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Posts Tagged ‘Meditation’

Wenn Beten bloß ein Bitten wäre – und dies ist ein so gängiges Missverständnis unserer Zeit – dann wäre es in der Tat ein unseliges Gefängnis der Unmündigkeit, in das wir uns selbst jeden Tag aufs Neue einsperren, in dem wir einander nicht mehr wären als menschliche Abgründe, deren Leere mit nichts zu füllen ist, und in dem wir Gott gegenüber träten als ewige Kinder ohne Aussicht auf den köstlichen Moment, in dem uns die Gegenwärtigkeit des Gebrauchten und Gewollten, ja noch des Nicht zu erhoffenden so durchdringt wie Morgenlicht die müden Weiten alter Erde.

Aber Beten ist – und das wirst Du selbst dann erfahren, wenn Du es als unermüdlich Bittende/r beginnst – so viel mehr als eine Frage an den Liebsten, als eine Hoffnung auf das Sich Verschenkende, als eine Erinnerung an ein altes Versprechen dessen Einlösung sich fortwährend ereignet.

Beten ist selbst der heilige Raum, in dem wir in alles hineinwachsen, was in uns als Same schlummert – in Einsicht, in Tiefe, in Klarheit, in Begegnung, in Liebe die aus reinigendem Feuer hervorging. Gebet ist ein Lebensweg, dem ein Entschluss zugrunde liegt – selbst noch dann, wenn wir nichts von ihm wissen – der Entschluss nämlich, zu werden wozu Gott uns erdacht hat und erdenkt, noch in diesem Moment. Und es mögen tausend Stunden vor uns liegen, angefüllt mit wüstenöder Trockenheit, mit dem alles umspannenden Gefühl der Sinnlosigkeit, das Beten mag uns vorkommen wie eine Verwirrung, die kein Ende findet, aber einmal kommt der Moment, in dem das Gebet der reißende Strom wird, der Dich mitnimmt, der Dich Dir wegnimmt, und der Dich in etwas überführt, von dem Du jetzt – und es gibt keinen Grund, das zu bedauern – noch nichts ahnst.

Du musst also nicht auf das Geschick Deines Betens vertrauen, oder auf dessen Schönheit, auch nicht auf dessen Wirkung oder das dabei herrschende Gefühl. Dein Vertrauen darf dem Gebet selbst gelten, und dem darin lebendigen Unbekannten, der ultimativen Bodenlosigkeit, die Jesus wohl meinte, als er sagte, der Menschensohn habe keinen Ort, an dem er sein Haupt betten könne. Gebet ist der Nichtort, an dem Beheimatung eine neue Bedeutung gewinnt. Gebet ist der Nichtort, von dem aus unsere Pilgerschaft sich entfaltet. Dies ist wohl nicht weniger als ein Geheimnis, ein Abenteuer und ein großes, lebendiges Wunder.

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Es gibt ein spirituelles Streben nach Transzendierung, nach Reinheit, nach Vollkommenheit, das im Kern, und hinter all dem schönen Sprechen über menschliche Größe, nichts anderes ist als Geringschätzung alles Irdischen, als Geringschätzung des Menschen, der Welt und des endlichen Lebens.

Wir glauben, die Leib- und Erdenfeindlichkeit alter christlicher Traditionen überwunden zu haben, die uns immer suggerieren wollten, dass die Erde nur ein Übungsplatz für das eigentliche Leben im Jenseits sei, und dass in jeder materiellen Manifestation das Übel, die Versuchung und die Niedrigkeit walte.

Aber genau genommen haben wir eine Verachtung nur gegen die andere eingetauscht. Wir nennen uns „freie Spirituelle“, „Transkonfessionelle“, „New Ager“ oder „Integrale“, und kultivieren ungebremst unsere nahezu zwanghafte Selbstoptimierungsneurose, die nur immer einen Zweck verfolgt: etwas zu überwinden. Und genau genommen: etwas zu vermeiden.

