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Posts Tagged ‘Christentum’

In einem aktuellen Interview, das Doris Iding mit mir führte, sprachen wir über Synästhesie, mystische Erfahrung, Klöster, Gebetsleben und das Heiligtum des Alltags. Das Interview findet Ihr im Yoga aktuell Heft 99, das zum 1.8. erscheint – am Kiosk oder bestellbar unter diesem Link.

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Etwas, das wir heute kaum noch begreifen, etwas das uns ambitioniert und elitär denkende Spiritualität ausgetrieben hat, ist, auch die Tränen jener zu achten, die daraus ganz und gar nichts Kraftvolles, Schöpferisches oder Erhebendes gewinnen können, und deren Umgang mit Leiden alle Zeichen des Zerbrechens und Scheiterns trägt, und keine der Transformation oder des Triumphs.

Zeitgenössische spirituelle Konzepte loten für uns den Idealmenschen aus, der zwar den unseligen Regeln von Kapitalismus, Medienmanipulation und unterdrückenden religiösen Systemen schlau in die Karten schaut, der dafür aber in dem was wir für geistiges und körperliches Glück halten, deutlich raffgierige, manipulative und despotische Züge trägt, der also die Systeme die er ablehnt, ganz und gar verinnerlicht und auf seine spirituellen Wahrnehmungsgewohnheiten übertragen hat.

Es wird gemobbt wie an jeder durchschnittlichen Mittelschule, und Objekt der Ablehnung und offenen Aggression ist oft der Mensch, der an dem ihm widerfahrenen Leid zugrunde geht.
Die spirituellen Aggressoren finden dafür allerlei wortreiche Begründungen: der zerbrechende Mensch sei resilienzunfähig, erkenntnisunfähig, niedrig-memig, unerwacht, egoverhaftet, karmisch verstrickt, widerständig, unerlöst, möglicherweise sogar verflucht, besessen oder wenigstens fremdbestimmt. Je flacher die esoterischen Gewässer, desto tiefer die Ablehnung gegen den leidenden Menschen, gegen das Schmerzliche, das sich nicht kurieren lässt.

Die Ablehnung richtet sich sowohl gegen den geschundenen Körper, als auch gegen die von Traurigkeit erdrückte Seele. Zahllose Bestseller auf dem Lebenshilfemarkt suggerieren uns, Krankheit sei eine direkte Folge falscher Denkmuster und somit im Umkehrschluss durch Besserung innerer Gewohnheit auch in jedem Fall zu heilen. Der nicht genesende Mensch steht unter Generalverdacht, die ihm innewohnenden Fähigkeiten zur Regulierung seiner Körperfunktionen schlicht und ergreifend nicht wahrzunehmen, sei es aus Unwillen oder Unfähigkeit, was gleichermaßen eine Beleidigung des „natürlichen Zustands Gesundheit“ darstellt
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Der traurigen Seele geht es ähnlich: sie bringt sich ja um das ihr vermeintliche verliehene „Geburtsrecht Glück“. Man bringt ihr bestenfalls Bedauern entgegen, dafür dass sie den natürlichen Zustand der Seele, „bliss“, Seligkeit, Glück, das Bewusstsein für die Schönheit und Gutheit aller Dinge nicht zu erlangen imstande ist.

Wenn auch aus psychologischer, medizinischer und spiritueller Perspektive viele dieser Behauptungen Wahrheit enthalten – niemand wird leugnen wollen, dass Gesundheit durch willentliche Entscheidungen, gedankliche Neuorientierung und das Schaffen gesundheitsfördernder Gewohnheiten stabilisiert werden kann, und niemand wird leugnen, dass es eine ganz natürliche Fähigkeit zum Glück gibt, die bei uns meist zum Vorschein kommt wenn wir nicht von zahllosen Strukturen der Gewalt drangsaliert sind – so haben sich Mechanismen der Ablehnung und Stigmatisierung längst verselbständigt und als tiefschwarzer Schatten Einzug in unsere spirituellen Konzepte gehalten.

Wir alle kennen oder sind Menschen, die zu strahlend glücklichen Leuten sagen: „Ich sehe zu Dir auf“, oder zu Menschen die sich von ihrer Krankheit geheilt haben „Ich danke Dir, dass Du mir aufzeigst, dass man die Krankheit überwinden kann“, oder zu Menschen, die mit allem im Reinen zu sein scheinen „Ich sehe in Dir die Verkörperung göttlichen Lichts“.
Es liegt uns aber fern, zu einem tieftraurigen Menschen zu sagen: „Ich sehe zu Dir auf.“, oder zu einem nicht genesenden Kranken „Ich danke Dir für das Leid, das Du trägst“ oder zu einem Verzweifelnden „Ich sehe in Dir das Zerbrochene als Manifestation Gottes“. Und das scheint mir schlicht und ergreifend eine krankhafte Verzerrung der Wirklichkeit, eine Schieflage die sich unserer Unfähigkeit verdankt, auch das was wir gemeinhin für Scheitern halten, als Schöpfungsprozess und als ehrbares Leben zu betrachten.

