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Posts Tagged ‘Erkenntnis’

Wenn Beten bloß ein Bitten wäre – und dies ist ein so gängiges Missverständnis unserer Zeit – dann wäre es in der Tat ein unseliges Gefängnis der Unmündigkeit, in das wir uns selbst jeden Tag aufs Neue einsperren, in dem wir einander nicht mehr wären als menschliche Abgründe, deren Leere mit nichts zu füllen ist, und in dem wir Gott gegenüber träten als ewige Kinder ohne Aussicht auf den köstlichen Moment, in dem uns die Gegenwärtigkeit des Gebrauchten und Gewollten, ja noch des Nicht zu erhoffenden so durchdringt wie Morgenlicht die müden Weiten alter Erde.

Aber Beten ist – und das wirst Du selbst dann erfahren, wenn Du es als unermüdlich Bittende/r beginnst – so viel mehr als eine Frage an den Liebsten, als eine Hoffnung auf das Sich Verschenkende, als eine Erinnerung an ein altes Versprechen dessen Einlösung sich fortwährend ereignet.

Beten ist selbst der heilige Raum, in dem wir in alles hineinwachsen, was in uns als Same schlummert – in Einsicht, in Tiefe, in Klarheit, in Begegnung, in Liebe die aus reinigendem Feuer hervorging. Gebet ist ein Lebensweg, dem ein Entschluss zugrunde liegt – selbst noch dann, wenn wir nichts von ihm wissen – der Entschluss nämlich, zu werden wozu Gott uns erdacht hat und erdenkt, noch in diesem Moment. Und es mögen tausend Stunden vor uns liegen, angefüllt mit wüstenöder Trockenheit, mit dem alles umspannenden Gefühl der Sinnlosigkeit, das Beten mag uns vorkommen wie eine Verwirrung, die kein Ende findet, aber einmal kommt der Moment, in dem das Gebet der reißende Strom wird, der Dich mitnimmt, der Dich Dir wegnimmt, und der Dich in etwas überführt, von dem Du jetzt – und es gibt keinen Grund, das zu bedauern – noch nichts ahnst.

Du musst also nicht auf das Geschick Deines Betens vertrauen, oder auf dessen Schönheit, auch nicht auf dessen Wirkung oder das dabei herrschende Gefühl. Dein Vertrauen darf dem Gebet selbst gelten, und dem darin lebendigen Unbekannten, der ultimativen Bodenlosigkeit, die Jesus wohl meinte, als er sagte, der Menschensohn habe keinen Ort, an dem er sein Haupt betten könne. Gebet ist der Nichtort, an dem Beheimatung eine neue Bedeutung gewinnt. Gebet ist der Nichtort, von dem aus unsere Pilgerschaft sich entfaltet. Dies ist wohl nicht weniger als ein Geheimnis, ein Abenteuer und ein großes, lebendiges Wunder.

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Eine ganze Weile hat das Christentum ein Aroma von Kleinheit verbreitet. Menschen sahen in den Spiegel und erblickten dort einen Wurm, nichtswürdig und mit Schuld beladen. Wollte man den Zeitgeist heutiger populärer Spiritualität zusammenfassen, könnte man hingegen wohl sagen, der Mensch schaut in den Spiegel und sieht eine Gottheit, allmächtig und groß. Das Traurige ist wohl, das beides so dumm ist, wie es – hinter der Verzerrung – wahr ist.

Der Mensch, der sich in seiner Nichtswürdigkeit verliert, verkennt das große Geschenk das ihm Gott gemacht hat, ebenso wie der, der sich in Allmachtsfantasien und gefühlsduselige Überheblichkeit begibt. Beiden wohnt überdies ein immenser Fluchtreflex inne:

Der Mensch, der zu klein ist, um je etwas richtig zu machen, der Gott in weiter Ferne, hinter dem Graben der Schuld und Trennung suchen muss, ist auf eine Art von wahrer Verantwortung beurlaubt – er kann den Dingen sowieso nie genügen, und das einzige was ihn rettet, ist eine Gnade, die von ihm gänzlich unbeeinflusst ist. Kurzum: der nichtswürdige Mensch befördert Gott ins Aus. Dort kann Er nichts anderes mehr sein als ein deus ex machina, ein zufällig wie ein Lotteriegewinn auftretender Impuls, der folgenlos ins Leben des Einzelnen scheppert. Die Ohnmacht des Einzelnen – ein getarnter Akt der Herrschaftlichkeit. Eleganter kann man sich Gottes kaum entledigen.

