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Posts Tagged ‘Ewigkeit’

Es gibt eine schmerzliche und zugleich gnadenvolle Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, die wir nicht im Versiegen, Abbrechen oder Entsagen erleben, nicht inmitten von Sorge, Trennung, Krankheit oder Tod – dort also, wo uns die Unerträglichkeit des Unvollendeten, des nicht gelingenden oder des jäh Fortsterbenden wie eine unheilvolle Klinge zerteilt – sondern im Angesicht ehrfurchtgebietender Schönheit und Anmut, dort wo Entzücken und Seligkeit uns so haltlos aus den Augen perlen, weil wir erstmalig schmecken, was das Wort „Leben“ überhaupt bedeuten könnte, lernten wir, Ergebenheit zu einem fortwährenden Gebet unseres Herzens heranreifen zu lassen.

Solcher Art ist diese Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, dass sie uns direkt und unverhohlen aus der verschwenderischen Schönheit des Augenblicks grüßt, aus dem Kuss der Geliebten, der Treue verheißt, aus dem Duft der Blüte, die ein stilles Amen auf das weit gereiste Licht der Sonne singt. Wie ein klagendes, jauchzendes Duett tönt in uns dann die Ewigkeit, die sich des Eingegossenseins in endliche Gestalten erinnert, und die Endlichkeit, die sich daran erinnert, Gefäß des Ewigen zu sein. Unter diesem Gesang sind wir Verwundete – und wir gleichen dem Jünger Thomas, da wir wie er, erst nachdem unsere Hände in die Wunde getaucht sind, das Wunder der Ewigkeit, das nicht ohne den blutberänderten Riss, nicht ohne das Sterben auskommt, bejahen und vertrauensvoll umarmen.

Wir wären Narren, nähmen wir die Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit zum Anlass, zu verzagen. Und Narren wären wir, nähmen wir jene Verwundung zum Anlass, unser Glück auf den letzten Ruf in die Ewigkeit zu vertagen. Jene Verwundung inmitten beseelter Schönheit hat die Macht, uns zu läutern und zu klären, und unsere Hände, die vielleicht bisher nur als grobe Enden unserer Ungeschicklichkeit hölzern in die Welt ragten, zu tatkräftigen, redlichen, irdenen Werkzeugen umzuformen, unter deren trauerlosem Fleiß eine neue Welt sich zu erkennen gibt. Oh, der Schönheit ist genug in unsere alte vernarbte Welt gegossen, doch unsere Werkzeughände liegen noch in ungeöffneten Truhen unter Schichten von Staub.

Dies ist die Gnade der Verwundung, dass sie uns zu gestaltenden Schöpfern umformt, deren Maß der Liebe ein Tun ist, ein menschenmögliches im kostbarsten Sinne, nicht um der Liebe die vollkommen ist, ein Jota hinzuzufügen, sondern um eine jede Stunde als Sakrament zu begreifen, in der die Liebe sich in den Menschen verwandelt, in den Menschen der ich bin, in den Menschen der Du bist, mit all unseren äschern gewordenen Worten und unseren Händen aus Treibholz auf einem Meer der Verzweiflung.

Die Liebe weiß nichts weiter, als Du zu werden, das ist wohl ihre Torheit, doch eine die wir begreifen, wenn erst die Schönheit uns bestürmt und einnimmt, ohne Rücksicht auf unser Beharren, dass alle Dinge bedeutungslos seien oder bitter wie Wermut.