Nicht erst der Leidende der sein Leid überwindet, verdient unsere Achtung und Liebe – auch der Leidende der es niemals überwindet, verdient sie. Wir müssen unsere Zuneigung von Belohnung und Bestrafung befreien. Von Urteilen, die uns nicht zustehen. Dass wir menschengemachtes Leiden minimieren sollten steht freilich außer Frage. Wie wir aber mit jenen umgehen, die unsere obsessive Glücksbesoffenheit und unsere beschränkte Auffassung von gelungenem Leben nicht teilen, bedarf dringend einer Veränderung.

Wie kaum eine andere spirituelle Tradition trägt das Christentum dieses Wissen. Man nehme nur einmal die Geschichten um die Zöllner, Sünder und Prostituierten, um Menschen also, die nach damaligen gesellschaftlichen und religiösen Gepflogenheiten als unwürdig und gesellschaftsunfähig galten. Wir verkürzen diese Geschichte sehr, wenn wir nur den Aspekt der „Sünde“ darin sehen. Jesu Zuneigung galt all jenen, die den gebotenen Normen nicht genügten. Man blicke auf die extremste Figur des Christentums: Judas, dessen Verrat und verzweifelter Suizid sich in eine Heilsgeschichte verweben, die ohne sie gar nicht denkbar gewesen wäre. Das Christentum duldet, bevormundet oder bemitleidet keineswegs jene, die traurig, verzweifelt und aus gesellschaftlicher Perspektive untragbar sind. Stattdessen birgt es sie als heilige Orte, an denen Gott gegenwärtig ist, als menschliche Gärten, in denen Gott seine Schöpfung zur Blüte treibt.

Das Dunkel Vieler

Mir ist, als trügest Du die tausend Krüge,
die reich gefüllt sind mit den Tränen dunkler Nacht.
Wenn nur die Welt erst schläft und ihre Atemzüge
auch Deine Seele wiegen, die in Stille wacht,

dann lassen sinkend Deine rauen Hände
von den Gefäßen, die sich stürzen bis zum Grund.
Dort in den Scherben kommt ein Nachtgebet zum Ende,
und schwarze Vögel schrecken auf aus Deinem Mund.

Du bist wie ein verrußter Tabernakel,
so schwarz und gläsern wie der Rauchobsidian.
An Deinem Leiden ist kein Fehlen und kein Makel,
es folgt Dein Herz den Sternen gleich nur seiner Bahn.

Das Erdenleben gleicht dem Rosengarten.
Ein jeder Schritt treibt uns die Dornen in die Haut.
Die Gnade Gottes lässt uns nicht auf Tröstung warten,
wenn sie das Dunkel Vieler Einem anvertraut.

helfta

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Ich bin Kind einer Generation, die in der Schule eine ganze Menge über das Aufkommen des Nationalsozialismus und dessen verheerende Folgen lesen musste. Wenn ich so zurückdenke, habe ich oft das Gefühl, meine Kindheit stand unter dem dunklen Stern von Aufarbeitung der Volksschuld einerseits und unter dem ebenso finsteren Stern des Wettrüstens und des kalten Krieges. Ich unterhielt mich mit Klassenkameraden oft über Angst. Angst vor dem dritten Weltkrieg. Angst vor eskalierender Feindseligkeit. Tschernobyl gab unserer kindlichen Unschuld irgendwie den Rest. Fortan fürchteten wir auch noch die unsichtbare Verseuchung der Dinge die wir uns arglos als Nahrung in den Mund steckten. Für Kinder ist es sicher nicht leicht, Fakten und Gefühl, Gefahren und diffuse Ängste zu unterscheiden. Glücklicherweise hatte ich Eltern, die immer willens waren, dieses Chaos mit mir zu sortieren, und die niemals aufhörten an das Gute im Menschen zu glauben. Es blieb aber dennoch dabei: es waren schwere, beängstigende Themen, und ich hatte das Gefühl, in einer gefährlichen Welt zu leben. Und das Gefährliche daran waren die Dummheit und die unkontrollierten dunklen Gefühle des Menschen – eine Feindseligkeit wie eine nicht zu beherrschende Krankheit.

