Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘innerer Frieden’

In meiner Wohnung hängt dieses Kreuz. Ich liebe es sehr. Es ist ein altes, ein verfärbtes, ein mitgenommenes Kreuz, und die Spiegelflächen, die der Künstler um die eigentlichen Balken geklebt hat, sind zerbrochen. Es stammt aus Bolivien, und vereint in sich die landestypische Frömmigkeit und Verspieltheit.

Links von Jesus sieht man eine lachende Sonne. Rechts von Jesus einen Pfeife rauchenden Mond. Ich habe das Kreuz in einem Antiquitätenladen erstanden, und das hätte ich vermutlich allein schon wegen des Pfeife rauchenden Mondes.

Agua Viva

Der eigentliche Grund aber ist der: der Jesus, der dort am Kreuz hängt, zeigt zwar die üblicherweise in den Vordergrund tretenden Wundmale und blutenden Blessuren, um die gerade in katholischer Tradition alles kreist, doch in einem unterscheidet es sich von den üblichen Darstellungen: der Künstler hat Ströme blauen Wassers aus Jesu Wunden treten lassen. Aus seinen Händen, seinen Füßen, seiner Seite rinnt das kostbare Wasser, und auch die Schweissperlen auf seinem Gesicht und die Tränen an seinen Wimpern gehören dazu. Unten am Kreuzstamm werden diese Rinnsale zu einem Gewässer, in das der Künstler „Agua Viva“ geschrieben hat: „Lebendiges Wasser“.

Und das ist der Grund, warum dieses Kreuz für mich eines ist, das von einem erfahrbaren Geheimnis erzählt, dem die Mystiker aller Kulturen sich stets näherten, und dem jeder Betende sich zu nähern imstande ist, und weniger von einem Blutzoll, der sich einer vermeintlichen universellen Sünde verdankt. Das ist der Grund, warum dieses Kreuz für mich Signum der Lebendigkeit ist – ein Kreuz der Freude, auch angesichts der größten Ungeheuerlichkeit einer sterbenden Gottheit.

Das lebendige Wasser in der Bibel

Der Topos vom „Wasser des Lebens“ findet sich in vielen Stellen der Bibel. Schon das Alte Testament ist durchsetzt vom Bild Gottes als Quell. Jesus greift dieses Bild in seinen Reden auf, doch verweist er nicht auf diese Quelle im Außen, die der immer dürstende Mensch in der Ferne suchen müsse. Er sagt zwei Dinge, die für die Menschen damaliger Zeit ein Affront gewesen sein dürften: dass er nämlich dieses Wasser habe, und den Menschen gebe. Und dass in jedem Menschen, der davon trinke, der Quell lebendigen Wassers sprudeln werde.

Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.

(Johannes 4,14)

Und da dieses Wasser das höchste Gut ist, der Ursprung allen Lebens, das Versprechen der Ewigkeit, was muss der Mensch da wohl leisten, um es zu erlangen? In der Offenbarung des Johannes gibt Jesus die Antwort: nichts, außer durstig zu sein, außer es zu wollen. Ein Verlangen liegt allem zugrunde. Und dem der verlangt, wird das Wasser geschenkt.

Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, euch dies zu bezeugen für die Gemeinden. Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern. Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer von dem Wasser des Lebens trinken will, wird es geschenkt bekommen.

(Offenbarung 22,17)

Dieses Verlangen wohnt in uns allen. Wir haben viele Namen dafür. Der eine sagt, er sehne sich nach Glück. Der andere sagt, er sehne sich nach Seelenfrieden. Manch einer wünscht sich angesichts alles Endlichen, er möge etwas Bleibendes in der Welt hinterlassen. Der nächste wünscht sich Zweisamkeit, tiefe Liebe, Freundschaft, und wiederum ein anderer wünscht sich, dass endlich jedes Lebewesen frei von Leiden sei.

Verlangen als Erinnerung an unsere Natur

Ich möchte meinen, dass all jene Herzenswünsche so etwas sind wie ein tief in unsere Seele eingeschriebenes Versprechen: dass da Leben sei. Unerschöpfliches, unendliches, unteilbares Leben. Manchmal ist unsere Erinnerung daran ein Verkosten, eine Klarheit im Angesicht dessen, was an unserem Seelengrund liegt. Manchmal aber ist unsere einzige Erinnerung daran eine traurige Sehnsucht, und wir spüren jeden Tag die Abwesenheit von etwas, das alles was wir sind und tun in ein anderes Licht rücken würde.

