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Posts Tagged ‘Evolution’

Mich fragte einmal ein Freund, ob ich mich nicht schämte für das was ich früher sagte oder früher war. Und ich dachte nach, und sofort stach mich Scham, für das was ich kindlich fand, kühn, was ich gedankenlos fand oder zu durchdacht, was ich gesagt hatte wider besseren Wissens und was ich nicht gesagt hatte obwohl es nötig gewesen wäre.

Dann ging ich in die Scham bis sie aus meinen Poren quoll wie Blut, und dann ging ich aus ihr heraus, wie eine Mutter, die ihr blutendes Kind betrachtet mit nichts als Erbarmen im Herzen. Und dann war ich schamlos, wie eine die begreift dass Dinge eben werden, und dem Werdenden nie Qual sein kann, dass die Dinge gestern noch anders waren, und dass sie morgen anders sein werden als er ahnen könnte.

Als Künstlerin kennt man das noch auf eine andere Weise: vielleicht sind einem die Texte fremd, die man gestern schrieb, die Bilder unangenehm, die man vorgestern malte, die Lieder schal, die nur allzu schnell unter einer Patina der Vergänglichkeit verklangen. Oft ist es, als habe die Wahrheit, die aus einem drängt, eine nur kurze Halbwertszeit – ständig stirbt sie in das weiter werdende Herz hinein, das Du bist, und die gestrige Kleinheit mag sie verletzt haben.

Wenn Dich Dinge reuen, die Du gestern sagtest, für die Du gestern branntest, dann lass der Scham ihre Seufzer, aber halte sie nicht fest, denn jeder Mensch der begreift dass er ein Werdender ist, hat die Größe, die Unzulänglichkeiten des Gestern, und jene die noch kommen, in sich zu bergen. Auch Du. Und die Welt, die in Dir heranwächst, sucht sich den Ausdruck, dessen Du fähig bist – mit einer Gnade die Dir alles verzeiht, und mit einer Kraft, die alles überwindet.

Bild: © Gina-Maria Pilipovici

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Die Dinge haben eine erlösende Leichtigkeit, wenn wir mit unserem Wesen die Natur des Lebens erfassen, das immer ein Drängen, Erneuern und Werden ist, eine überschäumende Seinslust, die alles immerzu über sich hinauswachsen lässt. Und die Dinge haben eine aufrichtige Traurigkeit, wenn wir mit unserem Wesen erfassen, wie schmerzlich jede Geburt ist, wieviel Kapitulation und Sterben allem Neuen vorausgeht, und wieviel vermeidbares Leiden wir einander antun. In einem weiten Herz wohnt das eine Wissen wie das andere, und allein die Liebe vermag die Spannung zwischen diesen Polen auszuhalten und würdevoll auszutragen. Diese Liebe vermag die Welt nicht gering zu achten oder in eine Seligkeit zu flüchten, die nicht am Verkosten jedes menschlichen, ja, jedes kreatürlichen Kummers gereift ist.

fruehling16

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So ziemlich alle großen religiösen und spirituellen Traditionen haben uns mitsamt ihren Lehren, so kostbar sie waren und sind, mal mehr, mal weniger merklich, ein unheilvolles Gift eingeflößt: die Geringschätzung der Welt.

Während im Osten die Aufmerksamkeit dahin ging, Samsara und die Gesetzmäßigkeiten der Welt zu durchbrechen, rang das Abendland mit dem Leib-Seele-Dualismus und den monotheistischen Religionen, die die Welt wahlweise als bedeutungsloses Vorgeplänkel für das eigentliche jenseitige Leben oder aber als Versuchs- (und Versuchungs-)gelände betrachteten, auf dem man entweder dem Teufel auf den Leim geht oder aber klar und treu und nicht selten als Märtyrer zu seinem Gott steht.

Allen Askese- und Kasteiungspraktiken wohnt der Wunsch inne, die Welt, ihre Versuchungen, ihre Gesetze und ihre Illusionen zu überwinden. Allen Erlösungsgedanken wohnt das Gefühl inne, der Mensch sei aus den Fängen einer irgendwie gearteten diesseitigen Bedrängnis und Verlorenheit zu retten.

„Alles was von Gott stammt, besiegt die Welt“ heisst es im ersten Johannesbrief. Die Schlacht ist eröffnet.

Man kann das Wahre darin suchen und finden wie ein Perlensammler – an dieser Stelle aber möchte ich mich mit der einseitigen Überspitzung begnügen.

