Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Gewissheit’

Es gibt eine schmerzliche und zugleich gnadenvolle Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, die wir nicht im Versiegen, Abbrechen oder Entsagen erleben, nicht inmitten von Sorge, Trennung, Krankheit oder Tod – dort also, wo uns die Unerträglichkeit des Unvollendeten, des nicht gelingenden oder des jäh Fortsterbenden wie eine unheilvolle Klinge zerteilt – sondern im Angesicht ehrfurchtgebietender Schönheit und Anmut, dort wo Entzücken und Seligkeit uns so haltlos aus den Augen perlen, weil wir erstmalig schmecken, was das Wort „Leben“ überhaupt bedeuten könnte, lernten wir, Ergebenheit zu einem fortwährenden Gebet unseres Herzens heranreifen zu lassen.

Solcher Art ist diese Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, dass sie uns direkt und unverhohlen aus der verschwenderischen Schönheit des Augenblicks grüßt, aus dem Kuss der Geliebten, der Treue verheißt, aus dem Duft der Blüte, die ein stilles Amen auf das weit gereiste Licht der Sonne singt. Wie ein klagendes, jauchzendes Duett tönt in uns dann die Ewigkeit, die sich des Eingegossenseins in endliche Gestalten erinnert, und die Endlichkeit, die sich daran erinnert, Gefäß des Ewigen zu sein. Unter diesem Gesang sind wir Verwundete – und wir gleichen dem Jünger Thomas, da wir wie er, erst nachdem unsere Hände in die Wunde getaucht sind, das Wunder der Ewigkeit, das nicht ohne den blutberänderten Riss, nicht ohne das Sterben auskommt, bejahen und vertrauensvoll umarmen.

Wir wären Narren, nähmen wir die Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit zum Anlass, zu verzagen. Und Narren wären wir, nähmen wir jene Verwundung zum Anlass, unser Glück auf den letzten Ruf in die Ewigkeit zu vertagen. Jene Verwundung inmitten beseelter Schönheit hat die Macht, uns zu läutern und zu klären, und unsere Hände, die vielleicht bisher nur als grobe Enden unserer Ungeschicklichkeit hölzern in die Welt ragten, zu tatkräftigen, redlichen, irdenen Werkzeugen umzuformen, unter deren trauerlosem Fleiß eine neue Welt sich zu erkennen gibt. Oh, der Schönheit ist genug in unsere alte vernarbte Welt gegossen, doch unsere Werkzeughände liegen noch in ungeöffneten Truhen unter Schichten von Staub.

Dies ist die Gnade der Verwundung, dass sie uns zu gestaltenden Schöpfern umformt, deren Maß der Liebe ein Tun ist, ein menschenmögliches im kostbarsten Sinne, nicht um der Liebe die vollkommen ist, ein Jota hinzuzufügen, sondern um eine jede Stunde als Sakrament zu begreifen, in der die Liebe sich in den Menschen verwandelt, in den Menschen der ich bin, in den Menschen der Du bist, mit all unseren äschern gewordenen Worten und unseren Händen aus Treibholz auf einem Meer der Verzweiflung.

Die Liebe weiß nichts weiter, als Du zu werden, das ist wohl ihre Torheit, doch eine die wir begreifen, wenn erst die Schönheit uns bestürmt und einnimmt, ohne Rücksicht auf unser Beharren, dass alle Dinge bedeutungslos seien oder bitter wie Wermut.

Advertisements

Read Full Post »

Die Menschen, die mich am tiefsten berührt und bewegt haben, das waren nicht diejenigen, die von Erwachen sprachen, nicht diejenigen, die einen Gott predigen, nicht die, die mir erklären wollen, wie mein Leben in Ordnung kommt. Es waren nicht die, die den Anspruch hatten, mich zu heilen, oder solche die glaubten es besser zu wissen. Es waren nicht die, die auf alles eine Antwort haben und auch nicht die, die jede schmerzliche Situation überlegen anzulächeln trachteten. Es waren keine Menschen, die behaupteten, frei von Ego oder Verstrickung zu sein, weder solche, die Stimmen hörten, noch solche, die erhebende Erscheinungen hatten. Es waren nicht die ewig jungen, dynamischen, erfolgreichen menschlichen Schlachtschiffe, die in einsamem Triumph durch das Meer des Lebens fahren, noch waren es Menschen, deren Hände hart sind von der Gewohnheit, alles im Griff zu haben.

