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Posts Tagged ‘Achtsamkeit’

Die Menschen, die mich am tiefsten berührt und bewegt haben, das waren nicht diejenigen, die von Erwachen sprachen, nicht diejenigen, die einen Gott predigen, nicht die, die mir erklären wollen, wie mein Leben in Ordnung kommt. Es waren nicht die, die den Anspruch hatten, mich zu heilen, oder solche die glaubten es besser zu wissen. Es waren nicht die, die auf alles eine Antwort haben und auch nicht die, die jede schmerzliche Situation überlegen anzulächeln trachteten. Es waren keine Menschen, die behaupteten, frei von Ego oder Verstrickung zu sein, weder solche, die Stimmen hörten, noch solche, die erhebende Erscheinungen hatten. Es waren nicht die ewig jungen, dynamischen, erfolgreichen menschlichen Schlachtschiffe, die in einsamem Triumph durch das Meer des Lebens fahren, noch waren es Menschen, deren Hände hart sind von der Gewohnheit, alles im Griff zu haben.

Die Menschen, die mich am tiefsten berührt und bewegt haben, das waren diejenigen, die still taten, was viele tun, doch ohne sich zu brüsten oder zu klagen. Das waren diejenigen, die mir zuhörten, wenn es darauf ankam. Die das Gute in mir sahen, das ich selbst längst vergessen hatte. Die gut zu mir waren, auch wenn ich es nicht verdient hatte. Das waren diejenigen, die fragten, anstatt zu meinen, und wissen wollten, anstatt zu urteilen. Das waren diejenigen, die sich zeigten, auch auf die Gefahr hin, ausgeliefert zu sein. Die sich hingaben, auch auf die Gefahr hin, nicht gehalten zu sein. Das waren die, die bereit waren, mit mir in die Finsternis zu gehen, anstatt mich ins Licht zu zerren. Das waren die, die von ihrem Scheitern sprachen, ohne das rasende Schwert der Beschönigung zu schwingen. Die, die ohne Zurückhaltung litten und lachten. Jene, die auf ihren Grund gesunken waren, von dem mich uferlose Bläue grüßte, so wehmütig leise in einer tosenden Welt. Die stillen Heiligen, an die wir uns oft erst erinnern, lange nachdem sie aus unserem Leben verschwunden sind.

Wessen Stimme vertraust Du? Welcher Hand vertraust Du Dein Leben an? Dort, wo wir Antworten suchen, sind wir so leicht zu blenden, leicht zu trösten und zu verführen. Es ist an der Zeit, neu hinzuhören, neu hinzusehen, und zu bejahen, dass der Schleier der Täuschung fallen will. Randvoll sind wir mit Kontakten, doch arm an Begegnung. Randvoll mit Vernetzung, doch arm an Gemeinschaft. Randvoll mit Erklärungen, doch arm an Gewissheit. Vertagt ist alle Weisheit, die uns von Karma, Erlösung, Auflösung erzählt. Ein tiefer Wunsch wird wach und wacher, den Menschen wirklich zu sehen, und wirklich gesehen zu sein – hineinzuwachsen in das Leben, das wir uns eben noch erklären lassen wollten, in den Moment, den wir gerade noch missachteten, auf der Suche nach dem Sinn dahinter.

Rilke sagte es in so tiefem Wissen, im Stunden-Buch:

„Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drüben
Nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn
Und dienend sich am Irdischen zu üben
Um seinen Händen nicht mehr neu zu sein.“

Und wo sonst liegen unsere Hände, wenn nicht in der Seinen:

„Laß Dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muß nur gehen: Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.
Du wirst es erkennen an seinem Ernste.
Gib mir die Hand.“

weekend

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So ziemlich alle großen religiösen und spirituellen Traditionen haben uns mitsamt ihren Lehren, so kostbar sie waren und sind, mal mehr, mal weniger merklich, ein unheilvolles Gift eingeflößt: die Geringschätzung der Welt.

Während im Osten die Aufmerksamkeit dahin ging, Samsara und die Gesetzmäßigkeiten der Welt zu durchbrechen, rang das Abendland mit dem Leib-Seele-Dualismus und den monotheistischen Religionen, die die Welt wahlweise als bedeutungsloses Vorgeplänkel für das eigentliche jenseitige Leben oder aber als Versuchs- (und Versuchungs-)gelände betrachteten, auf dem man entweder dem Teufel auf den Leim geht oder aber klar und treu und nicht selten als Märtyrer zu seinem Gott steht.