Auch in der New Age- und freien spirituellen Szene riecht es an jeder Ecke nach Geringschätzung der Welt. Durch einen sehr willkürlich eingemeindeten Reinkarnationsglauben, der weder mit Buddhismus noch Hinduismus viel zu tun hat, ist für viele das individuelle Leben Glied einer endlosen Kette von Inkarnationen geworden. Darf’s ein bisschen mehr sein, möchte man fragen, und macht das eigentlich noch einen Unterschied?

In der bisweilen ausufernden Heil- und Auflösungsarbeit geht es nur noch um Korrektur der Manifestationsergebnisse, um das Einebnen konfliktreicher Situationen – denn nur ein spannungsfreies Leben gilt manch einem als gelungen. Konflikte, Herausforderungen, schwierige Beziehungen, kurzum die blutvolle Reibung mit der Welt als Stifter von Erkenntnis, Charakter und Entwicklung? Nein danke sagen viele, und setzen sich lieber in die violette Flamme und weltferne Seligkeit.

Feindselig wird das „Ego“ beäugt, das uns mit Bedürfnissen terrorisiere, feindselig auch der Verstand, der analysiert und urteilt. Man fühlt sich an die Leibfeindlichkeit erinnert, die viele Religionen kultivierten – da wohnte eine reine Seele in einem -so hiess es- wollüstigen Körper, und heute muss sich die Seele gegen Ego und Kopflastigkeit abarbeiten, gegen das ständige „Falsch“ der uns innewohnenden (gottgegebenen) Instanzen.

Derweil werden tiefe und himmelschreiende Leiden von Menschen in aller Welt zur Aufstiegsleistung verklärt oder zynisch als Erfüllung eines vermeintlichen Seelenplans betrachtet. Eine allzu leichtfertige Einladung dazu, nicht mehr hinzusehen, nicht mehr zuzuhören, nicht mehr mitzufühlen bis dorthin, wo uns das Herz bricht.

Dies ist kein Pauschalurteil Religionen und spirituellen Schulen gegenüber. Dies ist nur ein Finger in der Wunde, der sagt: so wenig ist die Welt uns Menschen wert. Und wir wagen sogar, unsere Geringschätzung spirituell zu rechtfertigen.

Die Anforderungen, die die heutige Zeit an uns stellt, sind dringlich: wir müssen nicht mehr darauf hinweisen, wie falsch die Welt sein kann, denn wir wissen es mit jeder Faser unseres Seins, bei jedem Gang in den Supermarkt, bei jedem Blick auf die Nachrichten. Wir müssen nicht mehr das Martyrium suchen für eine Wahrheit, die uns vermeintlich frei macht. Wir müssen nicht mehr auf die Schönheit der Ewigkeit hinweisen, denn etwas in uns hat längst begriffen, dass Leben kein Ende hat.

Was wir aber tun müssen, ist unsere Geringschätzung der Welt überwinden. Eine evolutionäre Spiritualität, wollte man sie denn so nennen, kann nicht auf den Körper, auf das Gras, auf die Beziehung zur Partnerin, auf das Leiden des Anderen herabblicken. Eine evolutionäre Spiritualität begreift, dass Leben heiliger Ausdruck des Schöpfergeistes ist, und dass es nicht überwunden, sondern ausgefüllt werden muss. Dass es nicht erduldet, sondern gestaltet werden muss.

Wir sind nicht hier, um irgendwann bei Gott zu sein. Wir sind hier, weil Gott hier ist.

Wir sind hier, weil eine schöpferische Weisheit jeden Tag neues Leben erschafft. Und das Leben das Du gerade lebst, Du Mann, Du Frau, ist einzigartiger und heiliger Ausdruck, den es so nie wieder geben wird. Mit jeder Freude, jedem Kummer, jeder Krankheit, jeder Lebenskraft, strömt das Meer des Lebens weiter und weiter über neue Ufer, und lädt Dich ein, das was Du bist und das was ist, zu lieben und auszufüllen.

Wenn es also so etwas gibt wie Erwachen, dann wird es, so wage ich zu behaupten, nichts sein was Dich auf die Bedeutungslosigkeit der Welt hinweist, die Du fortan gering schätzen darfst als Illusion oder Versuchung. Es wird ein Erwachen sein, das Dir die Heiligkeit und Schönheit des Lebens erfahrbar macht, das Dir die Einzigartigkeit jedes Sandkorns am Strand und jedes Haares auf Deinem Kopf aufzeigt.