Der Mensch aber, der so groß ist, dass ihm aus jeder Pore das Universum heraussickert, der sich selbst gern mit Gott identifiziert, ist Lichtjahre von Schmerz, von Mitgefühl, von Reue und jedem menschlichen Gefühl entfernt, weil seine euphorische Verblendung ihn geradewegs von der Erde hinfort in den Orbit niemals endender Eitelkeiten katapultiert hat. Jede Wirklichkeit, die arbeitsreicher Veränderung bedürfte, subventioniert er mit seinem entrückten Lächeln und seinem Lallen von Sinn, Erwachen und Seelenwegen, das nichts weiter tut, als ihn seiner Tatkraft ebenso wie seiner realen Verstrickung zu entbinden. Trunken vom Gesöff unterstellter Sinnhaftigkeit am Grund noch der größten Perversion, tut dieser Mensch den lieben langen nichts anderes, als sich selbst zu verehren, und er schreckt auch nicht davor zurück zu sagen, dass der Mensch Gottes Erwachen bewirke, Gott also ohne uns dazu verdammt sei, ein Leben in Unbewusstheit zu führen – eine Behauptung, die jedem sehenden Menschen allein schon beim Blick auf das Wunder einer Steckrübe abhanden kommen müsste. Das ist sicher keine elegante Art, sich Gottes zu entledigen, eher eine unglaublich pathetische und impertinente, aber sie entspricht dem Geist unserer Zeit und wird daher weitgehend unbeeindruckt abgenickt und im Buch- und Seminargeschäft für gutes Geld verkauft.

Es ist zweifelsohne vereinfachend und polemisch obendrein dies zu sagen, aber der „Wurm“ und die „selbsternannte Gottheit“ müssten einander einmal begegnen und über diese klägliche Erkenntnis hinauswachsen, dass der Andere im Unrecht und verirrt ist. Unter dem verstehenden Blick des Anderen müsste dem Wurm seine Nichtswürdigkeit schmilzen und zerrinnen, ebenso wie der Gottheit ihre Euphorie und Eitelkeit, und dann bliebe vielleicht übrig, was hinter der Verzerrung immer schon wahr ist: dass der Mensch ganz und gar unbedeutend ist, und dass ihm zugleich die Bedeutung aller Dinge innewohnt, weil der Schöpfer aller Dinge selbst ihm innewohnt, und dass Leben wohl auch bedeutet, dieses Paradoxon auszuhalten und auszutragen, und zwar am Schauplatz jeglicher Erkenntnis: in der Begegnung. Und diese Erkenntnis zu schmecken, bedeutet tatsächlich, die Lust an der Selbstquälerei und Erniedrigung zu verlieren, ebenso wie an der Aufgeblasenheit und der Macht, weswegen der derartig geerdete und gesundete Mensch eine beachtliche Immunität gegen Sektierer jeglicher Couleur entwickelt.

Dieser verstehende Blick aber, der zu solcher Erkenntnis führen mag, ist etwas, das wir lernen müssen, denn wir sind es gewöhnt, nur noch verstehen zu wollen um zu triumphieren oder um uns selbst zu entlasten.

Es gibt aber ein Verstehenwollen, das seiner Natur nach Liebe ist.

Es blickt auf den Anderen um seiner selbst willen, und daher wird es auch wieder möglich, vom Anderen berührt zu werden, und beschenkt mit Erkenntnis, die uns eben noch fehlte.

