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Posts Tagged ‘Ich’

Es gibt eine Liebe zum Anderen, die nur zu erlangen ist, wenn wir das Fremde begrüßen, das Ungewisse umarmen, wenn wir unsere Loyalität dem Vertrauten und Voraussehbaren gegenüber aufgeben. Allzu oft haben uns spirituelle Lebenshilfen auf das Selbst hingewiesen, das uns aus den Augen des Nächsten entgegenleuchtet. Allzu oft wurden wir mit Sicherheiten gelockt, wie der, dass der Andere – unser Spiegel – uns letztlich doch immer einem besseren „Ich“ zuführe.

Wenn Zuneigung aber nur Selbstbezogenheit ist, sind wir von Liebe so weit entfernt wie vom Wesen der Begegnung. Begegnung wagt den Schritt auf wegloses Land, Begegnung vertreibt uns aus dem trügerischen Paradies der Selbstgenügsamkeit. Begegnung reißt uns wahrlich in die abgründigen Augen des Nächsten, doch verlieren wir uns dort, und das was wir für unser Selbst hielten, mindestens so oft wie wir es finden, und es nützt nichts, dies zu verschweigen und die Unannehmlichkeit zu verbergen, die es bedeutet, wenn wir an der geronnenen Welt des Anderen zerschellen und alle Fragen nach der Natur der Dinge im Erfahrungsraum des Anderen neu gestellt werden müssen.

Es nützt daher auch nichts, einem Menschen, der Fremde fürchtet, zu sagen, er werde nichts verlieren, denn das Gegenteil ist der Fall: echte und tiefe Einlassung auf das heilige Gewordensein des Anderen bedeutet immer, dass wir das Wagnis annehmen, alles zu verlieren, jede satte Selbstgewissheit, die uns dazu verleitete, uns nicht mehr zu entwickeln.

Eine Lehre, die uns also zur Liebe führen will, ohne das Abgründige und Gefahrenvolle, das Verlustreiche echter Begegnung auszusprechen, ist wenigstens betulicher Unsinn, wenn nicht sogar irreführende Lüge. Deswegen schätze ich die seltsam anachronistisch wirkende Aufforderung Jesu in der Bibel: „Liebe Deine Feinde“, denn das Wort „Feind“, das wir, durchtränkt von political correctness, heute reflexhaft ablehnen, weist uns doch darauf hin, dass wir für die Liebe ein Territorium der Fremdheit betreten müssen, den kleinen oder großen Schrecken des Anderen und Andersartigen, in dem wir uns zunächst mal oder auch niemals (wieder)finden.

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Es ist nichts schlimmes daran, jemanden zu brauchen. Unter Spirituellen gibt es ja oft so einen Wahn, man sei in seiner Bedürftigkeit eine gescheiterte Existenz, und in seiner Bezogenheit ein irregeleitetes Wesen. Wir Menschen lernen voneinander, und Begegnungen waren schon immer fruchtbarer als kluge Selbstgespräche, in denen wir uns vorbeten was wir längst wissen.

Es ist allerdings auch nichts schlimmes daran, zu betrachten, wann man braucht. Was man braucht. Zu hinterfragen, ob man braucht. Und festzustellen, dass eine Begegnung eine ganz neue Qualität bekommt, wenn man nicht mehr versucht, aus einem Anderen herauszuquetschen, was einem selbst im Augenblick fehlt.

Es ist heilsam und schön, festzustellen, dass wir den Anderen um seiner selbst willen lieben dürfen und können, und nicht weil er die Untröstlichkeiten beruhigt, die in uns wüten.

Es gibt ein Brauchen, das kein Aufbrauchen ist, kein Verbrauchen und kein Missbrauchen. Eine natürliche Zugewandtheit zum Anderen, die der dialogischen Natur unserer selbst entspricht.

Es gibt ein Wissen in uns, das sagt: sieh, alles was Du Dir von diesem Menschen wünschst, ist in Dir. Und Du musst es nicht von ihm fordern. Du kannst es aber mit ihm feiern.