Die Menschen, die mich am tiefsten berührt und bewegt haben, das waren diejenigen, die still taten, was viele tun, doch ohne sich zu brüsten oder zu klagen. Das waren diejenigen, die mir zuhörten, wenn es darauf ankam. Die das Gute in mir sahen, das ich selbst längst vergessen hatte. Die gut zu mir waren, auch wenn ich es nicht verdient hatte. Das waren diejenigen, die fragten, anstatt zu meinen, und wissen wollten, anstatt zu urteilen. Das waren diejenigen, die sich zeigten, auch auf die Gefahr hin, ausgeliefert zu sein. Die sich hingaben, auch auf die Gefahr hin, nicht gehalten zu sein. Das waren die, die bereit waren, mit mir in die Finsternis zu gehen, anstatt mich ins Licht zu zerren. Das waren die, die von ihrem Scheitern sprachen, ohne das rasende Schwert der Beschönigung zu schwingen. Die, die ohne Zurückhaltung litten und lachten. Jene, die auf ihren Grund gesunken waren, von dem mich uferlose Bläue grüßte, so wehmütig leise in einer tosenden Welt. Die stillen Heiligen, an die wir uns oft erst erinnern, lange nachdem sie aus unserem Leben verschwunden sind.

Wessen Stimme vertraust Du? Welcher Hand vertraust Du Dein Leben an? Dort, wo wir Antworten suchen, sind wir so leicht zu blenden, leicht zu trösten und zu verführen. Es ist an der Zeit, neu hinzuhören, neu hinzusehen, und zu bejahen, dass der Schleier der Täuschung fallen will. Randvoll sind wir mit Kontakten, doch arm an Begegnung. Randvoll mit Vernetzung, doch arm an Gemeinschaft. Randvoll mit Erklärungen, doch arm an Gewissheit. Vertagt ist alle Weisheit, die uns von Karma, Erlösung, Auflösung erzählt. Ein tiefer Wunsch wird wach und wacher, den Menschen wirklich zu sehen, und wirklich gesehen zu sein – hineinzuwachsen in das Leben, das wir uns eben noch erklären lassen wollten, in den Moment, den wir gerade noch missachteten, auf der Suche nach dem Sinn dahinter.

Rilke sagte es in so tiefem Wissen, im Stunden-Buch:

„Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drüben
Nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn
Und dienend sich am Irdischen zu üben
Um seinen Händen nicht mehr neu zu sein.“

Und wo sonst liegen unsere Hände, wenn nicht in der Seinen:

„Laß Dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muß nur gehen: Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.
Du wirst es erkennen an seinem Ernste.
Gib mir die Hand.“

weekend

Read Full Post »

Was hält Dich auf, anstatt Dich sanft zu halten?
Was erneuert nicht, und zieht Dich stets zum Alten?
Was brennt Dich aus, anstatt Dich zu entzünden?
Was trennt Dich ab, anstatt Dich zu verbinden?
Was trägt Dich ab, anstatt Dich treu zu tragen?
Was nimmst Du hin, doch ohne Ja zu sagen?

Oh Deine Flügel wollen Himmelsbläue schmecken
Und Deine Seele will die Ewigkeit entdecken
Sei Du bereit zu lassen was Dich kleiner macht
Und was Dich lange schon um Seelenruh’ gebracht
An Deinem Seelengrund liegt leise und verborgen
Ein neues Tun, ein neues Sein, ein neuer Morgen

seelengrund_blog

Read Full Post »

Manchmal möchte ich so viel sagen
zu Dir, Mensch, der Du fort bist
versöhnendes Grün sein über zerklüftetem Land
doch dann bin ich stumm
weil ich nicht weiss, wie Liebe spricht

Manchmal möchte ich so viel sagen
zu Dir, Mensch, der Du leidest
tröstendes Blau sein an einem Himmel aus Sand
doch dann bin ich stumm
weil ich nicht weiss, wie Liebe spricht

