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Posts Tagged ‘Glaube’

Die Menschen, die mich am tiefsten berührt und bewegt haben, das waren nicht diejenigen, die von Erwachen sprachen, nicht diejenigen, die einen Gott predigen, nicht die, die mir erklären wollen, wie mein Leben in Ordnung kommt. Es waren nicht die, die den Anspruch hatten, mich zu heilen, oder solche die glaubten es besser zu wissen. Es waren nicht die, die auf alles eine Antwort haben und auch nicht die, die jede schmerzliche Situation überlegen anzulächeln trachteten. Es waren keine Menschen, die behaupteten, frei von Ego oder Verstrickung zu sein, weder solche, die Stimmen hörten, noch solche, die erhebende Erscheinungen hatten. Es waren nicht die ewig jungen, dynamischen, erfolgreichen menschlichen Schlachtschiffe, die in einsamem Triumph durch das Meer des Lebens fahren, noch waren es Menschen, deren Hände hart sind von der Gewohnheit, alles im Griff zu haben.

Die Menschen, die mich am tiefsten berührt und bewegt haben, das waren diejenigen, die still taten, was viele tun, doch ohne sich zu brüsten oder zu klagen. Das waren diejenigen, die mir zuhörten, wenn es darauf ankam. Die das Gute in mir sahen, das ich selbst längst vergessen hatte. Die gut zu mir waren, auch wenn ich es nicht verdient hatte. Das waren diejenigen, die fragten, anstatt zu meinen, und wissen wollten, anstatt zu urteilen. Das waren diejenigen, die sich zeigten, auch auf die Gefahr hin, ausgeliefert zu sein. Die sich hingaben, auch auf die Gefahr hin, nicht gehalten zu sein. Das waren die, die bereit waren, mit mir in die Finsternis zu gehen, anstatt mich ins Licht zu zerren. Das waren die, die von ihrem Scheitern sprachen, ohne das rasende Schwert der Beschönigung zu schwingen. Die, die ohne Zurückhaltung litten und lachten. Jene, die auf ihren Grund gesunken waren, von dem mich uferlose Bläue grüßte, so wehmütig leise in einer tosenden Welt. Die stillen Heiligen, an die wir uns oft erst erinnern, lange nachdem sie aus unserem Leben verschwunden sind.

Wessen Stimme vertraust Du? Welcher Hand vertraust Du Dein Leben an? Dort, wo wir Antworten suchen, sind wir so leicht zu blenden, leicht zu trösten und zu verführen. Es ist an der Zeit, neu hinzuhören, neu hinzusehen, und zu bejahen, dass der Schleier der Täuschung fallen will. Randvoll sind wir mit Kontakten, doch arm an Begegnung. Randvoll mit Vernetzung, doch arm an Gemeinschaft. Randvoll mit Erklärungen, doch arm an Gewissheit. Vertagt ist alle Weisheit, die uns von Karma, Erlösung, Auflösung erzählt. Ein tiefer Wunsch wird wach und wacher, den Menschen wirklich zu sehen, und wirklich gesehen zu sein – hineinzuwachsen in das Leben, das wir uns eben noch erklären lassen wollten, in den Moment, den wir gerade noch missachteten, auf der Suche nach dem Sinn dahinter.

Rilke sagte es in so tiefem Wissen, im Stunden-Buch:

„Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drüben
Nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn
Und dienend sich am Irdischen zu üben
Um seinen Händen nicht mehr neu zu sein.“

Und wo sonst liegen unsere Hände, wenn nicht in der Seinen:

„Laß Dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muß nur gehen: Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.
Du wirst es erkennen an seinem Ernste.
Gib mir die Hand.“

weekend

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Was kann der Mensch anderes wünschen, als ins Leben zu finden. Überall da jedoch, wo wir unerbittlich Widersprüche auflösen wollen, innere Kämpfe leugnen, dort wo wir aufhören zu zweifeln und zu fragen, dort wo wir aufhören an der Welt wie sie ist, zu leiden, finden wir nicht ins Leben, finden wir nur in das Verlies unserer Angst, die uns bewahren will vor dem was sticht, doch auch vor der Wahrheit darunter.