Das Christentum, das uns so sehr auf das Du verwiesen hat, ist oft missverstanden worden als Stifter rigider Moral, die sich am Anderen abarbeitet. Vergessen wurde dabei nur allzu gern, dass das Du uns auch geschenkt wurde als Ort blühender Erkenntnis, als sakramentaler Ort der Reifung. Ich bin sicher, dass wir die weitreichenden Folgen aufrichtiger Begegnung noch nicht annähernd begriffen haben, und dass wir weiterhin in heilloser Dummheit vor uns hinvegetieren werden, bis wir in dieses Begreifen hineinwachsen. Nun, das ist wohl Evolution. Dabei helfe uns Gott, der sowohl Wurm als auch selbsternannte Gottheit erschaffen hat, was mir Anlass zur Hoffnung gibt, dass auch diese Kapitel einst ein wohlgefälliges Ende finden.

Bild: „Narcissus“ by Camie Davis

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Über das Herz wird viel geredet in der spirituellen Landschaft. Und nicht selten darf es herhalten als ein Ort der Missverständnisse. Denn in seinem Herzen zu sein, und aus dem Herzen zu leben, das bedeutet nicht, das Denken zugunsten des Fühlens zu lassen. Das bedeutet auch nicht, zu glauben dass alles was man denkt und tut, gut sei, weil es „kein richtig und kein falsch“ gebe. Es bedeutet auch nicht, angekommen zu sein in einer Art die satt und unbewegt ist.Sich immer wieder auf das Sanktum des Herzens zu besinnen, bedeutet viel eher, all die Geschenke die uns gegeben sind, das Streben nach Erkenntnis, den Willen zum Guten, das Mitgefühl für alle Kreatur, in sich zu vereinen. Gedanke, Wort und Tat dem Feuer auszusetzen, das als Schöpfungsfeuer unseren Herzen innewohnt. Und auch die Welt immer wieder aufs Neue ins Herz hineinzunehmen, mitsamt ihrer Unwirtlichkeit und allem was an ihr krankt.

In der christlichen Ikonographie ist das Herz nicht ohne Grund zweierlei: auf vielen Bildern sehen wir es als Licht das in die Welt strahlt und als loderndes Feuer. Auf anderen Bildern sehen wir es als das durchbohrte und dornengekrönte Herz Jesu oder das mit Schwerten durchbohrte Herz Mariens. Diese Bilder weisen uns darauf hin, dass der Ort der am empfänglichsten für das tiefe Leiden der Welt ist, auch der Ort ist, von dem alles Licht und alle Erlösung ausgeht.

Es gibt das eine nicht ohne das andere.

Sich diesem Sanktum des Herzens immer mehr zu überlassen, ist eine Reise, die uns immer wieder über unsere Grenzen führt, uns das Altvertraute nimmt und es in eine neue Weite überführt. Jörg Zink schreibt in seinem Buch „Erde, Feuer, Luft und Wasser. Der Gesang der Schöpfung und das Lied des Menschen“:

“Wer mit dem Herzen denkt, weiss, dass keiner seiner Gedanken zu Ende gedacht ist, sondern immer noch andere Gedanken nachfolgen müssen, und dass alles Erkannte der Veränderung, der Bewährung und der Wandlung bedarf.

Wer mit dem Herzen denkt, der ist unterwegs unter den Wolken und den Winden und weiss, dass er kein Ziel, sondern immer nur Rastplätze seines Denkens und seines Glaubens erreicht hat und dass die Wege weitergehen bis an ein Ziel, das ein anderer gesetzt hat.”

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Wie oft wollen wir frei sein, und wähnen uns frei, wenn wir frei von Krankheit sind, frei von Not, frei von Tränen, frei von der Bedürftigkeit, Erkenntnis, Wärme, Halt und Schönheit aus der Begegnung mit dem Anderen erlangen zu müssen. Freiheit aber ist nicht Freiheit vom Schmerzlichen, nicht Freiheit vom Stachel der Vergänglichkeit und des Todes, nicht Freiheit vom Werden am Du, das nicht Makel ist sondern Würde.