Manchmal möchte ich so viel sagen
zu Dir, Mensch, der Du Unrecht tust
die Blume am Schwert sein, in Deiner Hand
doch dann bin ich stumm
weil ich nicht weiss, wie Liebe spricht

Wie spricht die Liebe, Gott,
wie spricht das Herz, das niemals endet
wie spricht der Schnee vom Rot, das ihn durchtränkt?
Ach, sprich das Wort mir zu, lass selbst das Wort mich sein
An dessen Klang allein das Wohl der Schöpfung hängt

wiedieliebespricht

Read Full Post »

Heute nacht träumte ich, ich flog in einem gläsernen Hubschrauber und beguckte mir die Welt da unten. Einige andere Passagiere taten es mir gleich. Der Pilot aber hatte ganz andere Pläne: mit einem mal drehte er den Hubschrauber um, so dass wir auf dem Kopf flogen. Wir hatten alle Todesangst und schnatterten auf den Piloten ein, er solle sofort wieder richtig herum fliegen. Als ich durch die Scheibe blickte, verstummte ich umgehend. Das was ich da sah, war so atemberaubend schön, dass mir im selben Moment der Tod vorkam wie ein winziger Kollateralschaden. Ich sah das All. Einen mitternachtsblauen Himmel mit unzähligen Sternen, und eine pulsierende leuchtende Furt von Galaxien und Nebeln, ähnlich einem kosmischen Schoß im stillsten Augenblick vor einer Geburt.

So ist das auch mit den mystischen Einbrüchen in unser Leben, mit den kleinen und grossen Erleuchtungen, den Momenten, in denen wir, wach und gegenwärtig wie nie, begreifen, erfahren und atmen, dass wir nicht nur das sind: nicht nur die Gedanken, die uns durch den Kopf stürzen, nicht nur die Gefühle, die mal hoch wallen und sich mal in tiefsten Untiefen suhlen, nicht nur die Körperlichkeit mit ihrem jugendlichen Juchu und ihrem alternden Weh und Ach, nicht nur das brennende Begehren und dessen Erlöschen. Nicht nur der Kumpel und Freund für den einen oder der Lebenspartner für den anderen, der Kollege der sich ein bisschen zu viel gefallen lässt oder der Familienpatriarch, der alle gut im Griff hat. Wir sind, während wir all diese Rollen spielen und erfüllen, ja bestenfalls mit blutvollem, köstlichen Leben füllen, doch auch der Geist, auch das Ich, das sich selbst bei diesem Treiben zusieht, und das immerzu weiß, dass es unbeschadet, ungebrochen, unsterblich aus all dem hervorgehen wird.

Und deswegen sind es manchmal genau die Situationen, die unsere Welt Kopf stehen lassen, die uns in Todesängste stürzen weil all das was wir glaubten, besitzen wollten oder erreicht zu haben meinten, im Begriff ist, zu Staub zu zerfallen, in denen wir es am hellsten sehen, in denen wir es beinahe schmecken können, dieses Wissen, diese Erinnerung, diese Selbsterkenntnis: dass wir Leben sind, alles überdauerndes, in sich ruhendes, friedvolles Leben. In diese Erkenntnis, in diese Erfahrung immer wieder hineinzusterben, ist bisweilen schmerzlich, aber niemals, niemals ein zu hoher Preis.

Bild: Spiralgalaxie NBC 891, © Large Binocular Telescope Observatory

Read Full Post »

Es gibt diese Erzählung von zwei Mönchen, die ihre Vorstellung vom Paradies hatten und einander versprachen, derjenige der zuerst sterbe, werde dem Hinterbliebenen davon erzählen, wie es dort drüben sei. Sie versprachen einander, nur ein Wort zu sagen, nämlich „aliter“, was bedeutet „Es ist anders, als wir es uns vorstellten“, oder „taliter“, „Es ist so, wie wir es uns vorstellten“. Als nun der eine Mönch starb, erschien er seinem Bruder im Traum, doch nicht wie versprochen mit einem dieser Worte, sondern mit den Worten „Totaliter aliter“, was bedeutet: „Es ist vollkommen anders, als wir es uns vorgestellt haben“.