Das ist bodenlos beängstigend für uns. Als Empfangende wie als Gebende. Denn oft fürchten wir, wenn wir den Anderen nicht mehr brauchen, dann müssten wir von ihm fortgehen. Deswegen hängen wir an Sätzen wie „Durch Dich bin ich vollständig“. Und oft fürchten wir, wenn der Andere uns nicht mehr brauchte, würde er uns verlassen. Deswegen machen wir uns unentbehrlich, anstatt dem Anderen zu helfen, seine innere Freiheit zu entdecken.

Mit einem Menschen gemeinsam, sei es in einer Familie, einer Freundschaft oder einer Partnerschaft, zu erkunden, wo Gefühle des Brauchens nur getarnte Ängste sind, und diese gemeinsam zu befreien, ist ein Segen. Dann finden wir uns selbst und einander auf neue Weise. Das ist nicht in fünf Minuten erledigt. Und niemand sagt, dass man erst eine Beziehung wagen sollte, wenn man frei von Bedürftigkeiten ist. Das ist ein lebenslanger Prozess, und mit einem Menschen gelingt es uns besser als mit einem anderen.

Auf diesem Weg beginnen wir, freier und reiner und froher zu lieben. Auf diesem Weg beginnen wir, uns selbst und den Anderen zu erkennen.

brauchen_blog

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Ich wünsche uns Feingefühl und Weichheit,

dass wir einander die Wahrheit sagen können

ohne zu verletzen

dass wir einander helfen können

ohne auf den Anderen herabzusehen

dass wir einander lehren können

ohne zu belehren

dass wir einander halten können

ohne zu erdrücken

dass wir einander stören dürfen

ohne zu verstören

dass wir einander loslassen können

ohne zu verlieren

dass wir einander antworten können

ohne das Fragen zu vergessen

an dem unsere Seelen wachsen.

segen2013a

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Wir können auf Veränderung warten, aber das bedeutet, auf den Anderen zu warten, der den ersten Schritt gehen soll, oder auf eine Zeit zu warten, in der sich glückliche Umstände fügen. Das Warten, das oft im Leben einen so tiefen Wert und Sinn hat, kann uns zu einer Gefangenschaft werden – zu einer niemals endenden Vertagung unserer Tat, unserer Kraft, unserer Erfüllung.
Veränderung zu gestalten ist etwas anderes: es bedeutet, selbst den ersten Schritt zu gehen. Es bedeutet, eine Erkenntnis, eine Erfahrung, vielleicht auch nur eine Hoffnung in die Tat umzusetzen, unabhängig davon, wie viel Erkenntnis oder Tatkraft im Anderen ist, ja, selbst noch unabhängig davon, ob der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein scheint.

Im Moment, in dem wir den ersten Schritt gehen, mögen wir allein sein, furchtsam, heimatlos oder sogar verrückt. Aber unsere innere wie äußere Welt bedarf einer Ver-Rückung vorhandener Perspektiven, sie bedarf beherzter Taten, die ihre eigene Sprache sprechen. Eine Sprache, die beredt genug ist, um die Sprache der Herrschaft, der Besitzgier und Gleichgültigkeit zu entlarven und zu beenden.

Wir gestalten Veränderung, wir selbst werden Veränderung, indem wir unsere Verantwortung und unser Verbundensein mit den Geschicken der Anderen und der Schöpfung erkennen, anerkennen und bejahen. Indem wir den Dingen, Taten und Orten folgen, die uns in eine Erfahrbarkeit und Verkostung dieser Zusammenhänge führen, die uns erlauben, den schmalen Grat der eigenen Glückssehnsucht zu verlassen und einen weiteren Blick einzuüben.

Viele Lebenshilfestrategien haben uns in eine befremdliche Innerlichkeit geführt, in einen Egoismus, der sich spirituell nennt, in eine Selbstbezogenheit, die jede freie Hinwendung zum Du verunmöglicht zu haben scheint. Zu unerbittlichen Beobachtern unserer selbst sind wir geworden, immer den eigenen Fortschritt, den eigenen Reichtum, die eigene Unversehrtheit im Blick. Wie gläserne Gefäße gehen wir durch diese Welt, leise fürchtend, wir könnten an den Tragödien dieser Welt zerbrechen und unseren inneren Frieden verschütten und nie wieder zurück erlangen.