Das Thema „Drittes Reich“ beschäftigte mich so sehr, dass ich auch in meiner Freizeit ständig Bücher las, die sich damit befassten. Einerseits Romane wie „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, „Stern ohne Himmel“ oder „Damals war es Friedrich“, andererseits Zeitdokumente wie Anne Franks Tagebücher oder schreckliche Einblicke in den KZ Alltag wie Eugen Kogons „Der SS Staat“.

Ich schildere das jetzt bewusst so, wie es bei mir als Kind ankam, weil das frei war von Theorien, Deutungen, und weil mir die Informationen nicht durch das innere Sieb der Political Correctness oder dergleichen sickerten. Ich war unbedarft in der Wahrnehmung all dessen – und mein Schrecken war ein unmittelbarer. Als ich zum ersten mal in Fernseh-Dokus die Schubkarren der KZ’s sah, auf denen sich ausgemergelte Leichen türmten, begriff etwas in mir, dass es Dämonen im Menschen gibt, die mitten im Alltag ein Tor zur Hölle öffnen können.

Als Kind fühlte ich in all diesen Büchern, Filmen, Dokumentationen zwei ganz widersprüchliche Dinge: Das eine war die brüllende, marodierende Wut und Gewalt, die sich oft in den Menschen zeigte – in den Diskriminierern und Verfolgern, in den Pogrom-Vandalen, in den Denunzianten, den Gestapo-Offizieren, ja noch in den gehirngewaschenen Kindern, die einander mobbten und dem Tod preisgaben.

Das andere war die unerträglich leise Beiläufigkeit, mit der der unnennbare Schrecken seinen Lauf nahm. Auch Eugen Kogon erzählte davon in seinem Buch „Der SS Staat“ – von der geräuschlosen, kalten und beiläufigen Ermordung zahlloser Insassen, als wäre es nichts. Als schnippte man sich gelangweilt eine Fliege von der Bluse. Die scheinbare Sachlichkeit der Tötungsabsichten und -handlungen, minutiös festgehalten in Listen, Ordnern, Archiven, als leiste man einen ordnenden Dienst an der etwas chaotisch gewordenen Menschheit. Die scheinbare Normalität all dessen, was sich kein Mensch eigentlich je ausdenken können sollte.

Und heute, dreissig Jahre später, stehe ich fassungslos vor dem Fernseher, in dem marodierende Menschenmengen Aslyheime anzünden, Busse überfallen in denen Flüchtlinge hoffnungsvoll einer Zukunft in Sicherheit entgegenfahren, in denen hasserfüllte Fratzen davon brüllen, wer das Volk sei und wer nicht, was deutsch sei und was nicht, was erwünscht sei und was nicht. Ich sitze fassungslos vor einem Medium Internet, von dem wir damals, als es entstand, alles erhofften aber nichts fürchteten, und begegne dort gesichtslosen Kommentatoren, die mehr Hass in eine Zeile quetschen können als ich mir je auszumalen im Stande wäre. Menschen, die „Gut so!“ brüllen, wenn ein Flüchtlingskind ertrinkt, Menschen, die davon fantasieren, Moscheen anzuzünden und Nichtchristen die Einreise zu verweigern. Menschen, die selbst den Mauerfall und den Neubeginn im Westen erlebt haben und sich dennoch nicht scheuen, vor laufender Kamera mit cholerisch errötetem Kopf davon zu brüllen, dass dieses Land ihnen gehöre und „Bootsneger“ oder „Hammelfresser“ darin nichts zu suchen hätten. Ich sehe Pegida-Massen durch die Straßen strömen, und frage mich, woher all diese Leute kommen, die scheinbar nur auf den richtigen Moment gewartet haben, um ihre Feindseligkeit endlich frei artikulieren zu können. Der Vandalismus ist längst da. Die Feuer sind längst da. Wir brauchen keine staatlich gesteuerte Pogromnacht mehr, denn der Mob hat das bereits in die Hand genommen und im Menschenverstand ist es längst Nacht geworden.

