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Posts Tagged ‘Heilung’

Wir alle brauchen Vergebung, denn wir alle vergehen uns. Wir vergehen uns an der Freiheit des Anderen, an der Würde des Anderen, an dem Recht auf Entfaltung unseres Nächsten, der Leben ebenso verkosten will wie wir. Wir sprechen viele achtlose Worte. Wir tun Dinge, derer wir uns am nächsten Tag schon schämen. Öfter noch unterlassen wir das Nötige, das Not-Wendige, das dem Leben dienende, und schliessen die Augen vor dem Leiden des Mitmenschen. Wir denken dunkle Gedanken, in denen sich unser Gesicht viel mehr offenbart als das Gesicht der Welt oder das des Menschen, über den wir mutmaßen.

Das Christentum ist randvoll mit der Betrachtung des Schuldigwerdens, randvoll auch mit einem Aufschrei um Vergebung, und niemand geringeres rufen wir an, als die Gottheit selbst, weil wir ahnen, dass nur die reine, unkorrumpierte Liebe ausreichend sei, unsere Fehlbarkeit zu umarmen.

Aber was ist Vergebung, wenn sie nicht im Menschen Gestalt annimmt? Was ist eine Bitte um Verzeihung, wenn wir ihr nicht den Weg freimachen in die Mitte unseres Herzens, und uns ihr ergeben mit dem Willen, dem Anderen Freiheit zu schenken? Wie wird Vergebung lebendig, wenn wir es nicht sind, die einander vergeben? Wenn wir es Gott überlassen, unsere Ketten zu lösen?

„Liebt einander“, das enthält eine tiefe, folgenreiche Aufforderung zur Vergebung. Vergebung enthält ein Moment tiefer Selbsterkenntnis, denn erst der Mensch der sich als fehlbar und gefallen begreift, vermag nicht länger mit marmorner Härte von der Verfehlung des Anderen zu sprechen.
Vergebung enthält auch ein Moment tiefer Erkenntnis über die strebende, wachsende, reifende Natur des Lebens. Alles Lebendige reift am Scheitern. Am Fehler. Am Irrtum. Und es ist eine unschätzbare Lebenskunst, das Scheitern, den Fehler und den Irrtum nicht als Makel zu erdulden, sondern als Lebensatem zu begreifen. Als Weg der Reifung zu betreten.
Und letztlich enthält Vergebung auch einen Sog der Begegnung. Denn Vergebung ist nur in Zwiesprache zu erlangen, und nur in Zwiesprache zu gewähren. Wer vergibt, wer Vergebung erlangt, begreift, dass das Trennende überwindbar ist. Dass es ein Ungetrenntes gibt, das alle dunklen Wunden zu schließen vermag. Etwas, das heil ist und heil war, die ganze Zeit.

Und doch gibt es Dinge, die nur schwer zu verzeihen sind. Für manch einen Menschen, der schwer verwundet wurde, reicht eine Lebensspanne nicht aus, um Vergebung gewähren zu können. Auch das müssen wir aushalten, annehmen, und einander darin Gefährten sein. Wir können lernen, das Unverzeihliche das den Anderen plagt, mitzutragen. Raum zu sein, in dem das Schmerzliche das keine Heilung findet, atmen darf. Wir verkennen oft, wie wichtig dieses Miteinandertragen ist, und wie sehr auch dieses Tun Wege zu Vergebung öffnet. Jemand, der mit seiner Bitterkeit allein ist, wird alle Tage bitter sein. Jemand, der mit seinen Tränen allein ist, wird aller Tage untröstlich sein. Wir sind es, die einander Gefährten sein müssen, und dann werden wir staunen, darüber wie wir angesichts tiefer Begegnung und Gemeinschaft, angesichts heilsamen Miteinanders, neuen Frieden und neue Güte erlangen, die fruchtbarer Boden für Vergebung als Lebenshaltung werden.