Innerlich zu sein, sich selbst mutig und liebevoll anzusehen, bedeutet aber unweigerlich, auf das Du verwiesen zu werden, auf das Andere, das in seiner Schönheit uns an unsere Schönheit erinnert, in seiner Not an unsere Bedürftigkeit und in seiner Unvollkommenheit an unser Tun, das mit dem Sosein dieser Welt, das mit dem Leiden jeglichen Geschöpfes nicht im Frieden sein kann.

Die Not der Welt ruft nach unserem Willen zur Veränderung. Die Schönheit dieser Welt ruft nach unserem Willen zur Veränderung. Etwas in uns will werden, was wir seit jeher schon sind: Geschöpfe, in denen die Liebe Gestalt annehmen will. Veränderung zu gestalten ist schöpferisch, ist Ausdruck unserer Natur, Ausdruck des Geistes der sich verschenkt und der sich gleichermaßen in unserer Tat ereignen will – als Leben, das wächst und sich entfaltet. Als Liebe, die sich den Raum erringt, der ihr längst gehört.

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Das Gestern steht nicht hoch im Kurs bei vielen Spirituellen. Wir versuchen es zu verinnerlichen, das Leben im Jetzt, das Verkosten des Moments, das Hier- und Sosein. Und das ist auch gut so. Allzu leicht aber gerät uns dann das Gestern in Misskredit, als Zeit die wir nicht mehr ändern können und die uns daher nur unnötig aufhält, als Gefilde, in denen nicht viel mehr zu verorten ist als unsere Sorge, Dinge falsch gemacht zu haben oder unser Leiden daran, Dinge nicht mehr beeinflussen zu können. Und obendrein hat es ja, viel zitiert im Internet, selbst der Dalai Lama gesagt, nicht wahr, dass weder gestern noch morgen in unserem Handlungsspielraum liegen, ergo relevant seien, was soll also der Blick zurück?

Das Gestern mutiert so in unserer Vorstellung oft zu einer Brutstätte der Depression, und gerne bringen wir es in Verbindung mit Begriffen wie „Altlasten“, „Ballast“, „alte Muster“ (warum eigentlich nicht mit „Beginn“, „Geburtsstunde von“ oder „Weichenstellung für“?). Bevor wir aber in solche feindselige Angst geraten, die dem Gestern entfliehen will, sollten wir innehalten. Denn das Gestern verrät uns so viel, ein beredter Freund ist es, dessen Worten wir zuhören dürfen. Das was wir bedauern, das was wir versäumten, das was wir zurücksehnen ebenso wie das was wir zu vergessen im Begriff sind, erzählt uns eine Menge darüber, wer wir sind. Wer wir sein könnten.

Es ist nichts falsch daran, wieder dort hin zu gehen, wo ein alter Schmerz pulsiert oder eine alte Freude immer noch leuchtet. Es ist nichts falsch daran, Reue zu empfinden, weil man ahnt dass man Dinge besser hätte machen können. Es ist nichts falsch daran, sich zu fragen, wie man all die Jahre gelebt hat, wenn jetzt ein ganz anderes Leben zu Tage treten will. Es ist auch nichts falsch daran, dort hinzusehen, wo noch offene Fragen an das rühren, was wir werden wollen, oder an Worte, die noch gesagt werden wollen. Manch eine Versöhnung wartet in den schmerzlichen Blicken aufs Gestern, in der Bereitschaft, für einen Moment noch einmal durch das zu gehen, von dem wir wissen dass es uns oder andere verletzte.

