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Posts Tagged ‘Freiheit’

Manchmal haben wir uns schon so sehr an das ewige Einerlei gewöhnt, an den Grauschleier der Immergleichen, des Überdrusses und der Langeweile, dass wir die Dinge gar nicht mehr sehen, und auch die Menschen nicht, mit ihren zu bunten Farben geronnenen Lebensgeschichten. Und wir hören nicht mehr hin, denn in unseren Ohren rauscht nur noch das eigene Wissen und das schmerzliche Wissenwollen, das wir so gerne betäuben mit unseren Jajadaskennichschons. Und wir beklagen die Gräue der Dinge, die nichts anderes ist als unser Schmerz, der vor lauter Ausweglosigkeit in alle unsere Sinne geflossen ist, und wir beklagen dass die Menschen mit wattierten Stimmen sprechen, so als hätten sie das Nichtgehörtwerden schon widerstandslos verinnerlicht.

Manchmal passiert es dann, obwohl wir es nicht verdienen, obwohl wir es nicht erwirken, und obwohl wir es schon gar nicht anziehen durch eine Haltung, dass ein Mensch uns begegnet, der solche Schönheit trägt, dass er durch unsere Gräue hindurchgeht wie ein Sonnenstrahl durch Schnee, wie eine Flamme durch totes Laub, und mit einem mal gehen wir in die Knie vor Erschütterung und wir brechen auf wie tönerne Krüge, randvoll mit Dunkelheit. Und die Dunkelheit entweicht uns wie Schwärme schwarzer Vögel, und Raum wird frei, dass wir endlich wieder atmen können, wieder sehen, wieder hören, wie aus bösen Träumen erwacht.

In diesen Momenten trifft uns das Wesen Gottes, die Barmherzigkeit, die auch dann bereit ist uns unseren selbstverschuldeten Alpträumen zu entreissen, wenn wir es nicht verdienen. Diese Barmherzigkeit holt uns heim wie den verlorenen Sohn, und sie erlaubt sich auf mannigfaltige Weisen in unser Leben einzubrechen, oftmals durch das Erscheinen eines Menschen, der nicht weniger für uns ist als der Engel der Verkündigung für Maria gewesen sein muss – die Verheissung nicht endenden Lebens in Fülle.

Bild: Stoimen Stoilov

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Oftmals, auf Nachfrage, entkleidet sich unser Streben nach spiritueller Entfaltung und „Erwachen“ in Sätzen wie „Ich will glücklich sein“ oder „Ich will das Leben meistern“. Oftmals auch geben diese Sätze wiederum den Blick auf den darunter liegenden Wunsch frei: „Ich will frei von Schmerz sein“.

Es ist der Schmerz, den wir um jeden Preis bändigen, heilen, auflösen, loslassen, vergessen, transzendieren, aufgeben wollen, und dafür werden wir so erfindungsreich in Theorie und Praxis, dass spürbar wird: hier geht es buchstäblich um Leben und Tod.
Denn alle Angst vor dem Schmerz ist letzten Endes eine Angst vor dem Tod. Eine Angst vor dem Ende des Glücks, der Gesundheit, der Familie, der Partnerschaft, des Wohlstands, der physischen Existenz, der Person.

Noch unsere spirituellen Konzepte sind oftmals leicht zu entlarvende Ränkespiele, mit denen wir uns schnell in den Gedanken der Ewigkeit und der All-Einheit, des Sinns oder der Vorbestimmung flüchten, bevor die Vorstellung unseres Schwindens uns auch nur einen erhöhten Puls verschafft. Da tun wir, was wir so oft und unerbittlich tun: wir überspringen das eine, das Notwendige, und nehmen unser Ankommen vorweg. Und der Grund dafür ist nichts weiter als Angst – unser Ankommen aber bleibt Selbstbetrug (und oft genug auch: Betrug an Anderen!). Und ohne es zu wissen, bringen wir uns damit um das tiefe Glück, das sich entfaltet wenn wir Leben in seiner Ganzheit annehmen und fließen lassen.

Heute ist Palmsonntag – die heilige Woche beginnt. Was uns die christliche Tradition über die Kartage erzählt, ist eine beispiellose Geschichte von Leiden und Sterben. Und bevor wir uns alle, erneut vorwegnehmend, „Frohe Ostern“ zurufen, sollten wir das aushalten und ansehen: Kartage.