Es wird Dir die Weite Deines Herzens erfahrbar machen, in der das ganze Universum Platz hat – mitsamt den Momenten der Leere, der Verlassenheit, der Zweifel und der Not, denn auch das ist Leben. Es wird Dir erlauben, Dich mehr und mehr bewusst mit dem evolutionären Impuls allen Lebens zu verbinden.

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Natürlich können wir den lieben langen Tag damit verbringen, vermeintlich Unerlöstes aufzuspüren wie Polizeihunde illegale Substanzen am Grenzstreifen. Wir können schwierige Beziehungen lösen, Karma aufpolieren, Schmerz loslassen, Wut einebnen, Schuld ablegen, Verstrickungen durchschneiden, dunkle Energien mit Licht füllen und so weiter und so fort.

Oder wir atmen ein und atmen aus und begreifen mit jeder Faser unseres Seins, dass Leben pulsiert, dass es zerstört und wiederaufbaut, dass es trennt und verbindet, dass es schlägt und streichelt. Leben ist ein wildes, ein ruhiges, ein zerstörerisches und lebensspendendes Meer. Und wir, wir Menschen, werden und wachsen und reifen ebenso am Schmerz wie an der Freude, ebenso am Unfertigen wie am Vollendeten, ebenso am Licht wie an der dunklen Wunde unserer Vergänglichkeit.

Es hat sich eine zwanghafte Korrekturwut in der spirituellen Szene breit gemacht, eine Angst vor dem Zweifel, dem Kummer, dem Staub des Alltags, vor den Fragen die das Leben aufwirft, während wir uns Antworten einrahmen und über unsere Betten hängen.
Wer immerzu korrigiert, hält das Leben selbst für einen Fehler. Hält die Tränen für vermeidbar, und das Unfertige für unerträglich.

Was für eine Erlösung wäre es in der Tat, könnten wir aufhören, das Leben wie eine heilbare Krankheit zu betrachten. Könnten wir annehmen, dass wir Fehler machen, dass wir an Schmerzlichem reifen können, dass wir auch die Risse brauchen, durch die ein unerwartetes Licht herein scheint. Was für eine Befreiung wäre es, könnten wir wirklich und wahrhaftig für gut halten, dass es Dinge gibt, die nicht zu beenden und die nicht zu vollenden sind. Die untergehen mit Fragen, die Fragment bleiben und Geheimnis. Es gibt nicht den Moment, in dem man meint, einem Sterbenden alles gesagt zu haben. Es gibt nicht den Moment, in dem man frei ist von Brüchen und Fragen und Verstrickungen. Es gibt nicht den Moment, in dem endlich alles erledigt ist.

Es gibt nur Leben. Es ist nichts falsch daran, sich heil fühlen zu wollen. Aber suche nicht das nicht machbare Heilsein, das Dich jeden Tag aufs Neue um blutvolles Leben bringt und das nur Deine Ängste nährt. Erlaube Dir Fehler, Schmerz, Zweifel und Fragen. Erlaube Dir selbst, Dich zu entfalten, durch alle Unwägbarkeiten und durch chaotische Phasen hindurch.

Dann kann es passieren, dass Du folgendes bemerkst: Du gibst dem Leben keine Anweisungen mehr, wie es zu sein habe. Du selbst wirst lebendiges Zwiegespräch.

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Was kann der Mensch anderes wünschen, als ins Leben zu finden. Überall da jedoch, wo wir unerbittlich Widersprüche auflösen wollen, innere Kämpfe leugnen, dort wo wir aufhören zu zweifeln und zu fragen, dort wo wir aufhören an der Welt wie sie ist, zu leiden, finden wir nicht ins Leben, finden wir nur in das Verlies unserer Angst, die uns bewahren will vor dem was sticht, doch auch vor der Wahrheit darunter.

Zwischen der erfahrbaren Vollkommenheit der Schöpfung und ihren Wunden liegt eine Spannung. Zwischen der Bestimmung, die wir so oft erahnen, und dem freien Willen, den wir so oft nicht zu nutzen wissen, liegt eine Spannung. Zwischen der Reue, die wir über unser Versagen empfinden und der Kraft, die wir aus dem Willen zur Wiedergutmachung schöpfen, liegt eine Spannung. Zwischen der Hingabe noch, die alles gibt, und die doch ein Alleslassen ist. Zwischen dem Willen zur Veränderung, und der Gewissheit, dass in allem etwas Unveränderliches wohnt. Zwischen der Klage und dem Dank. Dem Ewigen und der Brüchigkeit der Erscheinungen.

