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Posts Tagged ‘Mystik’

Wir müssen die Leben derer, die wir nicht verstehen, die wir nicht ertragen, wenigstens in einem Atemholen, wenigstens in einem Schweigen zärtlich betten – nicht dass sie sich veränderten in das für uns Annehmbare, doch dass wir die Tür nicht zufallen liessen zu den Räumen, in denen jeder Mensch sich aufgehoben wissen darf, in denen auch wir uns als Aufgehobene verstehen dürfen, deren Zerbrochenheit mehr ist als eine Bürde für unseren Nächsten: Signum und Würde des Werdenden. Denn alles Werdende kann nie verstanden, kann nie angenommen sein; es steht unter dem Gesetz der Vorläufigkeit, unter dem wir so vielfach leiden wie unter dem Stachel des Endlichen: ein Nein, das nicht zu beruhigen ist. Dort aber, wo unser Schweigen das Werdende trägt, das wir nicht tragen können, beginnt das eigentliche Beten: jenes Beten, das ablässt von der Lust des Bewahrens, und von der Verzweiflung am Kommenden, vom dunklen Eigenwillen, der nie mehr erhoffen kann, als ein wurmstichiges Wohlergehen, eine flüchtige Beruhigung, die sich immer gegen den Anderen, den verhassten Boten der Endlichkeit, schützen muss. Das tiefste Beten kommt nicht von redlichen Lippen und nicht aus wohlwollendem Herzen – es wird gesprochen von einer fernen Stimme. Sie betet uns, überwältigt uns, sie stürzt aus dem kleinen Schweigen, das wir ihr liessen, in alles, was wir für Heimat hielten, in jedes Begehren, dem wir einander auslieferten, und beschenkt uns mit dem, worum wir nie zu bitten im Stande sind: mit dem Schwinden jeder Gewissheit.

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Vom 29.1. bis zum 6.4. dauert die drei feministische Gottesdienste umfassende thematische Reihe „Vergebung“ in der evangelischen Stadtkirche St. Petri, Dortmund. Am 26.2.2017 durfte ich als Gastpredigern einige Betrachtungen zur Aufforderung Jesu, grenzenlos zu vergeben, beitragen:

Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal – Zwischen grenzenloser Vergebungsbereitschaft und dem Unverzeihlichen„.

Diese Predigt ist nun auf Youtube nachzuhören.

Was erscheint, wenn wir uns von Vergebungspraxis als ethischem Anspruch lösen? Was eröffnet sich, wenn wir auch unser Nichtvergebenkönnen anerkennen? Worauf verweist Jesu Aufforderung zu unendlicher Vergebungsbereitschaft?

Eine Spurensuche auf dem Hintergrund mystischer Erfahrung.

(Als PDF Download befindet sich die Predigt auf meiner Website)

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Was, wenn uns Gott nicht nur als Heilung begegnet, sondern als Krankheit? Nicht nur als Frieden, sondern als Zerwürfnis? Am 30.10 hatte ich die Freude, in der Stadtkirche St. Petri Dortmund eine Gastpredigt zum Thema Angst zu halten. Biblischer Gegenstand dieser mystischen Auslegung war die Geschichte der Sturmstillung (Mk 4,35-41). Die komplette Predigt „Leben inmitten des Sturms: Radikale Verletzbarkeit als Quelle der Gotteserfahrung“ ist nun auf Youtube nachzuhören. Viel Freude damit.

Stillung des Sturms

Am Abend jenes Tages sagte Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: »Lasst
uns ans andere Ufer fahren!« Sie schickten die Menge nach Hause, stiegen
in das Boot, in dem Jesus bereits war, und fuhren mit ihm ab. Einige andere
Boote begleiteten sie. Plötzlich brach ein heftiger Sturm los; die Wellen
schlugen ins Boot, und es begann sich mit Wasser zu füllen. Jesus aber
schlief im hinteren Teil des Bootes auf einem Kissen. Sie weckten ihn und
schrien: »Meister, macht es dir nichts aus, dass wir umkommen?« Jesus
stand auf, wies den Wind in seine Schranken und befahl dem See: »Schweig!
Sei still!« Da legte sich der Wind, und es trat eine große Stille ein.
»Warum habt ihr solche Angst?«, fragte Jesus sie. »Habt ihr noch kein
Vertrauen?« Da gerieten sie in große Furcht, und sie sagten zueinander:
»Wer ist nur dieser Mann, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?