Allen Askese- und Kasteiungspraktiken wohnt der Wunsch inne, die Welt, ihre Versuchungen, ihre Gesetze und ihre Illusionen zu überwinden. Allen Erlösungsgedanken wohnt das Gefühl inne, der Mensch sei aus den Fängen einer irgendwie gearteten diesseitigen Bedrängnis und Verlorenheit zu retten.

„Alles was von Gott stammt, besiegt die Welt“ heisst es im ersten Johannesbrief. Die Schlacht ist eröffnet.

Man kann das Wahre darin suchen und finden wie ein Perlensammler – an dieser Stelle aber möchte ich mich mit der einseitigen Überspitzung begnügen.

Auch in der New Age- und freien spirituellen Szene riecht es an jeder Ecke nach Geringschätzung der Welt. Durch einen sehr willkürlich eingemeindeten Reinkarnationsglauben, der weder mit Buddhismus noch Hinduismus viel zu tun hat, ist für viele das individuelle Leben Glied einer endlosen Kette von Inkarnationen geworden. Darf’s ein bisschen mehr sein, möchte man fragen, und macht das eigentlich noch einen Unterschied?

In der bisweilen ausufernden Heil- und Auflösungsarbeit geht es nur noch um Korrektur der Manifestationsergebnisse, um das Einebnen konfliktreicher Situationen – denn nur ein spannungsfreies Leben gilt manch einem als gelungen. Konflikte, Herausforderungen, schwierige Beziehungen, kurzum die blutvolle Reibung mit der Welt als Stifter von Erkenntnis, Charakter und Entwicklung? Nein danke sagen viele, und setzen sich lieber in die violette Flamme und weltferne Seligkeit.

Feindselig wird das „Ego“ beäugt, das uns mit Bedürfnissen terrorisiere, feindselig auch der Verstand, der analysiert und urteilt. Man fühlt sich an die Leibfeindlichkeit erinnert, die viele Religionen kultivierten – da wohnte eine reine Seele in einem -so hiess es- wollüstigen Körper, und heute muss sich die Seele gegen Ego und Kopflastigkeit abarbeiten, gegen das ständige „Falsch“ der uns innewohnenden (gottgegebenen) Instanzen.

Derweil werden tiefe und himmelschreiende Leiden von Menschen in aller Welt zur Aufstiegsleistung verklärt oder zynisch als Erfüllung eines vermeintlichen Seelenplans betrachtet. Eine allzu leichtfertige Einladung dazu, nicht mehr hinzusehen, nicht mehr zuzuhören, nicht mehr mitzufühlen bis dorthin, wo uns das Herz bricht.

Dies ist kein Pauschalurteil Religionen und spirituellen Schulen gegenüber. Dies ist nur ein Finger in der Wunde, der sagt: so wenig ist die Welt uns Menschen wert. Und wir wagen sogar, unsere Geringschätzung spirituell zu rechtfertigen.

Die Anforderungen, die die heutige Zeit an uns stellt, sind dringlich: wir müssen nicht mehr darauf hinweisen, wie falsch die Welt sein kann, denn wir wissen es mit jeder Faser unseres Seins, bei jedem Gang in den Supermarkt, bei jedem Blick auf die Nachrichten. Wir müssen nicht mehr das Martyrium suchen für eine Wahrheit, die uns vermeintlich frei macht. Wir müssen nicht mehr auf die Schönheit der Ewigkeit hinweisen, denn etwas in uns hat längst begriffen, dass Leben kein Ende hat.

Was wir aber tun müssen, ist unsere Geringschätzung der Welt überwinden. Eine evolutionäre Spiritualität, wollte man sie denn so nennen, kann nicht auf den Körper, auf das Gras, auf die Beziehung zur Partnerin, auf das Leiden des Anderen herabblicken. Eine evolutionäre Spiritualität begreift, dass Leben heiliger Ausdruck des Schöpfergeistes ist, und dass es nicht überwunden, sondern ausgefüllt werden muss. Dass es nicht erduldet, sondern gestaltet werden muss.

Wir sind nicht hier, um irgendwann bei Gott zu sein. Wir sind hier, weil Gott hier ist.