Diese Tage erzählen uns von der Erfahrung schmerzlicher Wirklichkeiten, die angenommen und durchlebt werden wollen. Christus offenbart uns keine Formel, die wir künftig auf schmerzvolle Erfahrungen anwenden können, um uns die Tränen zu ersparen. Stattdessen lädt er uns ein, die Tränen zu weinen, mit aller Hingabe, und das Lachen zu lachen, mit ebensolcher Hingabe.

Weder gilt es, den Schmerz zu halten noch ihn aufzulösen (und bitte: ich rede hier von der inneren Erfahrung von Schmerz, und keineswegs davon, dass man leidverursachende Strukturen in der Welt nicht mit aller Tatkraft ändern sollte). Weder gilt es, das Glück zu halten, noch es aufzulösen. Das, was wir sind, jenseits der Schmerzen, ist mehr als der Schmerz. Das, was wir sind, jenseits des Glücks, ist mehr als das Glück. Und dieses Sein hat kein Bestreben, uns vor Schmerz oder Glück zu bewahren, die es selbst als Schöpfung hervorgebracht hat.

Wenn ich versucht bin, mir eine Erfahrung schönzureden, sie zu meiden, sie auszubessern, wenn ich an meiner Trauer herumdoktere oder an meiner Unfähigkeit zur Vergebung, wenn ich einen Kummer vorschnell zum Schweigen bringen oder eine Angst wegrationalisieren will, wenn ich versucht bin, mich in ein geiziges, einsames Glück zu kleiden wie in Watte, dann rufe ich mir ein Bild vor Augen, das mich innerhalb weniger Sekunden neu ausrichtet (Metanoia):

Es ist das Bild von Jesus im Ölgarten, der darum bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen, und der sich dann betend den Satz erringt „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“. Wir werden diesen Satz feiern, am Donnerstag.

Dieser Satz ist keine Einladung zu Fatalismus oder Determinismus, er ist kein Aufgeben der Souveränität in ein frommes Sklaventum. Dieser Satz ist ein Dialog zwischen endlicher Existenz und unendlichem Sein, zwischen Illusion und Wirklichkeit, zwischen Angst und Liebe. Dieser Satz ist eine Kapitulation im besten Sinne: Ausdruck der Bereitschaft, einer Erfahrung zu begegnen und sie zu durchschreiten. Er bedeutet die Bereitschaft, der Wahrheit, die an unserem Herzensgrund liegt, zu begegnen, durch alle schmerzlichen Unwahrheiten unseres Lebens und Strebens hindurch. Dieser Satz, da er Schmerz bejaht anstatt ihn zu fliehen, ist eine Tür zum Anderen, an dessen Schmerz wir nun wahrhaftig mitfühlend Anteil nehmen können.

„Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“ – das ist ein Trümmerfeld, aus dem eine Blüte treibt.

Erst wenn der Kelch geleert ist, erst wenn wir uns haben stechen lassen, dort wo es wirklich weh tut, in der Wunde unserer Endlichkeit, kann etwas in uns singen: Oh Tod, wo ist Dein Stachel nun. Und diese Worte werden wir singen, zu Ostern.

Das ist Befreiung. Nicht Befreiung vom Leben in der Welt, sondern Befreiung zum Leben in der Welt hin. Befreiung vom Zwang, das Ich schützen und eine Denkungsart, Geisteshaltung oder ein Bekenntnis tragen zu müssen wie eine Rüstung. Befreiung in eine Handlungsfähigkeit und schöpferische Kraft, die Ausdruck von Liebe und Menschlichkeit ist.

Ich wünsche Euch eine besinnliche Karwoche.

Bild: © Octavio Ocampo

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Manchmal sehen wir gar nicht mehr, wie gnadenlos zeitgenössische Konzepte von Heilung sind.