Zwischen der erfahrbaren Vollkommenheit der Schöpfung und ihren Wunden liegt eine Spannung. Zwischen der Bestimmung, die wir so oft erahnen, und dem freien Willen, den wir so oft nicht zu nutzen wissen, liegt eine Spannung. Zwischen der Reue, die wir über unser Versagen empfinden und der Kraft, die wir aus dem Willen zur Wiedergutmachung schöpfen, liegt eine Spannung. Zwischen der Hingabe noch, die alles gibt, und die doch ein Alleslassen ist. Zwischen dem Willen zur Veränderung, und der Gewissheit, dass in allem etwas Unveränderliches wohnt. Zwischen der Klage und dem Dank. Dem Ewigen und der Brüchigkeit der Erscheinungen.

Und ins Leben zu finden, das kann nicht bedeuten, diese Spannung zu leugnen, sie auflösen zu wollen oder sie zu fürchten. Ins Leben zu finden, und dies ist zugleich Spirituell-Sein, bedeutet, diese Spannung zunächst auszuhalten und dann auszutragen. Als Frage, die Antwort sucht, und als Antwort, die neue Fragen hervorbringt. Als Verstehen in Gedanken, Herz und Hand, das sich in unseren Begegnungen ereignet. Und der Schmerz wird so ein anderer, weil er nicht länger der Schmerz der Versagung ist. Und die Liebe wird so eine andere, weil sie endlich eine Liebe zum Du ist.

lieblichistes

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Manchmal sehen wir gar nicht mehr, wie gnadenlos unsere Konzepte von Heilung sind. Gebetsmühlenartig predigen wir, dass dies und jenes noch aufgelöst werden müsse, dass dies und jenes noch losgelassen werde müsse, und dass das ein oder andere uns noch bremse, blockiere, verdunkele oder schwäche, unsere Berufung vernebele, unsere glückliche Partnerschaft ausbremse.

Wir sagen zu Kranken: Du bist krank, weil. Und sie quälen sich bisweilen jahrelang mit Auflösungsarbeit herum, nur weil sie glauben, sie hätten sich ihre Misere selbst eingebrockt. Sicher gibt es krankmachendes Verhalten – aber wer ist in der Lage einem Kranken mit Bestimmtheit zu sagen, woher sein Leiden kommt?

Als wäre das nicht genug, überfrachten wir unser Leben oder das Anderer mit vermeintlichen karmischen Verstrickungen, alten Sünden aus alten Leben, mit ungelösten Rätseln aus Inkarnationen, mit Seelenverträgen, offenen Rechnungen, uneingelösten Schwüren, unintegrierten Kräften und so weiter und so fort.

Wir vergessen dabei gern, dass all diese Modelle uns ursprünglich dazu verhelfen sollten, innerhalb eines symbolhaften Kontextes Probleme zu lösen, die unser momentanes Leben direkt betreffen. Und nur innerhalb der Parameter eines bestehenden Problems und einer gewünschten Lösung haben solche Modelle überhaupt ihre Berechtigung. Wenn wir das vergessen, versklaven wir uns und Andere und legen ihnen ein Joch auf, unter dem jedes Leben in Gefahr ist, zu ersticken. Und wir erschaffen Abhängigkeiten – zwischen jenen die Heilberufe ausüben und jenen, die als Klienten Hilfe in Anspruch nehmen. Denn das Rumdoktern an inneren Blockaden, für einen Moment in dem endlich alles in Ordnung sei, endet niemals.

Es wird nie aufhören, dass wir etwas in uns noch als „unheil“ empfinden. Es wird nie aufhören, dass wir denken, dies oder jenes könnte noch besser sein, noch klarer, noch froher. Es wird auch nie aufhören, dass wir denken, wir hätten etwas besser machen können. Das alles sind menschliche Gefühle und Gedanken, Teil menschlichen Lebens. Kurzum: es gibt diesen Moment nicht, auf den wir nahezu manisch hinarbeiten, diesen Moment in dem wir uns endlich „bereit“ fühlen. Bereit wozu eigentlich? Bereit, Gott zu begegnen? Bereit, der Welt zu begegnen? Bereit, uns selbst zu begegnen?