(Markusevangelium 4,35-41, NGÜ)

 

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In einem aktuellen Interview, das Doris Iding mit mir führte, sprachen wir über Synästhesie, mystische Erfahrung, Klöster, Gebetsleben und das Heiligtum des Alltags. Das Interview findet Ihr im Yoga aktuell Heft 99, das zum 1.8. erscheint – am Kiosk oder bestellbar unter diesem Link.

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Geliebter,
Du bist das Weiss der Wolken,
das Schwarz der Rinde
und das Rot des Mohn, das in den Wiesen brennt.
Du bist der Silberglanz des Regens,
das Gold des Morgens
und der Duft des Frühlings, der die Liebenden ruft.
Ruhelos kreisen die Vögel
über den Meeren meines Herzens
mit sehnendem Ruf:
Maranatha, komm.
Komm, der Du mir näher bist als meine Haut,
tröste die Welt mit meinen Händen,
liebkose die Welt mit meinen Augen,
segne die Welt mit meinen Worten.
Lass mich Dir Herberge sein.
Geliebter,
Du bist die Dämmerung,
die Tag und Nacht versöhnt.
Verwandle auch mich in einen Raum
der Versöhnung.
Amen

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Wenn Auferstehung die Überwindung des Todes ist, so bedeutet sie die Erlösung all dessen, was uns Leben verweigert, uns hindert, uns der Kraft beraubt, uns lähmt und unser Licht auslöscht. Welche Dinge sind das? Leidet der Mensch, leidet sein Leuchten unter dem physischen Tod? Nein, der physische Tod ist nur ein Übertritt, eine Gestaltwandlung, ein Zerrinnen der Form.

Was aber den Menschen in tiefstes Leid drängt und ihm Leben entzieht, das ist die Abwesenheit von Liebe, das sind Gleichgültigkeit, Angst, Hoffnungslosigkeit, ausweglose Selbstbezogenheit, das sind Gewalt und Tyrannei – damals nannten die Menschen dies „Sünde“. Es bedeutet nichts anderes, als vom Leben getrennt zu sein – den Strom des Lebens in uns nicht zuzulassen und das Licht gelebter Menschlichkeit immerzu durch Trennung schaffendes zu verdunkeln. Es bedeutet, sich den dunklen Wünschen in uns zu überlassen, die niemals nach Begegnung streben, nicht nach Frieden und Gemeinschaft, nicht nach Achtung vor jeglichem Leben, sondern immer nur nach unmittelbarer selbstbezogener Bedürfnisbefriedigung, nach einer Selbstüberhöhung, die die Schwäche des Anderen instrumentalisiert. Sünde ist sehr real, auch heute noch. Sie ist nichs anderes als eine Entscheidung, die die Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft willentlich außer acht lässt.

In der Geschichte Jesu sehen wir einen Menschen, der der Gleichgültigkeit und Angst, der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit begegnet. Der sowohl jene, die wir Täter nennen, liebt, als auch jene, die in ihrem Scheitern niemandem mehr gut genug sind. Der bereit ist, sich jenen entgegen zu stellen, die Menschen unterdrücken, tyrannisieren und beherrschen. Der bereit ist, sich verurteilen zu lassen und den gewaltsamen Tod zu durchschreiten. Hier erhebt sich einer, der all die menschengemachte Trennung erkennt, benennt, verzeiht, durchbricht und transzendiert. Er nimmt die Schläge der Soldaten mit ans Kreuz, ebenso die Feigheit des Petrus, den verlogenen Kuss des Judas, und damit all unsere Feigheiten und unseren Verrat an dem, was wir sein könnten, erlaubten wir dem Strom des Lebens, uns mitzureißen und zu verwandeln. Alles was uns vom Leben trennt, nimmt er mit ans Kreuz und hinab in das Reich des Todes, in jenes dunkle Reich menschengemachter Vereinsamung, Hoffnungslosigkeit und Vernichtung, in das sich niemand mehr hineinwagt als Gott in Person.

Und dann kehrt er zurück. Mit ungebrochenem Leben. Als Schöpfer, Hüter und Spender nicht endenden Lebens, an dem all unser Trennendes versiegen muss. Das Grab ist leer. Das Echo aller vernichtenden Ängste und Untaten ist verklungen.

