Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Bewusstsein’

Natürlich können wir den lieben langen Tag damit verbringen, vermeintlich Unerlöstes aufzuspüren wie Polizeihunde illegale Substanzen am Grenzstreifen. Wir können schwierige Beziehungen lösen, Karma aufpolieren, Schmerz loslassen, Wut einebnen, Schuld ablegen, Verstrickungen durchschneiden, dunkle Energien mit Licht füllen und so weiter und so fort.

Oder wir atmen ein und atmen aus und begreifen mit jeder Faser unseres Seins, dass Leben pulsiert, dass es zerstört und wiederaufbaut, dass es trennt und verbindet, dass es schlägt und streichelt. Leben ist ein wildes, ein ruhiges, ein zerstörerisches und lebensspendendes Meer. Und wir, wir Menschen, werden und wachsen und reifen ebenso am Schmerz wie an der Freude, ebenso am Unfertigen wie am Vollendeten, ebenso am Licht wie an der dunklen Wunde unserer Vergänglichkeit.

Es hat sich eine zwanghafte Korrekturwut in der spirituellen Szene breit gemacht, eine Angst vor dem Zweifel, dem Kummer, dem Staub des Alltags, vor den Fragen die das Leben aufwirft, während wir uns Antworten einrahmen und über unsere Betten hängen.
Wer immerzu korrigiert, hält das Leben selbst für einen Fehler. Hält die Tränen für vermeidbar, und das Unfertige für unerträglich.

Was für eine Erlösung wäre es in der Tat, könnten wir aufhören, das Leben wie eine heilbare Krankheit zu betrachten. Könnten wir annehmen, dass wir Fehler machen, dass wir an Schmerzlichem reifen können, dass wir auch die Risse brauchen, durch die ein unerwartetes Licht herein scheint. Was für eine Befreiung wäre es, könnten wir wirklich und wahrhaftig für gut halten, dass es Dinge gibt, die nicht zu beenden und die nicht zu vollenden sind. Die untergehen mit Fragen, die Fragment bleiben und Geheimnis. Es gibt nicht den Moment, in dem man meint, einem Sterbenden alles gesagt zu haben. Es gibt nicht den Moment, in dem man frei ist von Brüchen und Fragen und Verstrickungen. Es gibt nicht den Moment, in dem endlich alles erledigt ist.

Es gibt nur Leben. Es ist nichts falsch daran, sich heil fühlen zu wollen. Aber suche nicht das nicht machbare Heilsein, das Dich jeden Tag aufs Neue um blutvolles Leben bringt und das nur Deine Ängste nährt. Erlaube Dir Fehler, Schmerz, Zweifel und Fragen. Erlaube Dir selbst, Dich zu entfalten, durch alle Unwägbarkeiten und durch chaotische Phasen hindurch.

Dann kann es passieren, dass Du folgendes bemerkst: Du gibst dem Leben keine Anweisungen mehr, wie es zu sein habe. Du selbst wirst lebendiges Zwiegespräch.

Read Full Post »

Der Bayerische Rundfunk fragt in die Runde, woran man heute noch glauben kann. Sinn und Hingabe in unserer Zeit, wo finden sie sich? Das ganze ist ein junges Blogprojekt, das in einen Dokumentationsfilm für das Bayerische Fernsehen münden soll.

Ich freue mich, dass auch ich für den aktuellen Artikel interviewt wurde und das Klanggebet Projekt Erwähnung fand. Den Blogartikel findet Ihr hier – und bookmarked Euch doch den Blog für viele interessante Bekenntnisse mitsamt kritischer Betrachtung in unserer Zeit.

