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Posts Tagged ‘Aufmerksamkeit’

Manchmal begegne ich in meiner Arbeit Menschen, die mir sagen, sie würden gern Dankbarkeit empfinden, aber da sei eben keine in ihren Herzen.

Oder sie würden gern freundlicher für die Erde fühlen, aber die Erde sei ihnen meist recht egal.

Oder das Heilige, sie würden das sogenannte Heilige gern ehren, wie es religiöse Menschen ganz selbstverständlich tun, aber ihnen sei im Grunde nichts heilig, und auch in Gegenwart der erhabenen Dinge fühlen sie Überdruss oder Langeweile oder Kälte.

Dann denke ich, dass es doch oft so ist: so wie wir mit den Dingen umgehen, so werden sie uns mehr und mehr. Die Sattheit, mit der wir die Schönheit der Natur betrachten, zieht nur weitere Sattheit nach sich. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir morgens gesund aus dem Bett springen, macht uns glauben, Vitalität sei unser lebenslanges Grundrecht. Die Altklugheit, mit der wir heilige Texte der Menschheit herunterlesen, versteinert uns nur weiter in unserer Unempfänglichkeit für zeitlose Weisheit. Die Kälte, die wir pflegen, um uns von anderen abzugrenzen, konserviert nur weiter unsere Unfähigkeit zum Mitgefühl, und unsere verdrehte Sicht darüber, was wichtig und was unwichtig sei, überwuchert immer weiter unser Innenleben, das an mangelnder Wert-Schätzung für das uns Gegebene krankt.

Kurzum: die Dinge haben oft eben nur den Wert, den wir ihnen geben.
Und geben wir ihnen keinen, beklagen wir uns oft über unsere Unfähigkeit, den Wert einer Angelegenheit zu empfinden, nichtsahnend, wie sehr wir dafür selbst verantwortlich sind, und wir sehr unsere Unachtsamkeiten zu Gewohnheiten geworden sind, die aufzulösen eine Menge Arbeit erfordert. (Freilich schließt das nicht aus, dass Menschen unverschuldet, beispielsweise durch traumatisierende Erfahrungen, den Zugang zu ihren eigenen Tiefen verloren haben).

Dass die Dinge uns werden, wie wir mit ihnen umgehen, ist aber nicht bloss Not, sondern auch gleichsam die Medizin, die wir in dieser Not brauchen. Denn unser Tun, unserer Art mit Dingen, Menschen, Situationen und Ideen umzugehen, hat große gestalterische und ordnende Kraft. Wir sind nicht Opfer vorhandener oder nicht vorhandener Empfindungen. Wir haben jederzeit die Macht (und Verantwortung), gestalterisch Hand anzulegen und jenen verödeten Stellen unseres Daseins Leben einzuhauchen.

Wenn wir keine Dankbarkeit empfinden, so ist es unsere Medizin, Dankbarkeit zu üben. Wenn wir kein Mitgefühl empfinden, so ist es unsere Medizin, Mitgefühl zu üben. Wenn uns die Freude fehlt, so ist es unsere Medizin, Freude zu üben – im Buddhismus beispielsweise eine alte und fundamental wichtige Tradition. (Und heutzutage interessiert sich ja dankenswerterweise sogar die Neurowissenschaft für Compassion-Training und ähnliche Übungen, selbstverständlich aus säkularer Perspektive).

Manch einer runzelt an dieser Stelle ein wenig empört die Stirn und fragt, warum man denn all jene großen, noblen und ehrenwerten Empfindungen üben sollte. Habe man diese nicht entweder in sich oder eben nicht, gleich dem Spatz auf dem Dach.

Meine Antwort darauf ist: ja, wir haben sie alle in uns. Aber nicht immer erinnern wir uns daran. Nicht immer haben wir Zugang dazu, durch welche Wendung unseres Lebens auch immer.
Dankbarkeit zu üben, Mitgefühl zu üben, das sind keine Methoden, die etwas schaffen sollen was nicht ist, und die etwas in Dich pflanzen sollen was dort vorher nicht war. Vielmehr dienen diese Übungen dazu, Deine Aufmerksamkeit soweit zu öffnen, dass Du irgendwann bemerkst, dass jene Empfindungen längst in Dir waren und tief in Deinem Herzen verwurzelt sind. Dass sie Dir zugänglich sind und Du mit ihnen agieren kannst. Dass Du wählen kannst, inwieweit sie Dein tägliches Bewusstsein, Deinen täglichen Umgang mit Menschen, Natur, Dingen, Situationen und Herausforderungen durchdringen.