Und ins Leben zu finden, das kann nicht bedeuten, diese Spannung zu leugnen, sie auflösen zu wollen oder sie zu fürchten. Ins Leben zu finden, und dies ist zugleich Spirituell-Sein, bedeutet, diese Spannung zunächst auszuhalten und dann auszutragen. Als Frage, die Antwort sucht, und als Antwort, die neue Fragen hervorbringt. Als Verstehen in Gedanken, Herz und Hand, das sich in unseren Begegnungen ereignet. Und der Schmerz wird so ein anderer, weil er nicht länger der Schmerz der Versagung ist. Und die Liebe wird so eine andere, weil sie endlich eine Liebe zum Du ist.

lieblichistes

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Manchmal sehen wir gar nicht mehr, wie gnadenlos unsere Konzepte von Heilung sind. Gebetsmühlenartig predigen wir, dass dies und jenes noch aufgelöst werden müsse, dass dies und jenes noch losgelassen werde müsse, und dass das ein oder andere uns noch bremse, blockiere, verdunkele oder schwäche, unsere Berufung vernebele, unsere glückliche Partnerschaft ausbremse.

Wir sagen zu Kranken: Du bist krank, weil. Und sie quälen sich bisweilen jahrelang mit Auflösungsarbeit herum, nur weil sie glauben, sie hätten sich ihre Misere selbst eingebrockt. Sicher gibt es krankmachendes Verhalten – aber wer ist in der Lage einem Kranken mit Bestimmtheit zu sagen, woher sein Leiden kommt?

Als wäre das nicht genug, überfrachten wir unser Leben oder das Anderer mit vermeintlichen karmischen Verstrickungen, alten Sünden aus alten Leben, mit ungelösten Rätseln aus Inkarnationen, mit Seelenverträgen, offenen Rechnungen, uneingelösten Schwüren, unintegrierten Kräften und so weiter und so fort.

Wir vergessen dabei gern, dass all diese Modelle uns ursprünglich dazu verhelfen sollten, innerhalb eines symbolhaften Kontextes Probleme zu lösen, die unser momentanes Leben direkt betreffen. Und nur innerhalb der Parameter eines bestehenden Problems und einer gewünschten Lösung haben solche Modelle überhaupt ihre Berechtigung. Wenn wir das vergessen, versklaven wir uns und Andere und legen ihnen ein Joch auf, unter dem jedes Leben in Gefahr ist, zu ersticken. Und wir erschaffen Abhängigkeiten – zwischen jenen die Heilberufe ausüben und jenen, die als Klienten Hilfe in Anspruch nehmen. Denn das Rumdoktern an inneren Blockaden, für einen Moment in dem endlich alles in Ordnung sei, endet niemals.

Es wird nie aufhören, dass wir etwas in uns noch als „unheil“ empfinden. Es wird nie aufhören, dass wir denken, dies oder jenes könnte noch besser sein, noch klarer, noch froher. Es wird auch nie aufhören, dass wir denken, wir hätten etwas besser machen können. Das alles sind menschliche Gefühle und Gedanken, Teil menschlichen Lebens. Kurzum: es gibt diesen Moment nicht, auf den wir nahezu manisch hinarbeiten, diesen Moment in dem wir uns endlich „bereit“ fühlen. Bereit wozu eigentlich? Bereit, Gott zu begegnen? Bereit, der Welt zu begegnen? Bereit, uns selbst zu begegnen?

Wenn wir uns erlauben, für einige Tage innezuhalten, und die Besessenheit des An-uns-Arbeitens ruhen zu lassen, wenn wir für einige Tage in die Stille gehen, in die Ordnung der Natur, in die Uferlosigkeit des Gebets, wenn wir Zeit mit Menschen verbringen, die uns immer schon liebten, egal wir unmöglich wir uns aufführten, dann, ja dann dämmert uns vielleicht, wie einfach es im Grunde ist:

Das Leben ist jetzt. Und jede Sekunde, jeder Atemzug öffnet uns eine Tür, das Leben zu bejahen. Unsere Verantwortung und Freiheit, unsere Gestaltungskraft anzunehmen und sie auszufüllen.