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Machen wir doch nicht den Fehler zu glauben, dass es ein „davor“ gebe, in dem das Leben weniger heilig, weniger kostbar, weniger Leben selbst sei. Wir haben so viele Arten, unser Leben in Fragmente zu schneiden und einige dieser Fragmente für unbedeutend, unnütz oder vergebens zu halten, und grösser könnte unser Irrtum kaum sein – und wie oft begreifen wir dies, doch erst angesichts des Sterbens. Es gibt sie nicht, diese unwichtige oder unwirkliche Zeit „vor“ dem Erwachen, vor der Berufung, vor der mystischen Erfahrung, vor der Heilung, vor der Begegnung mit dem Seelengefährten. Es gibt nur Leben, das wächst und atmet und stockt und bricht und wogt und abebbt und wieder aufs neue strömt.

Das Leben, jeder Seufzer, jede Träne, jeder Triumph und jedes Scheitern, ja jede Zelle und jedes Atom sind durch und durch heilig, und selbst wenn die tiefste Gotteserkenntnis Dich heute erschütterte und aus Dir einen neuen Menschen machte, und Dein ganzes Gewordensein in ein anderes Licht rückte, so wäre Dein Lebensweg immer noch Ausdruck einer Liebe, die viele Gestalten annimmt und die um jedes Haar auf Deinem Kopf weiss und um jede Träne, die Du vor der Welt zu verstecken trachtest, und deren Weisheit auch jene Momente ersonnen hat, in denen Du noch nichts anderes sehen kannst als heilloses Chaos.

Es gibt eine Liebe zum Leben, die alles andere ist als süss und leicht – sie tut nicht weniger als alle Sekunden gewordenen Lebens, die unrühmlichsten und schmerzvollsten noch, in sich zu bergen mit einem bodenlosen Vertrauen, das nur aus dem Feuer der Kapitulation und des Nichtwissens hervorgehen konnte. Wenn es etwas gibt, das wir angesichts des Endenden begreifen dürfen, auch angesichts des endenden Jahres, mit Blick auf alles was es uns schenkte und auf alles, dessen es uns beraubte, so ist es wohl dies: Leben ist kostbar, ist heilig, und in ihm ist eine so zwingende und bezwingende Kraft und Schönheit, der wir, halten wir auch nur einmal aufrichtig inne, nur erliegen können. Aus diesem Erliegen ergibt sich das, was wir kindlicherweise immer „Vorsätze“ nennen, von ganz alleine: ein Wunsch kristallisiert sich heraus, nichts mehr gering zu achten, was das Leben hervorbringt.

Diesem Leben, an dem wir so oft herumdoktern als sei es eine Krankheit, wohnt alles inne, zusammen mit einer Weisheit, die das Wie und Wann zu orchestrieren weiss, und wir haben diesen Sprung zu wagen, dieser Orchestrierung zu vertrauen, und unsere Kontrollsucht niederzulegen wie ein müder Krieger seine Waffen.

In einem der schönsten Texte der Bibel ist dieses tiefe Wissen festgehalten, und es mag den ein oder anderen verwundern, dass dieser Text aus dem Alten Testament stammt, das wir so oft für unlesbar oder unzeitgemäß halten.

„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden. Wenn jemand etwas tut – welchen Vorteil hat er davon, dass er sich anstrengt? Ich sah mir das Geschäft an, für das jeder Mensch durch Gottes Auftrag sich abmüht. Gott hat das alles zu seiner Zeit auf vollkommene Weise getan. Überdies hat er die Ewigkeit in alles hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wieder finden könnte. Ich hatte erkannt: Es gibt kein in allem Tun gründendes Glück, es sei denn, ein jeder freut sich und so verschafft er sich Glück, während er noch lebt, wobei zugleich immer, wenn ein Mensch isst und trinkt und durch seinen ganzen Besitz das Glück kennen lernt, das ein Geschenk Gottes ist. Jetzt erkannte ich: Alles, was Gott tut, geschieht in Ewigkeit. Man kann nichts hinzufügen und nichts abschneiden. Damit bewirkt Gott, dass die Menschen Ehrfurcht vor ihm haben. Was auch immer geschehen ist, war schon vorher da, und was geschehen soll, ist schon geschehen und Gott wird das Verjagte wieder suchen.“ (Kohelet 3,1-15)

Ich wünsche Euch einen friedlichen Jahresausklang und einen beherzten Schritt ins neue Jahr. Möge es Leben in Fülle für uns alle sein.