Eine Übung dieser Art dient also nicht dazu, etwas vorzutäuschen, bis Du selbst glaubst dass es da ist, sondern sie dient einer tieferen Wahrnehmung, die Dich mit den Bereichen in Dir vertraut macht, die Dir verloren schienen.

Mitgefühl ist kein Lotteriegewinn, kein Zufallsprinzip, keine höhere Gnade für auserwählte Menschen. Mitgefühl wohnt jedem Herzen inne, und kann von jedem Menschen gewählt und geübt werden – in dem ihm möglichen Maße und in dem ihm möglichen Rahmen.

Sich auf diesen Gedanken, und auf diese Praxis einzulassen, hat große entgrenzende Kraft, über die ich schon viele Menschen habe staunen sehen, und über die ich selbst immer wieder staune.

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Jahresreadings gibt es ja zuhauf. Meist wird darunter ein orakelnder Blick in die Zukunft verstanden – ein „Freu dich auf den Mai, da erwartet dich Partnerschaft“ oder „Pass auf dich auf im September, die Luft wird dünn auf der Arbeit“.

Seit 2012 biete auch ich Jahresreadings an. Mein Verständnis dieses „Jahresgeleits“ ist allerdings ein anderes. Ich begebe mich nach einem telefonischen Vorgespräch mit Dir in einige Gebetssitzungen, in denen ich für Dich Hilfestellung für Deine spirituelle Entfaltung erbitte. Diese Hilfestellung kommt in Form von Perspektiven, gewissermaßen Überschriften, unter die die kommenden 12 Monate für Dich gestellt werden.

In den 12 Monaten bist Du also eingeladen, einem spirituellem Kompass zu folgen, Deine Monate unter einen jeweils einzigartigen Blickwinkel zu stellen und alles, was Du in diesem Monat erlebst, in diese Perspektive gebettet zu wissen. Ähnlich wie man es von Exerzitien kennt, in denen Tage unter ein Motto gestellt werden und der Teilnehmende sich durch verschiedene Praktiken in die  Thematik versenkt.

Zu den 12 Monaten erhältst Du also jeweils ausführliche Texte, die Dir erklären, wie Du das Monatsthema angehen, betrachten und entfalten kannst, sei es durch Gebet, Meditation, Körperarbeit, künstlerisches Arbeiten oder mithilfe anderer Methoden. Es ist ein individueller Weg, zugeschnitten auf Dich und Deine Bedürfnisse, Gaben und Herausforderungen.

Das Jahresgeleit ist eine Einladung zu kontemplativer Achtsamkeit – eine Einladung dazu, den roten Faden inneren Betens aufzunehmen, wobei Gebet hier als mannigfaltige Verbundenheit mit dem Quell allen Seins verstanden werden will.

Klingt das nach Arbeit? Vielleicht ist es das. Ich sehe es eher als Möglichkeit, essentielle Dinge anzunehmen, einzuüben und zu pflegen. Essentielle Dinge, die Dich wacher, aufmerksamer und feinfühliger machen, und die Deiner persönlichen Entfaltung dienen.

Wenn Du dieses Jahresgeleit in Anspruch nehmen willst, lies Dir einfach in Ruhe das vollständige Angebot auf meiner Homepage durch. Zur Vertiefung des Erfahrenen biete ich Dir an, Dich telefonisch zu unterstützen. Das Jahresreading kann zu jedem Zeitpunkt des Jahres begonnen werden und umfasst immer ein Zeitjahr.

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Ich danke Dir, Du göttlicher Geist
für diese Speisen, die mich beleben
ich danke Dir, Du heilige Schöpfung,
dass Du mich nährst
In Liebe und Ehrfurcht nehme ich an,
was mir geschenkt wurde
Mein Leben sei Dank
und Herzensnahrung für viele.
Amen

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Taubi

Vor zwei Jahren fand ich eine Taube unter einem parkenden Auto. Das wilde Flügelschlagen hatte mich aufmerksam gemacht, und ich sah das Jungtier mit panischem Blick in den Augen um Freiheit kämpfen. Platz genug hätte es gehabt, doch schienen seine Beine nicht in Ordnung zu sein. Ich hob die Taube auf und trug sie nach Hause, sie ließ es ohne Widerstand geschehen. Zuhause schaute ich ihr zu wie sie wiederum mit den Flügeln schlug und dabei nicht von der Stelle kam, und wiederum bewegten sich ihre Beine nicht.