Dass ich mich, wie es in der Einleitung heisst, „für die eine oder die andere Seite entschieden“ habe, nämlich die Annahme dass Spiritualität gut sei oder krankmachend, würde ich vielleicht anders formulieren. Die Reihe an kritischen Texten in diesem Blog ist Ausdruck meiner Überzeugung, dass eine ernstmeinte und aufrichtige Spiritualität immer auch wachsam in in Bezug auf ihre Pervertierung sein muss. Davon sprachen schon die alten Mystiker, die um die Neigung des Menschen wussten, Gott zu allerlei Trost und Entzücken vom Himmel herabzuzerren, was man heute schlicht die Verführungen des Ego nennen würde. Und dieses Ego kann sich freilich aller Dinge bemächtigen, auch noch des spirituellen Strebens. Die spirituelle Landschaft ist voll von diesem Phänomen, wie wir unsere Machtgier, unsere Erfolgssucht, unsere Konfliktunfähigkeit, unsere Überlegenheitsfantasien in spirituelle Modelle kleiden, sie spirituell rechtfertigen. Und ein Mensch, der seine Machtgier spirituell rechtfertigt, sie also gewissermaßen gegen irdische Kritik immunisiert, der ist in der Tat gefährlicher als ein Mensch, der schlicht und ergreifend Macht geniesst und daraus keinen Hehl macht.

Ich bin aber in der Tat auch überzeugt davon, dass jeder, der sich von der Erfahrung des Göttlichen erschüttern lässt, bereit ist, eine um die andere Täuschung, und eine um die andere Versuchung aufzugeben. Bereit ist, sich in die tiefe Aufrichtigkeit führen und mitnehmen zu lassen, an deren Grund man plötzlich die Dinge lassen kann, die gestern noch so wichtig schienen, und die Dinge tun kann, die gestern noch unmachbar schienen. Da ist kein triumphales Getöse. Da ist nur eine Klarheit. Ein Wissen um Kleinheit und Größe gleichermaßen. Eine kleine, unlöschbare Flamme. Und dann trägt man diese Flamme in die Welt.

gebet

Read Full Post »

Manchmal, wenn wir durch Schicht um Schicht unserer Weltanschauungen gestürzt und gesunken sind, durch unseren Glauben, unsere spirituellen Lehren, unsere Konzepte, schlagen wir auf dem Grund der Erkenntnis auf, dass es ein Verstehen gibt, das nicht an Worten reifen kann, nicht an der Anschauung derer, die verwirklicht scheinen, und erst recht nicht an dem Wunsch, erklärend Angst zu zähmen.

Dieses Verstehen gibt es nur um den Preis unserer ganzen Existenz, unseres Seins ebenso wie unseres Handelns, und dieses schließt eine Freiheit ein, die so bodenlos ist, dass wir wiederum stürzen und fallen, noch aus der Beruhigung einer individuellen Bestimmung, der wir bloß Folge zu leisten hätten.

Und fallend dämmert es uns, wie ein Morgen nach endloser Nacht, dass wir selbst lebend Verstehen werden. Dieses Verstehen ist die Liebe selbst, von der wir annahmen, wir müssten sie erst finden, bevor wir uns die Fähigkeit erwürben, wahrhaftig Mensch zu sein.

key

Read Full Post »

Das Sein und das Werden sind die zwei Gesichter des Lebens. In Stille, im Gebet, in Meditation werden wir uns unseres Seins bewusst, unserer Essenz, unserer Weite jenseits von Biographie. Ungebrochen ist dies Sein, unbeschadet und unveränderlich, und mehr müssen wir über dies Sein nicht sagen, als: es ist.

Im Tun sind wir stets bewegt und bewegend, wir sind Schöpfer, wir erschaffen und streben und aus allem was wir schaffen, erwachsen neues Streben und neue Schöpfungen. Wir bauen Häuser, schreiben Bücher, berechnen Formeln, entwerfen Utopien. Wir zeugen Kinder. Und: wir machen Fehler. Dieses Tun ist Ausdruck ständiger Verwandlung, niemals endender Entwicklung, und mehr müssen wir über dies Tun nicht sagen, als: es ist ein Werden.