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Es gibt eine namenlose Schönheit der Dinge, die sich dem Menschen erst dann offenbart, wenn er bereitwillig in eine Zugewandtheit tritt, die das Andere um seiner selbst willen zu achten beginnt. Wie eine geduldige Geliebte wartet die Schönheit der Dinge auf diesen kostbaren Moment, in dem die Seele nicht länger der Verstrickung ins Gestrige erliegt. Dieser Moment ist wie ein läuterndes Feuer, doch ohne Qual. Nicht länger will das Auge dann sehen was ihm wohlgefällig ist, nicht länger will das Ohr hören was ihm schmeichelt, nicht länger will der Gaumen schmecken was ihn tröstet, nicht länger will die Nase riechen, was sie betört, und nicht länger will die Hand berühren um zu besitzen. Die Sinne sind nicht länger angekettete Tiere, dem Willen ihres Herren unterworfen – sie werden Atemzüge des Geistes, der sich selbst verströmt.

Diese Zugewandtheit zu erlangen ist dem Menschen möglich, der auf schmerzlichen Übungswegen Erkenntnis über die Natur seiner Bedürfnisse erlangt, doch ist sie auch jedem Narren gegeben, den Gottes Gnade bedingungslos beschenkt – niemand ist also von solch befreiender Schau ausgenommen, wie niemand ausgenommen ist vom Wesen der Schönheit, die im Grunde eine unbeschadete, grenzenlose und immerwährende Gutheit ist. Die Gutheit der Dinge inmitten des Schreckens zu schauen, ist eine Ungeheuerlichkeit, an der viele Menschen ihren Verstand zu verlieren imstande sind, und doch ahnt jeder Mensch darum, der im lodernden zerstörerischen Feuer die Schönheit der Sonne wiedererkennt, der im Kranken des Körpers die Vollkommenheit des menschlichen Organismus erkennt, und der im Klagen um einen Verstorbenen die Zeit überdauernde Liebe erkennt.

Zugewandtheit ist der Pfad zur Schönheit, und diese kann sich sowohl an der Geliebten entfalten, die wir unter Sternenlicht küssen, als auch an dem Kranken, den wir pflegen, dem Vogel, dessen Lied wir lauschen oder dem Grashalm den wir um Verzeihung bitten, weil wir ihn zertraten. Diese Zugewandtheit ist wohl eine Selbstvergessenheit, doch trägt diese Vergessenheit keine Makel der Verdrängung, Verstrickung oder Flucht – dies Vergessen gleicht dem Schließen der Augen, wie wir es kennen von unzähligen Stunden des Betens, Lauschens, Liebens und Schlafens. Die Stimme eines neuen Menschen in uns spricht, und alles horcht und gehorcht ihr: Nun da ich schaute, kann ich die Augen schließen.

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Ein meditativer, musikalischer Track mit einem der schönsten Gebete der Christenheit.
Zum kostenlosen Download für Euch auch hier: www.klanggebet-shop.de

 

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So ziemlich alle großen religiösen und spirituellen Traditionen haben uns mitsamt ihren Lehren, so kostbar sie waren und sind, mal mehr, mal weniger merklich, ein unheilvolles Gift eingeflößt: die Geringschätzung der Welt.

Während im Osten die Aufmerksamkeit dahin ging, Samsara und die Gesetzmäßigkeiten der Welt zu durchbrechen, rang das Abendland mit dem Leib-Seele-Dualismus und den monotheistischen Religionen, die die Welt wahlweise als bedeutungsloses Vorgeplänkel für das eigentliche jenseitige Leben oder aber als Versuchs- (und Versuchungs-)gelände betrachteten, auf dem man entweder dem Teufel auf den Leim geht oder aber klar und treu und nicht selten als Märtyrer zu seinem Gott steht.

Allen Askese- und Kasteiungspraktiken wohnt der Wunsch inne, die Welt, ihre Versuchungen, ihre Gesetze und ihre Illusionen zu überwinden. Allen Erlösungsgedanken wohnt das Gefühl inne, der Mensch sei aus den Fängen einer irgendwie gearteten diesseitigen Bedrängnis und Verlorenheit zu retten.

„Alles was von Gott stammt, besiegt die Welt“ heisst es im ersten Johannesbrief. Die Schlacht ist eröffnet.