Es war ein recht elendiges Spektakel und ich musste an den Opa eines Freundes denken, der bei Geschichten über kranke Tiere immer zu sagen pflegte „Man muss die Tiere ins Genick treten und erlösen, ohne viel Federlesens.“ Von solcherlei rustikaler Ethik oder gütiger Barbarei weit entfernt, trug ich das Tier zum Tierarzt und der erklärte mir mit einer absonderlichen Begeisterung für die Vielfalt tierischer Krankheiten, dass die Taube offenbar am Paramyxovirus erkrankt sei, was Lähmunge der Beine und Flügel zur Folge habe. Sie könne dementsprechend weder fliegen noch stehen oder laufen. Was denn mit so einer Taube anzufangen sei, fragte ich, und er sagte: die muss man halt im Käfig halten wie ein Huhn, die pickt dann ihr Essen auf und bleibt am Leben, nur beim Putzen muss man ihr helfen, und dann gucken wie die Krankheit verläuft. Ein Taubenpflegefall also. Klischeehaft kamen mir sämtliche für Pflegefälle gängigen Phrasen in den Sinn: Das ist doch kein Leben. Sie ist doch so unselbständig. Da wäre es doch besser tot zu sein. Und so weiter. Der Arzt fügte hinzu: in der Natur würde das Tier freilich sterben. Aha. Die Natur regelt das. Die Natur hat keine Pflegestation, die ist da radikal. Mutter Gaia drückt den Lebensunfähigen ein Kissen aufs Gesicht. Das Tier jedoch guckte mich sehr lebendig aus seinen Knopfaugen an und blinzelte stoisch.

Ich trug Taubi, wie ich sie inzwischen unkreativerweise getauft hatte, wieder nach Hause. Telefonierte mit der Wildvogelhilfe, der ich schon mal einen gestrandeten Mauersegler gebracht hatte. Doch man sagte mir: „Tauben wollen wir nicht“. Tauben haben keine Lobby in diesem Land.

Also baute ich Taubi einen Verschlag auf meinem Balkon. Besorgte ihr Essen. Half ihr, es aufzupicken. Gab ihr Wasser. Schaute ihr zu wie sie erschöpft einschlief nach nur wenigen Bewegungen, es musste wohl ein anstrengendes Leben sein unter diesen Bedingungen.

Dass sie bloß einen ruhigen Platz zum Sterben suche, kam mir in den Sinn, als habe sie es mir selbst gesagt. Also änderte ich alles an ihrem Verschlag. Richtete ihn ganz so ein wie ich mir einen Mutterschoß vorstelle. Ein kleiner überschaubarer Platz, dunkel, geschützt vor Wind und Kälte. Still. Als ich damit fertig war, kuschelte sich Taubi in die Ecke, trank noch ein wenig Wasser und schloss die Augen. Am nächsten Morgen war sie tot. Ich war ein bisschen erschrocken darüber, wie traurig ich darüber war, und vergrub sie an einer geschützten Stelle in der Natur.

In der Nacht darauf träumte ich von einem Fenster in einer dunklen Wohnung. Ich öffnete es, und hunderte Vögel flogen herein. Paradiesvögel will ich fast sagen, einer bunter und schillernder als der andere, ein Farbenmeer. Auch Taubi war dabei. Sie leuchtete orange, ihre Federn waren ein Kleid aus Sonne. Nach diesem Traum war ich nicht mehr traurig.