Die Kartage sind eine Zeit, in der wir die Stille, die Abwesenheit und die Traurigkeit zulassen. Am Karsamstag verdichtet sich die Stille zu einem Meer des Schweigens – die katholische Kirche feiert an diesem Tag keine Messe und teilt an diesem Tag keine Kommunion aus (Ausnahme: Sterbende) weil der Tod Jesu, die Abwesenheit der Gottheit, vergegenwärtigt werden soll.

Mir gefällt dieser Brauch auch heute noch, weil er es zulässt, dass wir unsere satte Heilsgewissheit für einen Tag ablegen und uns auf eine Erfahrung einlassen, die keine Zeichen des Triumphs trägt – wohl aber Zeichen der Verbundenheit mit einem menschlichen Christus, der selbst ohne jeden Trost seine Gottverlassenheit am Kreuz ausrief.

Ein beredtes Bild

Der Christus an meinem Kreuz blutet und verströmt doch lebendiges Wasser. Das ist wohl ein einfaches und zutiefst beredtes Bild, das mir erzählt, wie nah uns der göttliche Strom immerzu ist – noch aus unseren Wunden leuchtet er, und auch da wo wir gebrochen sind, fließt er mit ungebrochener Kraft. Es erzählt mir auch, wieviel Sterben immerzu nötig ist, damit jener, der Quell allen Lebens ist, sich in uns erheben kann. Es erzählt mir, dass die Gottesgegenwart in der Seele ein Geheimnis ist, dessen Entschleierung sich in alle Äderchen des Lebens ausbreitet, auf unzählige Weisen.

Es gibt auch Zeiten, die sind wie ein nicht enden wollender Karsamstag, und jede Gewissheit und jede Freude sind fern. Dann bleibt uns aber immer noch, im Vertrauen auf die Offenbarungsworte von diesem größten aller Geschenke, denn Gott selbst ist es der sich schenkt, die Bitte der Samariterfrau am Brunnen:

Herr, gib mir von diesem Wasser.“ (Joh 4,15)

Advertisements

Read Full Post »

Geben aus dem Empfangen – eine Betrachtung (nicht nur) für Menschen in Heilberufen

"Source" © Dogan Soysal

Von Kollegen aus den Heilberufen aber auch von mir selbst kenne ich das Phänomen: man hat zuviel Energie herausgegeben und zu wenig Selbstversorgung betrieben – dann stellt sich bisweilen Erschöpfung ein. Und sicher kennst Du das auch, denn wir alle tun das gelegentlich, und manche leben sogar über lange Zeiträume so, bis aus Alarmzeichen Alarmstimmung wird, und Burnout oder andere Krankheitsbilder zu Tage treten. Grundsätzlich kann das jedem Menschen passieren – aber die „helfenden Berufe“ bilden von Natur aus ein besonders anfälliges Milieu dafür.

Zuviel gegeben zu haben, sich ver-aus-gabt zu haben, das ist per se erst einmal gar nichts ausser einem Ungleichgewicht – weder zeichnet es einen als besonders tugendhaft aus, noch als besonders lebensunfähig, denn die verschiedensten Ansprüche, Motive, Verhaltensmuster, Persönlichkeitsanteile oder Denkstrukturen können dafür Auslöser sein. Am besten überspringt man es also gleich, sich dessen zu rühmen oder zu schämen, denn es führt nur von der eigentlichen Frage weg, warum man sich in diese Situation manövriert hat.

Manch einer gibt zuviel aus dem Gefühl heraus, der Welt etwas schuldig zu sein. Manch einer gibt zuviel aus der Sorge heraus, er werde nicht geliebt. Manch einer wiederum gibt zuviel, weil er das Leiden des Anderen nicht ertragen kann, weil er zu wenig achtsam mit sich selbst ist, weil er sich überschätzt oder den Anderen unterschätzt, es gibt sicher abertausend Gründe dafür, und wenn Du das Gefühl hast, oft zuviel zu geben, dann wird Dir niemand abnehmen können hinzusehen, woran das wohl liegen mag.

Alles ist leicht, alles ist Überfluss?