Man kann das Wahre darin suchen und finden wie ein Perlensammler – an dieser Stelle aber möchte ich mich mit der einseitigen Überspitzung begnügen.

Auch in der New Age- und freien spirituellen Szene riecht es an jeder Ecke nach Geringschätzung der Welt. Durch einen sehr willkürlich eingemeindeten Reinkarnationsglauben, der weder mit Buddhismus noch Hinduismus viel zu tun hat, ist für viele das individuelle Leben Glied einer endlosen Kette von Inkarnationen geworden. Darf’s ein bisschen mehr sein, möchte man fragen, und macht das eigentlich noch einen Unterschied?

In der bisweilen ausufernden Heil- und Auflösungsarbeit geht es nur noch um Korrektur der Manifestationsergebnisse, um das Einebnen konfliktreicher Situationen – denn nur ein spannungsfreies Leben gilt manch einem als gelungen. Konflikte, Herausforderungen, schwierige Beziehungen, kurzum die blutvolle Reibung mit der Welt als Stifter von Erkenntnis, Charakter und Entwicklung? Nein danke sagen viele, und setzen sich lieber in die violette Flamme und weltferne Seligkeit.

Feindselig wird das „Ego“ beäugt, das uns mit Bedürfnissen terrorisiere, feindselig auch der Verstand, der analysiert und urteilt. Man fühlt sich an die Leibfeindlichkeit erinnert, die viele Religionen kultivierten – da wohnte eine reine Seele in einem -so hiess es- wollüstigen Körper, und heute muss sich die Seele gegen Ego und Kopflastigkeit abarbeiten, gegen das ständige „Falsch“ der uns innewohnenden (gottgegebenen) Instanzen.

Derweil werden tiefe und himmelschreiende Leiden von Menschen in aller Welt zur Aufstiegsleistung verklärt oder zynisch als Erfüllung eines vermeintlichen Seelenplans betrachtet. Eine allzu leichtfertige Einladung dazu, nicht mehr hinzusehen, nicht mehr zuzuhören, nicht mehr mitzufühlen bis dorthin, wo uns das Herz bricht.

Dies ist kein Pauschalurteil Religionen und spirituellen Schulen gegenüber. Dies ist nur ein Finger in der Wunde, der sagt: so wenig ist die Welt uns Menschen wert. Und wir wagen sogar, unsere Geringschätzung spirituell zu rechtfertigen.

Die Anforderungen, die die heutige Zeit an uns stellt, sind dringlich: wir müssen nicht mehr darauf hinweisen, wie falsch die Welt sein kann, denn wir wissen es mit jeder Faser unseres Seins, bei jedem Gang in den Supermarkt, bei jedem Blick auf die Nachrichten. Wir müssen nicht mehr das Martyrium suchen für eine Wahrheit, die uns vermeintlich frei macht. Wir müssen nicht mehr auf die Schönheit der Ewigkeit hinweisen, denn etwas in uns hat längst begriffen, dass Leben kein Ende hat.

Was wir aber tun müssen, ist unsere Geringschätzung der Welt überwinden. Eine evolutionäre Spiritualität, wollte man sie denn so nennen, kann nicht auf den Körper, auf das Gras, auf die Beziehung zur Partnerin, auf das Leiden des Anderen herabblicken. Eine evolutionäre Spiritualität begreift, dass Leben heiliger Ausdruck des Schöpfergeistes ist, und dass es nicht überwunden, sondern ausgefüllt werden muss. Dass es nicht erduldet, sondern gestaltet werden muss.

Wir sind nicht hier, um irgendwann bei Gott zu sein. Wir sind hier, weil Gott hier ist.

Wir sind hier, weil eine schöpferische Weisheit jeden Tag neues Leben erschafft. Und das Leben das Du gerade lebst, Du Mann, Du Frau, ist einzigartiger und heiliger Ausdruck, den es so nie wieder geben wird. Mit jeder Freude, jedem Kummer, jeder Krankheit, jeder Lebenskraft, strömt das Meer des Lebens weiter und weiter über neue Ufer, und lädt Dich ein, das was Du bist und das was ist, zu lieben und auszufüllen.

