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Posts Tagged ‘Gnade’

Es gibt eine schmerzliche und zugleich gnadenvolle Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, die wir nicht im Versiegen, Abbrechen oder Entsagen erleben, nicht inmitten von Sorge, Trennung, Krankheit oder Tod – dort also, wo uns die Unerträglichkeit des Unvollendeten, des nicht gelingenden oder des jäh Fortsterbenden wie eine unheilvolle Klinge zerteilt – sondern im Angesicht ehrfurchtgebietender Schönheit und Anmut, dort wo Entzücken und Seligkeit uns so haltlos aus den Augen perlen, weil wir erstmalig schmecken, was das Wort „Leben“ überhaupt bedeuten könnte, lernten wir, Ergebenheit zu einem fortwährenden Gebet unseres Herzens heranreifen zu lassen.

Solcher Art ist diese Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, dass sie uns direkt und unverhohlen aus der verschwenderischen Schönheit des Augenblicks grüßt, aus dem Kuss der Geliebten, der Treue verheißt, aus dem Duft der Blüte, die ein stilles Amen auf das weit gereiste Licht der Sonne singt. Wie ein klagendes, jauchzendes Duett tönt in uns dann die Ewigkeit, die sich des Eingegossenseins in endliche Gestalten erinnert, und die Endlichkeit, die sich daran erinnert, Gefäß des Ewigen zu sein. Unter diesem Gesang sind wir Verwundete – und wir gleichen dem Jünger Thomas, da wir wie er, erst nachdem unsere Hände in die Wunde getaucht sind, das Wunder der Ewigkeit, das nicht ohne den blutberänderten Riss, nicht ohne das Sterben auskommt, bejahen und vertrauensvoll umarmen.

Wir wären Narren, nähmen wir die Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit zum Anlass, zu verzagen. Und Narren wären wir, nähmen wir jene Verwundung zum Anlass, unser Glück auf den letzten Ruf in die Ewigkeit zu vertagen. Jene Verwundung inmitten beseelter Schönheit hat die Macht, uns zu läutern und zu klären, und unsere Hände, die vielleicht bisher nur als grobe Enden unserer Ungeschicklichkeit hölzern in die Welt ragten, zu tatkräftigen, redlichen, irdenen Werkzeugen umzuformen, unter deren trauerlosem Fleiß eine neue Welt sich zu erkennen gibt. Oh, der Schönheit ist genug in unsere alte vernarbte Welt gegossen, doch unsere Werkzeughände liegen noch in ungeöffneten Truhen unter Schichten von Staub.

Dies ist die Gnade der Verwundung, dass sie uns zu gestaltenden Schöpfern umformt, deren Maß der Liebe ein Tun ist, ein menschenmögliches im kostbarsten Sinne, nicht um der Liebe die vollkommen ist, ein Jota hinzuzufügen, sondern um eine jede Stunde als Sakrament zu begreifen, in der die Liebe sich in den Menschen verwandelt, in den Menschen der ich bin, in den Menschen der Du bist, mit all unseren äschern gewordenen Worten und unseren Händen aus Treibholz auf einem Meer der Verzweiflung.

Die Liebe weiß nichts weiter, als Du zu werden, das ist wohl ihre Torheit, doch eine die wir begreifen, wenn erst die Schönheit uns bestürmt und einnimmt, ohne Rücksicht auf unser Beharren, dass alle Dinge bedeutungslos seien oder bitter wie Wermut.