Viele alte spirituelle Traditionen neigten dazu, das Tun zu verwerfen, es zu dämonisieren oder zu stigmatisieren, als Verliebtheit in die Welt, als Verkennung des wahren Seins, als Verstrickung in das Illusorische. Buddhismus, Hinduismus, Christentum, sie alle haben ihre Zeiten und Strömungen gehabt, in denen sie vor der Gefahr der Welt und ihrer Geschäftigkeit warnten. Und diesem Gedanken verdanken sich die zahllosen Asketen, erwachten Dauermeditierer und weltfremden bis weltfeindlichen Hüter des reinen Seins, bis hin zu vielen Vorurteilen, die wir noch heute schwerlich loswerden.

Eine zeitgenössische und zeitgemäße Spiritualität muss etwas anderes verkünden als die Seligkeit des Seins und die Gefahr des Tuns. Sie muss und darf diese beiden Gesichter der Wirklichkeit einen und sie als Ausdruck der allem Geschaffenen innewohnenden Weisheit betrachten. Als evolutionären Plan, in sich vollkommen und gut.

Das Sein und Werden gleichen dem Ein- und Ausatmen des Menschen. In Stille erfahren und verkosten wir unser Sein, das keiner Veränderung bedarf, weil es in sich vollkommen ist. Im Tun erfahren wir unser Werden, das ein niemals endender Schöpfungsakt ist.

Sich auf das Sein und Werden einzulassen, bedeutet, sich in der Seligkeit des reinen Seins nicht der Welt zu verweigern, die unserer Schöpfungen und unserer Gestaltungskraft bedarf. Es bedeutet auch, sich durch die schöpferische Teilnahme am weltlichen Geschehen nicht auf eine Art zu zerstreuen, die uns das stille unbewegte Sein an unserem Seelengrund vergessen lässt. Wir atmen ein, wir atmen aus. Wir sind. Wir werden.

Für manch einen ist es erstaunlich, aber auch das Kreuz erzählt uns von diesem zweigesichtigen Mysterium des Lebens. In der Horizontalen und Vertikalen des christlichen Kreuzes ist das vereint, was zunächst widersprüchlich scheint: das unverändliche Sein Gottes in uns und in allem Erschaffenen, und das unendliche Werden des Kosmos. Dort, wo sich die Balken vereinen, ist Christus.

Manchmal, wenn ich die Welt nicht mehr verstehe, bete ich: Christus, erzähle mir vom Sein. Christus, erzähle mir vom Werden. Es ist ein Gebet, das die Tür ins Mysterium öffnet. Jeden Tag ein wenig mehr.

Read Full Post »

Ein Weihnachts- und Jahresendbrief von Herz zu Herz

Liebe Freunde,

ein bewegtes Jahr geht zuende, und 2014 steht vor der Tür. Ich möchte zum Jahresende vor allem etwas zu jenen sagen, bei denen sich Schwere und Traurigkeit in den Jahresübergang mischen. Zu jenen, die mit Erschöpfung, Ungewissheit und möglicherweise Mutlosigkeit ins neue Jahr blicken.

In diesem Jahr haben mich auf der Suche nach Rat und Begleitung viele Menschen kontaktiert, die sich als verzweifelt bezeichneten, als schwermütig, zerrissen oder müde. Sie erzählten mir von schweren Einschnitten, von Abschieden, von beruflichem Scheitern, Krankheit, und von schmerzlichen Trennungen nach langjährigen Beziehungen. Sie erzählten mir auch vom Sterben geliebter Menschen und von dem Gefühl, mit allem, worauf ihr spirituelles Leben sie stets verweist, im Kampf zu sein. Allein zu sein.

Auch ich musste in diesem Jahr mehr denn je innere Entwicklungsprozesse austragen, die nicht selten den Charakter von Kampf trugen. Auch ich habe das ein oder andere schmerzlich verlieren müssen, und auch ich musste den Tod eines Menschen hinnehmen, der mir einmal so viel bedeutet hat. Es fiel mir auch daher nicht schwer, jene zu verstehen und mitfühlend zu begleiten, auf denen Verluste, Ängste, Trennungen oder spirituelle Krisen lasteten.