Wenn wir uns erlauben, für einige Tage innezuhalten, und die Besessenheit des An-uns-Arbeitens ruhen zu lassen, wenn wir für einige Tage in die Stille gehen, in die Ordnung der Natur, in die Uferlosigkeit des Gebets, wenn wir Zeit mit Menschen verbringen, die uns immer schon liebten, egal wir unmöglich wir uns aufführten, dann, ja dann dämmert uns vielleicht, wie einfach es im Grunde ist:

Das Leben ist jetzt. Und jede Sekunde, jeder Atemzug öffnet uns eine Tür, das Leben zu bejahen. Unsere Verantwortung und Freiheit, unsere Gestaltungskraft anzunehmen und sie auszufüllen.

Wenn Du Dich berufen fühlst, Menschen gut zu sein, dann sei ihnen gut. Dafür musst Du nicht erst eine vierstöckige Heilpraxis besitzen, Du kannst das auch am Fahrkartenschalter der Deutschen Bahn. Wenn Du Dich berufen fühlst, Deine Gaben zu leben, dann verhilf Deinen Gaben zu Raum, egal was gestern war. Kannst Du gut zuhören, dann höre zu. Kannst Du Dinge mit Humor betrachten, dann bring Menschen zum Lachen. Kannst Du gut mit Pflanzen umgehen, dann arbeite mit Pflanzen.

Das, was Du krampfhaft auflösen, loslassen, loswerden willst: nimm es mit (sonst nimmt es Dich mit). Nimm es mit als Zeilen Deiner Lebensgeschichte. Deine weiteren Lebenskapitel werden vielleicht wunderbare Wendungen nehmen, aber deswegen solltest Du die ersten Kapitel nicht ausradieren wollen. Lerne, Deine Biographie zu umarmen. Aber denke nicht, dass Du nicht Dein Leben leben kannst, während Dir das noch nicht gelingt. Heilung ist ein Werden. Dinge werden in uns heil, während wir leben. Dinge werden uns zur Antwort, während wir mit Fragen in unserem Herzen leben. Dinge werden uns zum Segen, während wir mit all den Traurigkeiten in uns tatkräftig durchs Leben gehen.

Das, was Du über „andere Inkarnationen“ vermutest – wem nützt es? Verantwortungsvoll ist der, der für sein Leben Verantwortung übernimmt, und die Verantwortung für ein Leben reicht dem Menschen erfahrungsgemäß aus. An mehr können wir nur scheitern.

Wenn Du angesichts der Stille des Gebets, der Schönheit der Natur oder der Wärme Deiner Liebsten ahnen kannst, wie uferlos Gottes Güte und Liebe sind, wie kannst Du Dich oder Andere da mit gnadenlosen Konzepten martern, die immer und immer wieder in die Wunde stechen, die immer und immer neue Wunden suchen und die Dir immer und immer wieder die Last auferlegen, tagein tagaus um Dich selbst zu kreisen?

Einen Neubeginn wünschen sich viele Menschen. Und dieser Neubeginn kann jetzt sein. Ich trage in meinem Herzen die Gewissheit, dass ein aufrichtiges Gebet uns hier und heute – jederzeit – die Tür öffnen kann in ein Leben, in dem wir von dieser qualvollen Ichbezogenheit befreit sein werden, jeden Tag ein wenig mehr. Es könnte vielleicht so lauten:

Gott,
Du Seele aller Dinge
Du Quelle allen Seins
Du Urgrund aller Liebe
Ich möchte Mensch sein und das Menschsein umarmen.
Möchte die Gaben, die Du mir schenktest, entfalten zum Wohle Aller.
Ich lege meine Gedanken, Worte und Taten vor Dich wie leere Schalen.
Fülle Du sie an mit Deiner Liebe.
Verzeih mir, womit ich der Liebe nicht entsprach,
und hilf mir, mir selbst und Anderen immer zu verzeihen.
Hilf mir, jeden Tag ein wenig mehr das Geheimnis des Lebens zu begreifen,
und die Heiligkeit des Lebens zu ehren und zu feiern.
Ich danke Dir, dass ich auch in Momenten, in denen ich nichts mehr weiss,
um Deine Liebe wissen darf, die mich immerzu trägt, durchdringt und segnet.
Amen

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Oftmals, auf Nachfrage, entkleidet sich unser Streben nach dem „Erwachen“ in Sätzen wie „Ich will glücklich sein“ oder „Ich will das Leben meistern“. Oftmals auch geben diese Sätze wiederum den Blick auf den darunter liegenden Wunsch frei: „Ich will frei von Schmerz sein“.