Und ich stehe fassungslos vor der Beiläufigkeit und leisen „Normalität“, die ebenfalls, wie damals, Wirklichkeit geworden ist. Vor dieser Business-as-usual-Mentalität, während Heime brennen und selbsternannte Bürgerwehren auf den abenddunklen Straßen nach Ausländern suchen, denen sie ihre Werte mit Fäusten vermitteln können. Es gab da diesen Mann, der eine Afrikanerin aus der Straßenbahn schubste. Sie fiel und starb. Es war eine kaum merkliche Bewegung seinerseits, und fast hätte es niemand gesehen. Der Mann verzog keine Miene. Ein Leben endet, und weiter geht’s in der Straßenbahn durch die Illusion von Normalität. Ich stehe fassungslos vor der scheinbaren Sachlichkeit, mit der Politiker die eine Schande für ihre Zunft sind, vorschlagen, man solle Kriegsflüchtlinge erschießen oder sich nicht von leidvollen Kinderaugen „erpressen“ lassen. Solche Meldungen laufen zwischen Bierwerbung und Daily Soap, und wir möchten gern glauben, dass weiterhin alles normal ist, deswegen geben wir unsere Empörung auch gerne nach fünf Sekunden wieder ab. Ich stehe fassungslos vor der geräuschlosen Bosheit, die all den Abschiebungen zugrunde liegt. Eine Unterschrift nur, ein Füller kratzt für eine Sekunde auf geduldigem Papier, und das bedeutet den Tod für so viele, und die unerträgliche Trennung von Familien, die nichts mehr haben als einander. Die kalte Beiläufigkeit des Bösen ist längst da. Wir brauchen keine gefühllosen Gestapo-Roboter mehr, die vermeintlich nur Befehle ausführen, denn etwas in diesem Land ist längst so kalt und so fremdgesteuert von namenloser Verachtung.

Das wäre alles zum Verzweifeln, nicht wahr. Aber Verzweiflung hat noch nie das Böse verhindert und noch nie das Gute genährt. Und deswegen werde ich nicht verzweifeln. Ich werde nicht aufhören, an das Gute im Menschen zu glauben und ich werde nicht aufhören, es in mir zu suchen, unter all der Gleichgültigkeit, die uns täglich injiziert wird. Ich weiss, dass wir uns nicht mehr auf einem „Warten auf die Katastrophe“ ausruhen können, denn die Katastrophe ist da. Vielleicht hat sie nicht das Gesicht, das wir immer erwarteten, oder das wir uns im Kopf ausgemalt haben in all der Zeit in der wir das Dritte Reich rauf- und runter studierten. Aber sie ist da. Eine Feindseligkeit hat sich breit gemacht, und das Erschreckende ist, dass sie salonfähig geworden ist. Sie ist kein Monopol von Extremisten und Außenseitern mehr, sie ist längst in die Wohnzimmer durchschnittlicher Mittelstandsfamilien gedrungen.

Und das Schamgefühl ist verschwunden, mit dem Menschen noch bis vor kurzem ihre fremdenfeindlichen Ressentiments für sich behielten. Immer mehr bleibt mir jedes Wort im Halse stecken, wenn Menschen plötzlich im Gespräch rassistischen Phrasen fallenlassen. Immer mehr begreife ich: sie fühlen sich sicher, und sie fühlen sich im Recht.

Wir müssen unsere Fassungslosigkeit überwinden und unser introvertiertes Betroffensein verlassen. Ich glaube, wir haben nun genug heimlich geweint, genug schweigend unter der Bosheit jener gelitten, die wir gestern noch für Gleichgesinnte hielten, genug darauf gewartet dass die Dummen ihre Dummheit und die Aggressiven ihre Wut überwinden. Wir müssen ebenso frei und laut sprechen, wie jene die sich nicht mehr schämen das Unsagbare zu sagen. Wir müssen ebenso frei und laut auf den Straßen stehen wie jene, die das Abendland für sich beanspruchen obwohl sie von der Kultur des Abendlandes nicht die geringste Ahnung haben. Wir müssen ebenso selbstbewusst und stark sein wie jene, die fälschlicherweise glauben, ihr Rassismus sei eine freie Meinungsäusserung. Eine Demokratie erhält sich nicht von allein. Eine Willkommenskultur ist eine zarte Pflanze, die gepflegt werden muss. Eine offenherzige Menschlichkeit ist nur dann ansteckend, wenn wir sie glaubhaft verkörpern.

Wir müssen mutiger sein, hörbarer, sichtbarer. Ich weiss, dass das irgendwie ohnmächtig klingt, denn die Ohnmacht der Fassungslosigkeit klebt zweifelsohne daran. Aber suhlen wir uns nicht darin. Jeder von uns hat die Kraft und die Möglichkeit, mit Herz und Verstand für das Gute einzustehen, das wir für die kommende Generation wirklich werden lassen wollen. Es ist ja in uns. Und es muss sichtbar sein – jeden Tag, und mehr denn je.

Bild: Käthe Kollwitz „Solidarität“

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Der hochgeschätzte Kollege Andreas Ebert, der vielen von Euch vielleicht als Mitautor des Buches „Das Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele“, aber auch als Kursleiter, Referent und Autor zum Herzensgebet bekannt ist, hat ein schönes Projekt ins Leben gerufen: „Credo! Worauf ich stehe“ stellt jedem von uns die Frage, was unser Fundament ist, wofür wir einstehen, wem wir unser Herz schenken – es ist eine Frage nach zeitgemäßen Glaubensbekenntnissen, nach gangbaren Wegen in, mit und zu Gott.

