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Posts Tagged ‘Mitgefühl’

Wir alle brauchen Vergebung, denn wir alle vergehen uns. Wir vergehen uns an der Freiheit des Anderen, an der Würde des Anderen, an dem Recht auf Entfaltung unseres Nächsten, der Leben ebenso verkosten will wie wir. Wir sprechen viele achtlose Worte. Wir tun Dinge, derer wir uns am nächsten Tag schon schämen. Öfter noch unterlassen wir das Nötige, das Not-Wendige, das dem Leben dienende, und schliessen die Augen vor dem Leiden des Mitmenschen. Wir denken dunkle Gedanken, in denen sich unser Gesicht viel mehr offenbart als das Gesicht der Welt oder das des Menschen, über den wir mutmaßen.

Das Christentum ist randvoll mit der Betrachtung des Schuldigwerdens, randvoll auch mit einem Aufschrei um Vergebung, und niemand geringeres rufen wir an, als die Gottheit selbst, weil wir ahnen, dass nur die reine, unkorrumpierte Liebe ausreichend sei, unsere Fehlbarkeit zu umarmen.

Aber was ist Vergebung, wenn sie nicht im Menschen Gestalt annimmt? Was ist eine Bitte um Verzeihung, wenn wir ihr nicht den Weg freimachen in die Mitte unseres Herzens, und uns ihr ergeben mit dem Willen, dem Anderen Freiheit zu schenken? Wie wird Vergebung lebendig, wenn wir es nicht sind, die einander vergeben? Wenn wir es Gott überlassen, unsere Ketten zu lösen?

„Liebt einander“, das enthält eine tiefe, folgenreiche Aufforderung zur Vergebung. Vergebung enthält ein Moment tiefer Selbsterkenntnis, denn erst der Mensch der sich als fehlbar und gefallen begreift, vermag nicht länger mit marmorner Härte von der Verfehlung des Anderen zu sprechen.
Vergebung enthält auch ein Moment tiefer Erkenntnis über die strebende, wachsende, reifende Natur des Lebens. Alles Lebendige reift am Scheitern. Am Fehler. Am Irrtum. Und es ist eine unschätzbare Lebenskunst, das Scheitern, den Fehler und den Irrtum nicht als Makel zu erdulden, sondern als Lebensatem zu begreifen. Als Weg der Reifung zu betreten.
Und letztlich enthält Vergebung auch einen Sog der Begegnung. Denn Vergebung ist nur in Zwiesprache zu erlangen, und nur in Zwiesprache zu gewähren. Wer vergibt, wer Vergebung erlangt, begreift, dass das Trennende überwindbar ist. Dass es ein Ungetrenntes gibt, das alle dunklen Wunden zu schließen vermag. Etwas, das heil ist und heil war, die ganze Zeit.

Und doch gibt es Dinge, die nur schwer zu verzeihen sind. Für manch einen Menschen, der schwer verwundet wurde, reicht eine Lebensspanne nicht aus, um Vergebung gewähren zu können. Auch das müssen wir aushalten, annehmen, und einander darin Gefährten sein. Wir können lernen, das Unverzeihliche das den Anderen plagt, mitzutragen. Raum zu sein, in dem das Schmerzliche das keine Heilung findet, atmen darf. Wir verkennen oft, wie wichtig dieses Miteinandertragen ist, und wie sehr auch dieses Tun Wege zu Vergebung öffnet. Jemand, der mit seiner Bitterkeit allein ist, wird alle Tage bitter sein. Jemand, der mit seinen Tränen allein ist, wird aller Tage untröstlich sein. Wir sind es, die einander Gefährten sein müssen, und dann werden wir staunen, darüber wie wir angesichts tiefer Begegnung und Gemeinschaft, angesichts heilsamen Miteinanders, neuen Frieden und neue Güte erlangen, die fruchtbarer Boden für Vergebung als Lebenshaltung werden.