Freiheit ist Freiheit zum Schöpferischen, zum Ja dazu, die Welt mitzugestalten. Freiheit ist Erkenntnis der eigenen Kleinheit und Erfahrung der eigenen Grenzenlosigkeit. Freiheit ist Lust an der Begegnung, am blutvollen Geben und Nehmen, am Werden, Wachsen und Reifen, an der Schöpfung, am Herzen des Anderen, am Grunde des Kelches der Not ebenso wie auf den Gipfeln der Freude. Freiheit ist Atmen der Ewigkeit inmitten aller vergänglichen Erscheinungen, ist eine Umarmung des Chaotischen, aus dem immerzu neue Schöpfungen hervorgehen.

Freiheit zum Menschsein ist etwas ganz anderes als Freisein von etwas. Allenfalls bemerken wir in der freiheitlichen Bejahung des Lebens mit all seinen Facetten, dass Dinge von uns abfallen, die uns hinderten, auch die Sucht, immer nur uns selbst verpflichtet zu sein. Die Dinge loswerden zu wollen jedoch, die uns hindern, die uns verwunden, ärgern, krank machen oder belasten, hat uns noch nie frei gemacht, sondern unserem Gefängnis nur weitere Schlösser hinzugefügt.

Alle Dinge des Lebens enthalten eine Einladung an uns, unsere Freiheit zu umarmen, und mit ihr unsere gestalterische Kraft, unseren Willen, unsere Erkenntnisfähigkeit und unsere Verantwortung. Wir sind Narren, wenn wir denken, diese Freiheit machte uns zu Göttern, denen es zustehe, sich zu nehmen was ihnen beliebt. Denn dieser Freiheit wohnt solche Zärtlichkeit inne, solche natürliche Demut, solche mitfühlende Aufmerksamkeit, dass sie nichts anderes wollen kann, als Segen, als Frieden, als Seligkeit für alle.

vogi

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Was kann der Mensch anderes wünschen, als ins Leben zu finden. Überall da jedoch, wo wir unerbittlich Widersprüche auflösen wollen, innere Kämpfe leugnen, dort wo wir aufhören zu zweifeln und zu fragen, dort wo wir aufhören an der Welt wie sie ist, zu leiden, finden wir nicht ins Leben, finden wir nur in das Verlies unserer Angst, die uns bewahren will vor dem was sticht, doch auch vor der Wahrheit darunter.

Zwischen der erfahrbaren Vollkommenheit der Schöpfung und ihren Wunden liegt eine Spannung. Zwischen der Bestimmung, die wir so oft erahnen, und dem freien Willen, den wir so oft nicht zu nutzen wissen, liegt eine Spannung. Zwischen der Reue, die wir über unser Versagen empfinden und der Kraft, die wir aus dem Willen zur Wiedergutmachung schöpfen, liegt eine Spannung. Zwischen der Hingabe noch, die alles gibt, und die doch ein Alleslassen ist. Zwischen dem Willen zur Veränderung, und der Gewissheit, dass in allem etwas Unveränderliches wohnt. Zwischen der Klage und dem Dank. Dem Ewigen und der Brüchigkeit der Erscheinungen.

Und ins Leben zu finden, das kann nicht bedeuten, diese Spannung zu leugnen, sie auflösen zu wollen oder sie zu fürchten. Ins Leben zu finden, und dies ist zugleich Spirituell-Sein, bedeutet, diese Spannung zunächst auszuhalten und dann auszutragen. Als Frage, die Antwort sucht, und als Antwort, die neue Fragen hervorbringt. Als Verstehen in Gedanken, Herz und Hand, das sich in unseren Begegnungen ereignet. Und der Schmerz wird so ein anderer, weil er nicht länger der Schmerz der Versagung ist. Und die Liebe wird so eine andere, weil sie endlich eine Liebe zum Du ist.

lieblichistes

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Manchmal sehen wir gar nicht mehr, wie gnadenlos unsere Konzepte von Heilung sind. Gebetsmühlenartig predigen wir, dass dies und jenes noch aufgelöst werden müsse, dass dies und jenes noch losgelassen werde müsse, und dass das ein oder andere uns noch bremse, blockiere, verdunkele oder schwäche, unsere Berufung vernebele, unsere glückliche Partnerschaft ausbremse.