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Schmerz ist ein natürlicher Teil des Lebens. Wer Schmerz verneint, verneint das Leben selbst. Es ist sehr menschlich, den Schmerz enden sehen zu wollen. Doch ist es auch menschenmöglich, ihn zu bejahen, zu umarmen und ihm ein Raum zu sein, in dem er neben seiner Schwester, der Freude, wohnen darf.
Viele Menschen erfahren für kurze Augenblicke oder auch für länger anhaltende Phasen den mystischen Raum. Jenen Raum, in dem die Dinge sich entschleiern und ihre uneingeschränkte Gutheit offenbaren. In diesem Raum zerrinnt Vergänglichkeit in Ewigkeit hinein. In diesem Raum zerrinnen auch Schmerzen in uferlosen Frieden hinein. Manch einer zieht daraus den Schluss, dass Schmerz Illusion und Freiheit von Schmerz die Wirklichkeit sei.
Schmerz ist aber keine Illusion, sondern eine Wirklichkeit der materiellen Welt. So wie Vergänglichkeit eine Wirklichkeit der materiellen Welt ist, und so wie Spannung eine Wirklichkeit ist zwischen den Dingen wie sie sind, und den Dingen wie sie werden wollen.
Gemäß der Weisheit aus dem Herzsutra „Form ist Leere, Leere ist Form“, ist eine Welt voller Schmerzen durchdrungen von dem Atem, in dem Schmerzen aufgehoben sind. Gemäß der Geschichte vom verklärten Christus auf dem Berg Tabor, der seine Jünger ermahnt, keine Zelte aufzuschlagen sondern vom Berg wieder herabzusteigen, führt jedes erlebte Freisein von Schmerz direkt zur leidenden Kreatur. Dies wird nicht weniger paradox, wenn man es argumentativ mit dem Vorschlaghammer unseres Wollens bearbeitet. Es wird aber ein sehr andächtiger Raum von Lebenskraft, wenn wir es in seiner Widersprüchlichkeit in unser Herz nehmen.
Das reale Leiden des verhungernden Kindes, der geschändeten Frau, des gequälten Tieres, schreit bis zum Himmel. Der Schmerz angesichts der Vergänglichkeit, angesichts des Zerbrechenden und Unheilbaren ist wirklich. Es ist keine Illusion sondern eine offene Wunde, in die all unser Lieben fließen muss. Scheint das reale leidensfreie Sein für uns sichtbar in der leidenden Kreatur auf, so ist dies eine Gnade und ein Geschenk, doch nicht eines das uns den Ernst jeder Träne relativiert, sondern eines, das uns an die Heiligkeit des Lebens gemahnt, die von uns geachtet, geschützt und verkörpert werden will.

ueberdenschmerz

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Etwas, das wir heute kaum noch begreifen, etwas das uns ambitioniert und elitär denkende Spiritualität ausgetrieben hat, ist, auch die Tränen jener zu achten, die daraus ganz und gar nichts Kraftvolles, Schöpferisches oder Erhebendes gewinnen können, und deren Umgang mit Leiden alle Zeichen des Zerbrechens und Scheiterns trägt, und keine der Transformation oder des Triumphs.

Zeitgenössische spirituelle Konzepte loten für uns den Idealmenschen aus, der zwar den unseligen Regeln von Kapitalismus, Medienmanipulation und unterdrückenden religiösen Systemen schlau in die Karten schaut, der dafür aber in dem was wir für geistiges und körperliches Glück halten, deutlich raffgierige, manipulative und despotische Züge trägt, der also die Systeme die er ablehnt, ganz und gar verinnerlicht und auf seine spirituellen Wahrnehmungsgewohnheiten übertragen hat.

Es wird gemobbt wie an jeder durchschnittlichen Mittelschule, und Objekt der Ablehnung und offenen Aggression ist oft der Mensch, der an dem ihm widerfahrenen Leid zugrunde geht.
Die spirituellen Aggressoren finden dafür allerlei wortreiche Begründungen: der zerbrechende Mensch sei resilienzunfähig, erkenntnisunfähig, niedrig-memig, unerwacht, egoverhaftet, karmisch verstrickt, widerständig, unerlöst, möglicherweise sogar verflucht, besessen oder wenigstens fremdbestimmt. Je flacher die esoterischen Gewässer, desto tiefer die Ablehnung gegen den leidenden Menschen, gegen das Schmerzliche, das sich nicht kurieren lässt.

Die Ablehnung richtet sich sowohl gegen den geschundenen Körper, als auch gegen die von Traurigkeit erdrückte Seele. Zahllose Bestseller auf dem Lebenshilfemarkt suggerieren uns, Krankheit sei eine direkte Folge falscher Denkmuster und somit im Umkehrschluss durch Besserung innerer Gewohnheit auch in jedem Fall zu heilen. Der nicht genesende Mensch steht unter Generalverdacht, die ihm innewohnenden Fähigkeiten zur Regulierung seiner Körperfunktionen schlicht und ergreifend nicht wahrzunehmen, sei es aus Unwillen oder Unfähigkeit, was gleichermaßen eine Beleidigung des „natürlichen Zustands Gesundheit“ darstellt
.
Der traurigen Seele geht es ähnlich: sie bringt sich ja um das ihr vermeintliche verliehene „Geburtsrecht Glück“. Man bringt ihr bestenfalls Bedauern entgegen, dafür dass sie den natürlichen Zustand der Seele, „bliss“, Seligkeit, Glück, das Bewusstsein für die Schönheit und Gutheit aller Dinge nicht zu erlangen imstande ist.