Vor einigen Monaten dann, als ich morgens das Haus verließ, entdeckte ich auf dem Boden eine Blutspur. Ich folgte ihr, weil ich mich fragte, wer soviel Blut verloren haben könne, und nach etwa 300 Metern fand ich eine tote Taube. Sie war wohl auf einer dieser langen Nadeln gelandet, die viele Hausbesitzer auf ihren Dächern installieren um Tauben abzuwehren. Ihre blutende Wunde war genau an ihrem Herzen. Es stimmte mich traurig, dass wir so mit jenen Tieren umgehen, die uns in die Städte gefolgt sind und für die wir Verantwortung tragen, und außerdem schien es mir abscheulich, dass ihr toter Körper auf dem Bürgersteig lag, allen Blicken und Achtlosigkeiten ausgesetzt.
Also hob ich sie auf und begrub sie dort neben jener Stelle, an der ich damals Taubi der Erde zurückgegeben hatte. Ich stellte mir vor, sie käme nun auch zu jenen schillernden Paradiesvögeln und wäre nicht mehr allein.

Gestern kam ich bei einem Spaziergang an jener Stelle vorbei, an der die beiden Tauben in die Erde eingingen. Immer war dieser Ort erdig und schattig, aber ganz kahl und ohne Bewuchs gewesen. Nun aber war er in tiefes, liebliches Blau getaucht. Eine Woge von Vergissmeinnicht hat diesen Ort ganz eingenommen, wie ein gütiges Meer das vom Leben erzählt, da wo zuvor nur Sterben war.

Ich weiss, dass dieses Meer am Ende jeden Lebens wartet. Und jedes Ende darf ein Anfang werden.

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© Eric Wieringa

Es ist ganz erstaunlich, wie oft ich in diesen Tagen gefragt werde, ob ich denn glaube dass 2012 die Welt untergeht. Plattformen wie Facebook eignen sich ja bestens für die virale Verbreitung jedweden Gedankens, und so kann man fast sagen: hat im Web 2.0 einer Angst, wird daraus gleich ein Flächen-bombardement der Panik, und umgekehrt gilt das leider nicht, denn Postings, die uns auf den Boden der Tatsachen holen, werden einfach grundsätzlich weniger „geshared“. Das Prinzip kennt man ja aus allen anderen Medien auch, und es entspricht wohl dem menschlichen Naturell, dass wir uns lieber mit Dramatik bekleiden als mit Ausgeglichenheit.

Dunkle Perspektiven?

Sonnenstürme, Sonnenfinsternisse, Stromausfälle, Finanzwelt-Kollaps, ein kriegsgeplagtes Europa, das „Exkarnieren“ der Sternenbrüder, gute Güte – die menschliche Fantasie schlägt Purzelbäume wenn es darum geht, dieses angebrochene Jahr schon a priori zum wildestens Jahr der Menschheit zu küren.

Ja, und was ist denn nun mit dem hypothetischen Weltuntergang 2012?

Der wahre Untergang ist die Verunmöglichung der Menschlichkeit

Ich kann darauf nur eines sagen: ginge die Welt unter, wäre das wohl ein Drama, aber seien wir mal realistisch: alles hat ein Ende, das gilt für das Leben einer Kuh ebenso wie für das eines Menschen. Das wahre Drama wäre für mich, dass sie untergeht in einer Zeit, in der wir Menschen so dumm sind wie wir es gerade eben sind.

Das wahre Drama wäre für mich, dass wir es nicht geschafft haben würden, dem Wort „Mensch“ Leben einzuhauchen, ein Aroma der Güte und Weltzugewandtheit, eine Qualität der Menschlichkeit, die schwerer wiegt als die Machtversessenheit und Verachtung jedweder Kreatur.

Der wahre Untergang wäre für mich, wenn wir es nicht geschafft haben würden, uns aufzuschwingen zu den Möglichkeiten unseres Denkens, Fühlens, Erfahrens und Handelns. Wenn wir als jene selbstgerechten, unwissenden, satten Geschöpfe ins Nichts führen, nichts hinterlassend als ein Echo der Schande. Man mag nun annehmen, ich hätte ein défaitistisches Menschenbild, aber dem ist nicht so – ich glaube ungebrochen an das Gute im Menschen. Ich glaube aber auch, dass es noch eine erheblich lange Zeit brauchen wird, sich zu entfalten.

2012 sind alle erleuchtet?