Da wird zu Kranken gesagt: Du bist krank, weil. Und sie quälen sich jahrelang mit Auflösungsarbeit, Affirmationen, karmischen Aufräumaktionen und vielem mehr herum, nur weil sie glauben, sie hätten sich ihre Misere selbst eingebrockt. Sicher gibt es krankmachendes Verhalten – es ist wohl nicht zu leugnen dass es schädlich sein könnte, sich ausschliesslich von Kohlenhydraten zu ernähren, sich permanent zu überarbeiten oder vom Sofa vor lauter Überdruss nicht mehr aufzustehen. Aber wer ist in der Lage, einem Kranken mit Bestimmtheit zu sagen, woher sein Leiden kommt? Und dass es, und wie es zu beenden sei? Wieviel Dogmatismus ist in unsere Deutungen geraten? Und wie sehr haben wir darunter verlernt, Zusammenhänge wirklich zu begreifen?

Wir stellen uns schlaue Bücher ins Regal, die Krankheit als Weg oder Krankheit als Sprache der Seele bezeichnen, und malträtieren fortan unsere Umwelt mit den nachgeplapperten „Weisheiten“: „Ah, Du hast MS, du bist verbittert“, „Soso, Du hast Asthma, Du bist ein ungehörter Schreier“. Die persönliche Biographie des Einzelnen? Unwichtig. Das Kompendium weiß es doch besser. Und eine ganze Industrie lebt davon und tritt jeden Tag aufs Neue das Leiden des Menschen mit Füßen, und das Leben, das sich auch im Leiden entfaltet.

Die esoterische Idealwelt besteht aus jungen, dynamischen und gesunden Menschen, denen „falsche Denkmuster“ derartig abhanden gekommen sind, dass ihre Körper gar nicht mehr imstande sind, krank zu werden. So lautet wenigstens das – mal laut, mal unterschwellig – kolportierte Märchen, und diesem Märchen verdankt sich auch die Bildästhetik der Szene, wie wir sie auf Zeitschriften, Websites, Prospekten, Lebenshilfebüchern und Wellness-Produkten sehen. Man muss kein Schelm sein, um sich bisweilen an Leni Riefenstahl-Filme erinnert zu fühlen, so kraftvoll wie Mann und Frau ihre makellosen, gestählten Körper der Sonne entgegenrecken.

Heilsein ist etwas anderes.

Ich bin in den vergangenen Jahren häufig mit Kranken in Berührung gekommen, die zusätzlich zu der Herausforderung, Ihr Leben in Krankheit meistern zu müssen, nun noch mit Schuld- und Versagensgefühlen sowie mit zwanghaftem Korrekturwahn belastet sind, nur weil ihnen Heiler und Coaches immer wieder einbläuten, dass sich das Falsche, ergo die Krankheit, falschem Denken und Verhalten verdanke, und dass das Richtige, ergo Gesundheit, nur durch die Richtigstellung des Denkens und Verhaltens erfolgen könne.

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist, Leben auch in Krankheit als „richtig“ empfinden zu können. Resilienz zu entwickeln im Umgang mit der eigenen Krankheit. Den eigenen Weg fruchtbar zu machen für Andere in ähnlichen Situationen. Es bleibt kein Raum für eine Wahrnehmung dessen, was immer gegenwärtig ist, auch noch in Krankheit. Ein Schmerzpatient ist nicht nur Schmerz. Ein Angstpatient ist nicht nur Angst. Ein Wachsenwollen an der erlebten Einschränkung findet nicht mehr statt. Eine eigene Deutung des Kontextes findet nicht mehr statt. Der eigene Bewältigungsstil wird nicht mehr erschlossen, der doch so unabdingbar ist für Lebensqualität. Kurzum: viele zeitgenössische „Heilwege“ sind heilloses Chaos und eine Abwärtsspirale in die Depression.

Auch aus diesem Grund biete ich die „Sprechstunde Auswege“ an, in der ich zusammen mit dem Betroffenen wieder Freiräume zum Atmen, Innehalten und zu einem mündigen Umgang mit Krankheit schaffe. In diesen Freiräumen darf der Mensch mitsamt seinem gewordenen Leben und seiner Krankheit sein. Wir schaffen die Deutung „Krankheit = falsch, Gesundheit = richtig“ ab, mitsamt ihrer Betriebsblindheit. Und von dort aus gehen wir weiter. Schritt für Schritt.

Ich freue mich auf Deine Anfrage.