Wenn Du Dich berufen fühlst, Menschen gut zu sein, dann sei ihnen gut. Dafür musst Du nicht erst eine vierstöckige Heilpraxis besitzen, Du kannst das auch am Fahrkartenschalter der Deutschen Bahn. Wenn Du Dich berufen fühlst, Deine Gaben zu leben, dann verhilf Deinen Gaben zu Raum, egal was gestern war. Kannst Du gut zuhören, dann höre zu. Kannst Du Dinge mit Humor betrachten, dann bring Menschen zum Lachen. Kannst Du gut mit Pflanzen umgehen, dann arbeite mit Pflanzen.

Das, was Du krampfhaft auflösen, loslassen, loswerden willst: nimm es mit (sonst nimmt es Dich mit). Nimm es mit als Zeilen Deiner Lebensgeschichte. Deine weiteren Lebenskapitel werden vielleicht wunderbare Wendungen nehmen, aber deswegen solltest Du die ersten Kapitel nicht ausradieren wollen. Lerne, Deine Biographie zu umarmen. Aber denke nicht, dass Du nicht Dein Leben leben kannst, während Dir das noch nicht gelingt. Heilung ist ein Werden. Dinge werden in uns heil, während wir leben. Dinge werden uns zur Antwort, während wir mit Fragen in unserem Herzen leben. Dinge werden uns zum Segen, während wir mit all den Traurigkeiten in uns tatkräftig durchs Leben gehen.

Das, was Du über „andere Inkarnationen“ vermutest – wem nützt es? Verantwortungsvoll ist der, der für sein Leben Verantwortung übernimmt, und die Verantwortung für ein Leben reicht dem Menschen erfahrungsgemäß aus. An mehr können wir nur scheitern.

Wenn Du angesichts der Stille des Gebets, der Schönheit der Natur oder der Wärme Deiner Liebsten ahnen kannst, wie uferlos Gottes Güte und Liebe sind, wie kannst Du Dich oder Andere da mit gnadenlosen Konzepten martern, die immer und immer wieder in die Wunde stechen, die immer und immer neue Wunden suchen und die Dir immer und immer wieder die Last auferlegen, tagein tagaus um Dich selbst zu kreisen?

Einen Neubeginn wünschen sich viele Menschen. Und dieser Neubeginn kann jetzt sein. Ich trage in meinem Herzen die Gewissheit, dass ein aufrichtiges Gebet uns hier und heute – jederzeit – die Tür öffnen kann in ein Leben, in dem wir von dieser qualvollen Ichbezogenheit befreit sein werden, jeden Tag ein wenig mehr. Es könnte vielleicht so lauten:

Gott,
Du Seele aller Dinge
Du Quelle allen Seins
Du Urgrund aller Liebe
Ich möchte Mensch sein und das Menschsein umarmen.
Möchte die Gaben, die Du mir schenktest, entfalten zum Wohle Aller.
Ich lege meine Gedanken, Worte und Taten vor Dich wie leere Schalen.
Fülle Du sie an mit Deiner Liebe.
Verzeih mir, womit ich der Liebe nicht entsprach,
und hilf mir, mir selbst und Anderen immer zu verzeihen.
Hilf mir, jeden Tag ein wenig mehr das Geheimnis des Lebens zu begreifen,
und die Heiligkeit des Lebens zu ehren und zu feiern.
Ich danke Dir, dass ich auch in Momenten, in denen ich nichts mehr weiss,
um Deine Liebe wissen darf, die mich immerzu trägt, durchdringt und segnet.
Amen

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Oftmals, auf Nachfrage, entkleidet sich unser Streben nach dem „Erwachen“ in Sätzen wie „Ich will glücklich sein“ oder „Ich will das Leben meistern“. Oftmals auch geben diese Sätze wiederum den Blick auf den darunter liegenden Wunsch frei: „Ich will frei von Schmerz sein“.

Es ist der Schmerz, den wir um jeden Preis bändigen, heilen, auflösen, loslassen, vergessen, transzendieren, aufgeben wollen, und dafür werden wir so erfindungsreich in Theorie und Praxis, dass spürbar wird: hier geht es buchstäblich um Leben und Tod.

Denn alle Angst vor dem Schmerz ist letzten Endes eine Angst vor dem Tod. Eine Angst vor dem Ende des Glücks, der Gesundheit, der Familie, der Partnerschaft, des Wohlstands, der physischen Existenz, der Person.

