Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Jesus’

Eines der Jesusworte am Kreuz ist das “Es ist vollbracht!” Allzu gern hat die Christenheit dieses Wort zum Schlusspunkt des göttlichen Heilsplans angenommen, über die Jahrhunderte zutiefst verhaftet im Konzept von Schuld und Sühnetod. Und auch heute möchten sich viele noch darauf ausruhen, denn das Erlösungswerk sei ja getan, vor 2000 Jahren gewissenhaft erledigt von einem, der ganz Mensch und ganz Gott war.

Wäre es so, würde das Evangelium nach diesen Worten enden. Wir würden das Buch zuklappen und unser Leben in den ausgebreiteten Armen des Gekreuzigten geborgen und vollendet wissen. Aber die Heilige Schrift endet nicht an diesem Punkt. Sie zwingt uns, über den Tod des Jeschua hinaus eine Reise anzutreten.

Eine wichtige Etappe dieser Reise ist der Garten, in dem Maria von Magdala den Auferstandenen erblickt. Und entgegen der Worte „Es ist vollbracht“ spricht der auferstandene Jesus von dem, was noch vollbracht werden muss. Er sagt: „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen.“

Halte mich nicht fest, das heisst buchstäblich, halte mich nicht, aber es heisst auch, halte Dich nicht auf, halte Dich nicht klein, leg das Wollen ab, das immer bewahren will.

Und dann geschieht Himmelfahrt, und wenn man mal in die Haut der Jünger schlüpft oder in die der sehnsüchtigen Maria, dann bedeutet Himmelfahrt auch dies: wir werden uns selbst überlassen.

Die lärmende Stille, nachdem der Christus die materielle Welt verlassen hat, zeichnet ein erschütterndes Bild der gefühlten Abwesenheit Gottes. Nachdem Gott hinabgestiegen ist und dem Menschen gleich wurde, ruft er nun die Menschen hinauf, ihm gleich zu werden. Der, der den Himmel zerriss, um wie Tau auf die Gräser herabzufließen, wirbt nun um jeden Menschen und sagt, zerreisse Du die papierdünne Haut, die Dich von der uferlosen Weite des atmenden Himmels trennt, und wachse hinein in Deine Dir zugesagte göttliche Natur.

Himmelfahrt ist kein esoterischer Taschenspielertrick, keine dramaturgische Akrobatik. Himmelfahrt ist eine Einweihung, ein spiritueller Lebensweg, der die höchste Würde des Menschen bebildert: alles muss zum Vater aufsteigen – alles darf und muss Raum werden für die überwältigende Schönheit Gottes.

Das sind Zusage und Zuspruch Gottes. Und sicher ebenso Zumutung und Anspruch, denn darin liegt eine radikale Aufforderung zur Mündigkeit, darin liegt ein kompromissloses Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen, alte Welt- und Gottesbilder loszulassen und die wärmende Enge der egoischen Natur zu transzendieren. Fortan ist der Mensch gerufen, zum Vater zu gehen, wie es der Gesalbte zuvor tat: Durch den Aufstieg zum Berg Tabor und den Abstieg von eben diesem Berg zurück in die Welt. Durch die Angst im Ölgarten. Durch das Kreuz, das Sterben, das Durchqueren des Totenreiches und die Auferstehung.

Das ist beängstigend, wie es beglückend und befreiend ist.

Himmelfahrt bedeutet für uns Bejahung der Ungewissheit. Bejahung der Spannung zwischen Sein und Werden. Bereitschaft, dem unbekannten Gott zu begegnen, der uns umformt nach seinem Bild, der unbekannte Mensch zu werden, von dem wir jetzt noch nichts ahnen. Wirklich teilzunehmen am fortwährenden (!) Wunder der Inkarnation Gottes.

Das Kind, das den Vater liebt, wird erwachsen.

Frohes Fest!

Bild: Bagong Kussudiardja

Advertisements

Read Full Post »

Manch einer kann diese Szene nur als christliche Folklore denken, manch einem kommt reflexhaft Leonardo da Vincis Gemälde in den Sinn, aber das letzte Abendmahl hat uns auch heute noch so viel zu erzählen, gerade über die Komplexität unseres Innenlebens auf einem wie auch immer gearteten spirituellen Weg. Vor allem aber spricht sie klare Worte über die Radikalität der göttlichen Liebe.