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In den Nächten, wenn es still wird, lern’ ich danken
für alles Gute, das die Liebe mir geschenkt.
Und ich denke an die Traurigen und Kranken,
deren Hügelschultern niemand sanft umfängt.

Und ich schicke, wie ein Hüter zahmer Tauben
diese Vögel stiller Hoffnung in die Welt:
niemand ließe unter Tränen seinen Glauben,
krank vor Einsamkeit, die alle einst befällt.

Gib doch den Händen, die ich zu Dir betend, falte
ein tiefes Wissen, das nie mehr, nie mehr vergeht,
dass ich selbst den Balsam süsser Lind’rung halte,
den der Leidende von Dir, mein Gott, erfleht.

Gib doch den Worten, die ich suchend, ringend spreche
eine Zärtlichkeit, die manche Wunde heilt.
Wenn ich selbst einmal am Fels der Angst zerbreche,
schicke Einen mir, der liebevoll verweilt.

voegel

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Eine ganze Weile hat das Christentum ein Aroma von Kleinheit verbreitet. Menschen sahen in den Spiegel und erblickten dort einen Wurm, nichtswürdig und mit Schuld beladen. Wollte man den Zeitgeist heutiger populärer Spiritualität zusammenfassen, könnte man hingegen wohl sagen, der Mensch schaut in den Spiegel und sieht eine Gottheit, allmächtig und groß. Das Traurige ist wohl, das beides so dumm ist, wie es – hinter der Verzerrung – wahr ist.

Der Mensch, der sich in seiner Nichtswürdigkeit verliert, verkennt das große Geschenk das ihm Gott gemacht hat, ebenso wie der, der sich in Allmachtsfantasien und gefühlsduselige Überheblichkeit begibt. Beiden wohnt überdies ein immenser Fluchtreflex inne:

Der Mensch, der zu klein ist, um je etwas richtig zu machen, der Gott in weiter Ferne, hinter dem Graben der Schuld und Trennung suchen muss, ist auf eine Art von wahrer Verantwortung beurlaubt – er kann den Dingen sowieso nie genügen, und das einzige was ihn rettet, ist eine Gnade, die von ihm gänzlich unbeeinflusst ist. Kurzum: der nichtswürdige Mensch befördert Gott ins Aus. Dort kann Er nichts anderes mehr sein als ein deus ex machina, ein zufällig wie ein Lotteriegewinn auftretender Impuls, der folgenlos ins Leben des Einzelnen scheppert. Die Ohnmacht des Einzelnen – ein getarnter Akt der Herrschaftlichkeit. Eleganter kann man sich Gottes kaum entledigen.

Der Mensch aber, der so groß ist, dass ihm aus jeder Pore das Universum heraussickert, der sich selbst gern mit Gott identifiziert, ist Lichtjahre von Schmerz, von Mitgefühl, von Reue und jedem menschlichen Gefühl entfernt, weil seine euphorische Verblendung ihn geradewegs von der Erde hinfort in den Orbit niemals endender Eitelkeiten katapultiert hat. Jede Wirklichkeit, die arbeitsreicher Veränderung bedürfte, subventioniert er mit seinem entrückten Lächeln und seinem Lallen von Sinn, Erwachen und Seelenwegen, das nichts weiter tut, als ihn seiner Tatkraft ebenso wie seiner realen Verstrickung zu entbinden. Trunken vom Gesöff unterstellter Sinnhaftigkeit am Grund noch der größten Perversion, tut dieser Mensch den lieben langen nichts anderes, als sich selbst zu verehren, und er schreckt auch nicht davor zurück zu sagen, dass der Mensch Gottes Erwachen bewirke, Gott also ohne uns dazu verdammt sei, ein Leben in Unbewusstheit zu führen – eine Behauptung, die jedem sehenden Menschen allein schon beim Blick auf das Wunder einer Steckrübe abhanden kommen müsste. Das ist sicher keine elegante Art, sich Gottes zu entledigen, eher eine unglaublich pathetische und impertinente, aber sie entspricht dem Geist unserer Zeit und wird daher weitgehend unbeeindruckt abgenickt und im Buch- und Seminargeschäft für gutes Geld verkauft.