Wenn auch aus psychologischer, medizinischer und spiritueller Perspektive viele dieser Behauptungen Wahrheit enthalten – niemand wird leugnen wollen, dass Gesundheit durch willentliche Entscheidungen, gedankliche Neuorientierung und das Schaffen gesundheitsfördernder Gewohnheiten stabilisiert werden kann, und niemand wird leugnen, dass es eine ganz natürliche Fähigkeit zum Glück gibt, die bei uns meist zum Vorschein kommt wenn wir nicht von zahllosen Strukturen der Gewalt drangsaliert sind – so haben sich Mechanismen der Ablehnung und Stigmatisierung längst verselbständigt und als tiefschwarzer Schatten Einzug in unsere spirituellen Konzepte gehalten.

Wir alle kennen oder sind Menschen, die zu strahlend glücklichen Leuten sagen: „Ich sehe zu Dir auf“, oder zu Menschen die sich von ihrer Krankheit geheilt haben „Ich danke Dir, dass Du mir aufzeigst, dass man die Krankheit überwinden kann“, oder zu Menschen, die mit allem im Reinen zu sein scheinen „Ich sehe in Dir die Verkörperung göttlichen Lichts“.
Es liegt uns aber fern, zu einem tieftraurigen Menschen zu sagen: „Ich sehe zu Dir auf.“, oder zu einem nicht genesenden Kranken „Ich danke Dir für das Leid, das Du trägst“ oder zu einem Verzweifelnden „Ich sehe in Dir das Zerbrochene als Manifestation Gottes“. Und das scheint mir schlicht und ergreifend eine krankhafte Verzerrung der Wirklichkeit, eine Schieflage die sich unserer Unfähigkeit verdankt, auch das was wir gemeinhin für Scheitern halten, als Schöpfungsprozess und als ehrbares Leben zu betrachten.

Nicht erst der Leidende der sein Leid überwindet, verdient unsere Achtung und Liebe – auch der Leidende der es niemals überwindet, verdient sie. Wir müssen unsere Zuneigung von Belohnung und Bestrafung befreien. Von Urteilen, die uns nicht zustehen. Dass wir menschengemachtes Leiden minimieren sollten steht freilich außer Frage. Wie wir aber mit jenen umgehen, die unsere obsessive Glücksbesoffenheit und unsere beschränkte Auffassung von gelungenem Leben nicht teilen, bedarf dringend einer Veränderung.

Wie kaum eine andere spirituelle Tradition trägt das Christentum dieses Wissen. Man nehme nur einmal die Geschichten um die Zöllner, Sünder und Prostituierten, um Menschen also, die nach damaligen gesellschaftlichen und religiösen Gepflogenheiten als unwürdig und gesellschaftsunfähig galten. Wir verkürzen diese Geschichte sehr, wenn wir nur den Aspekt der „Sünde“ darin sehen. Jesu Zuneigung galt all jenen, die den gebotenen Normen nicht genügten. Man blicke auf die extremste Figur des Christentums: Judas, dessen Verrat und verzweifelter Suizid sich in eine Heilsgeschichte verweben, die ohne sie gar nicht denkbar gewesen wäre. Das Christentum duldet, bevormundet oder bemitleidet keineswegs jene, die traurig, verzweifelt und aus gesellschaftlicher Perspektive untragbar sind. Stattdessen birgt es sie als heilige Orte, an denen Gott gegenwärtig ist, als menschliche Gärten, in denen Gott seine Schöpfung zur Blüte treibt.

Das Dunkel Vieler

Mir ist, als trügest Du die tausend Krüge,
die reich gefüllt sind mit den Tränen dunkler Nacht.
Wenn nur die Welt erst schläft und ihre Atemzüge
auch Deine Seele wiegen, die in Stille wacht,

dann lassen sinkend Deine rauen Hände
von den Gefäßen, die sich stürzen bis zum Grund.
Dort in den Scherben kommt ein Nachtgebet zum Ende,
und schwarze Vögel schrecken auf aus Deinem Mund.