Was lehrt es uns, wenn wir Besitztümer verlieren, wenn wir Vertrautheiten, wenn wir berufliche Erfolge verlieren, oder unsere Ordnung? Ich denke, es lehrt uns eines: dass wir nichts haben. Wir möchten so gerne glauben, dass wir alles haben können, dass uns Glück, Reichtum und Erfolg per Geburtsrecht zustehen, und deswegen rennen wir all den Predigern die Türen ein, die uns genau das erzählen. Die uns sagen: die freie Marktwirtschaft des Seelischen hält Top-Konditionen für Dich bereit.

Aber wenn wir uns ans Herz fassen, und wenn wir still werden, und wenn wir mit gesundem Menschenverstand und mit Achtung vor allem was ist auf die Dinge blicken, dann sehen wir, dass wir nichts haben. Wir kommen mit leeren Händen auf die Welt, und wir gehen mit leeren Händen. Und was sind wir zwischen unserem Kommen und Gehen anderes, als Hüter und Verwalter der endlichen Dinge, die uns in unsere endlichen Hände gelegt wurden?

Hüter und Verwalter der endlichen Erscheinungen aber halten nicht fest an dem, was ihnen nicht gehört, und sie halten nicht fest an dem, was ihnen genommen wird wenn die Zeit gekommen ist.

Und noch weniger lassen sie zu, dass sie von den Dingen, die sie verwalten, in Besitz genommen werden. Auch nicht von Ordnungen. Auch nicht von Selbstbildern. Von keinem materiellen oder ideellen Konstrukt.

Dies ist keine bittere Erkenntnis, sondern eine, die uns nähren und tragen kann, denn erst wenn wir begreifen, dass wir nichts haben, umarmt uns die Erkenntnis, dass wir alles haben. Wir mögen unsere Besitztümer verlieren oder unsere Karrieren, unsere Ehen, unsere äußere Ordnung, ja sogar unseren Glauben. Unsere Naivität zu denken, dass alles immer so weiter gehe wie wir es schätzen.

Einmal kommt der Punkt, da sickert unweigerlich die Erkenntnis zu uns durch, dass wir ungeachtet all dieser Verluste doch immer noch leben. Immer noch denken, fühlen, atmen, lieben, immer noch unsere Hände und unsere Schöpferkraft haben, und immer noch Zugang zu Schönheit, die uns an jedem Morgenhimmel grüsst. Immer noch im Herzen unbeschadet sind. Manch einer fühlt nach dem ersten Kummer eine Kühnheit in sich aufsteigen, wenn er etwas Bedeutendes verliert, und diese Kühnheit ist ein Aufbegehren, weil wir spüren dass das was wir zu besitzen glaubten, uns besaß – und besetzte. Und diese Kühnheit ist noch mehr: sie ist die Ahnung des nicht endlichen Seins, der tiefen Freiheit, die Erfahrung, dass in uns eine Instanz ist, die durch nichts beschädigt wird. Die immer heil ist, was da auch kommt. Die in sich die evolutionäre Kraft des Universums trägt, die strebt und wächst und einen immer vollkommeneren Ausdruck ihrer selbst sucht, die zu immer klarerer Bewusstheit hinblüht.

Diese Instanz ist unser tiefstes Wesen. Unser Gewahrsein, unser Seelengrund. Hier eröffnet sich die Welt, in der wir uns entgrenzen lassen können. Stell Dir eine Zwiebel vor mit ihren vielen Hautschichten. Haut um Haut lässt Du los, jedes Mal wenn Dir ein Selbstbild, eine vertraute Ordnung, ein Besitz verloren geht. Denn jedes mal wirft das Leben die Frage auf: Erschöpfte sich Dein Wesen in diesem Selbstbild? Bist Du weniger geworden durch den Verlust Deiner Ordnung? Bist Du beschädigt durch den Verlust Deines Hauses? Bist Du kein vollständiger Mensch mehr, weil Dein Partner fort ist? Bist Du weniger Schöpfer, weil Du ohnmächtig bist?
Und wenn Du ehrlich bist, musst Du sagen: nein.
Das ist großartig.

