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Posts Tagged ‘Leben’

Eines der Jesusworte am Kreuz ist das “Es ist vollbracht!” Allzu gern hat die Christenheit dieses Wort zum Schlusspunkt des göttlichen Heilsplans angenommen, über die Jahrhunderte zutiefst verhaftet im Konzept von Schuld und Sühnetod. Und auch heute möchten sich viele noch darauf ausruhen, denn das Erlösungswerk sei ja getan, vor 2000 Jahren gewissenhaft erledigt von einem, der ganz Mensch und ganz Gott war.

Wäre es so, würde das Evangelium nach diesen Worten enden. Wir würden das Buch zuklappen und unser Leben in den ausgebreiteten Armen des Gekreuzigten geborgen und vollendet wissen. Aber die Heilige Schrift endet nicht an diesem Punkt. Sie zwingt uns, über den Tod des Jeschua hinaus eine Reise anzutreten.

Eine wichtige Etappe dieser Reise ist der Garten, in dem Maria von Magdala den Auferstandenen erblickt. Und entgegen der Worte „Es ist vollbracht“ spricht der auferstandene Jesus von dem, was noch vollbracht werden muss. Er sagt: „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen.“

Halte mich nicht fest, das heisst buchstäblich, halte mich nicht, aber es heisst auch, halte Dich nicht auf, halte Dich nicht klein, leg das Wollen ab, das immer bewahren will.

Und dann geschieht Himmelfahrt, und wenn man mal in die Haut der Jünger schlüpft oder in die der sehnsüchtigen Maria, dann bedeutet Himmelfahrt auch dies: wir werden uns selbst überlassen.

Die lärmende Stille, nachdem der Christus die materielle Welt verlassen hat, zeichnet ein erschütterndes Bild der gefühlten Abwesenheit Gottes. Nachdem Gott hinabgestiegen ist und dem Menschen gleich wurde, ruft er nun die Menschen hinauf, ihm gleich zu werden. Der, der den Himmel zerriss, um wie Tau auf die Gräser herabzufließen, wirbt nun um jeden Menschen und sagt, zerreisse Du die papierdünne Haut, die Dich von der uferlosen Weite des atmenden Himmels trennt, und wachse hinein in Deine Dir zugesagte göttliche Natur.

Himmelfahrt ist kein esoterischer Taschenspielertrick, keine dramaturgische Akrobatik. Himmelfahrt ist eine Einweihung, ein spiritueller Lebensweg, der die höchste Würde des Menschen bebildert: alles muss zum Vater aufsteigen – alles darf und muss Raum werden für die überwältigende Schönheit Gottes.

Das sind Zusage und Zuspruch Gottes. Und sicher ebenso Zumutung und Anspruch, denn darin liegt eine radikale Aufforderung zur Mündigkeit, darin liegt ein kompromissloses Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen, alte Welt- und Gottesbilder loszulassen und die wärmende Enge der egoischen Natur zu transzendieren. Fortan ist der Mensch gerufen, zum Vater zu gehen, wie es der Gesalbte zuvor tat: Durch den Aufstieg zum Berg Tabor und den Abstieg von eben diesem Berg zurück in die Welt. Durch die Angst im Ölgarten. Durch das Kreuz, das Sterben, das Durchqueren des Totenreiches und die Auferstehung.

Das ist beängstigend, wie es beglückend und befreiend ist.

Himmelfahrt bedeutet für uns Bejahung der Ungewissheit. Bejahung der Spannung zwischen Sein und Werden. Bereitschaft, dem unbekannten Gott zu begegnen, der uns umformt nach seinem Bild, der unbekannte Mensch zu werden, von dem wir jetzt noch nichts ahnen. Wirklich teilzunehmen am fortwährenden (!) Wunder der Inkarnation Gottes.

Das Kind, das den Vater liebt, wird erwachsen.

Frohes Fest!

Bild: Bagong Kussudiardja

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Gib der Liebe einen Ort
am Grund der Fragen, die die Welt bestürmen,
unter den Lidern, die bergen
den staunenden Blick.
In der Röte der Wunden, die Du mit Zahllosen teilst,
und auf der Gischt des Lachens
an den Ufern vieler Jahre.
Gib der Liebe einen Ort
unter den suchenden Händen, die sich verzweigen
wie Äste des Baumes
der Leben heißt.
In hüllenlosen Worten, die das Sagbare halten
und im Schweigen, das die Seufzer
der Stummen birgt.
Gib der Liebe einen Ort
am Rande jedes Schreckens,
wo kein furchtloses Hoffen
das menschliche Dunkel je bezähmt.
Und auch in den einfachen Dingen,
die sich wie goldene Ähren
an den Tag der Ernte verschenken.