Im Moment zu sein, das heisst nicht, das Gestern abzuweisen wie einen nicht willkommenen Gast. Achtsam zu sein heisst auch, alles was wir waren und wurden ansehen zu können, selbst wenn es uns ängstigt, doch dann wenigstens ohne diese eine Angst, damit unsere Gegenwart zu beschädigen. Anzunehmen was ist, heisst auch anzunehmen was war. Selbst noch dort, wo das Gestern unrechtmäßig schwer ist, wo wir ihm erlauben, uns einzunehmen und zu fesseln, als scheinbar unlösbare Verstrickung in Dinge, die jedes Wachstum im Keim erstickt, verrät es uns etwas über das was wir wollten und nicht erlangten, und somit über das was unsere Seele zu erlangen ersehnt und zu erlangen im Stande ist. Im Gestern lesen heisst nicht weniger als liebevoll auf sich selbst zu blicken auf der Suche nach einem tiefen Verständnis für die Person die wir waren, wurden und sind. Und vieles lässt sich erst verstehen, wenn wir nach langer langer Zeit, weich geworden durch den Fluss des Lebens, zurückblicken. Dieser liebevolle annehmende Blick auf sich selbst durch die Jahre hindurch will gelernt und gepflegt sein.

Ich kann nicht für dieses seltsam vergessliche Leben ohne Gestern plädieren, dessen Motiv wohl oft eher Vermeidung als Verkostung ist, wohl aber für ein Leben ohne Angst vor der Angst. Wenn Du Dir Dein Gestern ansehen magst, weil Du fühlst dass es an Dir zieht, nagt, Dich in Frage stellt oder einfach noch schwer wiegt, oder weil Du ahnst dass es Dir Aufschluss geben kann über offene Fragen, und wenn Du es ferner angstfrei annehmen möchtest als Teil Deines Lebensweges, dann lade alles ein, was sich dort aufhält: die Freude, das Bedauern, die Reue, das Versäumnis, das Ungelöste, das Unversöhnte, das Unvollendete, das Frohe wie das Traurige und betrachte all diese Gäste als Deine Freunde, die auf ihre Weise mit Dir sprechen um Dir dabei zu helfen, der beste Mensch zu werden der Du sein kannst.

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Den gestrigen Passus postete ich im Denken an den westlichen Ichbegriff. Folgende ketzerische Gedanken möchte ich anschließen: Unsere westlichen Gemüter hängen sehr am personalen Ich. Nicht nur bei uns selbst – auch unseren Gott haben wir mit allen Attributen einer Person ausgestattet, der Katholizismus sogar gleich mit dreien (Trinitätslehre). Unser Ich ist uns so wichtig, dass wir es für absolut halten. So absolut, dass auf christlichen Darstellungen Verstorbene in eben ihrer alten Form ihrem himmlischen Schöpfer begegnen. Kinder sitzen auf Jesu Schoß. Alles beim alten, nur der olle Körper ist eingemottet. So sprechen die Geistlichen auch in nahezu jeder Grabrede; der Verstorbene sei jetzt bei Gott, in Gemeinschaft mit den Heiligen, in freudigem Wiedersehen mit jenen, die vor ihm starben. Dass das Ich ebenso über den Jordan gehen könnte wie unser Körper, möchten wir nicht so gerne denken, meistens kommt es uns gar nicht in den Sinn.

Reinkarnationslehre mit Ich-Versessenheit

Die New Age Lehren, die sich ganze östliche Systeme einverleibt haben, haben dies auf sehr westliche Weise getan. Auch noch die Reinkarnationslehre wird bei uns zum Episodenfilm eines Ich, das immer mal wieder inkarniert. Da ist man dieser und jener, Frau, Mann, König, Bettler, Priester, Musiker, Hausfrau, aber immer ist es doch das unverrückbare Ich, das da die Körper an- und auszieht wie aus der Form geratene Klamotten. Sogenannte Rückführungen mit bilderreichen Erinnerungen „belegen“ uns, dass wir schon allerlei Inkarnationen hinter uns gebracht haben, und wir können sie durch leichte Hypnoseformen alle rekapitulieren – und fühlen uns hinterher nur darin bestätigt, dass es ein unverrückbares Ich gibt, einen Wesenskern, der eben denkt und fühlt wie wir in unserer aktuellen Inkarnation denken und fühlen.

Dass das mit der östlichen Reinkarnationslehre nicht das geringste zu tun hat, sehen wir nicht, ebenso wie wir nicht sehen, dass die auf dem westlichen Buchmarkt boomenden buddhistischen Bestseller laufend das Wort „Glück“ im Titel tragen, weil es dem westlichen Leser eben um beinahe nichts anderes geht als um das individuelle Glück, das Dauerwohlgefühl des Einzelnen – ein Alptraum für östliche Buddhisten.