Wir sagen zu Kranken: Du bist krank, weil. Und sie quälen sich bisweilen jahrelang mit Auflösungsarbeit herum, nur weil sie glauben, sie hätten sich ihre Misere selbst eingebrockt. Sicher gibt es krankmachendes Verhalten – aber wer ist in der Lage einem Kranken mit Bestimmtheit zu sagen, woher sein Leiden kommt?

Als wäre das nicht genug, überfrachten wir unser Leben oder das Anderer mit vermeintlichen karmischen Verstrickungen, alten Sünden aus alten Leben, mit ungelösten Rätseln aus Inkarnationen, mit Seelenverträgen, offenen Rechnungen, uneingelösten Schwüren, unintegrierten Kräften und so weiter und so fort.

Wir vergessen dabei gern, dass all diese Modelle uns ursprünglich dazu verhelfen sollten, innerhalb eines symbolhaften Kontextes Probleme zu lösen, die unser momentanes Leben direkt betreffen. Und nur innerhalb der Parameter eines bestehenden Problems und einer gewünschten Lösung haben solche Modelle überhaupt ihre Berechtigung. Wenn wir das vergessen, versklaven wir uns und Andere und legen ihnen ein Joch auf, unter dem jedes Leben in Gefahr ist, zu ersticken. Und wir erschaffen Abhängigkeiten – zwischen jenen die Heilberufe ausüben und jenen, die als Klienten Hilfe in Anspruch nehmen. Denn das Rumdoktern an inneren Blockaden, für einen Moment in dem endlich alles in Ordnung sei, endet niemals.

Es wird nie aufhören, dass wir etwas in uns noch als „unheil“ empfinden. Es wird nie aufhören, dass wir denken, dies oder jenes könnte noch besser sein, noch klarer, noch froher. Es wird auch nie aufhören, dass wir denken, wir hätten etwas besser machen können. Das alles sind menschliche Gefühle und Gedanken, Teil menschlichen Lebens. Kurzum: es gibt diesen Moment nicht, auf den wir nahezu manisch hinarbeiten, diesen Moment in dem wir uns endlich „bereit“ fühlen. Bereit wozu eigentlich? Bereit, Gott zu begegnen? Bereit, der Welt zu begegnen? Bereit, uns selbst zu begegnen?

Wenn wir uns erlauben, für einige Tage innezuhalten, und die Besessenheit des An-uns-Arbeitens ruhen zu lassen, wenn wir für einige Tage in die Stille gehen, in die Ordnung der Natur, in die Uferlosigkeit des Gebets, wenn wir Zeit mit Menschen verbringen, die uns immer schon liebten, egal wir unmöglich wir uns aufführten, dann, ja dann dämmert uns vielleicht, wie einfach es im Grunde ist:

Das Leben ist jetzt. Und jede Sekunde, jeder Atemzug öffnet uns eine Tür, das Leben zu bejahen. Unsere Verantwortung und Freiheit, unsere Gestaltungskraft anzunehmen und sie auszufüllen.

Wenn Du Dich berufen fühlst, Menschen gut zu sein, dann sei ihnen gut. Dafür musst Du nicht erst eine vierstöckige Heilpraxis besitzen, Du kannst das auch am Fahrkartenschalter der Deutschen Bahn. Wenn Du Dich berufen fühlst, Deine Gaben zu leben, dann verhilf Deinen Gaben zu Raum, egal was gestern war. Kannst Du gut zuhören, dann höre zu. Kannst Du Dinge mit Humor betrachten, dann bring Menschen zum Lachen. Kannst Du gut mit Pflanzen umgehen, dann arbeite mit Pflanzen.