In heilerischen Berufen neuerer Denkart begegne ich oft dem Glaubenssatz, dass Heilarbeit den Heiler keine Energie koste, sondern ganz im Gegenteil, ihm selbst Energie schenke. Dass es nicht „anstrengend“ sei, dem Klienten zu helfen, denn die Energie die dort fließe, bezöge man ja nicht aus sich selbst, sondern aus dem „All-Einen“, aus dem „Göttlichen“, aus dem „Universum“ oder dem „Bewusstsein“.

So sehr ich auch die Annahme teile, dass die Kraft die für diese Arbeit nötig ist, aus dem Göttlichen bezogen wird, so wenig kann ich mich für die Haltung erwärmen, die da meint, sich dem Nächsten mitfühlend, achtsam und in der menschenmöglichen Bandbreite „medialer Wahrnehmung“ zuzuwenden, koste keinerlei Kraft oder Anstrengung. Diese Haltung entspricht zwar der heute vielfach verbreiteten Wünschdirwas-Mentalität, die vor allem auf das verweist, was „bereits da“ ist, und weniger auf das blickt, was konkret „erarbeitet“ werden muss, und sicher verweist sie auch auf unsere Bequemlichkeit, die auch vor spirituellen Angelegenheiten nicht Halt macht, sie ist dadurch aber längst nicht realistisch.

"Divine Source" © Alexandra Florschutz

Heilarbeit ist Arbeit

Nach meiner Erfahrung bedeutet, sich auf einen Menschen offen, achtsam und mitfühlend einzulassen, immer eine Anstrengung, und daran ist nichts falsch oder verwerflich – doch hier und da ist die „Anstrengung“ unverdient in Verruf geraten als Signum des Angestrengtseins, ergo des Nicht-in-der-Fülle-und-Leichtigkeit-Seins.

Mir haben schon heilerisch arbeitende Menschen im Brustton der Überzeugung gesagt, dass der, der eine Anstrengung aufbringen müsse, schlicht und ergreifend etwas falsch mache, denn Liebe sei ja schliesslich immer leicht, und alles sei immer im Überfluss da. Ich kann mich solcherlei Jubelspiritualität nicht anschliessen, und zwar aus vielen Gründen:

Mitgefühl erfordert Gleichgewicht

Menschen, die einen Heiler konsultieren, kommen in der Regel mit einem Leidensdruck oder einer Not, und diese dürfte an jedem Menschen, in dessen Brust ein Herz schlägt, nicht spurlos vorüber gehen. Das heisst, dass ein Heiler, ebenso wie jeder andere Mensch in seinem Wirkungskreis eben auch, abends möglicherweise an die Anliegen seiner Klienten denkt, anstatt ans Einschlafen. Nicht selten wird der Heiler direkt mit Energien des Klienten konfrontiert und nimmt Anteil daran – sehr eindrucksvoll kann man das beispielsweise in Clemens Kubys Film „Unterwegs in die nächste Dimension“ sehen, wenn die koreanische Mudang Hiah Park nach einer Heilsitzung in Tränen aufgelöst ist, weil sie knietief im Leiden des Klienten steht, weil sie mitfühlt und weil sie im Heiltanz ihre Kräfte verausgabt.

Dass man bei viel Heilarbeit – also rasch ein- und ausgehenden Klienten – nicht aus dem Mitgefühl, allerdings auch nicht in ein lähmendes Betroffensein fällt, das erfordert ein Gleichgewicht, kurz gesagt eine innere Haltung, die wachsen und gepflegt sein will.

Mediale Wahrnehmung fordert höchste Aufmerksamkeit

In vielen Heilberufen ist eine Form medialer Wahrnehmung gefragt, etwa wenn man als schamanisch Reisender in die Anderswelt schaut, oder wenn man als klassisches Medium ein Reading gibt, oder auch wenn man als Geistheiler eben auf einer anderen Ebene des Seins zu „sehen“ versucht, was Ursache des Problems ist und welche Lösungswege sich abzeichnen. Die hierbei nötige Gedanken- und Urteilsstille ist nicht mit einem Fingerschnipsen herzustellen.