Wir sind hier, weil eine schöpferische Weisheit jeden Tag neues Leben erschafft. Und das Leben das Du gerade lebst, Du Mann, Du Frau, ist einzigartiger und heiliger Ausdruck, den es so nie wieder geben wird. Mit jeder Freude, jedem Kummer, jeder Krankheit, jeder Lebenskraft, strömt das Meer des Lebens weiter und weiter über neue Ufer, und lädt Dich ein, das was Du bist und das was ist, zu lieben und auszufüllen.

Wenn es also so etwas gibt wie Erwachen, dann wird es, so wage ich zu behaupten, nichts sein was Dich auf die Bedeutungslosigkeit der Welt hinweist, die Du fortan gering schätzen darfst als Illusion oder Versuchung. Es wird ein Erwachen sein, das Dir die Heiligkeit und Schönheit des Lebens erfahrbar macht, das Dir die Einzigartigkeit jedes Sandkorns am Strand und jedes Haares auf Deinem Kopf aufzeigt.

Es wird Dir die Weite Deines Herzens erfahrbar machen, in der das ganze Universum Platz hat – mitsamt den Momenten der Leere, der Verlassenheit, der Zweifel und der Not, denn auch das ist Leben. Es wird Dir erlauben, Dich mehr und mehr bewusst mit dem evolutionären Impuls allen Lebens zu verbinden.

lovethisworld1

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Manchmal, wenn wir durch Schicht um Schicht unserer Weltanschauungen gestürzt und gesunken sind, durch unseren Glauben, unsere spirituellen Lehren, unsere Konzepte, schlagen wir auf dem Grund der Erkenntnis auf, dass es ein Verstehen gibt, das nicht an Worten reifen kann, nicht an der Anschauung derer, die verwirklicht scheinen, und erst recht nicht an dem Wunsch, erklärend Angst zu zähmen.

Dieses Verstehen gibt es nur um den Preis unserer ganzen Existenz, unseres Seins ebenso wie unseres Handelns, und dieses schließt eine Freiheit ein, die so bodenlos ist, dass wir wiederum stürzen und fallen, noch aus der Beruhigung einer individuellen Bestimmung, der wir bloß Folge zu leisten hätten.

Und fallend dämmert es uns, wie ein Morgen nach endloser Nacht, dass wir selbst lebend Verstehen werden. Dieses Verstehen ist die Liebe selbst, von der wir annahmen, wir müssten sie erst finden, bevor wir uns die Fähigkeit erwürben, wahrhaftig Mensch zu sein.

key

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Das Sein und das Werden sind die zwei Gesichter des Lebens. In Stille, im Gebet, in Meditation werden wir uns unseres Seins bewusst, unserer Essenz, unserer Weite jenseits von Biographie. Ungebrochen ist dies Sein, unbeschadet und unveränderlich, und mehr müssen wir über dies Sein nicht sagen, als: es ist.

Im Tun sind wir stets bewegt und bewegend, wir sind Schöpfer, wir erschaffen und streben und aus allem was wir schaffen, erwachsen neues Streben und neue Schöpfungen. Wir bauen Häuser, schreiben Bücher, berechnen Formeln, entwerfen Utopien. Wir zeugen Kinder. Und: wir machen Fehler. Dieses Tun ist Ausdruck ständiger Verwandlung, niemals endender Entwicklung, und mehr müssen wir über dies Tun nicht sagen, als: es ist ein Werden.

Viele alte spirituelle Traditionen neigten dazu, das Tun zu verwerfen, es zu dämonisieren oder zu stigmatisieren, als Verliebtheit in die Welt, als Verkennung des wahren Seins, als Verstrickung in das Illusorische. Buddhismus, Hinduismus, Christentum, sie alle haben ihre Zeiten und Strömungen gehabt, in denen sie vor der Gefahr der Welt und ihrer Geschäftigkeit warnten. Und diesem Gedanken verdanken sich die zahllosen Asketen, erwachten Dauermeditierer und weltfremden bis weltfeindlichen Hüter des reinen Seins, bis hin zu vielen Vorurteilen, die wir noch heute schwerlich loswerden.

Eine zeitgenössische und zeitgemäße Spiritualität muss etwas anderes verkünden als die Seligkeit des Seins und die Gefahr des Tuns. Sie muss und darf diese beiden Gesichter der Wirklichkeit einen und sie als Ausdruck der allem Geschaffenen innewohnenden Weisheit betrachten. Als evolutionären Plan, in sich vollkommen und gut.

Das Sein und Werden gleichen dem Ein- und Ausatmen des Menschen. In Stille erfahren und verkosten wir unser Sein, das keiner Veränderung bedarf, weil es in sich vollkommen ist. Im Tun erfahren wir unser Werden, das ein niemals endender Schöpfungsakt ist.