Bild: © Eyvind Earle

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Manche Fragen werden niemals beantwortet. Manche Zerwürfnisse niemals geklärt. Manch ein Geschehnis wird niemals verstanden. Manches Begonnene niemals vollendet, und manch ein jähes Ende niemals getröstet. Das Leben ist ozeanisch, manch eine Welle reiten wir, eine andere reisst uns hinab und wir treiben atemlos wieder zur Oberfläche.

Begriffen wir doch, dass das Leben bedeutet, zahllose Fäden aufzugreifen und wieder fallen zu lassen, und selten, höchst selten mit einem verstehbaren, annehmbaren Beginn und Ende beschenkt zu sein. Wir suchen rastlos Heilung, und verstehen darunter das Vollenden des Begonnenen, das Heilen des Zerbrochenen, das Verstehen des Chaotischen und das Halten einer Ordnung, in der sich jedes Geschehnis artig in einen erkennbar sinnvollen Kontext reiht. Deswegen aber ist unsere Suche rastlos, weil diese Heilung keine ist. Diese Suche trägt alle Zeichen eines Bedürfnisses nach Kontrolle, Kontrolle aber ist tiefe, tiefe Angst.

Heilung würde am ehesten wohl bedeuten, das Fragmentarische anzunehmen, das Flüchtige, das Unvollendete, das Ungeklärte und Unrettbare, das Endliche und das Unkontrollierbare, als Ausdruck des Lebens selbst, und das schliesst ein, dass wir auch uns selbst als Ausdruck dieses Lebens begreifen. Du bist das Ungeklärte für einen Menschen, das Unvollendete, Du bist das Unverstehbare für eine Person und für eine andere das Unkontrollierbare, Du bist für wenigstens einen Menschen der Fels, an dem seine Hoffnungen zerschellen oder sein Glauben an die Ordnung der Dinge. Wir müssen dies begreifen. Es ist nicht möglich, Ozean zu sein, ohne selbst als Welle Wirklichkeiten in den Abgrund zu reissen, die jemandem unabdingbar schienen.

Sich diesen Einsichten zu stellen erfordert großen Mut. Es ist ein ganz anderer Mut als der, den es scheinbar kostet, Dinge eigenmächtig gestalten zu wollen. Es ist der Mut der nicht daran zerbricht, dass wir höchst verantwortlich und schöpferisch sind, und gleichzeitig ausagierende Kräfte einer unbezähmten Wildheit, die jedem Vulkanausbruch, jedem Sturm, ja jeder Sternengeburt zugrunde liegt.

meer

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Die Beziehung zur Mutter ist wohl unsere wesentlichste. Ein Leben lang fühlen wir das. In dieser Beziehung Liebe und Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, wird Vielen mit wachsendem Lebensalter wichtig.

Zum Muttertag, aber nicht nur zu diesem Tag, kannst Du nun zwei Wandbilder verschenken, die gleichermaßen Segen und Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Ein persönliches, inniges Geschenk an die Mutter. Weitere Wandbilder und CD’s gibt es wie gehabt im Shop.

www.klanggebet-shop.de

Wer seiner Mutter etwas besonders Kostbares schenken möchte, hat auch die Möglichkeit, ein persönliches Segenslied oder Seelenlied zu verschenken. Ich habe schon für einige Mütter diese Klanggebet-Arbeit tun dürfen, und erlebte, was für eine große Freude es für alle Beteiligten war. Bei Interesse sende Deine Anfrage an mich.

Heilung für ein verwundetes Verhältnis

Eben weil die Verbindung zur Mutter so stark und bedeutsam ist, leiden Menschen besonders darunter, wenn diese Verbindung vergiftet oder beschadet ist. Keine andere Beziehung kann soviel Freude oder soviel Schmerz stiften wie die Bindung zwischen Mutter und Kind.

Aus diesem Grund möchte ich es nicht versäumen, auch jenen, die unter ihrer Mutterbeziehung oder unter der Beziehung zu ihrem Kind leiden, Hilfestellung anzubieten. Ich widme mich seit vielen Jahren der Segnung und Erneuerung dieser sensiblen Beziehung.

Ein besonderes Angebot aus meiner Arbeit ist die persönliche Heilmeditation für das Mutter/Kind Thema. Sie enthält ein Vorgespräch, die Kreation Deiner persönlichen Meditation, eine CD-Aufnahme und ein Nachgespräch.