Wenn es also so etwas gibt wie Erwachen, dann wird es, so wage ich zu behaupten, nichts sein was Dich auf die Bedeutungslosigkeit der Welt hinweist, die Du fortan gering schätzen darfst als Illusion oder Versuchung. Es wird ein Erwachen sein, das Dir die Heiligkeit und Schönheit des Lebens erfahrbar macht, das Dir die Einzigartigkeit jedes Sandkorns am Strand und jedes Haares auf Deinem Kopf aufzeigt.

Es wird Dir die Weite Deines Herzens erfahrbar machen, in der das ganze Universum Platz hat – mitsamt den Momenten der Leere, der Verlassenheit, der Zweifel und der Not, denn auch das ist Leben. Es wird Dir erlauben, Dich mehr und mehr bewusst mit dem evolutionären Impuls allen Lebens zu verbinden.

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Was kann der Mensch anderes wünschen, als ins Leben zu finden. Überall da jedoch, wo wir unerbittlich Widersprüche auflösen wollen, innere Kämpfe leugnen, dort wo wir aufhören zu zweifeln und zu fragen, dort wo wir aufhören an der Welt wie sie ist, zu leiden, finden wir nicht ins Leben, finden wir nur in das Verlies unserer Angst, die uns bewahren will vor dem was sticht, doch auch vor der Wahrheit darunter.

Zwischen der erfahrbaren Vollkommenheit der Schöpfung und ihren Wunden liegt eine Spannung. Zwischen der Bestimmung, die wir so oft erahnen, und dem freien Willen, den wir so oft nicht zu nutzen wissen, liegt eine Spannung. Zwischen der Reue, die wir über unser Versagen empfinden und der Kraft, die wir aus dem Willen zur Wiedergutmachung schöpfen, liegt eine Spannung. Zwischen der Hingabe noch, die alles gibt, und die doch ein Alleslassen ist. Zwischen dem Willen zur Veränderung, und der Gewissheit, dass in allem etwas Unveränderliches wohnt. Zwischen der Klage und dem Dank. Dem Ewigen und der Brüchigkeit der Erscheinungen.

Und ins Leben zu finden, das kann nicht bedeuten, diese Spannung zu leugnen, sie auflösen zu wollen oder sie zu fürchten. Ins Leben zu finden, und dies ist zugleich Spirituell-Sein, bedeutet, diese Spannung zunächst auszuhalten und dann auszutragen. Als Frage, die Antwort sucht, und als Antwort, die neue Fragen hervorbringt. Als Verstehen in Gedanken, Herz und Hand, das sich in unseren Begegnungen ereignet. Und der Schmerz wird so ein anderer, weil er nicht länger der Schmerz der Versagung ist. Und die Liebe wird so eine andere, weil sie endlich eine Liebe zum Du ist.

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Manchmal sehen wir gar nicht mehr, wie gnadenlos unsere Konzepte von Heilung sind. Gebetsmühlenartig predigen wir, dass dies und jenes noch aufgelöst werden müsse, dass dies und jenes noch losgelassen werde müsse, und dass das ein oder andere uns noch bremse, blockiere, verdunkele oder schwäche, unsere Berufung vernebele, unsere glückliche Partnerschaft ausbremse.

Wir sagen zu Kranken: Du bist krank, weil. Und sie quälen sich bisweilen jahrelang mit Auflösungsarbeit herum, nur weil sie glauben, sie hätten sich ihre Misere selbst eingebrockt. Sicher gibt es krankmachendes Verhalten – aber wer ist in der Lage einem Kranken mit Bestimmtheit zu sagen, woher sein Leiden kommt?