Sich auf das Sein und Werden einzulassen, bedeutet, sich in der Seligkeit des reinen Seins nicht der Welt zu verweigern, die unserer Schöpfungen und unserer Gestaltungskraft bedarf. Es bedeutet auch, sich durch die schöpferische Teilnahme am weltlichen Geschehen nicht auf eine Art zu zerstreuen, die uns das stille unbewegte Sein an unserem Seelengrund vergessen lässt. Wir atmen ein, wir atmen aus. Wir sind. Wir werden.

Für manch einen ist es erstaunlich, aber auch das Kreuz erzählt uns von diesem zweigesichtigen Mysterium des Lebens. In der Horizontalen und Vertikalen des christlichen Kreuzes ist das vereint, was zunächst widersprüchlich scheint: das unverändliche Sein Gottes in uns und in allem Erschaffenen, und das unendliche Werden des Kosmos. Dort, wo sich die Balken vereinen, ist Christus.

Manchmal, wenn ich die Welt nicht mehr verstehe, bete ich: Christus, erzähle mir vom Sein. Christus, erzähle mir vom Werden. Es ist ein Gebet, das die Tür ins Mysterium öffnet. Jeden Tag ein wenig mehr.

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Ein Weihnachts- und Jahresendbrief von Herz zu Herz

Liebe Freunde,

ein bewegtes Jahr geht zuende, und 2014 steht vor der Tür. Ich möchte zum Jahresende vor allem etwas zu jenen sagen, bei denen sich Schwere und Traurigkeit in den Jahresübergang mischen. Zu jenen, die mit Erschöpfung, Ungewissheit und möglicherweise Mutlosigkeit ins neue Jahr blicken.

In diesem Jahr haben mich auf der Suche nach Rat und Begleitung viele Menschen kontaktiert, die sich als verzweifelt bezeichneten, als schwermütig, zerrissen oder müde. Sie erzählten mir von schweren Einschnitten, von Abschieden, von beruflichem Scheitern, Krankheit, und von schmerzlichen Trennungen nach langjährigen Beziehungen. Sie erzählten mir auch vom Sterben geliebter Menschen und von dem Gefühl, mit allem, worauf ihr spirituelles Leben sie stets verweist, im Kampf zu sein. Allein zu sein.

Auch ich musste in diesem Jahr mehr denn je innere Entwicklungsprozesse austragen, die nicht selten den Charakter von Kampf trugen. Auch ich habe das ein oder andere schmerzlich verlieren müssen, und auch ich musste den Tod eines Menschen hinnehmen, der mir einmal so viel bedeutet hat. Es fiel mir auch daher nicht schwer, jene zu verstehen und mitfühlend zu begleiten, auf denen Verluste, Ängste, Trennungen oder spirituelle Krisen lasteten.

Was lehrt es uns, wenn wir Besitztümer verlieren, wenn wir Vertrautheiten, wenn wir berufliche Erfolge verlieren, oder unsere Ordnung? Ich denke, es lehrt uns eines: dass wir nichts haben. Wir möchten so gerne glauben, dass wir alles haben können, dass uns Glück, Reichtum und Erfolg per Geburtsrecht zustehen, und deswegen rennen wir all den Predigern die Türen ein, die uns genau das erzählen. Die uns sagen: die freie Marktwirtschaft des Seelischen hält Top-Konditionen für Dich bereit.

Aber wenn wir uns ans Herz fassen, und wenn wir still werden, und wenn wir mit gesundem Menschenverstand und mit Achtung vor allem was ist auf die Dinge blicken, dann sehen wir, dass wir nichts haben. Wir kommen mit leeren Händen auf die Welt, und wir gehen mit leeren Händen. Und was sind wir zwischen unserem Kommen und Gehen anderes, als Hüter und Verwalter der endlichen Dinge, die uns in unsere endlichen Hände gelegt wurden?

Hüter und Verwalter der endlichen Erscheinungen aber halten nicht fest an dem, was ihnen nicht gehört, und sie halten nicht fest an dem, was ihnen genommen wird wenn die Zeit gekommen ist.

Und noch weniger lassen sie zu, dass sie von den Dingen, die sie verwalten, in Besitz genommen werden. Auch nicht von Ordnungen. Auch nicht von Selbstbildern. Von keinem materiellen oder ideellen Konstrukt.