Du bist wie ein verrußter Tabernakel,
so schwarz und gläsern wie der Rauchobsidian.
An Deinem Leiden ist kein Fehlen und kein Makel,
es folgt Dein Herz den Sternen gleich nur seiner Bahn.

Das Erdenleben gleicht dem Rosengarten.
Ein jeder Schritt treibt uns die Dornen in die Haut.
Die Gnade Gottes lässt uns nicht auf Tröstung warten,
wenn sie das Dunkel Vieler Einem anvertraut.

helfta

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Der mystische Weg kann eine ganz große Ungeheuerlichkeit sein. Vielleicht denken wir zuerst in froher Erwartung, eine mystische Erfahrung verändere einfach alles, so als seien wir im einen Moment noch ein durchschnittlicher Mensch, und im nächsten Moment eine Art erleuchteter Superheld. So ist es freilich nicht. Uns wird ein großes Geschenk gemacht. Die mystische Erfahrung wird uns geschenkt. Dann aber sind wir gerufen, uns zu schenken.

Und das ist der Moment, und bisweilen sind es auch viele Momente, in denen wir begreifen, wie viel in uns noch nicht Hingabe ist. Wie viel in uns noch nicht Liebe ist. Wie viel in uns noch nicht Mitgefühl ist und Wahrheit, und Mut und Güte. Das ist auch der Grund für die zahlreichen Bilder und Berichte von alten Mystikern, die sich selbst erniedrigen, beschimpfen, einschränken oder sogar geißeln. Das befremdet uns heute, und sicher gibt es andere und zeitgemäßere Methoden, seiner Selbsterkenntnis Raum zu geben, aber der zeitlose Kern dieser Dinge ist der: im Moment, in dem wir die Liebe erkennen, die uns ruft, und die noch an unserem Seelengrund wohnt, erkennen wir schmerzlich, wie viel uns noch von der Verwirklichung dieser Liebe trennt.

Und es ist gut, sich dieser Erschütterung zu überlassen, weil wir nämlich sonst dazu neigen, nur das Erhebende der mystischen Erfahrung zu ersehnen. Diese Erschütterung weckt in uns die Bereitschaft, an uns zu arbeiten. Den Tempel zu reinigen, in dem das Licht leuchten will.

Die alten Mystiker wussten auch um die andere große Versuchung, die darin liegt, in diesem Gefühl der Unwürdigkeit zu verbleiben. Denn auch dies hat seine Bequemlichkeit: der Mensch, der nichtswürdig ist, hat eben für jedes Versagen eine Entschuldigung. Es ist darum wichtig, dass wir uns auf dem mystischen Weg von romantisierenden Verklärungen fernhalten, von der Sucht nach erhebendem Gefühl ebenso wie von der demoralisierenden Macht der übermäßigen Selbstkritik. Und dass wir mit dem psychologischen Wissen im Gepäck, das wir heute haben, eine freundliche Gelassenheit im Umgang damit entwickeln.

Gelassenheit, während wir unsere Arbeit tun. Gelassenheit, während Gott seine Arbeit tut.

(Mehr zu diesem Weg und meinem Angebot: www.klanggebet.de)

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Was kann der Mensch anderes wünschen, als ins Leben zu finden. Überall da jedoch, wo wir unerbittlich Widersprüche auflösen wollen, innere Kämpfe leugnen, dort wo wir aufhören zu zweifeln und zu fragen, dort wo wir aufhören an der Welt wie sie ist, zu leiden, finden wir nicht ins Leben, finden wir nur in das Verlies unserer Angst, die uns bewahren will vor dem was sticht, doch auch vor der Wahrheit darunter.

Zwischen der erfahrbaren Vollkommenheit der Schöpfung und ihren Wunden liegt eine Spannung. Zwischen der Bestimmung, die wir so oft erahnen, und dem freien Willen, den wir so oft nicht zu nutzen wissen, liegt eine Spannung. Zwischen der Reue, die wir über unser Versagen empfinden und der Kraft, die wir aus dem Willen zur Wiedergutmachung schöpfen, liegt eine Spannung. Zwischen der Hingabe noch, die alles gibt, und die doch ein Alleslassen ist. Zwischen dem Willen zur Veränderung, und der Gewissheit, dass in allem etwas Unveränderliches wohnt. Zwischen der Klage und dem Dank. Dem Ewigen und der Brüchigkeit der Erscheinungen.