Am Tisch versammeln sich höchst unterschiedliche Charaktere, die uns als Persönlichkeitsaspekte in unserem Inneren zutiefst vertraut sein dürften: der Jünger, den Jesus liebte, er liegt treu am Herzen Jesu. Der vorpreschende Petrus, der sagt er werde für Jesus und die Wahrheit sterben, der sich dann aber als kleinlaut und mutlos erweisen wird. Die Jünger die streiten, wer unter ihnen „der Größte“ sei. Die Jünger die traurig sind, weil sie die Schwere in den Abschiedsworten Jesu erspüren. Judas, der schon bald in die Nacht eilen wird, um seine Silberlinge zu empfangen und Jesus zu verraten.

Diese Zusammenkunft ist wie eine unserer zahlreichen inneren Stimmen: unserer Liebesfähigkeit, unserer Zweifel, unserer Selbstbezogenheit und Überheblichkeit, unserer Begeisterungsfähigkeit, unserer Verführbarkeit und unserer Traurigkeit.

Alle essen vom selben Brot. Alle sind in den Worten Jesu gemeint und angesprochen. Alle haben ihren Platz im Heil(ung)sgeschehen das sich in den folgenden Stunden und Tagen entfalten wird.

Vielleicht können wir dieses Bild einmal wirken lassen und begreifen, was für eine Dimension des Angenommenseins darin liegt.

Und dann tut Jesus etwas, was die Jünger zutiefst überrascht: er, den sie für ihren Meister, Lehrer, Retter und Messias halten, vollzieht die vollendete Demutsgeste, geht auf seine Knie und wäscht den Anwesenden die Füße. Wie viele Maler haben versucht, in den Gesichtern der Jünger die Gefühle von Erstaunen über Empörung bis zum Entsetzen auf Leinwand zu bannen! – Gott selbst geht auf die Knie und nimmt den Staub von den Füßen der Menschen auf ihrer Lebensreise.

Als Praktizierende auf dem mystischen Weg kennen wir diese Regungen von Erstaunen, Empörung und Entsetzen, von Widerstand und Fluchtreflexen. Denn die Liebe Gottes anzunehmen kann bisweilen auch die Form von „Aushalten“ annehmen. Wie sich die bedingungslose Liebe bis zu unserem dunkelsten Grund hinabbeugt – das fordert uns hinein in eine widerstandslose Wahrhaftigkeit.

Und wir kennen auch den Aspekt, uns von Gott reinigen lassen zu müssen. Denn was in uns kämpft, zweifelt, hadert, verrät, aufgibt und flieht, will verwandelt werden, immer und immer wieder, bis das Werben der Liebe um unser Herz Raum in uns einnehmen darf, wachsen darf, lebendiges Bewusstsein werden darf.

„Wenn ich dich nicht wasche, hast Du keinen Anteil an mir“ (Joh 13,8) sagt Jesus. Und sehnen wir uns nicht zutiefst danach, Anteil zu haben am göttlichen Leben und Lieben in uns?

Es ist etwas stilles, demütiges, freimütiges und zärtliches in dieser Geste, und sie erzählt uns so viel über die Natur des Erwachens und der Gottesgegenwart in uns: nichts prahlerisches, nichts herrschaftliches, nichts pompöses hat darin Platz. Nur Zugewandtheit, die die Heiligkeit jedes gewordenen Lebens bezeugt und bejaht.

Ich wünsche Euch segensreiche Kartage.

Read Full Post »

Die heilige Woche beginnt. „Frohe Ostern“ rufen schon viele, und das ist mehr als eine Unachtsamkeit gegenüber dem Kirchenjahr mit seiner Festordnung – es zeugt viel mehr von unserer Furcht vor dem Schmerzlichen und unserem Wunsch, schon in festlicher Freude angekommen zu sein. Denn die Karwoche erzählt eine quälende Geschichte von Leid und Sterben, von Unausweichlichkeit und Verlust – und wenn wir diese Geschichte auch als Skizze eines persönlichen, innerseelischen spirituellen Prozesses begreifen, dann schwant uns, dass auch wir vieles sterben lassen müssen um ein neues Leben zu finden.