Es ist zweifelsohne vereinfachend und polemisch obendrein dies zu sagen, aber der „Wurm“ und die „selbsternannte Gottheit“ müssten einander einmal begegnen und über diese klägliche Erkenntnis hinauswachsen, dass der Andere im Unrecht und verirrt ist. Unter dem verstehenden Blick des Anderen müsste dem Wurm seine Nichtswürdigkeit schmilzen und zerrinnen, ebenso wie der Gottheit ihre Euphorie und Eitelkeit, und dann bliebe vielleicht übrig, was hinter der Verzerrung immer schon wahr ist: dass der Mensch ganz und gar unbedeutend ist, und dass ihm zugleich die Bedeutung aller Dinge innewohnt, weil der Schöpfer aller Dinge selbst ihm innewohnt, und dass Leben wohl auch bedeutet, dieses Paradoxon auszuhalten und auszutragen, und zwar am Schauplatz jeglicher Erkenntnis: in der Begegnung. Und diese Erkenntnis zu schmecken, bedeutet tatsächlich, die Lust an der Selbstquälerei und Erniedrigung zu verlieren, ebenso wie an der Aufgeblasenheit und der Macht, weswegen der derartig geerdete und gesundete Mensch eine beachtliche Immunität gegen Sektierer jeglicher Couleur entwickelt.

Dieser verstehende Blick aber, der zu solcher Erkenntnis führen mag, ist etwas, das wir lernen müssen, denn wir sind es gewöhnt, nur noch verstehen zu wollen um zu triumphieren oder um uns selbst zu entlasten.

Es gibt aber ein Verstehenwollen, das seiner Natur nach Liebe ist.

Es blickt auf den Anderen um seiner selbst willen, und daher wird es auch wieder möglich, vom Anderen berührt zu werden, und beschenkt mit Erkenntnis, die uns eben noch fehlte.

Das Christentum, das uns so sehr auf das Du verwiesen hat, ist oft missverstanden worden als Stifter rigider Moral, die sich am Anderen abarbeitet. Vergessen wurde dabei nur allzu gern, dass das Du uns auch geschenkt wurde als Ort blühender Erkenntnis, als sakramentaler Ort der Reifung. Ich bin sicher, dass wir die weitreichenden Folgen aufrichtiger Begegnung noch nicht annähernd begriffen haben, und dass wir weiterhin in heilloser Dummheit vor uns hinvegetieren werden, bis wir in dieses Begreifen hineinwachsen. Nun, das ist wohl Evolution. Dabei helfe uns Gott, der sowohl Wurm als auch selbsternannte Gottheit erschaffen hat, was mir Anlass zur Hoffnung gibt, dass auch diese Kapitel einst ein wohlgefälliges Ende finden.

Bild: „Narcissus“ by Camie Davis

narziss

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Oftmals, auf Nachfrage, entkleidet sich unser Streben nach spiritueller Entfaltung und „Erwachen“ in Sätzen wie „Ich will glücklich sein“ oder „Ich will das Leben meistern“. Oftmals auch geben diese Sätze wiederum den Blick auf den darunter liegenden Wunsch frei: „Ich will frei von Schmerz sein“.

Es ist der Schmerz, den wir um jeden Preis bändigen, heilen, auflösen, loslassen, vergessen, transzendieren, aufgeben wollen, und dafür werden wir so erfindungsreich in Theorie und Praxis, dass spürbar wird: hier geht es buchstäblich um Leben und Tod.
Denn alle Angst vor dem Schmerz ist letzten Endes eine Angst vor dem Tod. Eine Angst vor dem Ende des Glücks, der Gesundheit, der Familie, der Partnerschaft, des Wohlstands, der physischen Existenz, der Person.