(Bild: Jules Breton – The wounded Seagull)

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Innerhalb eines halben Jahres hörte ich von drei höchst unterschiedlichen Menschen, dass sie in einer entscheidenden Situation den selben Satz aussprachen: Der erste war ein junger Mann, geschäftlich erfolgreich, auf der Sonnenseite des Lebens, als er wegen zunehmenden Unwohlseins zum Arzt ging. Der Arzt sagte: „Sie zeigen alle Zeichen eines Burnout“. Der junge Mann antwortete schneller als ihm lieb war: „Ich habe keine Zeit für so einen Unsinn.“

Der zweite Mensch, das war eine Frau, die seit vielen Jahren alles daran setzte, es allen Menschen in ihrem Umfeld recht zu machen. Den Eltern, den Schwiegereltern, dem Ehemann, den Kindern. Wenn ich sie fragte, was sie für sich selbst tue, hörte ich nur Schweigen. Sie entwickelte Herzrasen, Atemnot, Schwindel. Der Arzt sagte. „Sie haben Panikattacken.“ Und sie antwortete wie im Reflex: „Dafür habe ich nun wirklich keine Zeit“.

Der dritte Mensch, das war ein Mann kurz vor der Rente. Er hatte einen so stressigen Job, dass er manchmal fürchtete, er würde seine Rente gar nicht mehr erleben. Ein Magengeschwür kündigte sich an, weswegen er zum Arzt ging. Der Arzt aber sagte obendrein: „Sie haben eine schwere Depression.“ Und auch hier kam die Antwort schneller als der innere Zensor sie zurückhalten konnte: „Depression? Also bei allem Respekt, aber dafür habe ich keine Zeit.“

Wofür wir Zeit haben, das entscheiden weder Vorgesetzter noch Ehemann, weder Schwiegereltern noch Kinder. Wofür wir Zeit haben, das entscheidet, wenn die Schmerzgrenze überschritten ist, immer unser Körper, immer unsere Psyche. Und dann beugen wir uns einem Gesetz, das uns nicht in den Kram passt, und sind womöglich noch böse auf den Körper der erschöpft ist, und auf die Psyche die in Sorgen ertrinkt.

Wer frei und verantwortlich entscheiden will, wohin seine Zeit fliesst, der muss die Gesetze des Körpers und der Psyche achten. Der muss auch bereit sein zu erkennen, dass Erfolgshunger ebenso wie Harmoniesucht durchaus krank machen können, wenn sie uns dazu verleiten, immer und immer wieder unsere eigenen Grenzen zu überschreiten. Wer frei und verantwortlich entscheiden will, wohin seine Zeit fliesst, der muss auch bereit sein, den ein oder anderen Wunsch als Ego-Ballast fallen zu lassen.

Ich werde in meiner Arbeit bisweilen gefragt, warum ich so beherzt mantrisches Beten empfehle. Die Antwort ist einfach: weil mantrisches Beten Medizin für jedes Leiden ist. Wer sich frei und verantwortlich Zeit dafür nimmt, täglich einige Minuten mantrisch zu beten, gibt seinem Körper und seiner Psyche ein entscheidendes Signal. Er sagt: „Dieses Sanktum in meinem Inneren, diese heilige Gegenwart des Göttlichen, wie fühlbar oder nicht fühlbar sie gerade auch sein mag, dieser Punkt an dem ich mehr bin als mein Ego, mehr als meine Person, an dem ich frei und unbeschadet bin, hat oberste Priorität. Ich anerkenne dieses Geheimnis, widme mich diesem Geheimnis, und erlaube diesem Geheimnis, das Ruder zu übernehmen.“

Es ist eine Entscheidung von großer Dimension, auch wenn sie sich anfangs winzig anfühlen mag. Mantrisches Beten bedeutet, das Gedankenkarussell zu verlassen. Das Hamsterrad der Unterwerfung, das Samsara der eigenen Enge. Und es beginnt mit einem kleinen, beherzten Satz: „Ja, dafür habe ich Zeit.“

samsara

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Natürlich können wir den lieben langen Tag damit verbringen, vermeintlich Unerlöstes aufzuspüren wie Polizeihunde illegale Substanzen am Grenzstreifen. Wir können schwierige Beziehungen lösen, Karma aufpolieren, Schmerz loslassen, Wut einebnen, Schuld ablegen, Verstrickungen durchschneiden, dunkle Energien mit Licht füllen und so weiter und so fort.