Auch ich durfte zu diesem Projekt ein Credo schreiben, das ich „Mein Leben ist ein Pilgerweg“ nannte. Das Schöne ist die Freiheit des Ausdrucks, die an dieser Stelle ausdrücklich erwünscht ist – auch literarische Texte, Gedichte, Bilder dürfen kundtun, wie lebendiger Glaube klingt. Neulich sprach ich mit jemandem, der angesichts dieses Projekts richtig wütend wurde. Was wohl daran liegt, dass es manch einem heutzutage kaum noch möglich ist, an christliche Gemeinschaft zu denken oder an Bekenntnislust, ohne damit alle gewachsenen Traumata, Verletzungen, Ressentiments und Enttäuschungen zu berühren. Ich für meinen Teil war aber immer der Auffassung, dass der Schatz christlicher Denkungsart zu kostbar ist, als dass man ihn wegen in und an der Kirche erlittenen Wunden wieder einbuddeln und dem Vergessen preisgeben sollte.

In diesem Sinne möchte ich Euch dazu einladen, die Credo Website zu besuchen, Euch von den Bekenntnissen inspirieren und erwärmen, aber vielleicht auch provozieren und verärgern zu lassen. Im Kommentarbereich könnt Ihr den ein oder anderen Dialog beginnen, und möglicherweise auch Euer eigenes Credo in Worte fassen und beisteuern.

marion

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Es gibt ein spirituelles Streben nach Transzendierung, nach Reinheit, nach Vollkommenheit, das im Kern, und hinter all dem schönen Sprechen über menschliche Größe, nichts anderes ist als Geringschätzung alles Irdischen, als Geringschätzung des Menschen, der Welt und des endlichen Lebens.

Wir glauben, die Leib- und Erdenfeindlichkeit alter christlicher Traditionen überwunden zu haben, die uns immer suggerieren wollten, dass die Erde nur ein Übungsplatz für das eigentliche Leben im Jenseits sei, und dass in jeder materiellen Manifestation das Übel, die Versuchung und die Niedrigkeit walte.

Aber genau genommen haben wir eine Verachtung nur gegen die andere eingetauscht. Wir nennen uns „freie Spirituelle“, „Transkonfessionelle“, „New Ager“ oder „Integrale“, und kultivieren ungebremst unsere nahezu zwanghafte Selbstoptimierungsneurose, die nur immer einen Zweck verfolgt: etwas zu überwinden. Und genau genommen: etwas zu vermeiden.

Wir delirieren vom leidensfreien Sein, das den Erwachten blühe, ja, wir stilisieren die Leidensfreiheit sogar hoch zur Notwendigkeit, an der die Welt gesunden könne. Dabei wollen wir nichts anderes als einen Freibrief, der uns erlaubt, unseren Zynismus und unser Desinteresse am Anderen zu legitimieren. „Ich diene dem Anderen, indem ich nicht leide“ ist ein viel gehörtes Statement dieser Tage. Aber was ist es, hinter dem Vorwand, dem Anderen möglichst effizient dienen zu wollen? Bisweilen ist es nichts anderes als unsere Distanziertheit, unsere Weigerung, uns vom bodenlosen Schmerz des Anderen, der am Grunde der Dinge auch der unsere ist, überwältigen zu lassen.

Wir fürchten ja überhaupt die Bodenlosigkeit. Deswegen organisieren wir so emsig unsere spirituellen Stundenpläne, Montags Meditation, Dienstags Yoga, Mittwochs Heilströmen, Donnerstags Satsang, Freitags Schattenarbeit, und so weiter und so fort, nur damit der Dämon der Bodenlosigkeit bezähmt sei, der der bodenlosen Wut, der der bodenlosen Sehnsucht, der der bodenlosen Angst, ja noch der der bodenlosen Hingabe. Unser Mund sagt, dass unser Körper ein Tempel und unser Herz ein Heiligtum sei, aber auf unseren Altären liegen Häkeldeckchen und Untersetzer – die Insignien unserer Angst – auf dass uns nicht die Abgründigkeit Gottes bekleckere.

Die mystische Erfahrung von Allesistgut, die von solcher ozeanischer Weite ist, dass darin jedes Leiden und jede Wirrnis dieser Welt gleichermaßen aufgehoben im Sinne von geborgen, und aufgehoben im Sinne von beendet ist, kann man nicht in den Staub des Alltags zerren und dem persönlichen Frieden dienstbar machen. Nondualität lässt sich nicht slogan-artig auf die Dualität schütten wie Zuckerguss. Und jeder, der das versucht, verbreitet hohle Irrtümer und unerträgliche Plattitüden, an der jede Menschlichkeit und jede Entwicklung zugrunde gehen muss.