Und ins Leben zu finden, das kann nicht bedeuten, diese Spannung zu leugnen, sie auflösen zu wollen oder sie zu fürchten. Ins Leben zu finden, und dies ist zugleich Spirituell-Sein, bedeutet, diese Spannung zunächst auszuhalten und dann auszutragen. Als Frage, die Antwort sucht, und als Antwort, die neue Fragen hervorbringt. Als Verstehen in Gedanken, Herz und Hand, das sich in unseren Begegnungen ereignet. Und der Schmerz wird so ein anderer, weil er nicht länger der Schmerz der Versagung ist. Und die Liebe wird so eine andere, weil sie endlich eine Liebe zum Du ist.

lieblichistes

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Manchmal sehen wir gar nicht mehr, wie gnadenlos unsere Konzepte von Heilung sind. Gebetsmühlenartig predigen wir, dass dies und jenes noch aufgelöst werden müsse, dass dies und jenes noch losgelassen werde müsse, und dass das ein oder andere uns noch bremse, blockiere, verdunkele oder schwäche, unsere Berufung vernebele, unsere glückliche Partnerschaft ausbremse.

Wir sagen zu Kranken: Du bist krank, weil. Und sie quälen sich bisweilen jahrelang mit Auflösungsarbeit herum, nur weil sie glauben, sie hätten sich ihre Misere selbst eingebrockt. Sicher gibt es krankmachendes Verhalten – aber wer ist in der Lage einem Kranken mit Bestimmtheit zu sagen, woher sein Leiden kommt?

Als wäre das nicht genug, überfrachten wir unser Leben oder das Anderer mit vermeintlichen karmischen Verstrickungen, alten Sünden aus alten Leben, mit ungelösten Rätseln aus Inkarnationen, mit Seelenverträgen, offenen Rechnungen, uneingelösten Schwüren, unintegrierten Kräften und so weiter und so fort.

Wir vergessen dabei gern, dass all diese Modelle uns ursprünglich dazu verhelfen sollten, innerhalb eines symbolhaften Kontextes Probleme zu lösen, die unser momentanes Leben direkt betreffen. Und nur innerhalb der Parameter eines bestehenden Problems und einer gewünschten Lösung haben solche Modelle überhaupt ihre Berechtigung. Wenn wir das vergessen, versklaven wir uns und Andere und legen ihnen ein Joch auf, unter dem jedes Leben in Gefahr ist, zu ersticken. Und wir erschaffen Abhängigkeiten – zwischen jenen die Heilberufe ausüben und jenen, die als Klienten Hilfe in Anspruch nehmen. Denn das Rumdoktern an inneren Blockaden, für einen Moment in dem endlich alles in Ordnung sei, endet niemals.

Es wird nie aufhören, dass wir etwas in uns noch als „unheil“ empfinden. Es wird nie aufhören, dass wir denken, dies oder jenes könnte noch besser sein, noch klarer, noch froher. Es wird auch nie aufhören, dass wir denken, wir hätten etwas besser machen können. Das alles sind menschliche Gefühle und Gedanken, Teil menschlichen Lebens. Kurzum: es gibt diesen Moment nicht, auf den wir nahezu manisch hinarbeiten, diesen Moment in dem wir uns endlich „bereit“ fühlen. Bereit wozu eigentlich? Bereit, Gott zu begegnen? Bereit, der Welt zu begegnen? Bereit, uns selbst zu begegnen?

Wenn wir uns erlauben, für einige Tage innezuhalten, und die Besessenheit des An-uns-Arbeitens ruhen zu lassen, wenn wir für einige Tage in die Stille gehen, in die Ordnung der Natur, in die Uferlosigkeit des Gebets, wenn wir Zeit mit Menschen verbringen, die uns immer schon liebten, egal wir unmöglich wir uns aufführten, dann, ja dann dämmert uns vielleicht, wie einfach es im Grunde ist:

Das Leben ist jetzt. Und jede Sekunde, jeder Atemzug öffnet uns eine Tür, das Leben zu bejahen. Unsere Verantwortung und Freiheit, unsere Gestaltungskraft anzunehmen und sie auszufüllen.