Wir delirieren vom leidensfreien Sein, das den Erwachten blühe, ja, wir stilisieren die Leidensfreiheit sogar hoch zur Notwendigkeit, an der die Welt gesunden könne. Dabei wollen wir nichts anderes als einen Freibrief, der uns erlaubt, unseren Zynismus und unser Desinteresse am Anderen zu legitimieren. „Ich diene dem Anderen, indem ich nicht leide“ ist ein viel gehörtes Statement dieser Tage. Aber was ist es, hinter dem Vorwand, dem Anderen möglichst effizient dienen zu wollen? Bisweilen ist es nichts anderes als unsere Distanziertheit, unsere Weigerung, uns vom bodenlosen Schmerz des Anderen, der am Grunde der Dinge auch der unsere ist, überwältigen zu lassen.

Wir fürchten ja überhaupt die Bodenlosigkeit. Deswegen organisieren wir so emsig unsere spirituellen Stundenpläne, Montags Meditation, Dienstags Yoga, Mittwochs Heilströmen, Donnerstags Satsang, Freitags Schattenarbeit, und so weiter und so fort, nur damit der Dämon der Bodenlosigkeit bezähmt sei, der der bodenlosen Wut, der der bodenlosen Sehnsucht, der der bodenlosen Angst, ja noch der der bodenlosen Hingabe. Unser Mund sagt, dass unser Körper ein Tempel und unser Herz ein Heiligtum sei, aber auf unseren Altären liegen Häkeldeckchen und Untersetzer – die Insignien unserer Angst – auf dass uns nicht die Abgründigkeit Gottes bekleckere.

Die mystische Erfahrung von Allesistgut, die von solcher ozeanischer Weite ist, dass darin jedes Leiden und jede Wirrnis dieser Welt gleichermaßen aufgehoben im Sinne von geborgen, und aufgehoben im Sinne von beendet ist, kann man nicht in den Staub des Alltags zerren und dem persönlichen Frieden dienstbar machen. Nondualität lässt sich nicht slogan-artig auf die Dualität schütten wie Zuckerguss. Und jeder, der das versucht, verbreitet hohle Irrtümer und unerträgliche Plattitüden, an der jede Menschlichkeit und jede Entwicklung zugrunde gehen muss.

Zahllose Autoren, die sich im Abklatsch fernöstlich anmutender Lehren verdingen, verkünden uns, dass das Geheimnis der Weltüberwindung sei, sich ihr nicht gleich zu machen. Liebe zu sein, wo Angst ist, leidensfrei zu sein, wo Leid ist. Wir Christen aber haben eine andere Heilsgeschichte erzählt bekommen. Die Geschichte eines Gottes, der sich bis in die letzte Konsequenz dieser Welt gleich macht. Der bist in den letzten Abgrund dieser Welt sinkt, in jeden Schrecken, jedes Leid, jedes Sterben, oh sicher auch in jede Freude, weswegen man ihn „Fresser und Säufer“ nannte. Und indem er in die Schablone dieser Welt sank – Gott wurde Mensch. Nicht ein bisschen Mensch. – und sie ausfüllte mit seiner Präsenz ebenso wie mit seinem Schmerz, geschah Transfiguration, geschah Auferstehung.

Das Europa, wie es sich gerade zeigt, ist ein perfektes Abbild unserer Abgrenzungsversessenheit. Unsere faulen Ausreden, unser Wegsehen, unsere Zäune, unsere Angst vor Islamisierung, unsere Knüppel- und Bürokratieschläge, die auf schreiende Frauen, kranke Kinder und empörte Männer niederprasseln – all das ist ein Abziehbild unserer Innerlichkeit, in der wir unseren Wohlstand und unseren Frieden schützen wollen, wie falsch er auch sei, und auf wessen Kosten er auch immer gehe.

Gott als tremendum (Rudolf Otto) – wo ist er hin? Gott als Abgrund (Beatrijs von Nazareth) – suchen wir den eigentlich noch? Oder ist es nur noch das Beruhigungsmittel, das Gott uns auf den Rezeptblock schreiben soll?

Mystik will keine Vermeidung. Keine Widerspruchslosigkeit. Keine Entfernung des Dorns, der sticht. Das hören wir nicht gern. Aber es sind – ebenso wie auf den Straßen im Aufschrei gegen Europas Abschottung – dankenswerterweise mehr und mehr Menschen, die auch den zum Himmel schreienden falschen Frieden nicht mehr hören wollen.

