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Ein tiefes Hören

Wenn Du Deinem Mitmenschen einen echten Liebesdienst erweisen willst, lass ihn ausreden. Fall ihm nicht ins Wort. Reiche ihm kein vertrautes Wort an, wenn er um die Sagbarkeit einer Erfahrung ringt. Beende seine Sätze nicht auf der Suche nach dem Ruhebett vermeintlicher Übereinstimmung. Versuche nicht vorauseilend damit zu glänzen, dass Du weißt was er zu sagen anhebt. Kränke ihn nicht mit Deiner Ungeduld. Belehre ihn nicht mit Deiner Meinung, die sich für wichtiger hält als das Hören. Unterwirf die Worte die Du hörst, nicht widerstandslos der Herrschaft Deiner eigenen Urteile, kämpfe viel eher für ihr Recht auf Freiheit. Heuchle kein Interesse. Begib Dich lieber an den stillen heiligen Ort in Dir an dem eine natürliche Zugewandtheit zum Anderen längst lebendig ist. Höre die Worte des Anderen mit Staunen.

Sei weich genug, auch die spitzen Worte anzunehmen. Sei weise genug, auch das Ungesagte wahrzunehmen, das ebenso um Dein Hören ringt. Suche die blutrote Spur tiefen Verstehens, die durch Dein Herz wie durch Dein Denken führt, durch Dein Wissen wie durch Dein Nichtwissen, durch Deinen Leib noch, der selbst ein Organ des Hörens ist. Erlaube Dir, mit den Worten des Anderen zu hadern, an ihnen zu leiden, Dich schneiden zu lassen von der Fremdheit darin, aber nimm dies nicht zum Anlass, im Hören nachzulassen. Spüre der Ahnung nach, dass Dein Hören bereits Zwiesprache ist. Dass Deine Erwiderung nicht halb so wichtig ist, wie diese hohle Hand, diese sehnsüchtige Schale des Lauschens.

Tiefes Hören ist ein Schöpfungsakt – ein Leben wächst in einem anderen, ein Sprechen und ein Gehörtwerden öffnen den Raum für ein Drittes. Bezähme das Leben nicht im Beharren auf dem was Du weisst und auf dem was Du hören willst. Staune über die schöpferische Kraft des Hörens die auch Dich verwandelt und die von einem Menschsein zeugt, in das hineinzureifen wir eingeladen sind.

klanggebet7

Wintergebet

Ich habe zu essen,
ich habe es warm,
die Sonne stand heute
über leuchtenden Dächern,
und der Frost begrüßte mich
am Briefkasten,
in dem ein Brief einer Freundin lag.
Meine Füße tragen mich
wohin ich gehen mag,
und meinen Ohren entgeht nicht
der heitere Gesang der Vögel am Morgen.
Es geht mir gut.

Mein Herz ist angefüllt mit Dank,
wie ein Brunnen mit reinem Wasser.
Ein Brunnen aber tränkt Viele.
Gib mir den Sinn, das Herz,
den Blick und die Bereitschaft,
dort zu sein,
wo Menschen hungrig sind,
frieren, und zu viele Sorgen haben
um sich an Rauhreif und Abendgold
zu erfreuen.

Mein Glück gehört mir nicht,
es ist ein fließendes Wasser,
so wie Du ein fließendes Wasser bist,
Du Strom des Lebens.
An Deinem Herzen
will ich zu neuer Menschlichkeit
erwachen.

Was, wenn uns Gott nicht nur als Heilung begegnet, sondern als Krankheit? Nicht nur als Frieden, sondern als Zerwürfnis? Am 30.10 hatte ich die Freude, in der Stadtkirche St. Petri Dortmund eine Gastpredigt zum Thema Angst zu halten. Biblischer Gegenstand dieser mystischen Auslegung war die Geschichte der Sturmstillung (Mk 4,35-41). Die komplette Predigt „Leben inmitten des Sturms: Radikale Verletzbarkeit als Quelle der Gotteserfahrung“ ist nun auf Youtube nachzuhören. Viel Freude damit.