Als Papst Franziskus gestern dazu aufforderte, Jesus nicht nur auf Gemälden anzusehen, sondern sein Gesicht in all den Leidenden denen wir begegnen zu finden, dachte ich, diese Mahnung hat auch in der freien spirituellen Szene Gültigkeit. Denn wie sehr wird dort ein Bogen um den Leidenden gemacht. Wie sehr wird dort der starke, erfolgreiche, gesunde, junge Mensch verehrt, und wie sehr wird dort Leid als Folge fehlerhafter Gedanken, Verhaltensmuster und Interpretationen stigmatisiert. Westliche Spiritualität ist längst so grundlegend instrumentalisiert, dass sie zu einer Selbstimmunisierung gegen Leid schlechthin dient – auch und vor allem gegen das Leid des Anderen, an dem wir oftmals nicht unbeteiligt sind.

Was das verehrte Jesusgemälde an der Wand und das Idealbild des erwachten postmodernen Spirituellen gemein haben, ist, dass sie nicht viel mit dem Alltag zu tun haben. Dass sie unseren Wunsch bedienen, unversehrt und heil zu sein. Dass wir sie dazu benutzen, uns gedanklich und real aus einem leidvollen Kontext herauszuheben.

Jesu Worte, nachdem er auf einem Esel reitend in Jerusalem empfangen wird, fahren wie ein Schwert in diese Beschaulichkeit:

„Wem sein eigenes Leben über alles geht, der verliert es. Wer aber in dieser Welt sein Leben loslässt, der wird es bewahren für das ewige Leben.“ (Joh 12,25)

Das ist keine Einladung dazu, das irdische Leben gering zu achten oder auf die Welt herabzublicken. Es ist aber eine Aufforderung dazu, das kostbare irdische Leben in einen größeren Kontext zu betten. Der große Kontext des Christentums ist Begegnung und Beziehung, ist Verbundenheit und Verbindlichkeit. Ob wir nun also Gott suchen oder ein Heilsein, gelingendes Leben oder unser wahres Glück – wir finden es nicht jenseits des Menschen, nicht jenseits des Leidenden, nicht jenseits der Tatkraft, die den Leidenden aufrichten will.

In der Wunde unserer Endlichkeit, die wir fürchten und fliehen, ist der Sog des Heiligen, des Lebens das nicht endet und der Schönheit die wir nur erahnen. Sich in diesen Sog zu ergeben, kann das Schwerste und Unerträglichste sein – das erlebt auch Jesus im Ölgarten.

Vielleicht können wir die Karwoche zum Anlass nehmen, dieses Wagnis einzugehen: Gott unser Glück denken zu lassen. Abzulassen von der Unerbittlichkeit, mit der wir Unversehrtheit einfordern. Vorstellungen loszulassen, unter denen längst eine aufrichtigere Sehnsucht atmet.
Den Sog wahrzunehmen.

Ich wünsche Euch eine gesegnete Karwoche.

Read Full Post »

Vom 29.1. bis zum 6.4. dauert die drei feministische Gottesdienste umfassende thematische Reihe „Vergebung“ in der evangelischen Stadtkirche St. Petri, Dortmund. Am 26.2.2017 durfte ich als Gastpredigern einige Betrachtungen zur Aufforderung Jesu, grenzenlos zu vergeben, beitragen:

Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal – Zwischen grenzenloser Vergebungsbereitschaft und dem Unverzeihlichen„.

Diese Predigt ist nun auf Youtube nachzuhören.

Was erscheint, wenn wir uns von Vergebungspraxis als ethischem Anspruch lösen? Was eröffnet sich, wenn wir auch unser Nichtvergebenkönnen anerkennen? Worauf verweist Jesu Aufforderung zu unendlicher Vergebungsbereitschaft?

Eine Spurensuche auf dem Hintergrund mystischer Erfahrung.

(Als PDF Download befindet sich die Predigt auf meiner Website)

Read Full Post »

Was, wenn uns Gott nicht nur als Heilung begegnet, sondern als Krankheit? Nicht nur als Frieden, sondern als Zerwürfnis? Am 30.10 hatte ich die Freude, in der Stadtkirche St. Petri Dortmund eine Gastpredigt zum Thema Angst zu halten. Biblischer Gegenstand dieser mystischen Auslegung war die Geschichte der Sturmstillung (Mk 4,35-41). Die komplette Predigt „Leben inmitten des Sturms: Radikale Verletzbarkeit als Quelle der Gotteserfahrung“ ist nun auf Youtube nachzuhören. Viel Freude damit.