Dies ist keine bittere Erkenntnis, sondern eine, die uns nähren und tragen kann, denn erst wenn wir begreifen, dass wir nichts haben, umarmt uns die Erkenntnis, dass wir alles haben. Wir mögen unsere Besitztümer verlieren oder unsere Karrieren, unsere Ehen, unsere äußere Ordnung, ja sogar unseren Glauben. Unsere Naivität zu denken, dass alles immer so weiter gehe wie wir es schätzen.

Einmal kommt der Punkt, da sickert unweigerlich die Erkenntnis zu uns durch, dass wir ungeachtet all dieser Verluste doch immer noch leben. Immer noch denken, fühlen, atmen, lieben, immer noch unsere Hände und unsere Schöpferkraft haben, und immer noch Zugang zu Schönheit, die uns an jedem Morgenhimmel grüsst. Immer noch im Herzen unbeschadet sind. Manch einer fühlt nach dem ersten Kummer eine Kühnheit in sich aufsteigen, wenn er etwas Bedeutendes verliert, und diese Kühnheit ist ein Aufbegehren, weil wir spüren dass das was wir zu besitzen glaubten, uns besaß – und besetzte. Und diese Kühnheit ist noch mehr: sie ist die Ahnung des nicht endlichen Seins, der tiefen Freiheit, die Erfahrung, dass in uns eine Instanz ist, die durch nichts beschädigt wird. Die immer heil ist, was da auch kommt. Die in sich die evolutionäre Kraft des Universums trägt, die strebt und wächst und einen immer vollkommeneren Ausdruck ihrer selbst sucht, die zu immer klarerer Bewusstheit hinblüht.

Diese Instanz ist unser tiefstes Wesen. Unser Gewahrsein, unser Seelengrund. Hier eröffnet sich die Welt, in der wir uns entgrenzen lassen können. Stell Dir eine Zwiebel vor mit ihren vielen Hautschichten. Haut um Haut lässt Du los, jedes Mal wenn Dir ein Selbstbild, eine vertraute Ordnung, ein Besitz verloren geht. Denn jedes mal wirft das Leben die Frage auf: Erschöpfte sich Dein Wesen in diesem Selbstbild? Bist Du weniger geworden durch den Verlust Deiner Ordnung? Bist Du beschädigt durch den Verlust Deines Hauses? Bist Du kein vollständiger Mensch mehr, weil Dein Partner fort ist? Bist Du weniger Schöpfer, weil Du ohnmächtig bist?
Und wenn Du ehrlich bist, musst Du sagen: nein.
Das ist großartig.

Wenn uns das Leben an diesen Punkt führt, an dem wir dieses nein sprechen können, dann dürfen wir dankbar sein, denn es führt uns zum größten Ja, zur Akzeptanz dessen, was ist, und zur Akzeptanz und Würdigung unserer Verantwortung und Gestaltungskraft. Wir nehmen uns die Zeit, das Alte zu betrauern. Trauer ist gut und heilsam. Und dann üben wir uns darin, die Erkenntnis die darin liegt, dankbar anzunehmen und uns von ihr formen zu lassen.

Der Tod ist zweifellos der strengste Lehrer. Denn er erinnert uns daran, dass wir nichts besitzen, auch nicht die Zeit mit einem Menschen. Wenn sie abgelaufen ist, müssen wir es annehmen. Müssen auch annehmen, dass wir wünschten, wir hätten vieles besser gemacht. Dort, wo wir unbeschadet sind, wissen wir jedoch, dass kein Leben je verloren ist. Und dass nichts jemals aus dem Ozean fällt, der jedes Leben hervorbringt.

Es hat einen Grund, dass es in schamanischen Traditionen Trauerrituale gibt, in denen Tränen gesammelt werden. Es hat einen Grund, dass die Tara aus dem Buddhismus in einer Lotosblüte aus einem Meer der Tränen aufsteigt. Es hat einen Grund, dass in christlicher Volksfrömmigkeit Menschen ihre Tränen der Gottesmutter oder Jesus darbringen. Aus diesen Bildern und Ritualen grüsst uns das Wissen, dass am Grunde des tiefsten Verlustes das Unverlierbare wartet. Hier drückt sich unsere Ahnung aus, dass uns Menschen die schöpferische Kraft innewohnt, aus Schmerz eine treibende Kraft zum Guten hervorzubringen. Dort, wo wir Leiden erleben und beobachten, drängt aus unserer Brust eine Sehnsucht nach einer besseren Welt. Ein evolutionärer Wille zum Guten. Geben wir uns diesem Willen hin.