Nach meinem Empfinden ist mediale Wahrnehmung „nur“ eine Ausdehnung des Gesichtsfeldes, denn so wie wir hören und sehen, wissen und fühlen können, können wir prinzipiell eben auch dort sehen und hören, wissen und fühlen, wo unsere Seh-, Hör- und Tastorgane enden. Und das ist überdies erlernbar, wie es auch erlernbar ist, in einer Sinfonie die verschiedenen Instrumente und deren Melodielinien „herauszuhören“. Da die mediale Wahrnehmung aber in unserem Kulturkreis und Alltagsbewusstsein selten gefragt ist, wird sie von uns in der Regel als anstrengender empfunden, als etwa mit dem physischen Auge „genauer hinzusehen“. Da die Sprache der geistigen Welt in der Regel als sehr subtil wahrgenommen wird, ist es anspruchsvoll, seine Wahrnehmung in jene subtilen Gefilde hineinzuschulen: etwas mit dem physischen Ohr zu hören ist gewissermaßen „laut“, während etwas mit dem inneren Ohr zu hören, sehr leise und filigran sein kann.

"Pigeon Symphony" © Yen

Natürlich kommen in der medialen Wahrnehmung viele Aspekte zum Tragen, die auch für den Alltag Gültigkeit haben, beispielsweise hat man zu einem Klienten eine direkte Verbindung und zum Nächsten vielleicht nicht. Auch die Tagesform ist entscheidend. Ebenso spielt das Anliegen des Klienten eine Rolle, und seine grundsätzliche Offenheit. Das eine Medium ist überdies ein Naturtalent, das andere muss vielleicht ausgiebig an sich arbeiten, um virtuos in seinem Tun zu werden.

Gott wirken lassen: ja. Verantwortung tragen: auch ja.

Die ganzheitliche Wahrnehmung also nimmt uns schon ordentlich ins Gebet, und verlangt uns etwas ab, und dann begleiten wir einen Menschen für ein Stück, und lesen mit ihm Spuren, und das heisst nach meinem Ermessen in seriöser Heilarbeit, dass dann die eigentliche Arbeit beginnt, auch und gerade für den Klienten, dessen innere Weisheit hier auf den Plan gerufen wird. Einen Glaubenssatz zu verneinen oder ein Karmaband durchzuschneiden, ist keine Spontanheilungsmethode, nach deren Anwendung alle glücklich nach Hause gehen. Viel eher kann dies ein Impuls sein, an den sich eine langfristige Veränderung knüpft.

Braucht ein Klient für den sich daran anknüpfenden Weg noch Unterstützung, so ist sensibel und weitsichtig zu ermessen, welche Art der Hilfestellung sinnvoll sein könnte. Hier ist auch die Ehrlichkeit gefordert, einzuschätzen, ob der Hilfesuchende nicht an anderer Stelle besser aufgehoben wäre. Ich behalte im Fokus immer ganzheitliche Wege zur Heilung, und das schließt klassische Wege der Medizin und Psychologie freilich mit ein. Wenn ich den Eindruck habe, dass ein Mensch unter Labilität leidet oder unter Zuständen, die weniger spirituell als tendentiell psychologisch auffällig sind, werde ich dem Hilfesuchenden empfehlen, einen Psychologen aufzusuchen. Natürlich gehört zu so einer Einschätzung nicht nur so etwas wie „der Geist der Unterscheidung“, sondern auch Wissen über diverse Krankheitsbilder und ein Gespür für die eigene Sendung und deren Grenzen (!).

Gerade diese Frage, welchem Klienten zu helfen sei und welchem möglicherweise nicht, stellt eine große Verantwortung in den Raum – und eine Verantwortung zu tragen, ist, egal in welchem Milieu wir uns bewegen, immer eine Anstrengung.

Methoden, die auch den Körper strapazieren

"Midnight Oil" © Pamorama Jones

Auch der Körper muss Anstrengungen unternehmen: wer schamanisch arbeitet, oder in anderer Tradition Trancezustände herstellt um darin Heilwege beschreiten zu können, weiss, wie erschöpfend das körperlich und psychisch sein kann und dass hier eine Regerationsphase dringend nötig ist.

Verschiedene mir bekannte Schamanen mussten auf schmerzliche Weise lernen, wie viele Klienten sie in einem Monat überhaupt behandeln können, ohne selbst auszubluten. Aber auch andere Heilformen sind kräftezehrend. Am Ende ist in der Heilarbeit der gute Wille nicht entscheidend – und sich aufzuopfern dient am Ende meist niemandem.

Man ist gefordert, ein für sich praktikables Arbeiten zu finden, und weise mit den eigenen Gaben und Kräften umzugehen. In der Regel verändern sich beide über die Jahre erheblich.