Für mich sind diese zwei Worte wie ein kraftvolles Mantra. Wann immer ich feststelle, dass ich mich in festen Vorstellungen über einen Menschen, über die Welt, über die Sinnhaftigkeit des Lebens oder gar das Wesen Gottes befinde, sagt es in mir wie von selbst: „Totaliter aliter“.

Denn nur wenn wir uns eingestehen, einen Menschen nicht zu kennen, können wir ihm noch begegnen. Und nur wenn wir die Ahnung von der Unvorstellbarkeit des Lebens hereinlassen, können wir uns der Welt noch fragend, sehnend und atmend zuwenden. Und nur wenn wir bereit sind, noch jede tröstliche Vorstellung von Gott loszulassen, öffnen wir uns dem, den wir nicht kennen, dem, der da kommt. Dem, den wir erfahren, jenseits von Wissen und Erwartung.

„Totaliter aliter“ ist ein Gebet des Loslassens, ein Mantra des Nichtwissens, eine Einlassung in die Größe der Liebe, die alle unsere Vorstellung zum Schweigen bringt, all unsere Grenzen sprengt und all unsere Gewissheiten unendlich übersteigt.

Und wenn ich nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu wissen und nichts mehr zu hoffen hätte, wären es diese beiden Worte, auf denen ich reisen wollte, und ich wüsste, dass es eine gute Reise ist.

Read Full Post »

Angesichts des Pussy Riot Dramas fühlen sich derzeit diverse meiner religiösen Freunde und Bekannten zu der Aussage veranlasst, dass Kunst ja so ziemlich alles dürfe, nur religiöse Gefühle verletzen dürfe sie eben nicht. Die reflexhafte Art, wie dieser Spruch – ich will nicht kalauern, aber ich kann nicht anders – gebetsmühlenartig von Frommen vorgetragen wird, wundert mich schon eine ganze Weile.

Unlängst waren es dieselben Stimmen, die beim Beschneidungsverbot maulten, der Staat dürfe auch eine ganze Menge, bloß religiöse Gefühle verletzen dürfe er eben nicht, wo kämen wir denn da hin.

Was ist denn dieses absonderliche religiöse Gefühl, das weder vom Staat noch von der Kunst, ich vermute also mal, auch von Müttern, Teenagern, Postbeamten, Schulen und Bauernverbänden nicht verletzt werden darf? Was ist das für eine Tabuzone, in der man es sich als Frommer gemütlich machen kann, lebenslang mit Welpenschutz ausgestattet und vor der Grausamkeit der Welt mit einem Recht auf ein unantastbares Utopia behütet?

Der Staat interessiert sich nicht für religiöses Gefühl. Für ihn wird die vermeintliche Verletzung eines solchen erst relevant, wenn sie den öffentlichen Frieden stört. Viele, die derzeit etwas selbstgerecht auf Paragraph 166 des Strafgesetzbuches verweisen, scheinen anzunehmen, der Staat schütze Gottesbilder oder Frömmigkeit. Das ist aber schlicht und ergreifend nicht so, denn er schützt das was er den öffentlichen Frieden nennt. Was den subjektiven inneren Frieden stört, ist freilich etwas ganz anderes, aber da bin ich mir ziemlich sicher, dass jeder Veganer vor einer McDonalds Filiale oder jede Feministin in der Porno-Ecke der Videothek sich mindestens ebenso in ihrem Frieden erschüttert und gestört fühlen wie ein Frommer durch Riot Girls vor der Ikonostase.

Religiöses Gefühl – ein übrigens ziemlich deutungspromisker Terminus, denn was das genau heisst scheint ja niemand zu wissen –  hat für mich keinen anderen Stellenwert als andere Gefühle. Und wie Gefühlswelten nun mal so sind – sie sind dem Werden und Vergehen ausgesetzt, ebenso wie der Kritik, der Anfechtung, der Ablehnung und der Dekonstruktion, völlig gleich wer diese vornimmt (im besten Fall tut man es selbst). Dass ein religiöses Gefühl besonders schutzbedürftig sei und ein Religiöser Anspruch auf eine Art Immunität haben soll, das befremdet mich zutiefst, besonders angesichts der Tatsache, dass wir uns als Säkularisierte verstehen.