Stillung des Sturms

Am Abend jenes Tages sagte Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: »Lasst
uns ans andere Ufer fahren!« Sie schickten die Menge nach Hause, stiegen
in das Boot, in dem Jesus bereits war, und fuhren mit ihm ab. Einige andere
Boote begleiteten sie. Plötzlich brach ein heftiger Sturm los; die Wellen
schlugen ins Boot, und es begann sich mit Wasser zu füllen. Jesus aber
schlief im hinteren Teil des Bootes auf einem Kissen. Sie weckten ihn und
schrien: »Meister, macht es dir nichts aus, dass wir umkommen?« Jesus
stand auf, wies den Wind in seine Schranken und befahl dem See: »Schweig!
Sei still!« Da legte sich der Wind, und es trat eine große Stille ein.
»Warum habt ihr solche Angst?«, fragte Jesus sie. »Habt ihr noch kein
Vertrauen?« Da gerieten sie in große Furcht, und sie sagten zueinander:
»Wer ist nur dieser Mann, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?

(Markusevangelium 4,35-41, NGÜ)

 

Das Andere

Alles Wachsende braucht Zeit,
alles Verwundete braucht Güte,
alles Verworrene braucht Sorgfalt
und alles Versprengte wachen Rückzug in die Mitte.
Alles Sterbende braucht Abschied,
alles Beginnende Ermutigung,
alles Starre Erschütterung,
und alles Verstrickte drängende Sehnsucht nach Freiheit.
Alles Menschliche braucht Begegnung,
alles Werden ein Du,
das neben dem Vertrauten das Andere trägt.
Das Andere, das uns fordert, in Frage stellt,
uns rührt, verunsichert und bewegt,
das uns sticht und drängt,
bis wir wagen, die zu sein
die wir nicht erwarteten
und die herbeigesehnt werden
von Vielen.

In diesem neuen Video kannst Du auszugsweise einen wichtigen Teil meiner Arbeit hören: dort greife ich auch die Tradition der Heilgesänge auf, die wir aus vielen Zeiten und Kulturen kennen. In dieser Form des betenden und singenden Zugewandtseins geht es konkret darum, wohlwollend und urteilsfrei in die Not oder die Sehnsucht des Nächsten einzutreten und dort gemeinsam oder stellvertretend im Gebet um Heilung die Stimme zu erheben. In diesem Tun anerkennen wir, dass wir von der Not des Anderen nie getrennt sind, ebenso wenig aber von dem Strom unbeschadeten Lebens, der uns aus der göttlichen Quelle immer zufliesst.

Die persönlichen Heilgesänge entstehen bei mir auf folgende Weise: Ich spreche mit Dir am Telefon über Deine Not, Deinen Herzenswunsch, Dein drängendes Thema. Ungeachtet Deiner Eigenverantwortung und Deiner vollumfänglichen Autarkie übergibst Du Deine Sorge für einen Moment der Kraft, die größer ist als Du und die größer ist als ich.

Nach unserem Telefonat widme ich einige Stunden der Stille und dem Beten für Dich. In diesem Raum entsteht spontan, intuitiv und aus der Tiefe der Verbundenheit ein Klangraum für Dich, ein meditatives Singen, das sich wie eine heilsame Berührung auf Deine Wunde legt.

Ich spiele und singe es für Dich bis es abgeklungen ist. Später forme ich die rohe Aufnahme, die für Dich in diesem Beten entstanden ist, noch aus (Mehrstimmigkeit, Klavier) und erstelle eine persönliche CD für Dich, mit der Du nun arbeiten kannst, so lange Du fühlst dass es für Dich wohltuend und heilsam ist. In einem Nachgespräch findet unsere Begegnung ihren Ausklang.

Viele Aspekte kommen in dieser Form des Besungenwerdens zum Tragen: Klärung, Tröstung, Ermutigung, Erneuerung – ein tiefer Frieden kann auf unruhige Wogen treffen oder eine notwendige Aufrüttelung auf eine alte Starre. Auch viele Tränen dürfen fließen – oftmals bemerken wir erst im zärtlichen Besungenwerden, wie lange wir an tiefer Vereinsamung litten. Der heilsame Impuls der Gesänge verweist daher immer auf das was gleichermaßen schon gegenwärtig und noch Anziehungspunkt unserer Hoffnungen ist: Verbundenheit, Wahrhaftigkeit, Lebendigkeit, Begegnung und Beziehung.

Ich freue mich auf Deine Anfrage, auf das Singen für Dich.
Giannina Wedde, www.klanggebet.de, giannina@klanggebet.de, +49 (0)30-39934477.