Wenn uns das Leben an diesen Punkt führt, an dem wir dieses nein sprechen können, dann dürfen wir dankbar sein, denn es führt uns zum größten Ja, zur Akzeptanz dessen, was ist, und zur Akzeptanz und Würdigung unserer Verantwortung und Gestaltungskraft. Wir nehmen uns die Zeit, das Alte zu betrauern. Trauer ist gut und heilsam. Und dann üben wir uns darin, die Erkenntnis die darin liegt, dankbar anzunehmen und uns von ihr formen zu lassen.

Der Tod ist zweifellos der strengste Lehrer. Denn er erinnert uns daran, dass wir nichts besitzen, auch nicht die Zeit mit einem Menschen. Wenn sie abgelaufen ist, müssen wir es annehmen. Müssen auch annehmen, dass wir wünschten, wir hätten vieles besser gemacht. Dort, wo wir unbeschadet sind, wissen wir jedoch, dass kein Leben je verloren ist. Und dass nichts jemals aus dem Ozean fällt, der jedes Leben hervorbringt.

Es hat einen Grund, dass es in schamanischen Traditionen Trauerrituale gibt, in denen Tränen gesammelt werden. Es hat einen Grund, dass die Tara aus dem Buddhismus in einer Lotosblüte aus einem Meer der Tränen aufsteigt. Es hat einen Grund, dass in christlicher Volksfrömmigkeit Menschen ihre Tränen der Gottesmutter oder Jesus darbringen. Aus diesen Bildern und Ritualen grüsst uns das Wissen, dass am Grunde des tiefsten Verlustes das Unverlierbare wartet. Hier drückt sich unsere Ahnung aus, dass uns Menschen die schöpferische Kraft innewohnt, aus Schmerz eine treibende Kraft zum Guten hervorzubringen. Dort, wo wir Leiden erleben und beobachten, drängt aus unserer Brust eine Sehnsucht nach einer besseren Welt. Ein evolutionärer Wille zum Guten. Geben wir uns diesem Willen hin.

Zwischen dem, was Du heute verlierst, und dem, was Du morgen erringst, liegt alles was Du brauchst. Alles was Du bist. Ein unbeschadeter, unverrückbarer Ort des Lebens.

Diese Zeit ist zweifelsohne eine Zeit der Ent-deckung. Das, was wir im Innersten sind, möchte aufgedeckt und entfaltet werden. Und wir sind dazu imstande, diese Entfaltung zu bejahen und auszutragen. Auch wenn wir uns mal klein oder überfordert fühlen.

Hab Mut und sprich auch Anderen Mut zu. Hab Vertrauen und sei vertrauenswürdig. Sei nachsichtig mit Dir und Anderen, wenn Dir oder ihnen mal der Mut sinkt. Vergiss nicht, dass jedem Tag, jedem Moment die Möglichkeit der Erneuerung innewohnt. Es gibt kein Zuspät für Veränderung, für Erkenntnis, für Versöhnung, für Tatkraft, für Liebe. Für die Erfahrung des Unendlichen in Deiner heiligen, einzigartigen Endlichkeit.

Ich wünsche Dir ein frohes Weihnachtsfest, besinnliche Rauhnächte und ein gesegnetes, lebendiges und herzensfrohes 2014.

Giannina

(Ich verabschiede mich bis Anfang Januar in die Stille und wünsche Euch eine gute Zeit ♥)

Read Full Post »

Was wäre, wenn wir unseren Schmerz annehmen könnten. Unsere Angst. Unsere Wunden. Wenn wir unsere Kraft, unsere oft gerade angesichts einer schmerzhaften Erfahrung unbändige Kraft in so etwas fließen ließen wie eine Umarmung, anstatt in die Abwehr. Wie unglaublich verändernd wäre das.