Es ist der Schmerz, den wir um jeden Preis bändigen, heilen, auflösen, loslassen, vergessen, transzendieren, aufgeben wollen, und dafür werden wir so erfindungsreich in Theorie und Praxis, dass spürbar wird: hier geht es buchstäblich um Leben und Tod.

Denn alle Angst vor dem Schmerz ist letzten Endes eine Angst vor dem Tod. Eine Angst vor dem Ende des Glücks, der Gesundheit, der Familie, der Partnerschaft, des Wohlstands, der physischen Existenz, der Person.

Noch unsere spirituellen Konzepte sind oftmals leicht zu entlarvende Ränkespiele, mit denen wir uns schnell in den Gedanken der Ewigkeit und der All-Einheit, des Sinns oder der Vorbestimmung flüchten, bevor die Vorstellung unseres Schwindens uns auch nur einen erhöhten Puls verschafft. Da tun wir, was wir so oft und unerbittlich tun: wir überspringen das eine, das Notwendige, und nehmen unser Ankommen vorweg. Und der Grund dafür ist nichts weiter als Angst – unser Ankommen aber bleibt Selbstbetrug (und oft genug auch: Betrug an Anderen!)

Erzählen uns Krishna, der lachende Buddha oder der auferstandene Christus von der Abwesenheit von Schmerz oder der Möglichkeit, den Tod zu betrügen? Ich denke nicht. Für Krishna oder Buddha aber mögen jene sprechen, die sie besser kennen. Ich für meinen Teil blicke auf meine Wurzeln und sehe den Weg des Christus. Und dieser erzählt uns von der Erfahrung schmerzlicher Wirklichkeiten, die angenommen und durchlebt werden wollen. Er offenbart uns keine Formel, die wir künftig auf schmerzvolle Erfahrungen anwenden können, um uns die Tränen zu ersparen. Stattdessen lädt er uns ein, die Tränen zu weinen, mit aller Hingabe, und das Lachen zu lachen, mit ebensolcher Hingabe.

Weder gilt es, den Schmerz zu halten noch ihn aufzulösen (und bitte: ich rede hier von der inneren Erfahrung von Schmerz, und keineswegs davon, dass man leidverursachende Strukturen in der Welt nicht mit aller Tatkraft ändern sollte!). Weder gilt es, das Glück zu halten, noch es aufzulösen. Das, was wir sind, jenseits der Schmerzen, ist mehr als der Schmerz. Das, was wir sind, jenseits des Glücks, ist mehr als das Glück. Und dieses Sein hat kein Bestreben, uns vor Schmerz oder Glück zu bewahren, die es selbst als Schöpfung hervorgebracht hat.

Wenn ich versucht bin, mir eine Erfahrung schönzureden, sie zu meiden, sie auszubessern, wenn ich an meiner Trauer herumdoktere oder an meiner Unfähigkeit zur Vergebung, wenn ich einen Kummer vorschnell zum Schweigen bringen oder eine Angst wegrationalisieren will, wenn ich versucht bin, mich in ein geiziges, einsames Glück zu kleiden wie in Watte, dann rufe ich mir ein Bild vor Augen, das mich innerhalb weniger Sekunden neu ausrichtet (Metanoia):

Es ist das Bild von Jesus im Ölgarten, der darum bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen, und der sich dann betend den Satz erringt „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“.

Dieser Satz ist keine Einladung zu Fatalismus oder Determinismus, er ist kein Aufgeben der Souveränität in ein frommes Sklaventum. Dieser Satz ist ein Dialog zwischen endlicher Existenz und unendlichem Sein, zwischen Illusion und Wirklichkeit, zwischen Angst und Liebe. Dieser Satz ist eine Kapitulation im besten Sinne: Ausdruck der Bereitschaft, einer Erfahrung zu begegnen und sie zu durchschreiten. Er bedeutet die Bereitschaft, der Wahrheit, die an unserem Herzensgrund liegt, zu begegnen, durch alle schmerzlichen Unwahrheiten unseres Lebens und Strebens hindurch. Dieser Satz, da er Schmerz bejaht anstatt ihn zu fliehen, ist eine Tür zum Anderen, an dessen Schmerz wir nun wahrhaftig mitfühlend Anteil nehmen können.

„Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“ – das ist ein Trümmerfeld, aus dem eine Blüte treibt.