Wenn Du Dich berufen fühlst, Menschen gut zu sein, dann sei ihnen gut. Dafür musst Du nicht erst eine vierstöckige Heilpraxis besitzen, Du kannst das auch am Fahrkartenschalter der Deutschen Bahn. Wenn Du Dich berufen fühlst, Deine Gaben zu leben, dann verhilf Deinen Gaben zu Raum, egal was gestern war. Kannst Du gut zuhören, dann höre zu. Kannst Du Dinge mit Humor betrachten, dann bring Menschen zum Lachen. Kannst Du gut mit Pflanzen umgehen, dann arbeite mit Pflanzen.

Das, was Du krampfhaft auflösen, loslassen, loswerden willst: nimm es mit (sonst nimmt es Dich mit). Nimm es mit als Zeilen Deiner Lebensgeschichte. Deine weiteren Lebenskapitel werden vielleicht wunderbare Wendungen nehmen, aber deswegen solltest Du die ersten Kapitel nicht ausradieren wollen. Lerne, Deine Biographie zu umarmen. Aber denke nicht, dass Du nicht Dein Leben leben kannst, während Dir das noch nicht gelingt. Heilung ist ein Werden. Dinge werden in uns heil, während wir leben. Dinge werden uns zur Antwort, während wir mit Fragen in unserem Herzen leben. Dinge werden uns zum Segen, während wir mit all den Traurigkeiten in uns tatkräftig durchs Leben gehen.

Das, was Du über „andere Inkarnationen“ vermutest – wem nützt es? Verantwortungsvoll ist der, der für sein Leben Verantwortung übernimmt, und die Verantwortung für ein Leben reicht dem Menschen erfahrungsgemäß aus. An mehr können wir nur scheitern.

Wenn Du angesichts der Stille des Gebets, der Schönheit der Natur oder der Wärme Deiner Liebsten ahnen kannst, wie uferlos Gottes Güte und Liebe sind, wie kannst Du Dich oder Andere da mit gnadenlosen Konzepten martern, die immer und immer wieder in die Wunde stechen, die immer und immer neue Wunden suchen und die Dir immer und immer wieder die Last auferlegen, tagein tagaus um Dich selbst zu kreisen?

Einen Neubeginn wünschen sich viele Menschen. Und dieser Neubeginn kann jetzt sein. Ich trage in meinem Herzen die Gewissheit, dass ein aufrichtiges Gebet uns hier und heute – jederzeit – die Tür öffnen kann in ein Leben, in dem wir von dieser qualvollen Ichbezogenheit befreit sein werden, jeden Tag ein wenig mehr. Es könnte vielleicht so lauten:

Gott,
Du Seele aller Dinge
Du Quelle allen Seins
Du Urgrund aller Liebe
Ich möchte Mensch sein und das Menschsein umarmen.
Möchte die Gaben, die Du mir schenktest, entfalten zum Wohle Aller.
Ich lege meine Gedanken, Worte und Taten vor Dich wie leere Schalen.
Fülle Du sie an mit Deiner Liebe.
Verzeih mir, womit ich der Liebe nicht entsprach,
und hilf mir, mir selbst und Anderen immer zu verzeihen.
Hilf mir, jeden Tag ein wenig mehr das Geheimnis des Lebens zu begreifen,
und die Heiligkeit des Lebens zu ehren und zu feiern.
Ich danke Dir, dass ich auch in Momenten, in denen ich nichts mehr weiss,
um Deine Liebe wissen darf, die mich immerzu trägt, durchdringt und segnet.
Amen

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Oftmals, auf Nachfrage, entkleidet sich unser Streben nach dem „Erwachen“ in Sätzen wie „Ich will glücklich sein“ oder „Ich will das Leben meistern“. Oftmals auch geben diese Sätze wiederum den Blick auf den darunter liegenden Wunsch frei: „Ich will frei von Schmerz sein“.

Es ist der Schmerz, den wir um jeden Preis bändigen, heilen, auflösen, loslassen, vergessen, transzendieren, aufgeben wollen, und dafür werden wir so erfindungsreich in Theorie und Praxis, dass spürbar wird: hier geht es buchstäblich um Leben und Tod.

Denn alle Angst vor dem Schmerz ist letzten Endes eine Angst vor dem Tod. Eine Angst vor dem Ende des Glücks, der Gesundheit, der Familie, der Partnerschaft, des Wohlstands, der physischen Existenz, der Person.