Ja, ich kenne das andere Extrem zur Panikmache – die esoterische Mär vom Goldenen Zeitalter, von Menschen in der fünften Dimension, die sich der Gottesgegenwart in vollem oder wenigstens deutlich größerem Umfang bewusst sind und sie deswegen auch in großem Umfang leben können. Das Utopia ist schon fast da – eine Welt voller lächelnder Menschen, die kein Geld mehr brauchen weil sie einander alles geben was nötig ist, die keine Tiere mehr essen, weil wir das Wesen der Tiere erkannt haben werden. Die keine Religion mehr brauchen, weil Religion etwas sucht und erhofft, was doch längst da ist. Telepathisch womöglich, im Einklang mit der Natur natürlich, und im Stande, älter als mehrere hundert Jahre zu werden, angeführt von Lichtarbeitern, die aus lauter Freundlichkeit aus anderen Universen inkarnierten, um der trägen Menschheit zu helfen.

Wieviele dieser Theorien haltlose Weltflucht und Ideologie sind, kann ich an dieser Stelle gar nicht erörtern, denn sicher wäre die Apokalypse schneller da als mein Schlusspunkt.

In welcher Wirklichkeit leben wir denn?

Was tut denn die Panikmache vom Untergang mit uns? Und was tut das glücksbesoffene Herbeireden der „Nondualität 2012“ mit uns? Beides hindert uns am Leben. Beides hindert uns daran, wahrzunehmen, was ist. Beides hindert uns daran, in die Abgründe menschlichen Lebens hinabzusteigen und uns zu den Höhen menschlichen Strebens aufzuschwingen.

Wenn ich den ganzen Tag in Sorge verbringe, wo bin ich dann? Sicher überall, aber nicht hier. Ich bin ein Körper, der irgendwo herumsitzt, während meine Gedanken panisch die Vergangenheit nach bedrohlichen Vorzeichen absuchen, die mir möglicherweise entgangen sind, und die Zukunft ausmalen, die mir, meinen Liebsten und meinem Hab und Gut möglicherweise ein unangenehmes Ende bescheren wird.

Wenn ich den ganzen Tag in Vorfreude auf die fünfte Dimension verbringe, die – was auch immer sie ist, für mich ist sie nur eine Vokabel, und auch noch eine ziemlich diffuse – mich auf die harmonische, glückliche und sorglose Zeit freue, insgeheim wahrscheinlich, weil ich es eben nicht geschafft habe, mir in der aktuellen „Dimension“ ein  harmonisches, glückliches und sorgloses Leben zu erschließen, wo bin ich dann? Auch nicht hier. Ich bin ein Körper, der irgendwo herumsitzt, während meine Gedanken, oder in diesem Fall wohl öfter: meine Gefühle, in einer Vorstellung von Perfektion herumschwirren. Eine Perfektion, die mich vielleicht insgeheim darüber hinwegtrösten soll, dass meine Kindheit problematisch, meine Berufswahl absurd, meine Ehe tragisch, mein Bankkonto unnütz weil leer ist. 

Wir sind hier und jetzt gefragt – in jedem Moment

Ich bitte alle, die sich jetzt in ihrer Angst oder ihrer Hoffnung gekränkt fühlen, einfach mal innezuhalten, denn mir geht es nicht darum, Ängste oder Hoffnungen zu diffamieren.

Ängste und Hoffnungen sind menschlich, wir alle haben sie, und wir alle neigen dazu sie über jedes Maß hinaus wachsen zu lassen, bis wir nicht mehr zu denken oder zu handeln im Stande sind. Eine jede Angst und eine jede Hoffnung verrät uns etwas über uns. Über unsere Erwartungen, unsere Sehnsüchte, darüber was wir für ein „gelungenes“ und was wir für ein „gescheitertes“ Leben halten. Das anzusehen ist lehrreich. Aber man sollte seine Lehren ziehen und sich dann weiter auf den Weg machen, denn nichts anderes ist das Leben: ein Weg, der gegangen werden will, und ich sehe sowohl in den Ängsten als auch in den 2012-Utopias soviel Stillstand, dass es mich zutiefst verwundert.

Nicht wegsehen!

Ich bin oft erschüttert darüber, wieviele der Theorien über „neues Bewusstsein“, „das goldene Zeitalter“, „den Lichtkörperprozess“ oder den „Aufstieg 2012“ geradewegs in Blindheit und Teilnahmslosigkeit führen. Insbesondere die Theorien darüber, dass eine jede Seele ihr Schicksal wähle, und dass alles „weder gut noch schlecht“ sei, und dass es so etwas gebe wie eine terminierbare Evolution, führen unser Mitgefühl wie unsere Aufmerksamkeit ad absurdum.