Erst wenn der Kelch geleert ist, und Du hast Deinen zu leeren wie ich den meinen, erst wenn wir uns haben stechen lassen dort wo es wirklich weh tut, in der Wunde unserer Endlichkeit, kann etwas in uns singen: Oh Tod, wo ist Dein Stachel nun.

Das ist Befreiung. Nicht Befreiung vom Leben in der Welt, sondern Befreiung zum Leben in der Welt hin. Befreiung vom Zwang, das Ich schützen und eine Denkungsart, Geisteshaltung oder ein Bekenntnis tragen zu müssen wie eine Rüstung. Befreiung in eine Handlungsfähigkeit und schöpferische Kraft, die Ausdruck von Liebe und Menschlichkeit ist.

Bild: Johan Georg Frans Schwartz, Christus im Ölgarten

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Das Problem ist nicht, dass wir heute weniger mystische Erfahrungen, Gotteserfahrungen, Einheitserfahrungen erleben als die Menschen früherer Zeiten. Wenn wir aufmerksam zuhören, dämmert uns, dass sehr viele Menschen diese Erfahrungen machen. Das Problem ist, was unser Alltagsbewusstsein, unsere Kleinlichkeit, daraus macht. Unser Egoismus, unser Narzissmus, reisst diese Erfahrungen gerne an sich, um sie für etwas anderes zu instrumentalisieren. Wir geniessen das Gefühl, anderen überlegen zu sein.

Wir geniessen das Gefälle, das wir zwischen dem Anderen und uns vermuten. Wir kauen genüsslich auf dem Gefühl herum, dem Anderen Lehrer sein zu können, Guru vielleicht, Heiler oder Priester, Erwachter unter Schlafenden. Kurzum: unser kleines Ich instrumentalisiert dieses Wunder, dieses uferlose Große allzu gern, um daraus etwas vermeintlich Nützliches zu quetschen. Was dem Ego nützt, dient aber noch lange nicht dem Menschen.

Die Kleinlichkeiten sind menschlich, da muss man nicht lamentieren, aber man muss schon den Mut und die Ehrlichkeit aufbringen, diesen menschlichen Regungen ins Gesicht zu blicken. Wir müssen unsere Erfahrungen der Unendlichkeit einfach wieder mutig all der Selbstsucht entkleiden, die sich – bemerkt oder unbemerkt – eingeschlichen hat. Dann erkennen wir uns selbst wieder besser. Dann erkennen und anerkennen wir auch endlich den Anderen, den wir gar nicht mehr gesehen haben, und auch gar nicht sehen wollten, weil uns das Bild von ihm viel lieber war als er selbst.

Es ist keine wahnsinnige Abstraktionsleistung, die da von uns verlangt wird, keine riesige Transformationsarbeit, kein unerreichbares Mysterium. Es reicht schon, wenn wir uns einfach mal in Stille hinsetzen, uns vergegenwärtigen, wie diese Momente waren, in denen das namenlose Schöne in unser Leben einbrach, einsickerte, hineinschimmerte. Es reicht schon, dass wir uns dann vergegenwärtigen, dass es auch jetzt da ist, egal wie stark oder schwach wir es fühlen. Und dann, in Aufrichtigkeit, einfach zu fragen: was macht denn diese Erfahrung mit mir. Was macht sie aus mir.

Binnen Sekunden ist es dann da, dieses Wissen, dieser Geschmack, diese Gegenwart der Erkenntnis, dass die mystische Erfahrung uns nicht grösser, besser, toller, überlegener macht. Sie macht uns nackter, verwundbarer, kleiner – weil all des Ballasts des Irgendwieseinwollens entkleidet – und sie schafft eine Nähe zwischen uns und dem Anderen, weil wir erleben, wie ähnlich, wie verbunden wir einander sind. Unsere Größe, die wir darin erfahren, ist keine Größe der Person, des Besitzes oder der Errungenschaft. Diese Größe ist die Größe eines Beschenktseins. Und dieses Beschenktsein kann nur zutiefst demütig machen.

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Manchmal, wenn wir durch Schicht um Schicht unserer Weltanschauungen gestürzt und gesunken sind, durch unseren Glauben, unsere spirituellen Lehren, unsere Konzepte, schlagen wir auf dem Grund der Erkenntnis auf, dass es ein Verstehen gibt, das nicht an Worten reifen kann, nicht an der Anschauung derer, die verwirklicht scheinen, und erst recht nicht an dem Wunsch, erklärend Angst zu zähmen.