Zwischen dem, was Du heute verlierst, und dem, was Du morgen erringst, liegt alles was Du brauchst. Alles was Du bist. Ein unbeschadeter, unverrückbarer Ort des Lebens.

Diese Zeit ist zweifelsohne eine Zeit der Ent-deckung. Das, was wir im Innersten sind, möchte aufgedeckt und entfaltet werden. Und wir sind dazu imstande, diese Entfaltung zu bejahen und auszutragen. Auch wenn wir uns mal klein oder überfordert fühlen.

Hab Mut und sprich auch Anderen Mut zu. Hab Vertrauen und sei vertrauenswürdig. Sei nachsichtig mit Dir und Anderen, wenn Dir oder ihnen mal der Mut sinkt. Vergiss nicht, dass jedem Tag, jedem Moment die Möglichkeit der Erneuerung innewohnt. Es gibt kein Zuspät für Veränderung, für Erkenntnis, für Versöhnung, für Tatkraft, für Liebe. Für die Erfahrung des Unendlichen in Deiner heiligen, einzigartigen Endlichkeit.

Ich wünsche Dir ein frohes Weihnachtsfest, besinnliche Rauhnächte und ein gesegnetes, lebendiges und herzensfrohes 2014.

Giannina

(Ich verabschiede mich bis Anfang Januar in die Stille und wünsche Euch eine gute Zeit ♥)

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Heute nacht träumte ich, ich flog in einem gläsernen Hubschrauber und beguckte mir die Welt da unten. Einige andere Passagiere taten es mir gleich. Der Pilot aber hatte ganz andere Pläne: mit einem mal drehte er den Hubschrauber um, so dass wir auf dem Kopf flogen. Wir hatten alle Todesangst und schnatterten auf den Piloten ein, er solle sofort wieder richtig herum fliegen. Als ich durch die Scheibe blickte, verstummte ich umgehend. Das was ich da sah, war so atemberaubend schön, dass mir im selben Moment der Tod vorkam wie ein winziger Kollateralschaden. Ich sah das All. Einen mitternachtsblauen Himmel mit unzähligen Sternen, und eine pulsierende leuchtende Furt von Galaxien und Nebeln, ähnlich einem kosmischen Schoß im stillsten Augenblick vor einer Geburt.

So ist das auch mit den mystischen Einbrüchen in unser Leben, mit den kleinen und grossen Erleuchtungen, den Momenten, in denen wir, wach und gegenwärtig wie nie, begreifen, erfahren und atmen, dass wir nicht nur das sind: nicht nur die Gedanken, die uns durch den Kopf stürzen, nicht nur die Gefühle, die mal hoch wallen und sich mal in tiefsten Untiefen suhlen, nicht nur die Körperlichkeit mit ihrem jugendlichen Juchu und ihrem alternden Weh und Ach, nicht nur das brennende Begehren und dessen Erlöschen. Nicht nur der Kumpel und Freund für den einen oder der Lebenspartner für den anderen, der Kollege der sich ein bisschen zu viel gefallen lässt oder der Familienpatriarch, der alle gut im Griff hat. Wir sind, während wir all diese Rollen spielen und erfüllen, ja bestenfalls mit blutvollem, köstlichen Leben füllen, doch auch der Geist, auch das Ich, das sich selbst bei diesem Treiben zusieht, und das immerzu weiß, dass es unbeschadet, ungebrochen, unsterblich aus all dem hervorgehen wird.

Und deswegen sind es manchmal genau die Situationen, die unsere Welt Kopf stehen lassen, die uns in Todesängste stürzen weil all das was wir glaubten, besitzen wollten oder erreicht zu haben meinten, im Begriff ist, zu Staub zu zerfallen, in denen wir es am hellsten sehen, in denen wir es beinahe schmecken können, dieses Wissen, diese Erinnerung, diese Selbsterkenntnis: dass wir Leben sind, alles überdauerndes, in sich ruhendes, friedvolles Leben. In diese Erkenntnis, in diese Erfahrung immer wieder hineinzusterben, ist bisweilen schmerzlich, aber niemals, niemals ein zu hoher Preis.