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Foto: Alexis Findlay

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Die Beziehung zur Mutter ist wohl unsere wesentlichste. Ein Leben lang fühlen wir das. In dieser Beziehung Liebe und Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, wird Vielen mit wachsendem Lebensalter wichtig.

Zum Muttertag, aber nicht nur zu diesem Tag, kannst Du nun zwei Wandbilder verschenken, die gleichermaßen Segen und Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Ein persönliches, inniges Geschenk an die Mutter. Weitere Wandbilder und CD’s gibt es wie gehabt im Shop.

www.klanggebet-shop.de

Wer seiner Mutter etwas besonders Kostbares schenken möchte, hat auch die Möglichkeit, ein persönliches Segenslied oder Seelenlied zu verschenken. Ich habe schon für einige Mütter diese Klanggebet-Arbeit tun dürfen, und erlebte, was für eine große Freude es für alle Beteiligten war. Bei Interesse sende Deine Anfrage an mich.

Heilung für ein verwundetes Verhältnis

Eben weil die Verbindung zur Mutter so stark und bedeutsam ist, leiden Menschen besonders darunter, wenn diese Verbindung vergiftet oder beschadet ist. Keine andere Beziehung kann soviel Freude oder soviel Schmerz stiften wie die Bindung zwischen Mutter und Kind.

Aus diesem Grund möchte ich es nicht versäumen, auch jenen, die unter ihrer Mutterbeziehung oder unter der Beziehung zu ihrem Kind leiden, Hilfestellung anzubieten. Ich widme mich seit vielen Jahren der Segnung und Erneuerung dieser sensiblen Beziehung.

Ein besonderes Angebot aus meiner Arbeit ist die persönliche Heilmeditation für das Mutter/Kind Thema. Sie enthält ein Vorgespräch, die Kreation Deiner persönlichen Meditation, eine CD-Aufnahme und ein Nachgespräch.

Ob diese Impulse der Vergebung, der Wahrung der Grenze, der Versöhnung oder anderem dienen, hängt von den Besonderheiten Eurer Beziehung ab.

Ich freue mich auf Deine Anfrage. (www.klanggebet.de, giannina@klanggebet.de, 030-39934477)

Bild: © Sergey Smirnov

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In einer Welt der Superlative, in einer Zeit, in der auch populäre spirituelle Konzepte uns mit dem Größer-Weiter-Besser gelockt und in eine fragwürdige Geschäftigkeit geführt haben, gibt es etwas, das befreit, klärt und zentriert: die Andacht zum Kleinen. Wenn wir unsere Andacht zum Kleinsten wenden – und wer könnte dies meisterlicher lehren als die Natur – erleben wir, wie unser inneres Schauen sich weitet, und unsere Lebensmitte – nennen wir sie Herz – in einer natürlichen Bewegung mehr und mehr die Welt umarmt, und gleichermaßen als das eine Selbst begreift, aus dem alles Leben hervorgeht.

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Über das Herz wird viel geredet in der spirituellen Landschaft. Und nicht selten darf es herhalten als ein Ort der Missverständnisse. Denn in seinem Herzen zu sein, und aus dem Herzen zu leben, das bedeutet nicht, das Denken zugunsten des Fühlens zu lassen. Das bedeutet auch nicht, zu glauben dass alles was man denkt und tut, gut sei, weil es „kein richtig und kein falsch“ gebe. Es bedeutet auch nicht, angekommen zu sein in einer Art die satt und unbewegt ist.Sich immer wieder auf das Sanktum des Herzens zu besinnen, bedeutet viel eher, all die Geschenke die uns gegeben sind, das Streben nach Erkenntnis, den Willen zum Guten, das Mitgefühl für alle Kreatur, in sich zu vereinen. Gedanke, Wort und Tat dem Feuer auszusetzen, das als Schöpfungsfeuer unseren Herzen innewohnt. Und auch die Welt immer wieder aufs Neue ins Herz hineinzunehmen, mitsamt ihrer Unwirtlichkeit und allem was an ihr krankt.