Kann ich denn eigentlich noch sehen, dass mein tägliches Leben kausal mit der Armut des verhungernden Kindes in Ostafrika zusammenhängt, wenn ich annehme, eine jede Seele habe sich ihren Raum für Erfahrung eben selbst ausgesucht? Begreife ich, dass der religiöse Fundamentalismus in armen Ländern (über den wir Säkularisierte uns laufend selbstgerecht beklagen) sich unter anderem unserem Reichtum verdankt? Verstehe ich noch meine Verantwortung in der Aufdeckung eines Missbrauchsfalles in der Nachbarschaft, wenn ich annehme, nichts sei „gut oder schlecht“? Habe ich das Recht anzunehmen, ein Schwein habe sich die Lebensform „industrielle Schweinemast“ ausgesucht? Kann ich wirklich denken, dass mein momentaner gesundheitlicher Zustand nicht so wichtig ist, weil ja 2012 sowieso irgendeine ominöse neue DNA in uns alle implantiert wird?

Ich vermisse einen Bezug zur Realität, so wie wir sie hier und jetzt vorfinden (und ja, ich weiss, dass diese weder fix ist noch objektiv wahrzunehmen). Und alles, was die derzeitige Realität verleugnet, ist lebensverneinend. Auch wenn es von einem noch so glanzvollen Leben spricht.

It’s a long road

Wenn ich mir die zahllosen Szenarien des „zur Göttlichkeit erwachten Menschen“ ansehe, dann blutet mir wirklich das Herz. Denn ich frage mich, ob die Dissonanz zwischen dem, was auf dieser Welt passiert und dem Bild des ganz und gar erwachten Menschen für viele überhaupt nicht spürbar ist. Wie sonst könnte man wohl annehmen, dass sich in diesem Jahr, also in den nächsten 356 Tagen, alles zur Klarheit wendet was unklar ist, alles zur Vollkommenheit wendet, was unvollkommen ist, alles zur Freude wendet, was Leid ist? Wie sehr muss man sich selbst und diesem irdischen Leben, vor allem aber den Sphären jenseits der eigenen Landesgrenze entfremdet sein, um das auch nur für eine Sekunde zu glauben?

Wie klein muss ich Gott denken, um anzunehmen, ich „schaute“ ihn in absehbarer Zukunft? Wie übergroß muss ich den Menschen denken, um anzunehmen, er sei schon „angekommen“?

Ich wünschte, die 2012-Utopisten würden mal das ein oder andere ihrer Theorien selbst ernstnehmen. Denn wenn Gott in uns allen ist, dann wird Gott wohl auch uns alle brauchen, um diese Welt zu verwandeln. Dann wird er wohl jede Hand brauchen, um das Leiden zu beenden und menschenwürdiges Leben für alle zu schaffen. Dann wird er wohl jede Hand brauchen, um die Natur mit dem Menschen zu versöhnen. Und um Gegebenheiten zu schaffen, die so voller Güte sind, dass wir eines Tages vielleicht beginnen können, die Jahrhunderte voller Blut und Tränen dem Vergessen zu übergeben.

Du bist gewollt und gebraucht

Ich finde es durchaus wichtig, sich mit modernen Mythen und der zeitgenössischen Rezeption alter Mythen auseinanderzusetzen, und sicher gehört die Thematik 2012 dazu. Aber bei aller Freude an der Zurkenntnisnahme und Deutung jener Geschichten, denen – wie allen Geschichten – auch Wahres innewohnt:

Keine Evolution, kein deus ex machina, kein Weltuntergang, kein Sternenportal, kein Wunder dieser Welt nimmt es Dir und mir ab, diese Welt zu einem lebensfreundlichen Ort zu machen. Und da fangen wir am besten bei uns an, indem wir den Mut und die Aufrichtigkeit besitzen, unser Leben als das anzuerkennen, was es ist: ein Weg mit Licht und Schatten, mit Hoffnung und Scheitern, ein Weg mit Versäumnissen und Errungenschaften, mit Fragen und Antworten, mit Verantwortung und mit Zwischenräumen, durch die das Licht dessen hineinfallt, das unsagbar ist – auch 2012 noch.

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