Wir können es schon fast nicht mehr hören, weil es uns zu oft zugesäuselt wurde, das: nimm den Schmerz an. Oder das: lass los. Und oftmals bleiben diese Worte hohl, weil uns gerade keine Erfahrung an diesen Ort mitnimmt, an diesen alles entscheidenden Wendepunkt unseres Lebens. Denn bisweilen braucht es wirklich eine tragische Wendung, damit wir endlich kapitulieren. Damit wir uns eingestehen: ich kann nicht weglaufen. Dieser Schmerz ist grösser als ich, er wird mich einnehmen, er ist schneller als ich, er wird mich einholen, er ist stärker als ich, er wird mich brechen.

Oft bleiben uns diese Worte auch hohl, weil wir darin –oftmals zu Recht- eine Falle vermuten. Die Falle, doch nur wieder Schmerz vermeiden zu wollen, Schmerz umgehen zu wollen, glauben zu wollen dass überwunden ist, was quält. Der Mensch ist erfindungsreich, wenn er den Schmerz umgehen will. Bis hin zu dem Punkt an dem er sich komplett verleugnet, in die Dissoziation geht, sich erleuchtet nennt oder egolos oder erwacht, nur um diesen Schmerz nicht mehr fühlen zu müssen, der uns alle irgendwann ereilt, und der alles niederreisst, was Fassade war. In diesem Jahr kursierten Bekenntnisse einiger Satsang-Aussteiger, die genau dies berichteten. In denen gerade lehrende Menschen gestanden: ich habe zehn, zwanzig, dreissig Jahre lang nichts anderes getan als den Schmerz zu umgehen. Hinter meinem Lächeln wähnte ich mich in Sicherheit, und hielt damit nur andere Menschen davon ab, sich ihrem Schmerz zu stellen.

Wir alle sollten aussteigen. Aus der Verleugnung. Aus der Flucht. Aus dem Schönreden. Aus allem glänzenden, lächelnden, rosaumwölkten Treiben, das, wie wir am Grunde unseres Herzens wissen, nichts anderes will als den Schmerz zu umgehen.

Ja, aber sind wir nicht Verlierer, wenn wir uns vom Schmerz besiegen lassen? Wenn wir ihm nicht das schnaubende Streitross unseres Glaubens entgegenstellen? Unser Erwachtsein, das doch munkelt, die Dualität sei eben so? Unsere Schöpferkraft, von der wir glauben sie könne sich schon wieder alles zurechtmanifestieren was schief gelaufen sei weil wir noch nicht reif waren?

Nein, sind wir nicht. Sich vom Schmerz in einem Moment, der alles ist, besiegen zu lassen, ist tiefste, wahrhaftigste Anerkennung dessen, was ist. Dessen, was auf irdischer Ebene ist, und nirgends anders sind wir zu diesem Zeitpunkt. Wenn es Dir unerträglich ist, verlassen zu werden, anerkenne dass es Dir unerträglich ist verlassen zu werden. Wenn Du vor Trauer fast den Verstand verlierst, weil jemand den Du liebtest gestorben ist, anerkenne, dass Du vor Trauer fast den Verstand verlierst. Wenn Du vor Angst besinnungslos bist, anerkenne dass Du vor Angst besinnungslos bist. Es führt kein Weg vorbei an dieser Bejahung. An diesem Moment, in dem Du entscheidest anzuerkennen, dass es eben so ist.

Und wenn Du so aufrichtig in Deiner Wahrnehmung bist, und vergiss nicht, dass Deine Wahrnehmung alles ist – der Ort und die Form, in der sich der Lebensstrom, nennen wir ihn Gott, ereignet – dann wirst Du erfahren, dass dieser Schmerz nicht alles ist. Dann wirst Du feststellen, dass dieser Schmerz, der auf irdischer Ebene alles ist, der im Moment Deinen ganzen Raum einnimmt, auf einer absoluten Ebene, die Dir ebenso als Seinsraum zugänglich ist, nicht alles ist.