In der christlichen Ikonographie ist das Herz nicht ohne Grund zweierlei: auf vielen Bildern sehen wir es als Licht das in die Welt strahlt und als loderndes Feuer. Auf anderen Bildern sehen wir es als das durchbohrte und dornengekrönte Herz Jesu oder das mit Schwerten durchbohrte Herz Mariens. Diese Bilder weisen uns darauf hin, dass der Ort der am empfänglichsten für das tiefe Leiden der Welt ist, auch der Ort ist, von dem alles Licht und alle Erlösung ausgeht.

Es gibt das eine nicht ohne das andere.

Sich diesem Sanktum des Herzens immer mehr zu überlassen, ist eine Reise, die uns immer wieder über unsere Grenzen führt, uns das Altvertraute nimmt und es in eine neue Weite überführt. Jörg Zink schreibt in seinem Buch „Erde, Feuer, Luft und Wasser. Der Gesang der Schöpfung und das Lied des Menschen“:

“Wer mit dem Herzen denkt, weiss, dass keiner seiner Gedanken zu Ende gedacht ist, sondern immer noch andere Gedanken nachfolgen müssen, und dass alles Erkannte der Veränderung, der Bewährung und der Wandlung bedarf.

Wer mit dem Herzen denkt, der ist unterwegs unter den Wolken und den Winden und weiss, dass er kein Ziel, sondern immer nur Rastplätze seines Denkens und seines Glaubens erreicht hat und dass die Wege weitergehen bis an ein Ziel, das ein anderer gesetzt hat.”

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Menschen mit mystischen Erfahrungen stellen in der Regel zwei erstaunliche Dinge fest. Das eine ist: der Schmerz wird größer. Es wächst die Anteilnahme am Leiden jeder Kreatur. Plötzlich wird der Schmerz des Anderen zum höchst eigenen Schmerz. Ich kenne Menschen, die nach ihrer ersten mystischen Erfahrungen wochenlang nur geweint haben, weil ihnen das Leiden der Welt kaum zu ertragen war. Das Erlebnis des Ungetrenntseins bedeutet eben auch: ungetrennt zu sein vom Anderen, vom Empfinden des Leids des Anderen. Ungetrennt zu sein von der Not und Angst des Anderen, ob Mensch oder Tier.

Viele erschreckt das und sie denken, etwas sei „falsch gelaufen“ oder sie befänden sich inmitten eines psychischen Zusammenbruchs. Das ist nicht der Fall. Es ist eine natürliche Konsequenz des sich weitenden Horizonts und Herzens, dass darin mehr Schmerz Platz hat. Es ist eine natürliche Konsequenz der feineren Empfindsamkeit, dass das was gestern noch erfolgreich ausgeblendet wurde, heute ins Bewusstsein tritt.

Das zweite, was Menschen mit mystischen Erfahrungen feststellen, ist dass auch ein Zustand der Freude und Gelassenheit wächst. Das Erleben des Ungetrenntseins vom Strom des Lebens, der alle Schöpfung hervorbringt, und das Erleben von der Gutheit aller Dinge wecken eine freudige, friedliche Präsenz in uns, die jeden noch so widrigen Umstand hinnehmen und annehmen kann. Viele erschreckt auch das – sie fürchten, gefühllos oder weltfremd geworden zu sein, weil sie selbst inmitten leidvoller Erfahrungen noch ein tiefes Alles-ist-gut in sich empfinden, und mitten im Unglück glücklich sein können. Aber auch das ist eine natürliche Konsequenz des mystischen Erlebens: Es ist die Wahrnehmung einer unbeschädigten Instanz, die inmitten jeder Trostlosigkeit eben immer sie selbst bleibt.