Noch unsere spirituellen Konzepte sind oftmals leicht zu entlarvende Ränkespiele, mit denen wir uns schnell in den Gedanken der Ewigkeit und der All-Einheit, des Sinns oder der Vorbestimmung flüchten, bevor die Vorstellung unseres Schwindens uns auch nur einen erhöhten Puls verschafft. Da tun wir, was wir so oft und unerbittlich tun: wir überspringen das eine, das Notwendige, und nehmen unser Ankommen vorweg. Und der Grund dafür ist nichts weiter als Angst – unser Ankommen aber bleibt Selbstbetrug (und oft genug auch: Betrug an Anderen!)

Erzählen uns Krishna, der lachende Buddha oder der auferstandene Christus von der Abwesenheit von Schmerz oder der Möglichkeit, den Tod zu betrügen? Ich denke nicht. Für Krishna oder Buddha aber mögen jene sprechen, die sie besser kennen. Ich für meinen Teil blicke auf meine Wurzeln und sehe den Weg des Christus. Und dieser erzählt uns von der Erfahrung schmerzlicher Wirklichkeiten, die angenommen und durchlebt werden wollen. Er offenbart uns keine Formel, die wir künftig auf schmerzvolle Erfahrungen anwenden können, um uns die Tränen zu ersparen. Stattdessen lädt er uns ein, die Tränen zu weinen, mit aller Hingabe, und das Lachen zu lachen, mit ebensolcher Hingabe.

Weder gilt es, den Schmerz zu halten noch ihn aufzulösen (und bitte: ich rede hier von der inneren Erfahrung von Schmerz, und keineswegs davon, dass man leidverursachende Strukturen in der Welt nicht mit aller Tatkraft ändern sollte!). Weder gilt es, das Glück zu halten, noch es aufzulösen. Das, was wir sind, jenseits der Schmerzen, ist mehr als der Schmerz. Das, was wir sind, jenseits des Glücks, ist mehr als das Glück. Und dieses Sein hat kein Bestreben, uns vor Schmerz oder Glück zu bewahren, die es selbst als Schöpfung hervorgebracht hat.

Wenn ich versucht bin, mir eine Erfahrung schönzureden, sie zu meiden, sie auszubessern, wenn ich an meiner Trauer herumdoktere oder an meiner Unfähigkeit zur Vergebung, wenn ich einen Kummer vorschnell zum Schweigen bringen oder eine Angst wegrationalisieren will, wenn ich versucht bin, mich in ein geiziges, einsames Glück zu kleiden wie in Watte, dann rufe ich mir ein Bild vor Augen, das mich innerhalb weniger Sekunden neu ausrichtet (Metanoia):

Es ist das Bild von Jesus im Ölgarten, der darum bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen, und der sich dann betend den Satz erringt „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“.

Dieser Satz ist keine Einladung zu Fatalismus oder Determinismus, er ist kein Aufgeben der Souveränität in ein frommes Sklaventum. Dieser Satz ist ein Dialog zwischen endlicher Existenz und unendlichem Sein, zwischen Illusion und Wirklichkeit, zwischen Angst und Liebe. Dieser Satz ist eine Kapitulation im besten Sinne: Ausdruck der Bereitschaft, einer Erfahrung zu begegnen und sie zu durchschreiten. Er bedeutet die Bereitschaft, der Wahrheit, die an unserem Herzensgrund liegt, zu begegnen, durch alle schmerzlichen Unwahrheiten unseres Lebens und Strebens hindurch. Dieser Satz, da er Schmerz bejaht anstatt ihn zu fliehen, ist eine Tür zum Anderen, an dessen Schmerz wir nun wahrhaftig mitfühlend Anteil nehmen können.

„Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“ – das ist ein Trümmerfeld, aus dem eine Blüte treibt.

Erst wenn der Kelch geleert ist, und Du hast Deinen zu leeren wie ich den meinen, erst wenn wir uns haben stechen lassen dort wo es wirklich weh tut, in der Wunde unserer Endlichkeit, kann etwas in uns singen: Oh Tod, wo ist Dein Stachel nun.

Das ist Befreiung. Nicht Befreiung vom Leben in der Welt, sondern Befreiung zum Leben in der Welt hin. Befreiung vom Zwang, das Ich schützen und eine Denkungsart, Geisteshaltung oder ein Bekenntnis tragen zu müssen wie eine Rüstung. Befreiung in eine Handlungsfähigkeit und schöpferische Kraft, die Ausdruck von Liebe und Menschlichkeit ist.

Bild: Johan Georg Frans Schwartz, Christus im Ölgarten

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