Bild: Spiralgalaxie NBC 891, © Large Binocular Telescope Observatory

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Was wäre, wenn wir unseren Schmerz annehmen könnten. Unsere Angst. Unsere Wunden. Wenn wir unsere Kraft, unsere oft gerade angesichts einer schmerzhaften Erfahrung unbändige Kraft in so etwas fließen ließen wie eine Umarmung, anstatt in die Abwehr. Wie unglaublich verändernd wäre das.

Wir können es schon fast nicht mehr hören, weil es uns zu oft zugesäuselt wurde, das: nimm den Schmerz an. Oder das: lass los. Und oftmals bleiben diese Worte hohl, weil uns gerade keine Erfahrung an diesen Ort mitnimmt, an diesen alles entscheidenden Wendepunkt unseres Lebens. Denn bisweilen braucht es wirklich eine tragische Wendung, damit wir endlich kapitulieren. Damit wir uns eingestehen: ich kann nicht weglaufen. Dieser Schmerz ist grösser als ich, er wird mich einnehmen, er ist schneller als ich, er wird mich einholen, er ist stärker als ich, er wird mich brechen.

Oft bleiben uns diese Worte auch hohl, weil wir darin –oftmals zu Recht- eine Falle vermuten. Die Falle, doch nur wieder Schmerz vermeiden zu wollen, Schmerz umgehen zu wollen, glauben zu wollen dass überwunden ist, was quält. Der Mensch ist erfindungsreich, wenn er den Schmerz umgehen will. Bis hin zu dem Punkt an dem er sich komplett verleugnet, in die Dissoziation geht, sich erleuchtet nennt oder egolos oder erwacht, nur um diesen Schmerz nicht mehr fühlen zu müssen, der uns alle irgendwann ereilt, und der alles niederreisst, was Fassade war. In diesem Jahr kursierten Bekenntnisse einiger Satsang-Aussteiger, die genau dies berichteten. In denen gerade lehrende Menschen gestanden: ich habe zehn, zwanzig, dreissig Jahre lang nichts anderes getan als den Schmerz zu umgehen. Hinter meinem Lächeln wähnte ich mich in Sicherheit, und hielt damit nur andere Menschen davon ab, sich ihrem Schmerz zu stellen.

Wir alle sollten aussteigen. Aus der Verleugnung. Aus der Flucht. Aus dem Schönreden. Aus allem glänzenden, lächelnden, rosaumwölkten Treiben, das, wie wir am Grunde unseres Herzens wissen, nichts anderes will als den Schmerz zu umgehen.

Ja, aber sind wir nicht Verlierer, wenn wir uns vom Schmerz besiegen lassen? Wenn wir ihm nicht das schnaubende Streitross unseres Glaubens entgegenstellen? Unser Erwachtsein, das doch munkelt, die Dualität sei eben so? Unsere Schöpferkraft, von der wir glauben sie könne sich schon wieder alles zurechtmanifestieren was schief gelaufen sei weil wir noch nicht reif waren?

Nein, sind wir nicht. Sich vom Schmerz in einem Moment, der alles ist, besiegen zu lassen, ist tiefste, wahrhaftigste Anerkennung dessen, was ist. Dessen, was auf irdischer Ebene ist, und nirgends anders sind wir zu diesem Zeitpunkt. Wenn es Dir unerträglich ist, verlassen zu werden, anerkenne dass es Dir unerträglich ist verlassen zu werden. Wenn Du vor Trauer fast den Verstand verlierst, weil jemand den Du liebtest gestorben ist, anerkenne, dass Du vor Trauer fast den Verstand verlierst. Wenn Du vor Angst besinnungslos bist, anerkenne dass Du vor Angst besinnungslos bist. Es führt kein Weg vorbei an dieser Bejahung. An diesem Moment, in dem Du entscheidest anzuerkennen, dass es eben so ist.

Und wenn Du so aufrichtig in Deiner Wahrnehmung bist, und vergiss nicht, dass Deine Wahrnehmung alles ist – der Ort und die Form, in der sich der Lebensstrom, nennen wir ihn Gott, ereignet – dann wirst Du erfahren, dass dieser Schmerz nicht alles ist. Dann wirst Du feststellen, dass dieser Schmerz, der auf irdischer Ebene alles ist, der im Moment Deinen ganzen Raum einnimmt, auf einer absoluten Ebene, die Dir ebenso als Seinsraum zugänglich ist, nicht alles ist.