Heilung geht immer in beide Richtungen

Es ist richtig, dass jemand, der im Heilberuf arbeitet, ständig selbst auch Heilimpulsen ausgesetzt ist. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass er sich nach einer Sitzung als Agierender belebt oder gestärkt fühlt (auch wenn das erfreulicherweise vorkommt). Viel öfter kann es heissen, dass der Heilerisch Arbeitende mit seinen Schattenanteilen konfrontiert wird, mit Aspekten in seinem Leben, die selbst der Heilung bedürfen, mit Erweiterungen seines Gesichtsfeldes die Transformationscharakter haben und dementsprechend schmerzlich sein können, oder auch mit „Wachstumsschmerzen“.

Ich halte es für eine Selbstverständlichkeit, aber erwähne es gerne explizit, dass einen Heilberuf auszuüben, immer auch heisst, an sich selbst zu arbeiten, und sich die Bereitschaft zu bewahren, niemals „fertig“ zu sein. Das betrifft nicht nur den Umgang mit dem eigenen Lebensweg, sondern sicher auch die ganzheitliche Wahrnehmung, die sich fortwährend verfeinert und die in dieser Verfeinerung auch gepflegt werden will.

Heilarbeit stellt schließlich den Anspruch an den Heilenden, durch eine Praxis der Achtsamkeit, welche das auch immer sei – Meditation, Yoga, Gebet oder anderes – sich in einer Haltung der Aufmerksamkeit und des Mitgefühls zu bewegen, um die angenenommene Verantwortung wach und stark zu tragen, und um seine eigenen körperlichen, psychischen und spirituellen Kräfte aufrichtig einzuschätzen. Anzunehmen, dass man Grenzen hat, ist daher fundamentaler Teil des Heilberufes.

Heilung – Erwartungen klären

"The Gift" © Ralph Taylor

Was erwarten wir oder Klienten, wenn wir von Heilung sprechen?

Viele zeitgenössische spirituelle Artikel und Bücher sprechen davon, dass der heile Mensch gesund und kraftvoll sei, mächtig und weitgehend leidensfrei.

Ich teile diese Auffassung nicht, und halte sie sogar für bedenklich, da sie den Rückschluss zulässt, dass jeder Kranke oder Leidende eben nicht heil sei, was im Kontext von „Du erschaffst Dir Deine Realität“ in dem diese Aussage oft daherkommt, freilich bedeutet, dass der Leidende etwas fundamental falsch gemacht haben muss.

Nach meinem Ermessen bedeutet Heilwerden – und ich schätze das Wort „Werden“ weit mehr, weil es auf die ständige Bewegung des Lebens verweist – eben nicht notwendigerweise Abwesenheit von Krankheit oder Glättung der großen und kleinen Lebenswogen. Viel eher bedeutet Heilsein eine zunehmende innere Klarheit und Bejahung, die eine uns oft bis dato unbekannte Dimension von Frieden, Wahrhaftigkeit und Liebe berührt, und die, immer mehr Lebenshaltung werdend, Kraft hat, ein ganzes Leben nachhaltig zu verändern.

Wer wäre wohl „heil“ zu nennen? Ein Gesunder, der Konflikte weiträumig umschifft, oder ein Kranker, der es schafft, seine Krankheit in Liebe anzunehmen?

Ich hantiere nicht mehr mit diesen Kategorien von heil sein oder nicht heil sein. Es steht mir gar nicht zu. Stattdessen erlaube ich mir, das Leben als eine Heilwerdung zu betrachten, im Sinne eines Wachstums, einer Klärung, einer Ganzwerdung, eines Verkörperns der eigenen Gaben und Aufgaben, einer Selbsterkenntnis, wohlwissend, dass all diese Begriffe nur ohnmächtig nach dem Wunderbaren im Menschen tasten, das sich entfalten möchte, in dieser Welt.

Geben kommt aus dem Empfangen-Haben

"The Secret Fountain" © Gina Femrite

Als heilerisch arbeitender Mensch ist man auf den ersten Blick ein Gebender, aber alles Geben schöpft aus dem Empfangen, und das was wir empfangen, empfangen wir von Gott (dass ein Schamane oder ein Buddhist diese Kraft anders nennt, setze ich als selbstverständlich voraus). Ins Empfangen können wir jederzeit gehen. Manch einer tut das in der Stille, im Gebet, manch einer in der Natur, auf langen Spaziergängen. Es ist wichtig, den eigenen Weg zu finden, der dieses Schöpfen aus der Fülle möglich macht.