Oder wir atmen ein und atmen aus und begreifen mit jeder Faser unseres Seins, dass Leben pulsiert, dass es zerstört und wiederaufbaut, dass es trennt und verbindet, dass es schlägt und streichelt. Leben ist ein wildes, ein ruhiges, ein zerstörerisches und lebensspendendes Meer. Und wir, wir Menschen, werden und wachsen und reifen ebenso am Schmerz wie an der Freude, ebenso am Unfertigen wie am Vollendeten, ebenso am Licht wie an der dunklen Wunde unserer Vergänglichkeit.

Es hat sich eine zwanghafte Korrekturwut in der spirituellen Szene breit gemacht, eine Angst vor dem Zweifel, dem Kummer, dem Staub des Alltags, vor den Fragen die das Leben aufwirft, während wir uns Antworten einrahmen und über unsere Betten hängen.
Wer immerzu korrigiert, hält das Leben selbst für einen Fehler. Hält die Tränen für vermeidbar, und das Unfertige für unerträglich.

Was für eine Erlösung wäre es in der Tat, könnten wir aufhören, das Leben wie eine heilbare Krankheit zu betrachten. Könnten wir annehmen, dass wir Fehler machen, dass wir an Schmerzlichem reifen können, dass wir auch die Risse brauchen, durch die ein unerwartetes Licht herein scheint. Was für eine Befreiung wäre es, könnten wir wirklich und wahrhaftig für gut halten, dass es Dinge gibt, die nicht zu beenden und die nicht zu vollenden sind. Die untergehen mit Fragen, die Fragment bleiben und Geheimnis. Es gibt nicht den Moment, in dem man meint, einem Sterbenden alles gesagt zu haben. Es gibt nicht den Moment, in dem man frei ist von Brüchen und Fragen und Verstrickungen. Es gibt nicht den Moment, in dem endlich alles erledigt ist.

Es gibt nur Leben. Es ist nichts falsch daran, sich heil fühlen zu wollen. Aber suche nicht das nicht machbare Heilsein, das Dich jeden Tag aufs Neue um blutvolles Leben bringt und das nur Deine Ängste nährt. Erlaube Dir Fehler, Schmerz, Zweifel und Fragen. Erlaube Dir selbst, Dich zu entfalten, durch alle Unwägbarkeiten und durch chaotische Phasen hindurch.

Dann kann es passieren, dass Du folgendes bemerkst: Du gibst dem Leben keine Anweisungen mehr, wie es zu sein habe. Du selbst wirst lebendiges Zwiegespräch.

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Eine spirituelle „Unsitte“ unserer Tage ist unser Beharren auf Verfügbarkeit. Gottes Allgegenwart nehmen wir zum Anlass, Glückseligkeit für stets verfügbar zu halten. Den Überfluss der Schöpfung nehmen wir zu Anlass, Wohlstand für stets verfügbar zu halten. Die Spiritualität unserer Weggefährten nehmen wir zum Anlass, ihre Kraft für stets verfügbar zu halten.

Wie Kinder, die nicht verstehen, dass aus dem Mund der Eltern das erste „Nein“ erklingt, und ihre Bedürfnisse für den Moment unbefriedigt bleiben müssen, runzeln wir dann trotzig die Stirn. Dann erklären wir den Mangel an Glückseligkeit für überwindbar, den Mangel an Wohlstand für falsche Programmierung in unserem Gehirn, die mangelnde Dienstbarkeit unserer spirituellen Weggefährten für Versagen oder fehlende Liebe.

Nichtverfügbarkeit aber ist eine grossartige Lehrerin, und eine Notwendigkeit auf unserem Lebensweg. In der Nichtverfügbarkeit lernen wir das Warten, das Innehalten, das Nachhorchen, das inständige Ersehnen, und wir gewinnen eine Sensibilität für unsere Neigung, tiefe Herzenswünsche vorschnell mit spirituellem Bling Bling zum Schweigen zu bringen anstatt ihnen den schmerzlichen Raum zu geben, den sie einfordern.

Wir lernen, dass zum Verkosten der heiligen Dinge eine große Geduld vonnöten ist, eine Sehnsucht, die an Stille und Dunkel gereift ist, und ein tiefes Verstehen für das langsame Wirken Gottes, das uns in dem Tempo wachsen lässt, das unseren Gaben und unseren Fähigkeiten entspricht.