Stillung des Sturms

Am Abend jenes Tages sagte Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: »Lasst
uns ans andere Ufer fahren!« Sie schickten die Menge nach Hause, stiegen
in das Boot, in dem Jesus bereits war, und fuhren mit ihm ab. Einige andere
Boote begleiteten sie. Plötzlich brach ein heftiger Sturm los; die Wellen
schlugen ins Boot, und es begann sich mit Wasser zu füllen. Jesus aber
schlief im hinteren Teil des Bootes auf einem Kissen. Sie weckten ihn und
schrien: »Meister, macht es dir nichts aus, dass wir umkommen?« Jesus
stand auf, wies den Wind in seine Schranken und befahl dem See: »Schweig!
Sei still!« Da legte sich der Wind, und es trat eine große Stille ein.
»Warum habt ihr solche Angst?«, fragte Jesus sie. »Habt ihr noch kein
Vertrauen?« Da gerieten sie in große Furcht, und sie sagten zueinander:
»Wer ist nur dieser Mann, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?

(Markusevangelium 4,35-41, NGÜ)

 

Read Full Post »

Es gibt ein spirituelles Streben nach Transzendierung, nach Reinheit, nach Vollkommenheit, das im Kern, und hinter all dem schönen Sprechen über menschliche Größe, nichts anderes ist als Geringschätzung alles Irdischen, als Geringschätzung des Menschen, der Welt und des endlichen Lebens.

Wir glauben, die Leib- und Erdenfeindlichkeit alter christlicher Traditionen überwunden zu haben, die uns immer suggerieren wollten, dass die Erde nur ein Übungsplatz für das eigentliche Leben im Jenseits sei, und dass in jeder materiellen Manifestation das Übel, die Versuchung und die Niedrigkeit walte.

Aber genau genommen haben wir eine Verachtung nur gegen die andere eingetauscht. Wir nennen uns „freie Spirituelle“, „Transkonfessionelle“, „New Ager“ oder „Integrale“, und kultivieren ungebremst unsere nahezu zwanghafte Selbstoptimierungsneurose, die nur immer einen Zweck verfolgt: etwas zu überwinden. Und genau genommen: etwas zu vermeiden.

Wir delirieren vom leidensfreien Sein, das den Erwachten blühe, ja, wir stilisieren die Leidensfreiheit sogar hoch zur Notwendigkeit, an der die Welt gesunden könne. Dabei wollen wir nichts anderes als einen Freibrief, der uns erlaubt, unseren Zynismus und unser Desinteresse am Anderen zu legitimieren. „Ich diene dem Anderen, indem ich nicht leide“ ist ein viel gehörtes Statement dieser Tage. Aber was ist es, hinter dem Vorwand, dem Anderen möglichst effizient dienen zu wollen? Bisweilen ist es nichts anderes als unsere Distanziertheit, unsere Weigerung, uns vom bodenlosen Schmerz des Anderen, der am Grunde der Dinge auch der unsere ist, überwältigen zu lassen.

Wir fürchten ja überhaupt die Bodenlosigkeit. Deswegen organisieren wir so emsig unsere spirituellen Stundenpläne, Montags Meditation, Dienstags Yoga, Mittwochs Heilströmen, Donnerstags Satsang, Freitags Schattenarbeit, und so weiter und so fort, nur damit der Dämon der Bodenlosigkeit bezähmt sei, der der bodenlosen Wut, der der bodenlosen Sehnsucht, der der bodenlosen Angst, ja noch der der bodenlosen Hingabe. Unser Mund sagt, dass unser Körper ein Tempel und unser Herz ein Heiligtum sei, aber auf unseren Altären liegen Häkeldeckchen und Untersetzer – die Insignien unserer Angst – auf dass uns nicht die Abgründigkeit Gottes bekleckere.

