wären Narren, nähmen wir die Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit zum Anlass, zu verzagen. Und Narren wären wir, nähmen wir jene Verwundung zum Anlass, unser Glück auf den letzten Ruf in die Ewigkeit zu vertagen. Jene Verwundung inmitten beseelter Schönheit hat die Macht, uns zu läutern und zu klären, und unsere Hände, die vielleicht bisher nur als grobe Enden unserer Ungeschicklichkeit hölzern in die Welt ragten, zu tatkräftigen, redlichen, irdenen Werkzeugen umzuformen, unter deren trauerlosem Fleiß eine neue Welt sich zu erkennen gibt. Oh, der Schönheit ist genug in unsere alte vernarbte Welt gegossen, doch unsere Werkzeughände liegen noch in ungeöffneten Truhen unter Schichten von Staub.

Dies ist die Gnade der Verwundung, dass sie uns zu gestaltenden Schöpfern umformt, deren Maß der Liebe ein Tun ist, ein menschenmögliches im kostbarsten Sinne, nicht um der Liebe die vollkommen ist, ein Jota hinzuzufügen, sondern um eine jede Stunde als Sakrament zu begreifen, in der die Liebe sich in den Menschen verwandelt, in den Menschen der ich bin, in den Menschen der Du bist, mit all unseren äschern gewordenen Worten und unseren Händen aus Treibholz auf einem Meer der Verzweiflung.

Die Liebe weiß nichts weiter, als Du zu werden, das ist wohl ihre Torheit, doch eine die wir begreifen, wenn erst die Schönheit uns bestürmt und einnimmt, ohne Rücksicht auf unser Beharren, dass alle Dinge bedeutungslos seien oder bitter wie Wermut.

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Geliebter,
Du bist das Weiss der Wolken,
das Schwarz der Rinde
und das Rot des Mohn, das in den Wiesen brennt.
Du bist der Silberglanz des Regens,
das Gold des Morgens
und der Duft des Frühlings, der die Liebenden ruft.
Ruhelos kreisen die Vögel
über den Meeren meines Herzens
mit sehnendem Ruf:
Maranatha, komm.
Komm, der Du mir näher bist als meine Haut,
tröste die Welt mit meinen Händen,
liebkose die Welt mit meinen Augen,
segne die Welt mit meinen Worten.
Lass mich Dir Herberge sein.
Geliebter,
Du bist die Dämmerung,
die Tag und Nacht versöhnt.
Verwandle auch mich in einen Raum
der Versöhnung.
Amen

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Es gibt eine namenlose Schönheit der Dinge, die sich dem Menschen erst dann offenbart, wenn er bereitwillig in eine Zugewandtheit tritt, die das Andere um seiner selbst willen zu achten beginnt. Wie eine geduldige Geliebte wartet die Schönheit der Dinge auf diesen kostbaren Moment, in dem die Seele nicht länger der Verstrickung ins Gestrige erliegt. Dieser Moment ist wie ein läuterndes Feuer, doch ohne Qual. Nicht länger will das Auge dann sehen was ihm wohlgefällig ist, nicht länger will das Ohr hören was ihm schmeichelt, nicht länger will der Gaumen schmecken was ihn tröstet, nicht länger will die Nase riechen, was sie betört, und nicht länger will die Hand berühren um zu besitzen. Die Sinne sind nicht länger angekettete Tiere, dem Willen ihres Herren unterworfen – sie werden Atemzüge des Geistes, der sich selbst verströmt.

Diese Zugewandtheit zu erlangen ist dem Menschen möglich, der auf schmerzlichen Übungswegen Erkenntnis über die Natur seiner Bedürfnisse erlangt, doch ist sie auch jedem Narren gegeben, den Gottes Gnade bedingungslos beschenkt – niemand ist also von solch befreiender Schau ausgenommen, wie niemand ausgenommen ist vom Wesen der Schönheit, die im Grunde eine unbeschadete, grenzenlose und immerwährende Gutheit ist. Die Gutheit der Dinge inmitten des Schreckens zu schauen, ist eine Ungeheuerlichkeit, an der viele Menschen ihren Verstand zu verlieren imstande sind, und doch ahnt jeder Mensch darum, der im lodernden zerstörerischen Feuer die Schönheit der Sonne wiedererkennt, der im Kranken des Körpers die Vollkommenheit des menschlichen Organismus erkennt, und der im Klagen um einen Verstorbenen die Zeit überdauernde Liebe erkennt.