Ob diese Impulse der Vergebung, der Wahrung der Grenze, der Versöhnung oder anderem dienen, hängt von den Besonderheiten Eurer Beziehung ab.

Ich freue mich auf Deine Anfrage. (www.klanggebet.de, giannina@klanggebet.de, 030-39934477)

Bild: © Sergey Smirnov

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Manchmal sehen wir gar nicht mehr, wie gnadenlos zeitgenössische Konzepte von Heilung sind.

Da wird zu Kranken gesagt: Du bist krank, weil. Und sie quälen sich jahrelang mit Auflösungsarbeit, Affirmationen, karmischen Aufräumaktionen und vielem mehr herum, nur weil sie glauben, sie hätten sich ihre Misere selbst eingebrockt. Sicher gibt es krankmachendes Verhalten – es ist wohl nicht zu leugnen dass es schädlich sein könnte, sich ausschliesslich von Kohlenhydraten zu ernähren, sich permanent zu überarbeiten oder vom Sofa vor lauter Überdruss nicht mehr aufzustehen. Aber wer ist in der Lage, einem Kranken mit Bestimmtheit zu sagen, woher sein Leiden kommt? Und dass es, und wie es zu beenden sei? Wieviel Dogmatismus ist in unsere Deutungen geraten? Und wie sehr haben wir darunter verlernt, Zusammenhänge wirklich zu begreifen?

Wir stellen uns schlaue Bücher ins Regal, die Krankheit als Weg oder Krankheit als Sprache der Seele bezeichnen, und malträtieren fortan unsere Umwelt mit den nachgeplapperten „Weisheiten“: „Ah, Du hast MS, du bist verbittert“, „Soso, Du hast Asthma, Du bist ein ungehörter Schreier“. Die persönliche Biographie des Einzelnen? Unwichtig. Das Kompendium weiß es doch besser. Und eine ganze Industrie lebt davon und tritt jeden Tag aufs Neue das Leiden des Menschen mit Füßen, und das Leben, das sich auch im Leiden entfaltet.

Die esoterische Idealwelt besteht aus jungen, dynamischen und gesunden Menschen, denen „falsche Denkmuster“ derartig abhanden gekommen sind, dass ihre Körper gar nicht mehr imstande sind, krank zu werden. So lautet wenigstens das – mal laut, mal unterschwellig – kolportierte Märchen, und diesem Märchen verdankt sich auch die Bildästhetik der Szene, wie wir sie auf Zeitschriften, Websites, Prospekten, Lebenshilfebüchern und Wellness-Produkten sehen. Man muss kein Schelm sein, um sich bisweilen an Leni Riefenstahl-Filme erinnert zu fühlen, so kraftvoll wie Mann und Frau ihre makellosen, gestählten Körper der Sonne entgegenrecken.

Heilsein ist etwas anderes.

Ich bin in den vergangenen Jahren häufig mit Kranken in Berührung gekommen, die zusätzlich zu der Herausforderung, Ihr Leben in Krankheit meistern zu müssen, nun noch mit Schuld- und Versagensgefühlen sowie mit zwanghaftem Korrekturwahn belastet sind, nur weil ihnen Heiler und Coaches immer wieder einbläuten, dass sich das Falsche, ergo die Krankheit, falschem Denken und Verhalten verdanke, und dass das Richtige, ergo Gesundheit, nur durch die Richtigstellung des Denkens und Verhaltens erfolgen könne.

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist, Leben auch in Krankheit als „richtig“ empfinden zu können. Resilienz zu entwickeln im Umgang mit der eigenen Krankheit. Den eigenen Weg fruchtbar zu machen für Andere in ähnlichen Situationen. Es bleibt kein Raum für eine Wahrnehmung dessen, was immer gegenwärtig ist, auch noch in Krankheit. Ein Schmerzpatient ist nicht nur Schmerz. Ein Angstpatient ist nicht nur Angst. Ein Wachsenwollen an der erlebten Einschränkung findet nicht mehr statt. Eine eigene Deutung des Kontextes findet nicht mehr statt. Der eigene Bewältigungsstil wird nicht mehr erschlossen, der doch so unabdingbar ist für Lebensqualität. Kurzum: viele zeitgenössische „Heilwege“ sind heilloses Chaos und eine Abwärtsspirale in die Depression.