Als wäre das nicht genug, überfrachten wir unser Leben oder das Anderer mit vermeintlichen karmischen Verstrickungen, alten Sünden aus alten Leben, mit ungelösten Rätseln aus Inkarnationen, mit Seelenverträgen, offenen Rechnungen, uneingelösten Schwüren, unintegrierten Kräften und so weiter und so fort.

Wir vergessen dabei gern, dass all diese Modelle uns ursprünglich dazu verhelfen sollten, innerhalb eines symbolhaften Kontextes Probleme zu lösen, die unser momentanes Leben direkt betreffen. Und nur innerhalb der Parameter eines bestehenden Problems und einer gewünschten Lösung haben solche Modelle überhaupt ihre Berechtigung. Wenn wir das vergessen, versklaven wir uns und Andere und legen ihnen ein Joch auf, unter dem jedes Leben in Gefahr ist, zu ersticken. Und wir erschaffen Abhängigkeiten – zwischen jenen die Heilberufe ausüben und jenen, die als Klienten Hilfe in Anspruch nehmen. Denn das Rumdoktern an inneren Blockaden, für einen Moment in dem endlich alles in Ordnung sei, endet niemals.

Es wird nie aufhören, dass wir etwas in uns noch als „unheil“ empfinden. Es wird nie aufhören, dass wir denken, dies oder jenes könnte noch besser sein, noch klarer, noch froher. Es wird auch nie aufhören, dass wir denken, wir hätten etwas besser machen können. Das alles sind menschliche Gefühle und Gedanken, Teil menschlichen Lebens. Kurzum: es gibt diesen Moment nicht, auf den wir nahezu manisch hinarbeiten, diesen Moment in dem wir uns endlich „bereit“ fühlen. Bereit wozu eigentlich? Bereit, Gott zu begegnen? Bereit, der Welt zu begegnen? Bereit, uns selbst zu begegnen?

Wenn wir uns erlauben, für einige Tage innezuhalten, und die Besessenheit des An-uns-Arbeitens ruhen zu lassen, wenn wir für einige Tage in die Stille gehen, in die Ordnung der Natur, in die Uferlosigkeit des Gebets, wenn wir Zeit mit Menschen verbringen, die uns immer schon liebten, egal wir unmöglich wir uns aufführten, dann, ja dann dämmert uns vielleicht, wie einfach es im Grunde ist:

Das Leben ist jetzt. Und jede Sekunde, jeder Atemzug öffnet uns eine Tür, das Leben zu bejahen. Unsere Verantwortung und Freiheit, unsere Gestaltungskraft anzunehmen und sie auszufüllen.

Wenn Du Dich berufen fühlst, Menschen gut zu sein, dann sei ihnen gut. Dafür musst Du nicht erst eine vierstöckige Heilpraxis besitzen, Du kannst das auch am Fahrkartenschalter der Deutschen Bahn. Wenn Du Dich berufen fühlst, Deine Gaben zu leben, dann verhilf Deinen Gaben zu Raum, egal was gestern war. Kannst Du gut zuhören, dann höre zu. Kannst Du Dinge mit Humor betrachten, dann bring Menschen zum Lachen. Kannst Du gut mit Pflanzen umgehen, dann arbeite mit Pflanzen.

Das, was Du krampfhaft auflösen, loslassen, loswerden willst: nimm es mit (sonst nimmt es Dich mit). Nimm es mit als Zeilen Deiner Lebensgeschichte. Deine weiteren Lebenskapitel werden vielleicht wunderbare Wendungen nehmen, aber deswegen solltest Du die ersten Kapitel nicht ausradieren wollen. Lerne, Deine Biographie zu umarmen. Aber denke nicht, dass Du nicht Dein Leben leben kannst, während Dir das noch nicht gelingt. Heilung ist ein Werden. Dinge werden in uns heil, während wir leben. Dinge werden uns zur Antwort, während wir mit Fragen in unserem Herzen leben. Dinge werden uns zum Segen, während wir mit all den Traurigkeiten in uns tatkräftig durchs Leben gehen.