Zahllose Autoren, die sich im Abklatsch fernöstlich anmutender Lehren verdingen, verkünden uns, dass das Geheimnis der Weltüberwindung sei, sich ihr nicht gleich zu machen. Liebe zu sein, wo Angst ist, leidensfrei zu sein, wo Leid ist. Wir Christen aber haben eine andere Heilsgeschichte erzählt bekommen. Die Geschichte eines Gottes, der sich bis in die letzte Konsequenz dieser Welt gleich macht. Der bist in den letzten Abgrund dieser Welt sinkt, in jeden Schrecken, jedes Leid, jedes Sterben, oh sicher auch in jede Freude, weswegen man ihn „Fresser und Säufer“ nannte. Und indem er in die Schablone dieser Welt sank – Gott wurde Mensch. Nicht ein bisschen Mensch. – und sie ausfüllte mit seiner Präsenz ebenso wie mit seinem Schmerz, geschah Transfiguration, geschah Auferstehung.

Das Europa, wie es sich gerade zeigt, ist ein perfektes Abbild unserer Abgrenzungsversessenheit. Unsere faulen Ausreden, unser Wegsehen, unsere Zäune, unsere Angst vor Islamisierung, unsere Knüppel- und Bürokratieschläge, die auf schreiende Frauen, kranke Kinder und empörte Männer niederprasseln – all das ist ein Abziehbild unserer Innerlichkeit, in der wir unseren Wohlstand und unseren Frieden schützen wollen, wie falsch er auch sei, und auf wessen Kosten er auch immer gehe.

Gott als tremendum (Rudolf Otto) – wo ist er hin? Gott als Abgrund (Beatrijs von Nazareth) – suchen wir den eigentlich noch? Oder ist es nur noch das Beruhigungsmittel, das Gott uns auf den Rezeptblock schreiben soll?

Mystik will keine Vermeidung. Keine Widerspruchslosigkeit. Keine Entfernung des Dorns, der sticht. Das hören wir nicht gern. Aber es sind – ebenso wie auf den Straßen im Aufschrei gegen Europas Abschottung – dankenswerterweise mehr und mehr Menschen, die auch den zum Himmel schreienden falschen Frieden nicht mehr hören wollen.

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Foto: Alexis Findlay

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Eine ganze Weile hat das Christentum ein Aroma von Kleinheit verbreitet. Menschen sahen in den Spiegel und erblickten dort einen Wurm, nichtswürdig und mit Schuld beladen. Wollte man den Zeitgeist heutiger populärer Spiritualität zusammenfassen, könnte man hingegen wohl sagen, der Mensch schaut in den Spiegel und sieht eine Gottheit, allmächtig und groß. Das Traurige ist wohl, das beides so dumm ist, wie es – hinter der Verzerrung – wahr ist.

Der Mensch, der sich in seiner Nichtswürdigkeit verliert, verkennt das große Geschenk das ihm Gott gemacht hat, ebenso wie der, der sich in Allmachtsfantasien und gefühlsduselige Überheblichkeit begibt. Beiden wohnt überdies ein immenser Fluchtreflex inne:

Der Mensch, der zu klein ist, um je etwas richtig zu machen, der Gott in weiter Ferne, hinter dem Graben der Schuld und Trennung suchen muss, ist auf eine Art von wahrer Verantwortung beurlaubt – er kann den Dingen sowieso nie genügen, und das einzige was ihn rettet, ist eine Gnade, die von ihm gänzlich unbeeinflusst ist. Kurzum: der nichtswürdige Mensch befördert Gott ins Aus. Dort kann Er nichts anderes mehr sein als ein deus ex machina, ein zufällig wie ein Lotteriegewinn auftretender Impuls, der folgenlos ins Leben des Einzelnen scheppert. Die Ohnmacht des Einzelnen – ein getarnter Akt der Herrschaftlichkeit. Eleganter kann man sich Gottes kaum entledigen.