Dieses Verstehen gibt es nur um den Preis unserer ganzen Existenz, unseres Seins ebenso wie unseres Handelns, und dieses schließt eine Freiheit ein, die so bodenlos ist, dass wir wiederum stürzen und fallen, noch aus der Beruhigung einer individuellen Bestimmung, der wir bloß Folge zu leisten hätten.

Und fallend dämmert es uns, wie ein Morgen nach endloser Nacht, dass wir selbst lebend Verstehen werden. Dieses Verstehen ist die Liebe selbst, von der wir annahmen, wir müssten sie erst finden, bevor wir uns die Fähigkeit erwürben, wahrhaftig Mensch zu sein.

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Das Sein und das Werden sind die zwei Gesichter des Lebens. In Stille, im Gebet, in Meditation werden wir uns unseres Seins bewusst, unserer Essenz, unserer Weite jenseits von Biographie. Ungebrochen ist dies Sein, unbeschadet und unveränderlich, und mehr müssen wir über dies Sein nicht sagen, als: es ist.

Im Tun sind wir stets bewegt und bewegend, wir sind Schöpfer, wir erschaffen und streben und aus allem was wir schaffen, erwachsen neues Streben und neue Schöpfungen. Wir bauen Häuser, schreiben Bücher, berechnen Formeln, entwerfen Utopien. Wir zeugen Kinder. Und: wir machen Fehler. Dieses Tun ist Ausdruck ständiger Verwandlung, niemals endender Entwicklung, und mehr müssen wir über dies Tun nicht sagen, als: es ist ein Werden.

Viele alte spirituelle Traditionen neigten dazu, das Tun zu verwerfen, es zu dämonisieren oder zu stigmatisieren, als Verliebtheit in die Welt, als Verkennung des wahren Seins, als Verstrickung in das Illusorische. Buddhismus, Hinduismus, Christentum, sie alle haben ihre Zeiten und Strömungen gehabt, in denen sie vor der Gefahr der Welt und ihrer Geschäftigkeit warnten. Und diesem Gedanken verdanken sich die zahllosen Asketen, erwachten Dauermeditierer und weltfremden bis weltfeindlichen Hüter des reinen Seins, bis hin zu vielen Vorurteilen, die wir noch heute schwerlich loswerden.

Eine zeitgenössische und zeitgemäße Spiritualität muss etwas anderes verkünden als die Seligkeit des Seins und die Gefahr des Tuns. Sie muss und darf diese beiden Gesichter der Wirklichkeit einen und sie als Ausdruck der allem Geschaffenen innewohnenden Weisheit betrachten. Als evolutionären Plan, in sich vollkommen und gut.

Das Sein und Werden gleichen dem Ein- und Ausatmen des Menschen. In Stille erfahren und verkosten wir unser Sein, das keiner Veränderung bedarf, weil es in sich vollkommen ist. Im Tun erfahren wir unser Werden, das ein niemals endender Schöpfungsakt ist.

Sich auf das Sein und Werden einzulassen, bedeutet, sich in der Seligkeit des reinen Seins nicht der Welt zu verweigern, die unserer Schöpfungen und unserer Gestaltungskraft bedarf. Es bedeutet auch, sich durch die schöpferische Teilnahme am weltlichen Geschehen nicht auf eine Art zu zerstreuen, die uns das stille unbewegte Sein an unserem Seelengrund vergessen lässt. Wir atmen ein, wir atmen aus. Wir sind. Wir werden.

Für manch einen ist es erstaunlich, aber auch das Kreuz erzählt uns von diesem zweigesichtigen Mysterium des Lebens. In der Horizontalen und Vertikalen des christlichen Kreuzes ist das vereint, was zunächst widersprüchlich scheint: das unverändliche Sein Gottes in uns und in allem Erschaffenen, und das unendliche Werden des Kosmos. Dort, wo sich die Balken vereinen, ist Christus.

Manchmal, wenn ich die Welt nicht mehr verstehe, bete ich: Christus, erzähle mir vom Sein. Christus, erzähle mir vom Werden. Es ist ein Gebet, das die Tür ins Mysterium öffnet. Jeden Tag ein wenig mehr.

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