Das, was Du krampfhaft auflösen, loslassen, loswerden willst: nimm es mit (sonst nimmt es Dich mit). Nimm es mit als Zeilen Deiner Lebensgeschichte. Deine weiteren Lebenskapitel werden vielleicht wunderbare Wendungen nehmen, aber deswegen solltest Du die ersten Kapitel nicht ausradieren wollen. Lerne, Deine Biographie zu umarmen. Aber denke nicht, dass Du nicht Dein Leben leben kannst, während Dir das noch nicht gelingt. Heilung ist ein Werden. Dinge werden in uns heil, während wir leben. Dinge werden uns zur Antwort, während wir mit Fragen in unserem Herzen leben. Dinge werden uns zum Segen, während wir mit all den Traurigkeiten in uns tatkräftig durchs Leben gehen.

Das, was Du über „andere Inkarnationen“ vermutest – wem nützt es? Verantwortungsvoll ist der, der für sein Leben Verantwortung übernimmt, und die Verantwortung für ein Leben reicht dem Menschen erfahrungsgemäß aus. An mehr können wir nur scheitern.

Wenn Du angesichts der Stille des Gebets, der Schönheit der Natur oder der Wärme Deiner Liebsten ahnen kannst, wie uferlos Gottes Güte und Liebe sind, wie kannst Du Dich oder Andere da mit gnadenlosen Konzepten martern, die immer und immer wieder in die Wunde stechen, die immer und immer neue Wunden suchen und die Dir immer und immer wieder die Last auferlegen, tagein tagaus um Dich selbst zu kreisen?

Einen Neubeginn wünschen sich viele Menschen. Und dieser Neubeginn kann jetzt sein. Ich trage in meinem Herzen die Gewissheit, dass ein aufrichtiges Gebet uns hier und heute – jederzeit – die Tür öffnen kann in ein Leben, in dem wir von dieser qualvollen Ichbezogenheit befreit sein werden, jeden Tag ein wenig mehr. Es könnte vielleicht so lauten:

Gott,
Du Seele aller Dinge
Du Quelle allen Seins
Du Urgrund aller Liebe
Ich möchte Mensch sein und das Menschsein umarmen.
Möchte die Gaben, die Du mir schenktest, entfalten zum Wohle Aller.
Ich lege meine Gedanken, Worte und Taten vor Dich wie leere Schalen.
Fülle Du sie an mit Deiner Liebe.
Verzeih mir, womit ich der Liebe nicht entsprach,
und hilf mir, mir selbst und Anderen immer zu verzeihen.
Hilf mir, jeden Tag ein wenig mehr das Geheimnis des Lebens zu begreifen,
und die Heiligkeit des Lebens zu ehren und zu feiern.
Ich danke Dir, dass ich auch in Momenten, in denen ich nichts mehr weiss,
um Deine Liebe wissen darf, die mich immerzu trägt, durchdringt und segnet.
Amen

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Oftmals, auf Nachfrage, entkleidet sich unser Streben nach dem „Erwachen“ in Sätzen wie „Ich will glücklich sein“ oder „Ich will das Leben meistern“. Oftmals auch geben diese Sätze wiederum den Blick auf den darunter liegenden Wunsch frei: „Ich will frei von Schmerz sein“.

Es ist der Schmerz, den wir um jeden Preis bändigen, heilen, auflösen, loslassen, vergessen, transzendieren, aufgeben wollen, und dafür werden wir so erfindungsreich in Theorie und Praxis, dass spürbar wird: hier geht es buchstäblich um Leben und Tod.

Denn alle Angst vor dem Schmerz ist letzten Endes eine Angst vor dem Tod. Eine Angst vor dem Ende des Glücks, der Gesundheit, der Familie, der Partnerschaft, des Wohlstands, der physischen Existenz, der Person.

Noch unsere spirituellen Konzepte sind oftmals leicht zu entlarvende Ränkespiele, mit denen wir uns schnell in den Gedanken der Ewigkeit und der All-Einheit, des Sinns oder der Vorbestimmung flüchten, bevor die Vorstellung unseres Schwindens uns auch nur einen erhöhten Puls verschafft. Da tun wir, was wir so oft und unerbittlich tun: wir überspringen das eine, das Notwendige, und nehmen unser Ankommen vorweg. Und der Grund dafür ist nichts weiter als Angst – unser Ankommen aber bleibt Selbstbetrug (und oft genug auch: Betrug an Anderen!)