Unterm Strich zähl‘ ich, das sagt schon die Werbung, und die muss es ja wissen, denn sie kennt den Verbraucher, und nur ein Ich mit Bedürfnissen verbraucht auch ordentlich, besonders auf der Suche nach dem individuellen Glück, der Verwirklichung des Einzelnen.

Spiritueller Kulturschock angesichts der Ich-Bedrohung

Ich erlebe es häufig, dass Menschen, die sich auf eine spirituelle Suche begeben und ihre Fühler in östliche Geisteswelten ausstrecken, unter der Ich-Erschütterung enorm leiden. Ob sie sich mit Buddhismus oder Hinduismus, mit Neo-Advaita oder mit synkretistischen spirituellen Systemen beschäftigen, überall begegnet ihnen die Aussage, dass das „Ich“ Illusion sei, hinfällig, flüchtig, im Grunde sowieso nur geistige Vernebelung der westlichen Welt. Meist regen sich hier massive Widerstände bis hin zur totalen Ablehnung.

Wie auch nicht – die abendländische Philosophie hat sich am Ich abgearbeitet als gäbe es nichts wichtigeres. Leib-Seele-Dualismus, cogito ergo sum, das schwimmt alles in der Muttermilch die uns groß gemacht hat. Das ist Teil unserer Geschichte, unserer Kultur, unserer Wahrnehmung und Denke, unserer versprachlichten Ich- und Welterfassung. Der wohl dramatischste Einbruch in dieses Verständnis kam mit der Postmoderne auf: die freute sich über den Zerfall von Identitäten, über die Entlarvung der abendländischen herrschaftlichen Vernunftkonzeption, das Subjekt diente ihr als Objekt des Spotts.

Die heutige Philosophie kommt weitgehend ohne Begriffe wie Seele oder Substanz aus, denn das Vertrauen in diese ist nachhaltig erschüttert. Gerne werden soziologische, entwicklungspsychologische und neurologische Erkenntnisse bemüht, um von der Flüchtigkeit von Identitäten zu sprechen. Thomas Metzingers „Being No One“ spricht vom Selbst als „Vorgang“, Identitäten seien transitorisch, und einen unverrückbaren Wesenskern gebe es ohnehin nicht. Das ist für Metzinger ein Revival der Mystik, nur dass wir heute eben vermeintlich ohne die Glaubenssysteme der Mystiker auskommen sollten. Das impliziert eine Forderung nach einer gänzlich säkularen Spiritualität, wenigstens aber nach einer Bereitschaft, die verkrallten Finger vom „Selbst“ zu nehmen. Nur seien wir mal ehrlich: wer außer jenen, die sich gezielt für so etwas interessieren, wer außer Akademikern und cognacschlürfenden ZEIT-Lesern bekommt von solchen akademischen Diskursen eigentlich etwas mit?

Wieviel Ich-Erschütterung ist denn im Alltag, im Büro, abends in der Kneipe oder vor dem Fernseher spürbar?

Die mystische Erfahrung: Bleibt alles anders

Dass die Grenzen des Ich sich im Jenseits oder bereits hier auf Erden auflösen sollten, begreifen wir in der Regel – unabhängig vom Bildungsniveau – als drohenden Tod. Und dieser Tod ist weit beängstigender als bloß das Sterben des Körpers.

Durch das tägliche Leben wenig vorbereitet, werden jene, die eine mystische Erfahrung machen, ins kalte Wasser gestoßen. Da ist das illusorische Ich nicht angelesen und daher entfällt jede Notwendigkeit, sich mit Autoren, Lehrern oder Szenen darüber zu streiten. Die, die am eigenen Leib erleben, was wir schlechthin „mystische Erfahrung“ oder „transpersonale Erfahrung“ nennen, mögen davon hinterrücks überrascht sein. Anders als im akademischen Diskurs trifft hier die Erschütterung nicht bloß den Intellekt oder die eigenen Eitelkeiten. So eine mystische Erfahrung stellt die ganze Welt auf den Kopf, erfasst das ganze namenlose Etwas, das wir sind.