Die mystische Erfahrung von Allesistgut, die von solcher ozeanischer Weite ist, dass darin jedes Leiden und jede Wirrnis dieser Welt gleichermaßen aufgehoben im Sinne von geborgen, und aufgehoben im Sinne von beendet ist, kann man nicht in den Staub des Alltags zerren und dem persönlichen Frieden dienstbar machen. Nondualität lässt sich nicht slogan-artig auf die Dualität schütten wie Zuckerguss. Und jeder, der das versucht, verbreitet hohle Irrtümer und unerträgliche Plattitüden, an der jede Menschlichkeit und jede Entwicklung zugrunde gehen muss.

Zahllose Autoren, die sich im Abklatsch fernöstlich anmutender Lehren verdingen, verkünden uns, dass das Geheimnis der Weltüberwindung sei, sich ihr nicht gleich zu machen. Liebe zu sein, wo Angst ist, leidensfrei zu sein, wo Leid ist. Wir Christen aber haben eine andere Heilsgeschichte erzählt bekommen. Die Geschichte eines Gottes, der sich bis in die letzte Konsequenz dieser Welt gleich macht. Der bist in den letzten Abgrund dieser Welt sinkt, in jeden Schrecken, jedes Leid, jedes Sterben, oh sicher auch in jede Freude, weswegen man ihn „Fresser und Säufer“ nannte. Und indem er in die Schablone dieser Welt sank – Gott wurde Mensch. Nicht ein bisschen Mensch. – und sie ausfüllte mit seiner Präsenz ebenso wie mit seinem Schmerz, geschah Transfiguration, geschah Auferstehung.

Das Europa, wie es sich gerade zeigt, ist ein perfektes Abbild unserer Abgrenzungsversessenheit. Unsere faulen Ausreden, unser Wegsehen, unsere Zäune, unsere Angst vor Islamisierung, unsere Knüppel- und Bürokratieschläge, die auf schreiende Frauen, kranke Kinder und empörte Männer niederprasseln – all das ist ein Abziehbild unserer Innerlichkeit, in der wir unseren Wohlstand und unseren Frieden schützen wollen, wie falsch er auch sei, und auf wessen Kosten er auch immer gehe.

Gott als tremendum (Rudolf Otto) – wo ist er hin? Gott als Abgrund (Beatrijs von Nazareth) – suchen wir den eigentlich noch? Oder ist es nur noch das Beruhigungsmittel, das Gott uns auf den Rezeptblock schreiben soll?

Mystik will keine Vermeidung. Keine Widerspruchslosigkeit. Keine Entfernung des Dorns, der sticht. Das hören wir nicht gern. Aber es sind – ebenso wie auf den Straßen im Aufschrei gegen Europas Abschottung – dankenswerterweise mehr und mehr Menschen, die auch den zum Himmel schreienden falschen Frieden nicht mehr hören wollen.

kettensprengen

Foto: Alexis Findlay

Read Full Post »

Oftmals, auf Nachfrage, entkleidet sich unser Streben nach spiritueller Entfaltung und „Erwachen“ in Sätzen wie „Ich will glücklich sein“ oder „Ich will das Leben meistern“. Oftmals auch geben diese Sätze wiederum den Blick auf den darunter liegenden Wunsch frei: „Ich will frei von Schmerz sein“.

Es ist der Schmerz, den wir um jeden Preis bändigen, heilen, auflösen, loslassen, vergessen, transzendieren, aufgeben wollen, und dafür werden wir so erfindungsreich in Theorie und Praxis, dass spürbar wird: hier geht es buchstäblich um Leben und Tod.
Denn alle Angst vor dem Schmerz ist letzten Endes eine Angst vor dem Tod. Eine Angst vor dem Ende des Glücks, der Gesundheit, der Familie, der Partnerschaft, des Wohlstands, der physischen Existenz, der Person.

Noch unsere spirituellen Konzepte sind oftmals leicht zu entlarvende Ränkespiele, mit denen wir uns schnell in den Gedanken der Ewigkeit und der All-Einheit, des Sinns oder der Vorbestimmung flüchten, bevor die Vorstellung unseres Schwindens uns auch nur einen erhöhten Puls verschafft. Da tun wir, was wir so oft und unerbittlich tun: wir überspringen das eine, das Notwendige, und nehmen unser Ankommen vorweg. Und der Grund dafür ist nichts weiter als Angst – unser Ankommen aber bleibt Selbstbetrug (und oft genug auch: Betrug an Anderen!). Und ohne es zu wissen, bringen wir uns damit um das tiefe Glück, das sich entfaltet wenn wir Leben in seiner Ganzheit annehmen und fließen lassen.