Wie wäre es, wäre unser Grab leer? Diese Gruft unserer falschen Entscheidungen, unserer boshaften Gedanken, unserer hohlen Worte, unserer Renitenz mit der wir darauf beharren, nur Menschen zu sein, die mit ausgefahrenen Ellbogen und Scheuklappen an den Augen dafür sorgen müssen, dass sie in ihrer kurzen Lebensspanne halbwegs glücklich sind, auf wessen Kosten auch immer?

Und wie wäre es, sähen wir den Auferstandenen? Maria Magdalena erblickt ihn im Garten. Auch wir können ihm dort begegnen, im Garten unserer Seele, und ebenso wie sie erkennen wir ihn vielleicht für eine ganze Weile nicht. Auferstehung ist kein altes Märchen, kein vergangenes Ereignis, keine Trostgeschichte für eine vom Tod geplagte Welt. Auferstehung ist das Wunder mystischer Erweckung, ist ein Schmelzen unserer totenstarren Seelenanteile unter Gottes guter Hand, hinein in das Wunder nicht endenden Lebens.

Auferstehung feiern heisst, Christus einzulassen in unsere inneren Reiche des Todes. Und mit ihm, ja in ihm aufzuerstehen zu einem Leben, das Segnung, Fülle und Freude für alle vorsieht.

Ich wünsche Euch Frohe Ostern!

Bild: Kim Young Gil

kimyounggil

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Wenn Beten bloß ein Bitten wäre – und dies ist ein so gängiges Missverständnis unserer Zeit – dann wäre es in der Tat ein unseliges Gefängnis der Unmündigkeit, in das wir uns selbst jeden Tag aufs Neue einsperren, in dem wir einander nicht mehr wären als menschliche Abgründe, deren Leere mit nichts zu füllen ist, und in dem wir Gott gegenüber träten als ewige Kinder ohne Aussicht auf den köstlichen Moment, in dem uns die Gegenwärtigkeit des Gebrauchten und Gewollten, ja noch des Nicht zu erhoffenden so durchdringt wie Morgenlicht die müden Weiten alter Erde.

Aber Beten ist – und das wirst Du selbst dann erfahren, wenn Du es als unermüdlich Bittende/r beginnst – so viel mehr als eine Frage an den Liebsten, als eine Hoffnung auf das Sich Verschenkende, als eine Erinnerung an ein altes Versprechen dessen Einlösung sich fortwährend ereignet.

Beten ist selbst der heilige Raum, in dem wir in alles hineinwachsen, was in uns als Same schlummert – in Einsicht, in Tiefe, in Klarheit, in Begegnung, in Liebe die aus reinigendem Feuer hervorging. Gebet ist ein Lebensweg, dem ein Entschluss zugrunde liegt – selbst noch dann, wenn wir nichts von ihm wissen – der Entschluss nämlich, zu werden wozu Gott uns erdacht hat und erdenkt, noch in diesem Moment. Und es mögen tausend Stunden vor uns liegen, angefüllt mit wüstenöder Trockenheit, mit dem alles umspannenden Gefühl der Sinnlosigkeit, das Beten mag uns vorkommen wie eine Verwirrung, die kein Ende findet, aber einmal kommt der Moment, in dem das Gebet der reißende Strom wird, der Dich mitnimmt, der Dich Dir wegnimmt, und der Dich in etwas überführt, von dem Du jetzt – und es gibt keinen Grund, das zu bedauern – noch nichts ahnst.

Du musst also nicht auf das Geschick Deines Betens vertrauen, oder auf dessen Schönheit, auch nicht auf dessen Wirkung oder das dabei herrschende Gefühl. Dein Vertrauen darf dem Gebet selbst gelten, und dem darin lebendigen Unbekannten, der ultimativen Bodenlosigkeit, die Jesus wohl meinte, als er sagte, der Menschensohn habe keinen Ort, an dem er sein Haupt betten könne. Gebet ist der Nichtort, an dem Beheimatung eine neue Bedeutung gewinnt. Gebet ist der Nichtort, von dem aus unsere Pilgerschaft sich entfaltet. Dies ist wohl nicht weniger als ein Geheimnis, ein Abenteuer und ein großes, lebendiges Wunder.

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