Wer einmal aus den Grenzen seines Ich geflossen ist (oder katapultiert wurde, denn so sanft geht das nicht immer von statten), kehrt als Anderer zurück in die Welt. Und freilich geht der eine Mensch mit dieser Erschütterung anders um als der andere. Manch einem gelingt es nicht, das erlebte Nicht-Ich und das performante soziale Ich in eine Harmonie zu bringen. Das kann verschiedenes zur Folge haben, beispielsweise die Weigerung, weiterhin am Alltagsleben teilzunehmen. Da werden Berufe aufgegeben, Familien verlassen, sprachliche Normen (wie der Gebrauch des Wortes „Ich“) boykottiert. Manch einer flüchtet sich in Satsang-Biotope, in denen nur jene ein- und ausgehen, die verstehen. Oder wenigstens verstehen wollen. Manch einer wird zum Dauermeditierer daheim, auf der Suche nach der Antwort, nachdem die Erschütterung so viele Fragen aufwarf oder auf der Suche nach der erlebten Einheit, da doch alles Trennende nun um ein vielfaches schmerzlicher ist als zuvor. Glücklicherweise ist dies für viele ein vorübergehendes Phänomen, an das sich eine Rückkehr in die Welt anschließt.

Christliche Tradition und Mystik: ein immerwährendes Zerwürfnis

Grundsätzlich aber kann man vielleicht sagen, dass unser Alltagsleben uns nicht ausreichend auf die Möglichkeiten solchen Erlebens vorbereitet. Auch und gerade die christlichen Kirchen tun dies nicht. Fragt man heute Christen nach Mystikern, fallen zumeist die Namen Meister Eckhart und Johannes Tauler, wohlgemerkt Mystiker des Mittelalters. Dass die christliche Tradition aber weiterhin Mystiker hervorgebracht hat und heute noch hervorbringt, wissen viele nicht. Mystik bleibt, auch wenn Papst Benedikt sich zu der Aussage hinreißen ließ, dass die Mystik „Herzstück der christlichen Tradition“ sei, weiterhin unterdrückt, ausgegrenzt oder der Bedeutungslosigkeit preisgegeben. Das vermeintliche Problem, an dem die katholische Kirche weiterhin festhält, ist die in der Mystik geschehende Aufwertung der persönlichen spirituellen Erfahrung und eine damit befürchtete Abwertung der bindenden Glaubenslehren. Was nicht viel mehr bedeutet, als dass mystische Erfahrung einen Machtverlust der Institution verursacht. Damals wie heute erleben wir, dass jenseits des Gezänks am heiligen Stuhl viele Klöster lebendige Brunnen mystischer Erfahrung sind – und dort strömen die Menschen hin.

Und sie strömen auch zu Willigis Jäger, dessen gestern zitierte Worte sich wie eine Liebkosung des Ich lesen, das im Angesicht der mystischen Erfahrung um seine Existenz, seinen Wert und seine Würde bangt. Wert und Würde des Ich aber stehen nicht in Frage, wenigstens ganz sicher nicht aus christlicher Perspektive. Doch entkleidet es sich seiner Absolutheit.

Entgrenzende Erfahrung und Wege zum Anderen

Das vielzitierte Rahner-Wort, dass der Christ der Zukunft Mystiker sei oder gar nicht sei, möchte ich beinahe umschreiben in „Der Mensch der Zukunft wird ein Mystiker sein“. Das Gebot der Stunde ist, so scheint es mir seit vielen Jahren, diese Räume innerer Erfahrung zu betreten, mit allem Mut und aller Entschlossenheit, die dazu nötig sind. Das heisst nicht, dass man mystische Erfahrung herstellen könnte. Das heisst aber, dass wir eine Bereitschaft schaffen können, gewohnte, fremdbestimmte und herrschaftliche Räume zu verlassen und uns als Pilgernde auf den Weg der Entgrenzung zu machen.

Und dieser Weg wird Antworten geben müssen auf dringende Fragen unserer Zeit, auf Leiden, Einsamkeit und eine erschöpfte Natur inmitten einer globalisierten und vernetzten Welt, die mehr denn je Möglichkeiten hat, dem, was über sie hinausweist, zu begegnen.

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