Noch unsere spirituellen Konzepte sind oftmals leicht zu entlarvende Ränkespiele, mit denen wir uns schnell in den Gedanken der Ewigkeit und der All-Einheit, des Sinns oder der Vorbestimmung flüchten, bevor die Vorstellung unseres Schwindens uns auch nur einen erhöhten Puls verschafft. Da tun wir, was wir so oft und unerbittlich tun: wir überspringen das eine, das Notwendige, und nehmen unser Ankommen vorweg. Und der Grund dafür ist nichts weiter als Angst – unser Ankommen aber bleibt Selbstbetrug (und oft genug auch: Betrug an Anderen!). Und ohne es zu wissen, bringen wir uns damit um das tiefe Glück, das sich entfaltet wenn wir Leben in seiner Ganzheit annehmen und fließen lassen.

Heute ist Palmsonntag – die heilige Woche beginnt. Was uns die christliche Tradition über die Kartage erzählt, ist eine beispiellose Geschichte von Leiden und Sterben. Und bevor wir uns alle, erneut vorwegnehmend, „Frohe Ostern“ zurufen, sollten wir das aushalten und ansehen: Kartage.

Diese Tage erzählen uns von der Erfahrung schmerzlicher Wirklichkeiten, die angenommen und durchlebt werden wollen. Christus offenbart uns keine Formel, die wir künftig auf schmerzvolle Erfahrungen anwenden können, um uns die Tränen zu ersparen. Stattdessen lädt er uns ein, die Tränen zu weinen, mit aller Hingabe, und das Lachen zu lachen, mit ebensolcher Hingabe.

Weder gilt es, den Schmerz zu halten noch ihn aufzulösen (und bitte: ich rede hier von der inneren Erfahrung von Schmerz, und keineswegs davon, dass man leidverursachende Strukturen in der Welt nicht mit aller Tatkraft ändern sollte). Weder gilt es, das Glück zu halten, noch es aufzulösen. Das, was wir sind, jenseits der Schmerzen, ist mehr als der Schmerz. Das, was wir sind, jenseits des Glücks, ist mehr als das Glück. Und dieses Sein hat kein Bestreben, uns vor Schmerz oder Glück zu bewahren, die es selbst als Schöpfung hervorgebracht hat.

Wenn ich versucht bin, mir eine Erfahrung schönzureden, sie zu meiden, sie auszubessern, wenn ich an meiner Trauer herumdoktere oder an meiner Unfähigkeit zur Vergebung, wenn ich einen Kummer vorschnell zum Schweigen bringen oder eine Angst wegrationalisieren will, wenn ich versucht bin, mich in ein geiziges, einsames Glück zu kleiden wie in Watte, dann rufe ich mir ein Bild vor Augen, das mich innerhalb weniger Sekunden neu ausrichtet (Metanoia):

Es ist das Bild von Jesus im Ölgarten, der darum bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen, und der sich dann betend den Satz erringt „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“. Wir werden diesen Satz feiern, am Donnerstag.

Dieser Satz ist keine Einladung zu Fatalismus oder Determinismus, er ist kein Aufgeben der Souveränität in ein frommes Sklaventum. Dieser Satz ist ein Dialog zwischen endlicher Existenz und unendlichem Sein, zwischen Illusion und Wirklichkeit, zwischen Angst und Liebe. Dieser Satz ist eine Kapitulation im besten Sinne: Ausdruck der Bereitschaft, einer Erfahrung zu begegnen und sie zu durchschreiten. Er bedeutet die Bereitschaft, der Wahrheit, die an unserem Herzensgrund liegt, zu begegnen, durch alle schmerzlichen Unwahrheiten unseres Lebens und Strebens hindurch. Dieser Satz, da er Schmerz bejaht anstatt ihn zu fliehen, ist eine Tür zum Anderen, an dessen Schmerz wir nun wahrhaftig mitfühlend Anteil nehmen können.

„Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“ – das ist ein Trümmerfeld, aus dem eine Blüte treibt.