Auch aus diesem Grund biete ich die „Sprechstunde Auswege“ an, in der ich zusammen mit dem Betroffenen wieder Freiräume zum Atmen, Innehalten und zu einem mündigen Umgang mit Krankheit schaffe. In diesen Freiräumen darf der Mensch mitsamt seinem gewordenen Leben und seiner Krankheit sein. Wir schaffen die Deutung „Krankheit = falsch, Gesundheit = richtig“ ab, mitsamt ihrer Betriebsblindheit. Und von dort aus gehen wir weiter. Schritt für Schritt.

Ich freue mich auf Deine Anfrage.

(Bild: Jules Breton – The wounded Seagull)

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Innerhalb eines halben Jahres hörte ich von drei höchst unterschiedlichen Menschen, dass sie in einer entscheidenden Situation den selben Satz aussprachen: Der erste war ein junger Mann, geschäftlich erfolgreich, auf der Sonnenseite des Lebens, als er wegen zunehmenden Unwohlseins zum Arzt ging. Der Arzt sagte: „Sie zeigen alle Zeichen eines Burnout“. Der junge Mann antwortete schneller als ihm lieb war: „Ich habe keine Zeit für so einen Unsinn.“

Der zweite Mensch, das war eine Frau, die seit vielen Jahren alles daran setzte, es allen Menschen in ihrem Umfeld recht zu machen. Den Eltern, den Schwiegereltern, dem Ehemann, den Kindern. Wenn ich sie fragte, was sie für sich selbst tue, hörte ich nur Schweigen. Sie entwickelte Herzrasen, Atemnot, Schwindel. Der Arzt sagte. „Sie haben Panikattacken.“ Und sie antwortete wie im Reflex: „Dafür habe ich nun wirklich keine Zeit“.

Der dritte Mensch, das war ein Mann kurz vor der Rente. Er hatte einen so stressigen Job, dass er manchmal fürchtete, er würde seine Rente gar nicht mehr erleben. Ein Magengeschwür kündigte sich an, weswegen er zum Arzt ging. Der Arzt aber sagte obendrein: „Sie haben eine schwere Depression.“ Und auch hier kam die Antwort schneller als der innere Zensor sie zurückhalten konnte: „Depression? Also bei allem Respekt, aber dafür habe ich keine Zeit.“

Wofür wir Zeit haben, das entscheiden weder Vorgesetzter noch Ehemann, weder Schwiegereltern noch Kinder. Wofür wir Zeit haben, das entscheidet, wenn die Schmerzgrenze überschritten ist, immer unser Körper, immer unsere Psyche. Und dann beugen wir uns einem Gesetz, das uns nicht in den Kram passt, und sind womöglich noch böse auf den Körper der erschöpft ist, und auf die Psyche die in Sorgen ertrinkt.

Wer frei und verantwortlich entscheiden will, wohin seine Zeit fliesst, der muss die Gesetze des Körpers und der Psyche achten. Der muss auch bereit sein zu erkennen, dass Erfolgshunger ebenso wie Harmoniesucht durchaus krank machen können, wenn sie uns dazu verleiten, immer und immer wieder unsere eigenen Grenzen zu überschreiten. Wer frei und verantwortlich entscheiden will, wohin seine Zeit fliesst, der muss auch bereit sein, den ein oder anderen Wunsch als Ego-Ballast fallen zu lassen.

Ich werde in meiner Arbeit bisweilen gefragt, warum ich so beherzt mantrisches Beten empfehle. Die Antwort ist einfach: weil mantrisches Beten Medizin für jedes Leiden ist. Wer sich frei und verantwortlich Zeit dafür nimmt, täglich einige Minuten mantrisch zu beten, gibt seinem Körper und seiner Psyche ein entscheidendes Signal. Er sagt: „Dieses Sanktum in meinem Inneren, diese heilige Gegenwart des Göttlichen, wie fühlbar oder nicht fühlbar sie gerade auch sein mag, dieser Punkt an dem ich mehr bin als mein Ego, mehr als meine Person, an dem ich frei und unbeschadet bin, hat oberste Priorität. Ich anerkenne dieses Geheimnis, widme mich diesem Geheimnis, und erlaube diesem Geheimnis, das Ruder zu übernehmen.“