Nun ist beileibe nicht bei jedem Menschen die Gabe vorhanden, diese beiden Erfahrungen friedlich in sich zu vereinen. Je nach charakterlicher Disposition neigt der eine Mensch dazu, zu tief ins Leiden der Welt zu gehen und daran zu verzagen, oder zu hoch in die erhabene Gelassenheit zu gehen und somit an Mitgefühl und Erdverbundenheit zu verlieren. Es zeigt sich also, wie im vorigen Artikel beschrieben, dass der Mensch mit mystischer Erfahrung üben muss, um weder zu tief ins Leiden, noch zu entrückt in die Gelassenheit zu gehen. Es obliegt der eigenen, gewissenhaften und verantwortungsvollen Prüfung, festzustellen ob wir uns im Ungleichgewicht befinden, und dann korrigierend darauf einzuwirken. Korrigierend deshalb, weil der Welt und Menschengemeinschaft weder mit am Leiden verzagenden Menschen noch mit entrückten Gleichmütigen geholfen ist. Wer in sich ein Übermaß an Schmerzempfinden entdeckt, tut gut daran, Gelassenheitsübungen aus Gebets- und Meditationstraditionen zu pflegen. Wer in sich ein Übermaß an teilnahmsloser Gleichmut entdeckt, tut gut daran, tief in den Staub des Alltags zu steigen und dort tätiges Mitgefühl zu üben. (Nach meinem Erleben fördert mantrisches Beten und Singen beispielsweise beides.)

Sowohl die wachsende Anteilnahme als auch der wachsende innere Friede sind große Gnaden und Geschenke des mystischen Erlebens, die uns liebevoll in die Verantwortung nehmen, an uns und dem Angesicht dieser Erde zu arbeiten.

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Es gibt einige Missverständnisse, die symptomatisch für unsere Breitengrade und den spirituellen Zeitgeist sind. Diese Missverständnisse entfalten sich rund um die Frage, ob jemand „erwacht“ sei und jemand anderes eben nicht. Nicht nur zahllose spirituelle Dienstleister, sondern eine ganze Industrie lebt von der Kultivierung dieses Gefälles – der Kluft zwischen dem Erwachten und dem Nichterwachten. Eine ganze Kultur der Lehrer- und Jüngerschaft rankt sich um dieses Phänomen, das befremdlich deplatziert in unserer Welt und seltsam anachronistisch in unseren Tagen wirkt.

Es ist wohl der Weiterentwicklung menschlicher Wahrnehmung zu verdanken, dass heute immer mehr Menschen sogenannte mystische Erfahrungen machen – solche also, die über die Grenzen der eigenen Biographie und Person hinausweisen. Entgrenzende Erfahrungen, Einheitserfahrungen, identitätsauflösende Erfahrungen. Dies können erheblich erschütternde Erlebnisse von Einheit und Urteilsfreiheit sein, von Ewigkeit, Unendlichkeit, von uferloser Liebe. Sie können gleichermaßen erhebend und verstörend sein, sie können nur wenige Sekunden dauern oder sich über längere Zeiträume erstrecken. Allen gemein ist: sie haben eine große Wirkung und sie werfen viele Fragen auf – denn im Alltagsbewusstsein und umgeben von alltäglicher Banalität, Sorge oder Dramatik erlebt der Mensch sich anders als in der Erfahrung mystischer Verschmelzung. Und der Verstand versucht unter großem Druck, diese verschiedenen Welten zu „synchronisieren“.

Bei vielen beginnt hier schon das erste Missverständnis: sie denken, das mystische Erlebnis sei „das Wahre“, und das Leben wie es zuvor war, „das Falsche“. Sie denken, alles was vorher gelebt und empfunden worden sei, müsse ja Ergebnis des Nichtwissens gewesen sein, des Nichterfahrenhabens, kurz gesagt: Illusion. Dann beginnen sie, auf den Alltag herabzusehen und wie ein Süchtiger seiner Substanz dem Gefühl von „bliss“ hinterherzurennen, das sie im Moment des mystischen Einbruchs empfanden.
Dass es überhaupt um diese Empfindung gehen könne – dass diese Empfindung das sei, worum es eigentlich im Leben geht, das ist ein grosses Missverständnis. Und ein folgenschweres. Denn die mystische Erfahrung lässt sich nicht einfangen, nicht herbeiführen, nicht herbeisehnen. Vielleicht besucht sie Dich nur einmal und danach nie wieder. Viele Menschen, die dann in das Verhalten von „Jüngern“ fallen, sind so. Sie haben den mystischen Einbruch erlebt und sehnen sich unendlich danach zurück. Sie finden aber allein nicht mehr in diesen Zustand und folgen daher einem Menschen, der ihnen Verkörperung dieses Zustandes zu sein scheint: einem „Erwachten“.