Erzählen uns Krishna, der lachende Buddha oder der auferstandene Christus von der Abwesenheit von Schmerz oder der Möglichkeit, den Tod zu betrügen? Ich denke nicht. Für Krishna oder Buddha aber mögen jene sprechen, die sie besser kennen. Ich für meinen Teil blicke auf meine Wurzeln und sehe den Weg des Christus. Und dieser erzählt uns von der Erfahrung schmerzlicher Wirklichkeiten, die angenommen und durchlebt werden wollen. Er offenbart uns keine Formel, die wir künftig auf schmerzvolle Erfahrungen anwenden können, um uns die Tränen zu ersparen. Stattdessen lädt er uns ein, die Tränen zu weinen, mit aller Hingabe, und das Lachen zu lachen, mit ebensolcher Hingabe.

Weder gilt es, den Schmerz zu halten noch ihn aufzulösen (und bitte: ich rede hier von der inneren Erfahrung von Schmerz, und keineswegs davon, dass man leidverursachende Strukturen in der Welt nicht mit aller Tatkraft ändern sollte!). Weder gilt es, das Glück zu halten, noch es aufzulösen. Das, was wir sind, jenseits der Schmerzen, ist mehr als der Schmerz. Das, was wir sind, jenseits des Glücks, ist mehr als das Glück. Und dieses Sein hat kein Bestreben, uns vor Schmerz oder Glück zu bewahren, die es selbst als Schöpfung hervorgebracht hat.

Wenn ich versucht bin, mir eine Erfahrung schönzureden, sie zu meiden, sie auszubessern, wenn ich an meiner Trauer herumdoktere oder an meiner Unfähigkeit zur Vergebung, wenn ich einen Kummer vorschnell zum Schweigen bringen oder eine Angst wegrationalisieren will, wenn ich versucht bin, mich in ein geiziges, einsames Glück zu kleiden wie in Watte, dann rufe ich mir ein Bild vor Augen, das mich innerhalb weniger Sekunden neu ausrichtet (Metanoia):

Es ist das Bild von Jesus im Ölgarten, der darum bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen, und der sich dann betend den Satz erringt „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“.

Dieser Satz ist keine Einladung zu Fatalismus oder Determinismus, er ist kein Aufgeben der Souveränität in ein frommes Sklaventum. Dieser Satz ist ein Dialog zwischen endlicher Existenz und unendlichem Sein, zwischen Illusion und Wirklichkeit, zwischen Angst und Liebe. Dieser Satz ist eine Kapitulation im besten Sinne: Ausdruck der Bereitschaft, einer Erfahrung zu begegnen und sie zu durchschreiten. Er bedeutet die Bereitschaft, der Wahrheit, die an unserem Herzensgrund liegt, zu begegnen, durch alle schmerzlichen Unwahrheiten unseres Lebens und Strebens hindurch. Dieser Satz, da er Schmerz bejaht anstatt ihn zu fliehen, ist eine Tür zum Anderen, an dessen Schmerz wir nun wahrhaftig mitfühlend Anteil nehmen können.

„Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“ – das ist ein Trümmerfeld, aus dem eine Blüte treibt.

Erst wenn der Kelch geleert ist, und Du hast Deinen zu leeren wie ich den meinen, erst wenn wir uns haben stechen lassen dort wo es wirklich weh tut, in der Wunde unserer Endlichkeit, kann etwas in uns singen: Oh Tod, wo ist Dein Stachel nun.

Das ist Befreiung. Nicht Befreiung vom Leben in der Welt, sondern Befreiung zum Leben in der Welt hin. Befreiung vom Zwang, das Ich schützen und eine Denkungsart, Geisteshaltung oder ein Bekenntnis tragen zu müssen wie eine Rüstung. Befreiung in eine Handlungsfähigkeit und schöpferische Kraft, die Ausdruck von Liebe und Menschlichkeit ist.

Bild: Johan Georg Frans Schwartz, Christus im Ölgarten

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