Das, was Du über „andere Inkarnationen“ vermutest – wem nützt es? Verantwortungsvoll ist der, der für sein Leben Verantwortung übernimmt, und die Verantwortung für ein Leben reicht dem Menschen erfahrungsgemäß aus. An mehr können wir nur scheitern.

Wenn Du angesichts der Stille des Gebets, der Schönheit der Natur oder der Wärme Deiner Liebsten ahnen kannst, wie uferlos Gottes Güte und Liebe sind, wie kannst Du Dich oder Andere da mit gnadenlosen Konzepten martern, die immer und immer wieder in die Wunde stechen, die immer und immer neue Wunden suchen und die Dir immer und immer wieder die Last auferlegen, tagein tagaus um Dich selbst zu kreisen?

Einen Neubeginn wünschen sich viele Menschen. Und dieser Neubeginn kann jetzt sein. Ich trage in meinem Herzen die Gewissheit, dass ein aufrichtiges Gebet uns hier und heute – jederzeit – die Tür öffnen kann in ein Leben, in dem wir von dieser qualvollen Ichbezogenheit befreit sein werden, jeden Tag ein wenig mehr. Es könnte vielleicht so lauten:

Gott,
Du Seele aller Dinge
Du Quelle allen Seins
Du Urgrund aller Liebe
Ich möchte Mensch sein und das Menschsein umarmen.
Möchte die Gaben, die Du mir schenktest, entfalten zum Wohle Aller.
Ich lege meine Gedanken, Worte und Taten vor Dich wie leere Schalen.
Fülle Du sie an mit Deiner Liebe.
Verzeih mir, womit ich der Liebe nicht entsprach,
und hilf mir, mir selbst und Anderen immer zu verzeihen.
Hilf mir, jeden Tag ein wenig mehr das Geheimnis des Lebens zu begreifen,
und die Heiligkeit des Lebens zu ehren und zu feiern.
Ich danke Dir, dass ich auch in Momenten, in denen ich nichts mehr weiss,
um Deine Liebe wissen darf, die mich immerzu trägt, durchdringt und segnet.
Amen

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Oftmals, auf Nachfrage, entkleidet sich unser Streben nach dem „Erwachen“ in Sätzen wie „Ich will glücklich sein“ oder „Ich will das Leben meistern“. Oftmals auch geben diese Sätze wiederum den Blick auf den darunter liegenden Wunsch frei: „Ich will frei von Schmerz sein“.

Es ist der Schmerz, den wir um jeden Preis bändigen, heilen, auflösen, loslassen, vergessen, transzendieren, aufgeben wollen, und dafür werden wir so erfindungsreich in Theorie und Praxis, dass spürbar wird: hier geht es buchstäblich um Leben und Tod.

Denn alle Angst vor dem Schmerz ist letzten Endes eine Angst vor dem Tod. Eine Angst vor dem Ende des Glücks, der Gesundheit, der Familie, der Partnerschaft, des Wohlstands, der physischen Existenz, der Person.

Noch unsere spirituellen Konzepte sind oftmals leicht zu entlarvende Ränkespiele, mit denen wir uns schnell in den Gedanken der Ewigkeit und der All-Einheit, des Sinns oder der Vorbestimmung flüchten, bevor die Vorstellung unseres Schwindens uns auch nur einen erhöhten Puls verschafft. Da tun wir, was wir so oft und unerbittlich tun: wir überspringen das eine, das Notwendige, und nehmen unser Ankommen vorweg. Und der Grund dafür ist nichts weiter als Angst – unser Ankommen aber bleibt Selbstbetrug (und oft genug auch: Betrug an Anderen!)