Ich spreche hier über mystische Erfahrung. Über die Erfahrbarkeit des Göttlichen, des Ewigen, des Absoluten. Man mag über diese mystische Erfahrung denken, dass sie allein Gnadengeschenk ist und dass sie kommt wann sie will. Ich bin aber überzeugt, dass der Moment, in dem wir die raumgreifende Präsenz des Schmerzes anerkennen, ein Schlüssel ist, der diesen Raum zu öffnen vermag.

Wenn Du die mystische Erfahrung suchst um einen Bogen um das Schmerzhafte zu machen, wird sie sich Dir verschließen bis Dir Geduld und Spucke ausgehen. Oder Du wirst Dich von High zu High tragen, bis Du bemerkst, dass Du Dich mehr und mehr vom Leben entfernst um ein Dasein in einem wattierten Paralleluniversum zu fristen. Das Absolute zu erfahren, ist nur durch Anerkennung des Relativen möglich.

Wenn Du vom Absoluten kosten darfst, wirst Du merken, dass das Irdische nicht weniger schmerzhaft wird. Ganz im Gegenteil wird der Schmerz grösser, eben weil Du tiefer in differenziertes Empfinden hinabsteigst, und eben weil du tiefer Anteil nimmst an den Wunden der Schöpfung. Das was Du früher noch desinteressiert abnicktest als „Das ist eben so“, bohrt sich dann schmerzlich in Deinen Erfahrungshorizont: das Unrecht auf der Welt, der Hunger, die Gewalt, ja noch ein respektloses Gespräch in der U-Bahn oder die Blume am Wegesrand, der ein wütendes Kind den Blütenkelch abgeschlagen hat. Und Deine Verbindung zu all dem, Deine Verantwortung in all dem. Mystiker werden zunächst immer dünnhäutiger, und krümmen sich unter dem vermeidbaren Leiden der Welt, unter den Grausamkeiten, die wir Menschen salonfähig gemacht haben bis zu dem Punkt an dem sie uns gar nicht mehr als solche auffallen.

Gleichzeitig wächst im Mystiker die Wahrnehmung des Lebensstroms heran, der in seiner Schönheit vollkommen ist, selbst noch angesichts der Wirrungen unter Menschen, selbst noch angesichts der Vergänglichkeit und des Sterbens, und der überall und zu jeder Zeit gegenwärtig ist. Wenn Du in diesem Prozess bist, dann wirst Du immer öfter Momente erleben, in denen beides zur selben Zeit gegenwärtig ist: das Schmerzliche, und das ewig ungebrochen Schöne und Vollkommene. Und das beides gleichzeitig zu erleben, und auszuhalten dass das Unliebsame sich durch die Präsenz des Absoluten nicht einfach in Wohlgefallen auflöst, das ist eine Kunst, die wir erlernen müssen. Der Schrecken des Todes ist in das ewige Leben gebettet. Beides siehst Du. Das ist Alltagsmystik, das ist Anerkennung der uns zugänglichen Wirklichkeiten und das Wachsen und Reifen daran. Etwas in uns reift dann auch dazu heran, die Endlichkeiten, das Scheitern, die vielen kleinen und großen Kümmernisse des Alltags mit einer neuen Würde, Kraft und auch Gelassenheit zu tragen.

Es hilft nicht, dem Schmerz vorwegnehmend einen Sinn aufzuschwatzen, wie wir das immer tun wenn wir sagen: „Wer weiss, wofür es gut ist“, oder „Das hat meine Seele sich so ausgesucht“. In den Momenten, in denen die raumgreifende Präsenz von Schmerz gleichzeitig mit der Vollkommenheit und Urteilslosigkeit des Absoluten in mir zugegen ist, in diesen Momenten allein kann ich von ganzem Herzen sagen: ja, Schmerz, Du bist mein Lehrer. Oder: Du bist mein Freund. Oder: Du bist in diesem Moment meine Kraft der Veränderung. Mein Wake-up-call oder der Erwecker meiner Gaben. Der dunkle Schoß, aus dem ich neu geboren werden darf.