Das zweite große Missverständnis beginnt genau hier: jemand erlebt den mystischen Einbruch, die Identifikation mit dem All-Einen, die Einheit mit der Schöpfung oder die „Gutheit“ aller Erscheinungen (oder alle diese Phänomene zusammen) und schliesst daraus, er müsse nun erwacht sein, weil er „die Wahrheit geschaut“ und sich entgrenzt und verwandelt habe. Die mystische Perspektive scheint absolut. Die Alltagsperspektive fragmentarisch und subjektiv. Viele Menschen, denen es leicht fällt, das erlebte Gefühl und die erfolgte Schau zu rekapitulieren nennen sich „erwacht“. Viele wollen damit ausdrücken, dass sie ganz realisiert haben, wie viel mehr als ihre Biographie sie sind (oder in der Sprache des Neo-Advaita: wie viel weniger). Viele wollen damit auch ihrem Glauben Ausdruck verleihen, dass sie nun ungetrennt vom Göttlichen und frei von Illusion ihren Alltag feiern. Viele, die sich als erwacht begreifen, gehen dann ohne zu Zögern zum nächsten Schritt über: als Erwachte den Nichterwachten lehrend und belehrend zur Verfügung zu stehen. Diesem Phänomen verdanken sich zahllose Gurus, spirituelle Lehrer, Satsang-Geber und selbsternannte Meister.

Und wie wir durch das ein oder andere Bekenntnis von Aussteigern wissen, kann es manchmal Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis auch diese Blase platzt und der Erwachte seine Jüngerschaft öffentlich um Verzeihung bittet, und gesteht, nichts anderes getan zu haben als dem „feeling of bliss“ hinterherzulaufen und dem Schmerz alles Irdischen entkommen zu wollen.

Meine Erfahrungen mit Menschen in diesen beiden Missverständnissen sind zahlreich. Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum man sowohl in das erste Missverständnis, als auch in das zweite hineingerät. Es scheint nahe liegend. Manch einer ist nach einem mystischen Erlebnis so euphorisiert oder so erschüttert, dass das Leben einfach nicht wie zuvor weiter gehen kann. Verständlich – wie könnte man auch einfach zur Tagesordnung übergehen?
Manch einer kann nach so einem Erlebnis auch nicht aufhören, davon zu reden. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. Wir fühlen uns von Gott geküsst und sind trunken.

Wir alle aber sind Menschen – und unterliegen unserer Charakterbildung. Ein Mensch ohne große Tugend wird auch nach einem mystischen Erlebnis keiner mit großer Tugend sein. Ein Mensch voller Eitelkeit wird auch seinem mystischen Erlebnis seine Eitelkeit vorfinden. Mehr noch, er wird sogar versucht sein, sie mystisch zu verklären. Ein Mensch, der gerne im Mittelpunkt steht, wird dies auch nach seiner mystischen Schau noch gern tun. Im Rahmen eines Satsangs, in dem ihn viele Augen huldigend ansehen, wird er sich vermutlich sehr wohl fühlen.

Es gibt etwas, das wir Mystiker der neuen Zeit begreifen müssen: Mystische Erlebnisse machen uns nicht zu guten Menschen. Im schlimmsten Fall sind wir einfach Egomanen mit mystischen Erlebnissen. Wem ist damit gedient?