In der christlichen mystischen Tradition ist viel von der dunklen Nacht der Seele der Rede – einem Zustand der gefühlten Abwesenheit Gottes und der inneren Dürre. Wir lieben solche Konzepte heute nicht – denn wir wollen am liebsten immer schon da sein, wo der Morgen in schillernden Farben grüßt, ohne auch nur je einen Fuß in die Nacht gesetzt zu haben.

Wenn wir die Nichtverfügbarkeit erfahren, sei es in gefühlter Abwesenheit Gottes oder des Glücks, in der Abwesenheit von Frieden und Ruhe, Erfüllung, Erkenntnis oder Kraft, wenn wir die Nichtverfügbarkeit von innerem und äußeren Wohlstand erleiden und die unserer Mitmenschen, die wir nur allzu gern der Tyrannei unserer Bedürfnisse unterworfen haben, dann ist dies eine gute Gelegenheit, Ja zu sagen. Ja zum schmerzlichen Gefühl, das Schöne, das Ersehnte, das Erstrebenswerte gerade nicht zur Hand zu haben. Ja zum Abgrund der Sehnsucht. Ja zum unerfüllten Wunsch und zur geisterhaften Stille darin, die nach Einsamkeit klingt. Denn erst im Annehmen dieser Stille öffnen wir eine Tür, durch die all das, wonach unsere Seele seit jeher ruft, eintreten kann.

Wir öffnen die Tür für den, der größer ist als unsere Vorstellung von Erfüllung. Wir erlauben ihm, unsere Ufer zu fluten mit ozeanischer Weite, die zuvor nur durch die Enge unseres Habenwollens zurückgehalten wurde. Wir erlauben uns selbst, über die Kleinheit unserer vordergründigen Bedürfnisse hinauszuwachsen. Das zu erfahren, ist Segen.

nichtverfuegbarkeit

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Wie oft wollen wir frei sein, und wähnen uns frei, wenn wir frei von Krankheit sind, frei von Not, frei von Tränen, frei von der Bedürftigkeit, Erkenntnis, Wärme, Halt und Schönheit aus der Begegnung mit dem Anderen erlangen zu müssen. Freiheit aber ist nicht Freiheit vom Schmerzlichen, nicht Freiheit vom Stachel der Vergänglichkeit und des Todes, nicht Freiheit vom Werden am Du, das nicht Makel ist sondern Würde.

Freiheit ist Freiheit zum Schöpferischen, zum Ja dazu, die Welt mitzugestalten. Freiheit ist Erkenntnis der eigenen Kleinheit und Erfahrung der eigenen Grenzenlosigkeit. Freiheit ist Lust an der Begegnung, am blutvollen Geben und Nehmen, am Werden, Wachsen und Reifen, an der Schöpfung, am Herzen des Anderen, am Grunde des Kelches der Not ebenso wie auf den Gipfeln der Freude. Freiheit ist Atmen der Ewigkeit inmitten aller vergänglichen Erscheinungen, ist eine Umarmung des Chaotischen, aus dem immerzu neue Schöpfungen hervorgehen.

Freiheit zum Menschsein ist etwas ganz anderes als Freisein von etwas. Allenfalls bemerken wir in der freiheitlichen Bejahung des Lebens mit all seinen Facetten, dass Dinge von uns abfallen, die uns hinderten, auch die Sucht, immer nur uns selbst verpflichtet zu sein. Die Dinge loswerden zu wollen jedoch, die uns hindern, die uns verwunden, ärgern, krank machen oder belasten, hat uns noch nie frei gemacht, sondern unserem Gefängnis nur weitere Schlösser hinzugefügt.

Alle Dinge des Lebens enthalten eine Einladung an uns, unsere Freiheit zu umarmen, und mit ihr unsere gestalterische Kraft, unseren Willen, unsere Erkenntnisfähigkeit und unsere Verantwortung. Wir sind Narren, wenn wir denken, diese Freiheit machte uns zu Göttern, denen es zustehe, sich zu nehmen was ihnen beliebt. Denn dieser Freiheit wohnt solche Zärtlichkeit inne, solche natürliche Demut, solche mitfühlende Aufmerksamkeit, dass sie nichts anderes wollen kann, als Segen, als Frieden, als Seligkeit für alle.

vogi

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