Erst wenn der Kelch geleert ist, erst wenn wir uns haben stechen lassen, dort wo es wirklich weh tut, in der Wunde unserer Endlichkeit, kann etwas in uns singen: Oh Tod, wo ist Dein Stachel nun. Und diese Worte werden wir singen, zu Ostern.

Das ist Befreiung. Nicht Befreiung vom Leben in der Welt, sondern Befreiung zum Leben in der Welt hin. Befreiung vom Zwang, das Ich schützen und eine Denkungsart, Geisteshaltung oder ein Bekenntnis tragen zu müssen wie eine Rüstung. Befreiung in eine Handlungsfähigkeit und schöpferische Kraft, die Ausdruck von Liebe und Menschlichkeit ist.

Ich wünsche Euch eine besinnliche Karwoche.

Bild: © Octavio Ocampo

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Über das Herz wird viel geredet in der spirituellen Landschaft. Und nicht selten darf es herhalten als ein Ort der Missverständnisse. Denn in seinem Herzen zu sein, und aus dem Herzen zu leben, das bedeutet nicht, das Denken zugunsten des Fühlens zu lassen. Das bedeutet auch nicht, zu glauben dass alles was man denkt und tut, gut sei, weil es „kein richtig und kein falsch“ gebe. Es bedeutet auch nicht, angekommen zu sein in einer Art die satt und unbewegt ist.Sich immer wieder auf das Sanktum des Herzens zu besinnen, bedeutet viel eher, all die Geschenke die uns gegeben sind, das Streben nach Erkenntnis, den Willen zum Guten, das Mitgefühl für alle Kreatur, in sich zu vereinen. Gedanke, Wort und Tat dem Feuer auszusetzen, das als Schöpfungsfeuer unseren Herzen innewohnt. Und auch die Welt immer wieder aufs Neue ins Herz hineinzunehmen, mitsamt ihrer Unwirtlichkeit und allem was an ihr krankt.

In der christlichen Ikonographie ist das Herz nicht ohne Grund zweierlei: auf vielen Bildern sehen wir es als Licht das in die Welt strahlt und als loderndes Feuer. Auf anderen Bildern sehen wir es als das durchbohrte und dornengekrönte Herz Jesu oder das mit Schwerten durchbohrte Herz Mariens. Diese Bilder weisen uns darauf hin, dass der Ort der am empfänglichsten für das tiefe Leiden der Welt ist, auch der Ort ist, von dem alles Licht und alle Erlösung ausgeht.

Es gibt das eine nicht ohne das andere.

Sich diesem Sanktum des Herzens immer mehr zu überlassen, ist eine Reise, die uns immer wieder über unsere Grenzen führt, uns das Altvertraute nimmt und es in eine neue Weite überführt. Jörg Zink schreibt in seinem Buch „Erde, Feuer, Luft und Wasser. Der Gesang der Schöpfung und das Lied des Menschen“:

“Wer mit dem Herzen denkt, weiss, dass keiner seiner Gedanken zu Ende gedacht ist, sondern immer noch andere Gedanken nachfolgen müssen, und dass alles Erkannte der Veränderung, der Bewährung und der Wandlung bedarf.

Wer mit dem Herzen denkt, der ist unterwegs unter den Wolken und den Winden und weiss, dass er kein Ziel, sondern immer nur Rastplätze seines Denkens und seines Glaubens erreicht hat und dass die Wege weitergehen bis an ein Ziel, das ein anderer gesetzt hat.”

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Wie oft wollen wir frei sein, und wähnen uns frei, wenn wir frei von Krankheit sind, frei von Not, frei von Tränen, frei von der Bedürftigkeit, Erkenntnis, Wärme, Halt und Schönheit aus der Begegnung mit dem Anderen erlangen zu müssen. Freiheit aber ist nicht Freiheit vom Schmerzlichen, nicht Freiheit vom Stachel der Vergänglichkeit und des Todes, nicht Freiheit vom Werden am Du, das nicht Makel ist sondern Würde.