Ein mystisches Erlebnis als Einbruch des Göttlichen in die Alltagswirklichkeit ist immer eine Frage an uns, wie wir das Erfahrene in die Welt fliessen lassen wollen. Wie wir die umformende Kraft des Absoluten auf unser individuelles Leben einwirken lassen wollen. Wir stehen vor der alles entscheidenden Frage, ob wir das mystische Erlebnis zum Anlass nehmen wollen, zu üben. Ja, richtig, zu üben. Ein Wort, das nach unendlicher Wiederholung und Arbeit klingt, und genau das ist es. Mitgefühl kann man üben. Anteilnahme kann man üben. Zuhören kann man üben. Güte kann man üben. Dankbarkeit kann man üben. Eine mystische Gnade erfahren zu haben, bedeutet, dass wir gerufen sind uns in eine Andachtspraxis zu begeben um dem Ruf zu folgen der uns in die Seele drang. In Be-Ziehung zu treten ist das Gebot der Stunde.

Im besten Fall also nehmen wir das mystische Erlebnis zum Anlass, diesen Übungsweg und diesen lebenslangen Weg der Verwandlung zu bejahen. Im schlimmsten Fall kommen wir uns besonders vor, weil wir ein mystisches Erlebnis hatten und terrorisieren fortan die ganze Welt mit unserer vermeintlichen inneren Schönheit und Strahlkraft.

In meiner Arbeit mit Menschen mit mystischen Erfahrungen kommt mir mein eigenes Erleben zugute. Ich war noch ein Teenager, als erste mystische Erlebnisse über mich kamen. Viele Jahre wusste ich überhaupt nicht, wie ich die Dinge in Worte hätte kleiden sollen, die mir widerfuhren. Innere Ereignisse von solcher Größe inmitten eines normalen Alltags. Dinge, für die ich keinen angemessenen Erklärungskontext wusste. Als ich zu begreifen begann, begegneten mir alle Dämonen, die nach mystischen Erlebnissen so auftauchen – und ich versichere Euch, die haben sich seit Evagrius Ponticus nicht wesentlich verändert (offenbar unterliegen die menschlichen Versuchungen keiner Evolution). Die Völlerei, das ist die Sehnsucht nach ständiger Glückseligkeit, die Habsucht, das ist der ständige Drang, sich mit etwas so großartigem zu identifizieren wie dem Titel „Erwachter“, der Überdruss, das ist der Zustand in dem wir es leid sind, in dieser Welt zu sein, und was ist da tröstlicher als ein Leben auf der mystischen Wolke sieben. Es gäbe darüber viel zu sagen, aber das soll nicht ausufern und ich empfehle einfach entsprechende Lektüre.

Es liegt mir in meiner Arbeit daher sehr daran, mit Mythen und Verklärungen aufzuräumen, die dazu führen, dass vermeintlich Erwachte vermeintlich Nichterwachte an der Nase herumführen oder in Abhängigkeiten halten oder finanziell ausbeuten oder in Ashrams mit sektenartigen Strukturen vereinnahmen. Dafür gibt es keinen Anlass.

Mystische Schau ist kein Ende, sondern ein Beginn. Kein Ende einer Entwicklung, sondern Beginn einer lebenslangen Entwicklung. Und gibt es ein Erwachen, so ist dies wohl ein Erwachen zur Tat, das unser Leben erst unter Beweis stellen muss.

Eine lautere spirituelle Wegbegleitung kann meines Erachtens nur darin liegen, Menschen geistlich zu begleiten, die mystische Erfahrungen gemacht haben oder machen und die sich nicht sicher sind, wie diese ihren Alltag fortan durchwirken können. Die sich nicht sicher sind, wie sie angesichts solcher Erfahrungen in ihrer Konfession bleiben sollen, oder an ihrem Arbeitsplatz, oder in ihrer Beziehung. Die nicht wissen, wie sie damit klarkommen sollen, dass nach der mystischen Erfahrung jedes Leid auf der Welt plötzlich schwerer zu wiegen scheint, im eigenen Herzen.

Eine solche spirituelle Wegbegleitung kann nur auf Augenhöhe stattfinden. In tiefer Achtung vor der Erfahrung des Anderen, so vertraut oder fremd sie mir sein mag. Solcherlei Arbeit muss jede Form von Jüngerschaft ablehnen – aus tiefem Respekt vor der Würde des Einzelnen, der seinen ganz ureigenen Weg in und mit Gott geht.

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(Bild: Die Verzückung der heiligen Teresa – Giovanni Lorenzo Bernini)

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