Bild: Odilon Redon

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Ein Hören

Das schönste Geschenk war,
dass Du mich fragtest.
Dass Du mich fragtest anstatt
zu meinen, anstatt zu glauben,
zu raten, zu tun.
Dass Du mich fragtest wie eine,
die mit mir Wüsten durchwandert
den Quellen entgegen,
mit geteiltem Durst.
Mit Raum im Herzen
für das, was noch tastend
noch ächzend am Du
ersucht, in der Welt zu sein.
Mit Blicken aus Seide
um das keimende Grün nicht zu schrecken,
um nicht zu ritzen
die schneezarte Haut.
Das schönste Geschenk war,
dass Du mich fragtest.
Dass Du mich fragtest wie eine,
die weiss: nur dann
hat das Leben eine Wahl
wenn ein Hören es beschwört.

regenbogen_klanggebet2

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Wir alle brauchen Vergebung, denn wir alle vergehen uns. Wir vergehen uns an der Freiheit des Anderen, an der Würde des Anderen, an dem Recht auf Entfaltung unseres Nächsten, der Leben ebenso verkosten will wie wir. Wir sprechen viele achtlose Worte. Wir tun Dinge, derer wir uns am nächsten Tag schon schämen. Öfter noch unterlassen wir das Nötige, das Not-Wendige, das dem Leben dienende, und schliessen die Augen vor dem Leiden des Mitmenschen. Wir denken dunkle Gedanken, in denen sich unser Gesicht viel mehr offenbart als das Gesicht der Welt oder das des Menschen, über den wir mutmaßen.

Das Christentum ist randvoll mit der Betrachtung des Schuldigwerdens, randvoll auch mit einem Aufschrei um Vergebung, und niemand geringeres rufen wir an, als die Gottheit selbst, weil wir ahnen, dass nur die reine, unkorrumpierte Liebe ausreichend sei, unsere Fehlbarkeit zu umarmen.

Aber was ist Vergebung, wenn sie nicht im Menschen Gestalt annimmt? Was ist eine Bitte um Verzeihung, wenn wir ihr nicht den Weg freimachen in die Mitte unseres Herzens, und uns ihr ergeben mit dem Willen, dem Anderen Freiheit zu schenken? Wie wird Vergebung lebendig, wenn wir es nicht sind, die einander vergeben? Wenn wir es Gott überlassen, unsere Ketten zu lösen?

„Liebt einander“, das enthält eine tiefe, folgenreiche Aufforderung zur Vergebung. Vergebung enthält ein Moment tiefer Selbsterkenntnis, denn erst der Mensch der sich als fehlbar und gefallen begreift, vermag nicht länger mit marmorner Härte von der Verfehlung des Anderen zu sprechen.
Vergebung enthält auch ein Moment tiefer Erkenntnis über die strebende, wachsende, reifende Natur des Lebens. Alles Lebendige reift am Scheitern. Am Fehler. Am Irrtum. Und es ist eine unschätzbare Lebenskunst, das Scheitern, den Fehler und den Irrtum nicht als Makel zu erdulden, sondern als Lebensatem zu begreifen. Als Weg der Reifung zu betreten.
Und letztlich enthält Vergebung auch einen Sog der Begegnung. Denn Vergebung ist nur in Zwiesprache zu erlangen, und nur in Zwiesprache zu gewähren. Wer vergibt, wer Vergebung erlangt, begreift, dass das Trennende überwindbar ist. Dass es ein Ungetrenntes gibt, das alle dunklen Wunden zu schließen vermag. Etwas, das heil ist und heil war, die ganze Zeit.

Und doch gibt es Dinge, die nur schwer zu verzeihen sind. Für manch einen Menschen, der schwer verwundet wurde, reicht eine Lebensspanne nicht aus, um Vergebung gewähren zu können. Auch das müssen wir aushalten, annehmen, und einander darin Gefährten sein. Wir können lernen, das Unverzeihliche das den Anderen plagt, mitzutragen. Raum zu sein, in dem das Schmerzliche das keine Heilung findet, atmen darf. Wir verkennen oft, wie wichtig dieses Miteinandertragen ist, und wie sehr auch dieses Tun Wege zu Vergebung öffnet. Jemand, der mit seiner Bitterkeit allein ist, wird alle Tage bitter sein. Jemand, der mit seinen Tränen allein ist, wird aller Tage untröstlich sein. Wir sind es, die einander Gefährten sein müssen, und dann werden wir staunen, darüber wie wir angesichts tiefer Begegnung und Gemeinschaft, angesichts heilsamen Miteinanders, neuen Frieden und neue Güte erlangen, die fruchtbarer Boden für Vergebung als Lebenshaltung werden.