Es ist eine Entscheidung von großer Dimension, auch wenn sie sich anfangs winzig anfühlen mag. Mantrisches Beten bedeutet, das Gedankenkarussell zu verlassen. Das Hamsterrad der Unterwerfung, das Samsara der eigenen Enge. Und es beginnt mit einem kleinen, beherzten Satz: „Ja, dafür habe ich Zeit.“

samsara

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Die Menschen, die mich am tiefsten berührt und bewegt haben, das waren nicht diejenigen, die von Erwachen sprachen, nicht diejenigen, die einen Gott predigen, nicht die, die mir erklären wollen, wie mein Leben in Ordnung kommt. Es waren nicht die, die den Anspruch hatten, mich zu heilen, oder solche die glaubten es besser zu wissen. Es waren nicht die, die auf alles eine Antwort haben und auch nicht die, die jede schmerzliche Situation überlegen anzulächeln trachteten. Es waren keine Menschen, die behaupteten, frei von Ego oder Verstrickung zu sein, weder solche, die Stimmen hörten, noch solche, die erhebende Erscheinungen hatten. Es waren nicht die ewig jungen, dynamischen, erfolgreichen menschlichen Schlachtschiffe, die in einsamem Triumph durch das Meer des Lebens fahren, noch waren es Menschen, deren Hände hart sind von der Gewohnheit, alles im Griff zu haben.

Die Menschen, die mich am tiefsten berührt und bewegt haben, das waren diejenigen, die still taten, was viele tun, doch ohne sich zu brüsten oder zu klagen. Das waren diejenigen, die mir zuhörten, wenn es darauf ankam. Die das Gute in mir sahen, das ich selbst längst vergessen hatte. Die gut zu mir waren, auch wenn ich es nicht verdient hatte. Das waren diejenigen, die fragten, anstatt zu meinen, und wissen wollten, anstatt zu urteilen. Das waren diejenigen, die sich zeigten, auch auf die Gefahr hin, ausgeliefert zu sein. Die sich hingaben, auch auf die Gefahr hin, nicht gehalten zu sein. Das waren die, die bereit waren, mit mir in die Finsternis zu gehen, anstatt mich ins Licht zu zerren. Das waren die, die von ihrem Scheitern sprachen, ohne das rasende Schwert der Beschönigung zu schwingen. Die, die ohne Zurückhaltung litten und lachten. Jene, die auf ihren Grund gesunken waren, von dem mich uferlose Bläue grüßte, so wehmütig leise in einer tosenden Welt. Die stillen Heiligen, an die wir uns oft erst erinnern, lange nachdem sie aus unserem Leben verschwunden sind.

Wessen Stimme vertraust Du? Welcher Hand vertraust Du Dein Leben an? Dort, wo wir Antworten suchen, sind wir so leicht zu blenden, leicht zu trösten und zu verführen. Es ist an der Zeit, neu hinzuhören, neu hinzusehen, und zu bejahen, dass der Schleier der Täuschung fallen will. Randvoll sind wir mit Kontakten, doch arm an Begegnung. Randvoll mit Vernetzung, doch arm an Gemeinschaft. Randvoll mit Erklärungen, doch arm an Gewissheit. Vertagt ist alle Weisheit, die uns von Karma, Erlösung, Auflösung erzählt. Ein tiefer Wunsch wird wach und wacher, den Menschen wirklich zu sehen, und wirklich gesehen zu sein – hineinzuwachsen in das Leben, das wir uns eben noch erklären lassen wollten, in den Moment, den wir gerade noch missachteten, auf der Suche nach dem Sinn dahinter.

Rilke sagte es in so tiefem Wissen, im Stunden-Buch:

„Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drüben
Nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn
Und dienend sich am Irdischen zu üben
Um seinen Händen nicht mehr neu zu sein.“

Und wo sonst liegen unsere Hände, wenn nicht in der Seinen:

„Laß Dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muß nur gehen: Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.
Du wirst es erkennen an seinem Ernste.
Gib mir die Hand.“

weekend

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