Noch unsere spirituellen Konzepte sind oftmals leicht zu entlarvende Ränkespiele, mit denen wir uns schnell in den Gedanken der Ewigkeit und der All-Einheit, des Sinns oder der Vorbestimmung flüchten, bevor die Vorstellung unseres Schwindens uns auch nur einen erhöhten Puls verschafft. Da tun wir, was wir so oft und unerbittlich tun: wir überspringen das eine, das Notwendige, und nehmen unser Ankommen vorweg. Und der Grund dafür ist nichts weiter als Angst – unser Ankommen aber bleibt Selbstbetrug (und oft genug auch: Betrug an Anderen!)

Erzählen uns Krishna, der lachende Buddha oder der auferstandene Christus von der Abwesenheit von Schmerz oder der Möglichkeit, den Tod zu betrügen? Ich denke nicht. Für Krishna oder Buddha aber mögen jene sprechen, die sie besser kennen. Ich für meinen Teil blicke auf meine Wurzeln und sehe den Weg des Christus. Und dieser erzählt uns von der Erfahrung schmerzlicher Wirklichkeiten, die angenommen und durchlebt werden wollen. Er offenbart uns keine Formel, die wir künftig auf schmerzvolle Erfahrungen anwenden können, um uns die Tränen zu ersparen. Stattdessen lädt er uns ein, die Tränen zu weinen, mit aller Hingabe, und das Lachen zu lachen, mit ebensolcher Hingabe.

Weder gilt es, den Schmerz zu halten noch ihn aufzulösen (und bitte: ich rede hier von der inneren Erfahrung von Schmerz, und keineswegs davon, dass man leidverursachende Strukturen in der Welt nicht mit aller Tatkraft ändern sollte!). Weder gilt es, das Glück zu halten, noch es aufzulösen. Das, was wir sind, jenseits der Schmerzen, ist mehr als der Schmerz. Das, was wir sind, jenseits des Glücks, ist mehr als das Glück. Und dieses Sein hat kein Bestreben, uns vor Schmerz oder Glück zu bewahren, die es selbst als Schöpfung hervorgebracht hat.

Wenn ich versucht bin, mir eine Erfahrung schönzureden, sie zu meiden, sie auszubessern, wenn ich an meiner Trauer herumdoktere oder an meiner Unfähigkeit zur Vergebung, wenn ich einen Kummer vorschnell zum Schweigen bringen oder eine Angst wegrationalisieren will, wenn ich versucht bin, mich in ein geiziges, einsames Glück zu kleiden wie in Watte, dann rufe ich mir ein Bild vor Augen, das mich innerhalb weniger Sekunden neu ausrichtet (Metanoia):

Es ist das Bild von Jesus im Ölgarten, der darum bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen, und der sich dann betend den Satz erringt „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“.

Dieser Satz ist keine Einladung zu Fatalismus oder Determinismus, er ist kein Aufgeben der Souveränität in ein frommes Sklaventum. Dieser Satz ist ein Dialog zwischen endlicher Existenz und unendlichem Sein, zwischen Illusion und Wirklichkeit, zwischen Angst und Liebe. Dieser Satz ist eine Kapitulation im besten Sinne: Ausdruck der Bereitschaft, einer Erfahrung zu begegnen und sie zu durchschreiten. Er bedeutet die Bereitschaft, der Wahrheit, die an unserem Herzensgrund liegt, zu begegnen, durch alle schmerzlichen Unwahrheiten unseres Lebens und Strebens hindurch. Dieser Satz, da er Schmerz bejaht anstatt ihn zu fliehen, ist eine Tür zum Anderen, an dessen Schmerz wir nun wahrhaftig mitfühlend Anteil nehmen können.

„Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“ – das ist ein Trümmerfeld, aus dem eine Blüte treibt.

Erst wenn der Kelch geleert ist, und Du hast Deinen zu leeren wie ich den meinen, erst wenn wir uns haben stechen lassen dort wo es wirklich weh tut, in der Wunde unserer Endlichkeit, kann etwas in uns singen: Oh Tod, wo ist Dein Stachel nun.

Das ist Befreiung. Nicht Befreiung vom Leben in der Welt, sondern Befreiung zum Leben in der Welt hin. Befreiung vom Zwang, das Ich schützen und eine Denkungsart, Geisteshaltung oder ein Bekenntnis tragen zu müssen wie eine Rüstung. Befreiung in eine Handlungsfähigkeit und schöpferische Kraft, die Ausdruck von Liebe und Menschlichkeit ist.

Bild: Johan Georg Frans Schwartz, Christus im Ölgarten

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