Es gibt eine schmerzliche und zugleich gnadenvolle Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, die wir nicht im Versiegen, Abbrechen oder Entsagen erleben, nicht inmitten von Sorge, Trennung, Krankheit oder Tod – dort also, wo uns die Unerträglichkeit des Unvollendeten, des nicht gelingenden oder des jäh Fortsterbenden wie eine unheilvolle Klinge zerteilt – sondern im Angesicht ehrfurchtgebietender Schönheit und Anmut, dort wo Entzücken und Seligkeit uns so haltlos aus den Augen perlen, weil wir erstmalig schmecken, was das Wort „Leben“ überhaupt bedeuten könnte, lernten wir, Ergebenheit zu einem fortwährenden Gebet unseres Herzens heranreifen zu lassen.

Solcher Art ist diese Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, dass sie uns direkt und unverhohlen aus der verschwenderischen Schönheit des Augenblicks grüßt, aus dem Kuss der Geliebten, der Treue verheißt, aus dem Duft der Blüte, die ein stilles Amen auf das weit gereiste Licht der Sonne singt. Wie ein klagendes, jauchzendes Duett tönt in uns dann die Ewigkeit, die sich des Eingegossenseins in endliche Gestalten erinnert, und die Endlichkeit, die sich daran erinnert, Gefäß des Ewigen zu sein. Unter diesem Gesang sind wir Verwundete – und wir gleichen dem Jünger Thomas, da wir wie er, erst nachdem unsere Hände in die Wunde getaucht sind, das Wunder der Ewigkeit, das nicht ohne den blutberänderten Riss, nicht ohne das Sterben auskommt, bejahen und vertrauensvoll umarmen.

Wir wären Narren, nähmen wir die Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit zum Anlass, zu verzagen. Und Narren wären wir, nähmen wir jene Verwundung zum Anlass, unser Glück auf den letzten Ruf in die Ewigkeit zu vertagen. Jene Verwundung inmitten beseelter Schönheit hat die Macht, uns zu läutern und zu klären, und unsere Hände, die vielleicht bisher nur als grobe Enden unserer Ungeschicklichkeit hölzern in die Welt ragten, zu tatkräftigen, redlichen, irdenen Werkzeugen umzuformen, unter deren trauerlosem Fleiß eine neue Welt sich zu erkennen gibt. Oh, der Schönheit ist genug in unsere alte vernarbte Welt gegossen, doch unsere Werkzeughände liegen noch in ungeöffneten Truhen unter Schichten von Staub.

Dies ist die Gnade der Verwundung, dass sie uns zu gestaltenden Schöpfern umformt, deren Maß der Liebe ein Tun ist, ein menschenmögliches im kostbarsten Sinne, nicht um der Liebe die vollkommen ist, ein Jota hinzuzufügen, sondern um eine jede Stunde als Sakrament zu begreifen, in der die Liebe sich in den Menschen verwandelt, in den Menschen der ich bin, in den Menschen der Du bist, mit all unseren äschern gewordenen Worten und unseren Händen aus Treibholz auf einem Meer der Verzweiflung.

Die Liebe weiß nichts weiter, als Du zu werden, das ist wohl ihre Torheit, doch eine die wir begreifen, wenn erst die Schönheit uns bestürmt und einnimmt, ohne Rücksicht auf unser Beharren, dass alle Dinge bedeutungslos seien oder bitter wie Wermut.

Ich suchte den Segen der Liebe
fernab der ächzenden Frühe
fernab benommener Straßen an Sohlen der Hast.
Mit Worten so gläsern
dass nur ein Engel sie trüge mit Händen aus Glanz.
Und die Liebe begann mich zu fürchten
wie einen der krankt in der Nähe von Kindern
wie Gift in den Brunnen der Menschlichkeit.
In den Gassen da starben am Abend die Schatten
in die Nächte der Menschen hinein.
Und die Seufzenden brachen einander
das Brot der Begegnung,
ich aber blieb allein.
Den Kephas in mir musste ich brechen
zum Hahnenschrei lösen den dunklen Verrat
die Knie, die rosigen, beugen am Schmutz der Enteignung.
Wir haben nichts-
auch das Bekenntnis gehört uns nicht.
Dort wo Herz und Hand dem Leid des Nächsten
Dach und Stube formen
ist alles was wir halten dürfen.
Ein neuer Mensch.
Am tönernen Krug der Liebe
darf ich nun Hüter eines kleinen Risses sein.

Bild: © Käthe Kollwitz