Ich spreche hier über mystische Erfahrung. Über die Erfahrbarkeit des Göttlichen, des Ewigen, des Absoluten. Man mag über diese mystische Erfahrung denken, dass sie allein Gnadengeschenk ist und dass sie kommt wann sie will. Ich bin aber überzeugt, dass der Moment, in dem wir die raumgreifende Präsenz des Schmerzes anerkennen, ein Schlüssel ist, der diesen Raum zu öffnen vermag.

Wenn Du die mystische Erfahrung suchst um einen Bogen um das Schmerzhafte zu machen, wird sie sich Dir verschließen bis Dir Geduld und Spucke ausgehen. Oder Du wirst Dich von High zu High tragen, bis Du bemerkst, dass Du Dich mehr und mehr vom Leben entfernst um ein Dasein in einem wattierten Paralleluniversum zu fristen. Das Absolute zu erfahren, ist nur durch Anerkennung des Relativen möglich.

Wenn Du vom Absoluten kosten darfst, wirst Du merken, dass das Irdische nicht weniger schmerzhaft wird. Ganz im Gegenteil wird der Schmerz grösser, eben weil Du tiefer in differenziertes Empfinden hinabsteigst, und eben weil du tiefer Anteil nimmst an den Wunden der Schöpfung. Das was Du früher noch desinteressiert abnicktest als „Das ist eben so“, bohrt sich dann schmerzlich in Deinen Erfahrungshorizont: das Unrecht auf der Welt, der Hunger, die Gewalt, ja noch ein respektloses Gespräch in der U-Bahn oder die Blume am Wegesrand, der ein wütendes Kind den Blütenkelch abgeschlagen hat. Und Deine Verbindung zu all dem, Deine Verantwortung in all dem. Mystiker werden zunächst immer dünnhäutiger, und krümmen sich unter dem vermeidbaren Leiden der Welt, unter den Grausamkeiten, die wir Menschen salonfähig gemacht haben bis zu dem Punkt an dem sie uns gar nicht mehr als solche auffallen.

Gleichzeitig wächst im Mystiker die Wahrnehmung des Lebensstroms heran, der in seiner Schönheit vollkommen ist, selbst noch angesichts der Wirrungen unter Menschen, selbst noch angesichts der Vergänglichkeit und des Sterbens, und der überall und zu jeder Zeit gegenwärtig ist. Wenn Du in diesem Prozess bist, dann wirst Du immer öfter Momente erleben, in denen beides zur selben Zeit gegenwärtig ist: das Schmerzliche, und das ewig ungebrochen Schöne und Vollkommene. Und das beides gleichzeitig zu erleben, und auszuhalten dass das Unliebsame sich durch die Präsenz des Absoluten nicht einfach in Wohlgefallen auflöst, das ist eine Kunst, die wir erlernen müssen. Der Schrecken des Todes ist in das ewige Leben gebettet. Beides siehst Du. Das ist Alltagsmystik, das ist Anerkennung der uns zugänglichen Wirklichkeiten und das Wachsen und Reifen daran. Etwas in uns reift dann auch dazu heran, die Endlichkeiten, das Scheitern, die vielen kleinen und großen Kümmernisse des Alltags mit einer neuen Würde, Kraft und auch Gelassenheit zu tragen.

Es hilft nicht, dem Schmerz vorwegnehmend einen Sinn aufzuschwatzen, wie wir das immer tun wenn wir sagen: „Wer weiss, wofür es gut ist“, oder „Das hat meine Seele sich so ausgesucht“. In den Momenten, in denen die raumgreifende Präsenz von Schmerz gleichzeitig mit der Vollkommenheit und Urteilslosigkeit des Absoluten in mir zugegen ist, in diesen Momenten allein kann ich von ganzem Herzen sagen: ja, Schmerz, Du bist mein Lehrer. Oder: Du bist mein Freund. Oder: Du bist in diesem Moment meine Kraft der Veränderung. Mein Wake-up-call oder der Erwecker meiner Gaben. Der dunkle Schoß, aus dem ich neu geboren werden darf.

Also erneut die Frage: Was wäre, wenn wir unseren Schmerz annehmen könnten. Unsere Angst. Unsere Wunden. Wenn wir unsere Kraft, unsere oft gerade angesichts einer schmerzhaften Erfahrung unbändige Kraft in so etwas fließen ließen wie eine Umarmung, anstatt in die Abwehr. Wie unglaublich verändernd wäre das.

***Ich weise darauf hin, dass ich in diesem Text Menschen ohne schwerwiegende psychische Erkrankungen adressiere.

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