Aus meinem spirituellen und mystischen Leben und Erleben weiss ich zu berichten, dass vor allem Einer mein religiöses Gefühl gestört hat und weiterhin munter stört: Der nämlich, auf den religiöse Sprache als „Gott“ Bezug nimmt. Überall da, wo ich Einbrüche des Göttlichen in meine Erfahrungswirklickeit erlebte, wurde mein religiöses Gefühl massiv verletzt, dekonstruiert, aufgehoben, vielleicht erneuert und anschließend wieder dekonstruiert. Ich erlebte, und fast will ich sagen, erlebe dies immer noch als schmerzlich, aber bin dafür dankbar. Jedes Gottesbild das ich verlieren musste, jede häretische Frage die ich an mich selbst richten musste, jedes fromme Gefühl das ich aus dem Fenster schmeissen musste, hatte eine Entgrenzung zur Folge, die mich wiederum für die Erfahrung des Unbekannten öffnete. Und Gott bleibt ein Unbekannter, ein Verborgener, ein Namenloser, ein Tremendum. Mein religiöses Gefühl, mit dem ich mich fromm zudecken könnte in frösteligen Momenten in denen meine Gewissheiten über Bord gehen, ich könnte es konservieren wollen, es retten wollen weil es sich doch so behütet darin leben lässt. Aber aus diesem Palast lasse ich mich vertreiben, nicht nur einmal, sondern wieder und wieder und wieder, und ziehe stattdessen mit einem Zelt durch die Wüste, wo Gott „sich ereignet“ wie es ihm gefällt, und nicht wie der religiöse Kanon oder meine fromme Lust es ihm diktieren.

Viele, die derzeit empört sind, rufen, dass religiöses Gefühl unantastbar sei. Aber es ist antastbar und ich sage, es muss antastbar sein und wir müssen die Klarheit haben, unser religiöses Gefühl nicht mit Gott zu verwechseln und unsere Religionsfreiheit nicht mit Freiheit von Widerspruch.

Freilich mag man streiten, ob das nicht etwas anderes sei, wenn nun eine Gotteserfahrung, eine mystische Erschütterung das religiöse Gefühl ad absurdum führt, oder wenn ein Künstler es wagt, in einem sakralen Raum Randale zu machen und damit die Anwesenden zu brüskieren. Ich habe zuviel Adorno geatmet, um davon abrücken zu können, dass die Kunst eben auch immer die „Mnemosyne“ der Gesellschaft ist, und das übrigens unabhängig davon, ob sie einem besonders gelungen oder entartet erscheint. Möge die Kunstfrage also jeder für sich selbst verhandeln.

Ich möchte aber wenigstens gefragt haben, mit welchem Recht wir annehmen, religiöses Gefühl sei eine Tabuzone für jegliche Infragestellung, und warum eine Infragestellung eigentlich eine Verletzung, also eine Versehrung und einen Gewaltakt darstellen soll. Und ich wüsste auch gern, warum es vielen Religiösen offenbar soviel Angst macht, in Frage gestellt zu werden. Am Ende könnte das ja bedeuten, dass sie selbst nicht auf die Idee kommen, ihr religiöses Gefühl zu hinterfragen. Und davor warnte im übrigen schon Johannes vom Kreuz, der die menschliche Lust allzu gut kannte, sich die Seele mit frommem Gefühl vollzuschlagen wie den Bauch mit allzu fettem Essen. Dem Menschen geht dabei schlicht der Hunger verloren und mit ihm die Fähigkeit, wahrhaftig zu verkosten was sich ihm immerzu schenken will.

Und für die, die es interessiert: vieles zum Thema Gott als Ruhestörer und Verlust von gemütlichen Glaubensgewissheiten und Gefühlen wurde hier schon gebetet, gedichtet, analysiert und betrachtet, beispielsweise hier, um nur ein paar Beiträge zu nennen:

Abyssus

Gebet um Erneuerung

Heimat in der Heimatlosigkeit

Christentum, Esoterik, und die Sehnsucht nach Erlösung

Gottesbilder – Trauer und Versöhnung

Read Full Post »

Older Posts »