Zugewandtheit ist der Pfad zur Schönheit, und diese kann sich sowohl an der Geliebten entfalten, die wir unter Sternenlicht küssen, als auch an dem Kranken, den wir pflegen, dem Vogel, dessen Lied wir lauschen oder dem Grashalm den wir um Verzeihung bitten, weil wir ihn zertraten. Diese Zugewandtheit ist wohl eine Selbstvergessenheit, doch trägt diese Vergessenheit keine Makel der Verdrängung, Verstrickung oder Flucht – dies Vergessen gleicht dem Schließen der Augen, wie wir es kennen von unzähligen Stunden des Betens, Lauschens, Liebens und Schlafens. Die Stimme eines neuen Menschen in uns spricht, und alles horcht und gehorcht ihr: Nun da ich schaute, kann ich die Augen schließen.

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Ich liebe den aus dem 9. Jh. stammenden Hymnus „Veni creator spiritus“, „Komm Heiliger Geist“ aus vielerlei Gründen sehr. Besonders angetan hat es mir seit jeher die Zeile „Accende lumen sensibus“. Diese wurde vielfach – unpräzise – übersetzt, etwa von Luther, bei dem es „Zünd an ein Licht uns im Verstand“ heisst, oder bei Heinrich Bone, der vom „Lichtes Schein in uns“ spricht. Von Verstand ist aber gar nicht die Rede, und auch nicht von einem diffusen Lichterschein in uns, sondern es heisst korrekt: „Entzünde ein Licht in unseren Sinnen“.

Was für ein grossartiges Gebet! Es zeugt vom tiefen Wissen, dass Erleuchtung nichts ist, was jenseits der Person, jenseits der Biographie, in einem namenlosen, unnennbaren Raum stattfindet, sondern etwas, was alle Sinne des Menschen erfasst und durchdringt. Was für eine Würdigung des Leibes, der menschlichen Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit!

Der Heilige Geist erleuchtet das Sehen, das Hören, das Schmecken, das Riechen, das Tasten. Wir erlangen ein anderes Sehen, wenn wir vom Geist durchdrungen sind, ein anderes Hören, wir berühren die Dinge auf andere Weise. Deswegen folgt der Zeile auch das „infunde amorem cordibus“, das „Gieß Liebe in unsere Herzen“, denn diese auf neue Weise erleuchteten Sinne werden Diener eines liebenden Herzens. Die Richtung und Reihenfolge aber ist interessant! Das Herz wird von Liebe entflammt, nachdem durch die Sinne Gotteserfahrung geschehen ist.

Viele wissen es nicht, aber auch Goethe hat den Hymnus übersetzt. Bei ihm heißt es sehr richtig „Den Sinnen zünde Lichter an“ – und an dieser Stelle möchte ich herzlich dazu einladen, Goethes Version einmal aufmerksam zu lesen, denn sie trennt sich bewusst von einem streng christlichen Deutungshorizont und öffnet sich für west-östliches Verständnis.

Eine wunderschöne Übung, um dem Tag eine sinnvolle und lebendige Ausrichtung zu geben, ist es, schon am Morgen seine Sinne, sein Herz und Denken dem Heiligen Geist darzubringen. Ich habe dazu einmal dieses Gebet geschrieben:

Rûah, Atem Gottes, ströme in meine Augen,
dass sie sehen, wie Deine Liebe die Welten webt.

Rûah, Atem Gottes, ströme in meine Ohren,
dass sie hören, wie Dein Name in allen Erscheinungen erklingt.

Rûah, Atem Gottes, ströme in meinen Gaumen,
dass er schmeckt wie mütterlich Du Deine Kinder nährst.

Rûah, Atem Gottes, ströme in meine Nase,
dass sie den Duft der Erde atme mit freudiger Dankbarkeit.

Rûah, Atem Gottes, ströme in meine Hände,
dass ihre Berührung Liebe sei.

Rûah, Atem Gottes, ströme in mein Herz,
dass es eine Kapelle der Andacht sei.

Rûah, Atem Gottes, ströme in mein Denken,
dass es Dich suche mit aufrichtigem Streben.

Rûah, Atem Gottes, ströme in mein Beten,
dass es ein Feuer der Verwandlung sei.

Amen

pfingsttaube2

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