Erzählen uns Krishna, der lachende Buddha oder der auferstandene Christus von der Abwesenheit von Schmerz oder der Möglichkeit, den Tod zu betrügen? Ich denke nicht. Für Krishna oder Buddha aber mögen jene sprechen, die sie besser kennen. Ich für meinen Teil blicke auf meine Wurzeln und sehe den Weg des Christus. Und dieser erzählt uns von der Erfahrung schmerzlicher Wirklichkeiten, die angenommen und durchlebt werden wollen. Er offenbart uns keine Formel, die wir künftig auf schmerzvolle Erfahrungen anwenden können, um uns die Tränen zu ersparen. Stattdessen lädt er uns ein, die Tränen zu weinen, mit aller Hingabe, und das Lachen zu lachen, mit ebensolcher Hingabe.

Weder gilt es, den Schmerz zu halten noch ihn aufzulösen (und bitte: ich rede hier von der inneren Erfahrung von Schmerz, und keineswegs davon, dass man leidverursachende Strukturen in der Welt nicht mit aller Tatkraft ändern sollte!). Weder gilt es, das Glück zu halten, noch es aufzulösen. Das, was wir sind, jenseits der Schmerzen, ist mehr als der Schmerz. Das, was wir sind, jenseits des Glücks, ist mehr als das Glück. Und dieses Sein hat kein Bestreben, uns vor Schmerz oder Glück zu bewahren, die es selbst als Schöpfung hervorgebracht hat.

Wenn ich versucht bin, mir eine Erfahrung schönzureden, sie zu meiden, sie auszubessern, wenn ich an meiner Trauer herumdoktere oder an meiner Unfähigkeit zur Vergebung, wenn ich einen Kummer vorschnell zum Schweigen bringen oder eine Angst wegrationalisieren will, wenn ich versucht bin, mich in ein geiziges, einsames Glück zu kleiden wie in Watte, dann rufe ich mir ein Bild vor Augen, das mich innerhalb weniger Sekunden neu ausrichtet (Metanoia):

Es ist das Bild von Jesus im Ölgarten, der darum bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen, und der sich dann betend den Satz erringt „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“.

Dieser Satz ist keine Einladung zu Fatalismus oder Determinismus, er ist kein Aufgeben der Souveränität in ein frommes Sklaventum. Dieser Satz ist ein Dialog zwischen endlicher Existenz und unendlichem Sein, zwischen Illusion und Wirklichkeit, zwischen Angst und Liebe. Dieser Satz ist eine Kapitulation im besten Sinne: Ausdruck der Bereitschaft, einer Erfahrung zu begegnen und sie zu durchschreiten. Er bedeutet die Bereitschaft, der Wahrheit, die an unserem Herzensgrund liegt, zu begegnen, durch alle schmerzlichen Unwahrheiten unseres Lebens und Strebens hindurch. Dieser Satz, da er Schmerz bejaht anstatt ihn zu fliehen, ist eine Tür zum Anderen, an dessen Schmerz wir nun wahrhaftig mitfühlend Anteil nehmen können.

„Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“ – das ist ein Trümmerfeld, aus dem eine Blüte treibt.

Erst wenn der Kelch geleert ist, und Du hast Deinen zu leeren wie ich den meinen, erst wenn wir uns haben stechen lassen dort wo es wirklich weh tut, in der Wunde unserer Endlichkeit, kann etwas in uns singen: Oh Tod, wo ist Dein Stachel nun.

Das ist Befreiung. Nicht Befreiung vom Leben in der Welt, sondern Befreiung zum Leben in der Welt hin. Befreiung vom Zwang, das Ich schützen und eine Denkungsart, Geisteshaltung oder ein Bekenntnis tragen zu müssen wie eine Rüstung. Befreiung in eine Handlungsfähigkeit und schöpferische Kraft, die Ausdruck von Liebe und Menschlichkeit ist.

Bild: Johan Georg Frans Schwartz, Christus im Ölgarten

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