Ein Jesuswort lautet: „Sucht zuerst das Reich Gottes, alles andere wird Euch dazugegeben.“ Für mich ein Verweis darauf,  wie Geben überhaupt erst stattfinden kann. Aus diesem inneren Reich schöpft der, der überfließt.

Ein wunderschönes Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer spricht für mich aus, was wir alle sind: menschliche Brunnen.

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
er voll der Marmorschale Rund
die, sich verschleiernd, überfließt
in einer zweiten Schale Grund.

Die zweite gibt, sie wird zu reich,
der dritten wallend ihre Flut.
und jede nimmt und gibt zugleich
und strömt und ruht.

Lasst uns das Empfangen üben, das Strömen und Ruhen.

(Und als ich auf der Suche nach dem Gedicht von Meyer war und so herumstöberte, fand ich diesen schönen Artikel eines Kapuzinermönches, der aus seiner Perspektive über das Empfangen und Geben spricht – eine Leseempfehlung.)

Read Full Post »

. (mehr …)

Read Full Post »

Neulich liess ich mich in ein Gespräch verwickeln, in dem jemand die Frage aufwarf, ob es nicht an der Zeit sei, patriarchale Gottesbilder endgültig über den Haufen zu werfen und so etwas wie eine postfeministische Theologie nachzureichen, die vom patriarchalen Monotheismus verursachten Schäden kompensieren solle.

Und ich stellte zu meinem Erstaunen fest, dass mich solcherlei Überlegungen gar nicht mehr berühren. Weder rühren sie an einen rückwärts gewandten Gerechtigkeitssinn der all jener Unterdrückung weiblicher Qualitäten Rechnung trägt, die wir den patriarchalen Religionen „verdanken“, noch appellieren sie an meine Weiblichkeit oder meine persönliche Gotteserfahrung. (mehr …)

Read Full Post »

Als ich noch in katholischen Glaubenswelten verwurzelt war, hatte ich immer ein Problem mit der Trinitätslehre. Ich wusste nicht so recht etwas mit dem Heiligen Geist anzufangen. Und wie sinnig er mir auch theologisch hergeleitet wurde, er erschloss sich mir nicht und er blieb so etwas wie der Fremde im Bunde der Dreifaltigkeit.

Interessanterweise ist es mir heute, da ich mich christlicher Glaubens-lehre nicht mehr verpflichtet fühle, leicht, eine Beziehung zum Heiligen Geist zu spüren. Ihn als lebendiges Feuer zu begreifen. (mehr …)

Read Full Post »

…umarmt Dich die Natur.

Nicht selten spreche ich mit Menschen, die sagen: „Ich habe niemanden“ oder „Ich habe schon so lange keinen Partner mehr“, oder auch „In meinen schwersten Stunden war ich immer allein“. Und wir haben sicher alle schon erlebt, dass es ganz unterschiedliche Qualitäten von Alleinsein gibt. Ein Alleinsein, das ganz leise und köstlich in die Tiefe der göttlichen Allgegenwart führt, oder auch einfach nur in die eigene Stille, die so lange übertönt war. Auf der anderen Seite das Alleinsein, das als Abwesenheit eines Gegenübers empfunden wird, als Isoliertsein, als Abgeschnittensein von allen anderen. (mehr …)

Read Full Post »

© Desmond Donnelly

Religiöse oder spirituelle Menschen sind in ihrem Anspruch nicht zu überbieten. Denn sie greifen nach den Sternen, sie wollen nicht weniger als Erleuchtung, Erkenntnis und Gemeinschaft mit Gott. Und das ist ein wunderbarer Anspruch, der aus einer tiefen Sehnsucht erwächst, die das Leben selbst in uns gepflanzt hat. Der Anspruch des Bewusstseins, der Seele, des Herzens, im Ozean des Göttlichen zu sein, das ist vermutlich der aufrichtigste Anspruch den es gibt. Der Ruf der Heimat, die Erinnerung an die „Ebenbildlichkeit“. Was für ein wunderbarer, heiliger Anspruch! (mehr …)

Read Full Post »

Older Posts »