Heute ist Palmsonntag – die heilige Woche beginnt. Was uns die christliche Tradition über die Kartage erzählt, ist eine beispiellose Geschichte von Leiden und Sterben. Und bevor wir uns alle, erneut vorwegnehmend, „Frohe Ostern“ zurufen, sollten wir das aushalten und ansehen: Kartage.

Diese Tage erzählen uns von der Erfahrung schmerzlicher Wirklichkeiten, die angenommen und durchlebt werden wollen. Christus offenbart uns keine Formel, die wir künftig auf schmerzvolle Erfahrungen anwenden können, um uns die Tränen zu ersparen. Stattdessen lädt er uns ein, die Tränen zu weinen, mit aller Hingabe, und das Lachen zu lachen, mit ebensolcher Hingabe.

Weder gilt es, den Schmerz zu halten noch ihn aufzulösen (und bitte: ich rede hier von der inneren Erfahrung von Schmerz, und keineswegs davon, dass man leidverursachende Strukturen in der Welt nicht mit aller Tatkraft ändern sollte). Weder gilt es, das Glück zu halten, noch es aufzulösen. Das, was wir sind, jenseits der Schmerzen, ist mehr als der Schmerz. Das, was wir sind, jenseits des Glücks, ist mehr als das Glück. Und dieses Sein hat kein Bestreben, uns vor Schmerz oder Glück zu bewahren, die es selbst als Schöpfung hervorgebracht hat.

Wenn ich versucht bin, mir eine Erfahrung schönzureden, sie zu meiden, sie auszubessern, wenn ich an meiner Trauer herumdoktere oder an meiner Unfähigkeit zur Vergebung, wenn ich einen Kummer vorschnell zum Schweigen bringen oder eine Angst wegrationalisieren will, wenn ich versucht bin, mich in ein geiziges, einsames Glück zu kleiden wie in Watte, dann rufe ich mir ein Bild vor Augen, das mich innerhalb weniger Sekunden neu ausrichtet (Metanoia):

Es ist das Bild von Jesus im Ölgarten, der darum bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen, und der sich dann betend den Satz erringt „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“. Wir werden diesen Satz feiern, am Donnerstag.

Dieser Satz ist keine Einladung zu Fatalismus oder Determinismus, er ist kein Aufgeben der Souveränität in ein frommes Sklaventum. Dieser Satz ist ein Dialog zwischen endlicher Existenz und unendlichem Sein, zwischen Illusion und Wirklichkeit, zwischen Angst und Liebe. Dieser Satz ist eine Kapitulation im besten Sinne: Ausdruck der Bereitschaft, einer Erfahrung zu begegnen und sie zu durchschreiten. Er bedeutet die Bereitschaft, der Wahrheit, die an unserem Herzensgrund liegt, zu begegnen, durch alle schmerzlichen Unwahrheiten unseres Lebens und Strebens hindurch. Dieser Satz, da er Schmerz bejaht anstatt ihn zu fliehen, ist eine Tür zum Anderen, an dessen Schmerz wir nun wahrhaftig mitfühlend Anteil nehmen können.

„Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“ – das ist ein Trümmerfeld, aus dem eine Blüte treibt.

Erst wenn der Kelch geleert ist, erst wenn wir uns haben stechen lassen, dort wo es wirklich weh tut, in der Wunde unserer Endlichkeit, kann etwas in uns singen: Oh Tod, wo ist Dein Stachel nun. Und diese Worte werden wir singen, zu Ostern.

Das ist Befreiung. Nicht Befreiung vom Leben in der Welt, sondern Befreiung zum Leben in der Welt hin. Befreiung vom Zwang, das Ich schützen und eine Denkungsart, Geisteshaltung oder ein Bekenntnis tragen zu müssen wie eine Rüstung. Befreiung in eine Handlungsfähigkeit und schöpferische Kraft, die Ausdruck von Liebe und Menschlichkeit ist.

Ich wünsche Euch eine besinnliche Karwoche.

Bild: © Octavio Ocampo

Read Full Post »

Older Posts »