Also erneut die Frage: Was wäre, wenn wir unseren Schmerz annehmen könnten. Unsere Angst. Unsere Wunden. Wenn wir unsere Kraft, unsere oft gerade angesichts einer schmerzhaften Erfahrung unbändige Kraft in so etwas fließen ließen wie eine Umarmung, anstatt in die Abwehr. Wie unglaublich verändernd wäre das.

***Ich weise darauf hin, dass ich in diesem Text Menschen ohne schwerwiegende psychische Erkrankungen adressiere.

Read Full Post »

Vielleicht hast Du es auch schon erlebt, dass Dir Menschen erzählen, warum sie meditieren. Dann sagen sie, weil es ihnen Entspannung ermögliche, weil es ein Ausgleich zum stressigen Job sei, weil sie sich davon Gesundheit versprechen, weil sie glücklich sein oder auf dem Meditationskissen einen Ort jenseits ihrer Probleme finden wollen. Im Grunde sagen all diese Dinge aber nichts über das „warum“, sondern allenfalls über ein „wozu“. Und damit verraten wir schon wieder unsere westliche Denke, in der alles und jeder auf seinen Nutzen hin ausgewrungen wird, auf unseren ganz weltlichen, eigenen Nutzen und Vorteil hin, um den wir uns nicht bringen lassen, auch (oder sollte ich sagen: „gerade“) nicht in spirituellen Fragen.

Was wäre aber, wenn wir uns die Freiheit nähmen, auf den Nutzen zu pfeifen?
Meditation ist für mich, wie alle anderen Formen des Gebets, kein Tun oder Sein, das einem Nutzen unterworfen wäre. Manchmal scherze ich dann, Meditation gehöre schlicht und ergreifend zur artgerechten Haltung des Menschen. Denn ebenso wie der Körper sich bewegt, der Verstand denkt, der Emotionalkörper fühlt, ebenso meditiert eben, in einem prozesshaften Akt der Selbsterkenntnis, der Geist. Wenn wir ihn lassen.

Wem das zu wenig ist, der wird auf dem Meditationskissen sicher noch das ein oder andere mal sein blaues Wunder erleben. Denn auf einem aufrichtig beschrittenen spirituellen Weg geht es unseren eigennützigen Wünschen an den Kragen. Davon erzählt uns Buddha, der mit geschlossenen Augen nach innen blickt und lächelt, weil seine nach aussen dringenden Vorstellungen und Wünsche ihn nicht länger versklaven. Und davon erzählt uns auch Jesus, der im Ölgarten schwitzt und blutet und sagt „Nicht mein Wille geschehe, sondern Deiner“.

Das soll nicht heissen, dass das irdischen Wünschen, Denken, Urteilen und Wollen dem Willen Gottes zwangsläufig sündhaft zuwiderlaufen. Lange genug haben uns das die Religionen glauben machen, in einer niemals endenden Geschichte der Schuld und Sühne, des unwürdigen Körpers und der würdigen Seele, der nichtigen Welt und der glorreichen Ewigkeit. Viel eher heisst es wohl, dass der Meditierende, der Betende, der Gott um die Erfüllung Seines Willens Bittende, die in ihm waltenden Instanzen mitsamt ihrem Eigennutz und ihren Grenzen erkennen kann. Und dann kann er den entscheidenden Schritt gehen: diese Instanzen zu Dienern umformen zu lassen, anstatt sich länger ihrer Herrschaft zu unterwerfen.

„Nicht mein Wille geschehe, sondern Deiner.“ Dieser Satz ist übrigens eine schöne Einleitung für eine Meditation. Wer es wagt, das auszusprechen, das nicht bloss mit den Lippen, sondern dem Herzen zu sagen, begibt sich in eine Meditation, die eine ganze Lebensspanne umfassen und durchdringen wird.

Read Full Post »

Older Posts »