Der Mensch aber, der so groß ist, dass ihm aus jeder Pore das Universum heraussickert, der sich selbst gern mit Gott identifiziert, ist Lichtjahre von Schmerz, von Mitgefühl, von Reue und jedem menschlichen Gefühl entfernt, weil seine euphorische Verblendung ihn geradewegs von der Erde hinfort in den Orbit niemals endender Eitelkeiten katapultiert hat. Jede Wirklichkeit, die arbeitsreicher Veränderung bedürfte, subventioniert er mit seinem entrückten Lächeln und seinem Lallen von Sinn, Erwachen und Seelenwegen, das nichts weiter tut, als ihn seiner Tatkraft ebenso wie seiner realen Verstrickung zu entbinden. Trunken vom Gesöff unterstellter Sinnhaftigkeit am Grund noch der größten Perversion, tut dieser Mensch den lieben langen nichts anderes, als sich selbst zu verehren, und er schreckt auch nicht davor zurück zu sagen, dass der Mensch Gottes Erwachen bewirke, Gott also ohne uns dazu verdammt sei, ein Leben in Unbewusstheit zu führen – eine Behauptung, die jedem sehenden Menschen allein schon beim Blick auf das Wunder einer Steckrübe abhanden kommen müsste. Das ist sicher keine elegante Art, sich Gottes zu entledigen, eher eine unglaublich pathetische und impertinente, aber sie entspricht dem Geist unserer Zeit und wird daher weitgehend unbeeindruckt abgenickt und im Buch- und Seminargeschäft für gutes Geld verkauft.

Es ist zweifelsohne vereinfachend und polemisch obendrein dies zu sagen, aber der „Wurm“ und die „selbsternannte Gottheit“ müssten einander einmal begegnen und über diese klägliche Erkenntnis hinauswachsen, dass der Andere im Unrecht und verirrt ist. Unter dem verstehenden Blick des Anderen müsste dem Wurm seine Nichtswürdigkeit schmilzen und zerrinnen, ebenso wie der Gottheit ihre Euphorie und Eitelkeit, und dann bliebe vielleicht übrig, was hinter der Verzerrung immer schon wahr ist: dass der Mensch ganz und gar unbedeutend ist, und dass ihm zugleich die Bedeutung aller Dinge innewohnt, weil der Schöpfer aller Dinge selbst ihm innewohnt, und dass Leben wohl auch bedeutet, dieses Paradoxon auszuhalten und auszutragen, und zwar am Schauplatz jeglicher Erkenntnis: in der Begegnung. Und diese Erkenntnis zu schmecken, bedeutet tatsächlich, die Lust an der Selbstquälerei und Erniedrigung zu verlieren, ebenso wie an der Aufgeblasenheit und der Macht, weswegen der derartig geerdete und gesundete Mensch eine beachtliche Immunität gegen Sektierer jeglicher Couleur entwickelt.

Dieser verstehende Blick aber, der zu solcher Erkenntnis führen mag, ist etwas, das wir lernen müssen, denn wir sind es gewöhnt, nur noch verstehen zu wollen um zu triumphieren oder um uns selbst zu entlasten.

Es gibt aber ein Verstehenwollen, das seiner Natur nach Liebe ist.

Es blickt auf den Anderen um seiner selbst willen, und daher wird es auch wieder möglich, vom Anderen berührt zu werden, und beschenkt mit Erkenntnis, die uns eben noch fehlte.

Das Christentum, das uns so sehr auf das Du verwiesen hat, ist oft missverstanden worden als Stifter rigider Moral, die sich am Anderen abarbeitet. Vergessen wurde dabei nur allzu gern, dass das Du uns auch geschenkt wurde als Ort blühender Erkenntnis, als sakramentaler Ort der Reifung. Ich bin sicher, dass wir die weitreichenden Folgen aufrichtiger Begegnung noch nicht annähernd begriffen haben, und dass wir weiterhin in heilloser Dummheit vor uns hinvegetieren werden, bis wir in dieses Begreifen hineinwachsen. Nun, das ist wohl Evolution. Dabei helfe uns Gott, der sowohl Wurm als auch selbsternannte Gottheit erschaffen hat, was mir Anlass zur Hoffnung gibt, dass auch diese Kapitel einst ein wohlgefälliges Ende finden.

Bild: „Narcissus“ by Camie Davis

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Oftmals, auf Nachfrage, entkleidet sich unser Streben nach spiritueller Entfaltung und „Erwachen“ in Sätzen wie „Ich will glücklich sein“ oder „Ich will das Leben meistern“. Oftmals auch geben diese Sätze wiederum den Blick auf den darunter liegenden Wunsch frei: „Ich will frei von Schmerz sein“.

Es ist der Schmerz, den wir um jeden Preis bändigen, heilen, auflösen, loslassen, vergessen, transzendieren, aufgeben wollen, und dafür werden wir so erfindungsreich in Theorie und Praxis, dass spürbar wird: hier geht es buchstäblich um Leben und Tod.
Denn alle Angst vor dem Schmerz ist letzten Endes eine Angst vor dem Tod. Eine Angst vor dem Ende des Glücks, der Gesundheit, der Familie, der Partnerschaft, des Wohlstands, der physischen Existenz, der Person.