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Wir reden so viel über Autarkie und Selbstermächtigung, über das selbstgenügsame Ganze, das wir sind, und dann wenn es ganz arg wird, ziehen wir das Wort „Augenhöhe“ heran, und meinen, damit unsere Unbeugsamkeit und Würde angemessen ausgedrückt zu haben. Doch die Wahrheit ist: wenn uns Schönheit berührt, sinken wir ihr so ergeben zu Füßen, als hätten wir nie etwas anderes getan. Und unsere Augen vermessen keine Höhen, sondern schließen sich in Hingabe. Eine Liebe erwacht, die sich nicht um Gesetze der Unbeugsamkeit kümmert. Denn die Liebe verliert nicht ihre Würde, wenn sie Ergebenheit wird. Die Liebe verliert nicht ihre Größe, wenn sie ihr Knie beugt. Die Liebe verliert nicht ihre Kraft, wenn sie bereitwillig zu Ohnmacht wird. Alles was wir in der Liebe verlieren, wird zu Reichtum, doch zu einem, den das Auge nicht versteht, das misst, und den die Hand nicht versteht, die gern die Zügel hält, und den der Mund nicht versteht, der gern das letzte Wort hat. Im Angesicht der Liebe kommt uns so leicht abhanden, woran wir eben noch unerbittlich festhielten, und es ist als würden wir aufgerichtet, während wir uns beugen, als würden wir beschenkt, während wir alles lassen, und als würden wir beseelt, während wir in bodenlose Ungewissheit hineinsterben.

schweben

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Schmerz ist ein natürlicher Teil des Lebens. Wer Schmerz verneint, verneint das Leben selbst. Es ist sehr menschlich, den Schmerz enden sehen zu wollen. Doch ist es auch menschenmöglich, ihn zu bejahen, zu umarmen und ihm ein Raum zu sein, in dem er neben seiner Schwester, der Freude, wohnen darf.
Viele Menschen erfahren für kurze Augenblicke oder auch für länger anhaltende Phasen den mystischen Raum. Jenen Raum, in dem die Dinge sich entschleiern und ihre uneingeschränkte Gutheit offenbaren. In diesem Raum zerrinnt Vergänglichkeit in Ewigkeit hinein. In diesem Raum zerrinnen auch Schmerzen in uferlosen Frieden hinein. Manch einer zieht daraus den Schluss, dass Schmerz Illusion und Freiheit von Schmerz die Wirklichkeit sei.
Schmerz ist aber keine Illusion, sondern eine Wirklichkeit der materiellen Welt. So wie Vergänglichkeit eine Wirklichkeit der materiellen Welt ist, und so wie Spannung eine Wirklichkeit ist zwischen den Dingen wie sie sind, und den Dingen wie sie werden wollen.
Gemäß der Weisheit aus dem Herzsutra „Form ist Leere, Leere ist Form“, ist eine Welt voller Schmerzen durchdrungen von dem Atem, in dem Schmerzen aufgehoben sind. Gemäß der Geschichte vom verklärten Christus auf dem Berg Tabor, der seine Jünger ermahnt, keine Zelte aufzuschlagen sondern vom Berg wieder herabzusteigen, führt jedes erlebte Freisein von Schmerz direkt zur leidenden Kreatur. Dies wird nicht weniger paradox, wenn man es argumentativ mit dem Vorschlaghammer unseres Wollens bearbeitet. Es wird aber ein sehr andächtiger Raum von Lebenskraft, wenn wir es in seiner Widersprüchlichkeit in unser Herz nehmen.
Das reale Leiden des verhungernden Kindes, der geschändeten Frau, des gequälten Tieres, schreit bis zum Himmel. Der Schmerz angesichts der Vergänglichkeit, angesichts des Zerbrechenden und Unheilbaren ist wirklich. Es ist keine Illusion sondern eine offene Wunde, in die all unser Lieben fließen muss. Scheint das reale leidensfreie Sein für uns sichtbar in der leidenden Kreatur auf, so ist dies eine Gnade und ein Geschenk, doch nicht eines das uns den Ernst jeder Träne relativiert, sondern eines, das uns an die Heiligkeit des Lebens gemahnt, die von uns geachtet, geschützt und verkörpert werden will.

ueberdenschmerz

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Die Dinge haben eine erlösende Leichtigkeit, wenn wir mit unserem Wesen die Natur des Lebens erfassen, das immer ein Drängen, Erneuern und Werden ist, eine überschäumende Seinslust, die alles immerzu über sich hinauswachsen lässt. Und die Dinge haben eine aufrichtige Traurigkeit, wenn wir mit unserem Wesen erfassen, wie schmerzlich jede Geburt ist, wieviel Kapitulation und Sterben allem Neuen vorausgeht, und wieviel vermeidbares Leiden wir einander antun. In einem weiten Herz wohnt das eine Wissen wie das andere, und allein die Liebe vermag die Spannung zwischen diesen Polen auszuhalten und würdevoll auszutragen. Diese Liebe vermag die Welt nicht gering zu achten oder in eine Seligkeit zu flüchten, die nicht am Verkosten jedes menschlichen, ja, jedes kreatürlichen Kummers gereift ist.

fruehling16

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