Freiheit ist Freiheit zum Schöpferischen, zum Ja dazu, die Welt mitzugestalten. Freiheit ist Erkenntnis der eigenen Kleinheit und Erfahrung der eigenen Grenzenlosigkeit. Freiheit ist Lust an der Begegnung, am blutvollen Geben und Nehmen, am Werden, Wachsen und Reifen, an der Schöpfung, am Herzen des Anderen, am Grunde des Kelches der Not ebenso wie auf den Gipfeln der Freude. Freiheit ist Atmen der Ewigkeit inmitten aller vergänglichen Erscheinungen, ist eine Umarmung des Chaotischen, aus dem immerzu neue Schöpfungen hervorgehen.

Freiheit zum Menschsein ist etwas ganz anderes als Freisein von etwas. Allenfalls bemerken wir in der freiheitlichen Bejahung des Lebens mit all seinen Facetten, dass Dinge von uns abfallen, die uns hinderten, auch die Sucht, immer nur uns selbst verpflichtet zu sein. Die Dinge loswerden zu wollen jedoch, die uns hindern, die uns verwunden, ärgern, krank machen oder belasten, hat uns noch nie frei gemacht, sondern unserem Gefängnis nur weitere Schlösser hinzugefügt.

Alle Dinge des Lebens enthalten eine Einladung an uns, unsere Freiheit zu umarmen, und mit ihr unsere gestalterische Kraft, unseren Willen, unsere Erkenntnisfähigkeit und unsere Verantwortung. Wir sind Narren, wenn wir denken, diese Freiheit machte uns zu Göttern, denen es zustehe, sich zu nehmen was ihnen beliebt. Denn dieser Freiheit wohnt solche Zärtlichkeit inne, solche natürliche Demut, solche mitfühlende Aufmerksamkeit, dass sie nichts anderes wollen kann, als Segen, als Frieden, als Seligkeit für alle.

vogi

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Was kann der Mensch anderes wünschen, als ins Leben zu finden. Überall da jedoch, wo wir unerbittlich Widersprüche auflösen wollen, innere Kämpfe leugnen, dort wo wir aufhören zu zweifeln und zu fragen, dort wo wir aufhören an der Welt wie sie ist, zu leiden, finden wir nicht ins Leben, finden wir nur in das Verlies unserer Angst, die uns bewahren will vor dem was sticht, doch auch vor der Wahrheit darunter.

Zwischen der erfahrbaren Vollkommenheit der Schöpfung und ihren Wunden liegt eine Spannung. Zwischen der Bestimmung, die wir so oft erahnen, und dem freien Willen, den wir so oft nicht zu nutzen wissen, liegt eine Spannung. Zwischen der Reue, die wir über unser Versagen empfinden und der Kraft, die wir aus dem Willen zur Wiedergutmachung schöpfen, liegt eine Spannung. Zwischen der Hingabe noch, die alles gibt, und die doch ein Alleslassen ist. Zwischen dem Willen zur Veränderung, und der Gewissheit, dass in allem etwas Unveränderliches wohnt. Zwischen der Klage und dem Dank. Dem Ewigen und der Brüchigkeit der Erscheinungen.

Und ins Leben zu finden, das kann nicht bedeuten, diese Spannung zu leugnen, sie auflösen zu wollen oder sie zu fürchten. Ins Leben zu finden, und dies ist zugleich Spirituell-Sein, bedeutet, diese Spannung zunächst auszuhalten und dann auszutragen. Als Frage, die Antwort sucht, und als Antwort, die neue Fragen hervorbringt. Als Verstehen in Gedanken, Herz und Hand, das sich in unseren Begegnungen ereignet. Und der Schmerz wird so ein anderer, weil er nicht länger der Schmerz der Versagung ist. Und die Liebe wird so eine andere, weil sie endlich eine Liebe zum Du ist.

lieblichistes

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