Noch unsere spirituellen Konzepte sind oftmals leicht zu entlarvende Ränkespiele, mit denen wir uns schnell in den Gedanken der Ewigkeit und der All-Einheit, des Sinns oder der Vorbestimmung flüchten, bevor die Vorstellung unseres Schwindens uns auch nur einen erhöhten Puls verschafft. Da tun wir, was wir so oft und unerbittlich tun: wir überspringen das eine, das Notwendige, und nehmen unser Ankommen vorweg. Und der Grund dafür ist nichts weiter als Angst – unser Ankommen aber bleibt Selbstbetrug (und oft genug auch: Betrug an Anderen!). Und ohne es zu wissen, bringen wir uns damit um das tiefe Glück, das sich entfaltet wenn wir Leben in seiner Ganzheit annehmen und fließen lassen.

Heute ist Palmsonntag – die heilige Woche beginnt. Was uns die christliche Tradition über die Kartage erzählt, ist eine beispiellose Geschichte von Leiden und Sterben. Und bevor wir uns alle, erneut vorwegnehmend, „Frohe Ostern“ zurufen, sollten wir das aushalten und ansehen: Kartage.

Diese Tage erzählen uns von der Erfahrung schmerzlicher Wirklichkeiten, die angenommen und durchlebt werden wollen. Christus offenbart uns keine Formel, die wir künftig auf schmerzvolle Erfahrungen anwenden können, um uns die Tränen zu ersparen. Stattdessen lädt er uns ein, die Tränen zu weinen, mit aller Hingabe, und das Lachen zu lachen, mit ebensolcher Hingabe.

Weder gilt es, den Schmerz zu halten noch ihn aufzulösen (und bitte: ich rede hier von der inneren Erfahrung von Schmerz, und keineswegs davon, dass man leidverursachende Strukturen in der Welt nicht mit aller Tatkraft ändern sollte). Weder gilt es, das Glück zu halten, noch es aufzulösen. Das, was wir sind, jenseits der Schmerzen, ist mehr als der Schmerz. Das, was wir sind, jenseits des Glücks, ist mehr als das Glück. Und dieses Sein hat kein Bestreben, uns vor Schmerz oder Glück zu bewahren, die es selbst als Schöpfung hervorgebracht hat.

Wenn ich versucht bin, mir eine Erfahrung schönzureden, sie zu meiden, sie auszubessern, wenn ich an meiner Trauer herumdoktere oder an meiner Unfähigkeit zur Vergebung, wenn ich einen Kummer vorschnell zum Schweigen bringen oder eine Angst wegrationalisieren will, wenn ich versucht bin, mich in ein geiziges, einsames Glück zu kleiden wie in Watte, dann rufe ich mir ein Bild vor Augen, das mich innerhalb weniger Sekunden neu ausrichtet (Metanoia):

Es ist das Bild von Jesus im Ölgarten, der darum bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen, und der sich dann betend den Satz erringt „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“. Wir werden diesen Satz feiern, am Donnerstag.

Dieser Satz ist keine Einladung zu Fatalismus oder Determinismus, er ist kein Aufgeben der Souveränität in ein frommes Sklaventum. Dieser Satz ist ein Dialog zwischen endlicher Existenz und unendlichem Sein, zwischen Illusion und Wirklichkeit, zwischen Angst und Liebe. Dieser Satz ist eine Kapitulation im besten Sinne: Ausdruck der Bereitschaft, einer Erfahrung zu begegnen und sie zu durchschreiten. Er bedeutet die Bereitschaft, der Wahrheit, die an unserem Herzensgrund liegt, zu begegnen, durch alle schmerzlichen Unwahrheiten unseres Lebens und Strebens hindurch. Dieser Satz, da er Schmerz bejaht anstatt ihn zu fliehen, ist eine Tür zum Anderen, an dessen Schmerz wir nun wahrhaftig mitfühlend Anteil nehmen können.

„Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“ – das ist ein Trümmerfeld, aus dem eine Blüte treibt.

Erst wenn der Kelch geleert ist, erst wenn wir uns haben stechen lassen, dort wo es wirklich weh tut, in der Wunde unserer Endlichkeit, kann etwas in uns singen: Oh Tod, wo ist Dein Stachel nun. Und diese Worte werden wir singen, zu Ostern.

Das ist Befreiung. Nicht Befreiung vom Leben in der Welt, sondern Befreiung zum Leben in der Welt hin. Befreiung vom Zwang, das Ich schützen und eine Denkungsart, Geisteshaltung oder ein Bekenntnis tragen zu müssen wie eine Rüstung. Befreiung in eine Handlungsfähigkeit und schöpferische Kraft, die Ausdruck von Liebe und Menschlichkeit ist.

Ich wünsche Euch eine besinnliche Karwoche.

Bild: © Octavio Ocampo

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