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Posts Tagged ‘Ostern’

Die heilige Woche beginnt. „Frohe Ostern“ rufen schon viele, und das ist mehr als eine Unachtsamkeit gegenüber dem Kirchenjahr mit seiner Festordnung – es zeugt viel mehr von unserer Furcht vor dem Schmerzlichen und unserem Wunsch, schon in festlicher Freude angekommen zu sein. Denn die Karwoche erzählt eine quälende Geschichte von Leid und Sterben, von Unausweichlichkeit und Verlust – und wenn wir diese Geschichte auch als Skizze eines persönlichen, innerseelischen spirituellen Prozesses begreifen, dann schwant uns, dass auch wir vieles sterben lassen müssen um ein neues Leben zu finden.

Als Papst Franziskus gestern dazu aufforderte, Jesus nicht nur auf Gemälden anzusehen, sondern sein Gesicht in all den Leidenden denen wir begegnen zu finden, dachte ich, diese Mahnung hat auch in der freien spirituellen Szene Gültigkeit. Denn wie sehr wird dort ein Bogen um den Leidenden gemacht. Wie sehr wird dort der starke, erfolgreiche, gesunde, junge Mensch verehrt, und wie sehr wird dort Leid als Folge fehlerhafter Gedanken, Verhaltensmuster und Interpretationen stigmatisiert. Westliche Spiritualität ist längst so grundlegend instrumentalisiert, dass sie zu einer Selbstimmunisierung gegen Leid schlechthin dient – auch und vor allem gegen das Leid des Anderen, an dem wir oftmals nicht unbeteiligt sind.

Was das verehrte Jesusgemälde an der Wand und das Idealbild des erwachten postmodernen Spirituellen gemein haben, ist, dass sie nicht viel mit dem Alltag zu tun haben. Dass sie unseren Wunsch bedienen, unversehrt und heil zu sein. Dass wir sie dazu benutzen, uns gedanklich und real aus einem leidvollen Kontext herauszuheben.

Jesu Worte, nachdem er auf einem Esel reitend in Jerusalem empfangen wird, fahren wie ein Schwert in diese Beschaulichkeit:

„Wem sein eigenes Leben über alles geht, der verliert es. Wer aber in dieser Welt sein Leben loslässt, der wird es bewahren für das ewige Leben.“ (Joh 12,25)

Das ist keine Einladung dazu, das irdische Leben gering zu achten oder auf die Welt herabzublicken. Es ist aber eine Aufforderung dazu, das kostbare irdische Leben in einen größeren Kontext zu betten. Der große Kontext des Christentums ist Begegnung und Beziehung, ist Verbundenheit und Verbindlichkeit. Ob wir nun also Gott suchen oder ein Heilsein, gelingendes Leben oder unser wahres Glück – wir finden es nicht jenseits des Menschen, nicht jenseits des Leidenden, nicht jenseits der Tatkraft, die den Leidenden aufrichten will.

In der Wunde unserer Endlichkeit, die wir fürchten und fliehen, ist der Sog des Heiligen, des Lebens das nicht endet und der Schönheit die wir nur erahnen. Sich in diesen Sog zu ergeben, kann das Schwerste und Unerträglichste sein – das erlebt auch Jesus im Ölgarten.

Vielleicht können wir die Karwoche zum Anlass nehmen, dieses Wagnis einzugehen: Gott unser Glück denken zu lassen. Abzulassen von der Unerbittlichkeit, mit der wir Unversehrtheit einfordern. Vorstellungen loszulassen, unter denen längst eine aufrichtigere Sehnsucht atmet.
Den Sog wahrzunehmen.

Ich wünsche Euch eine gesegnete Karwoche.

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Die Dinge haben eine erlösende Leichtigkeit, wenn wir mit unserem Wesen die Natur des Lebens erfassen, das immer ein Drängen, Erneuern und Werden ist, eine überschäumende Seinslust, die alles immerzu über sich hinauswachsen lässt. Und die Dinge haben eine aufrichtige Traurigkeit, wenn wir mit unserem Wesen erfassen, wie schmerzlich jede Geburt ist, wieviel Kapitulation und Sterben allem Neuen vorausgeht, und wieviel vermeidbares Leiden wir einander antun. In einem weiten Herz wohnt das eine Wissen wie das andere, und allein die Liebe vermag die Spannung zwischen diesen Polen auszuhalten und würdevoll auszutragen. Diese Liebe vermag die Welt nicht gering zu achten oder in eine Seligkeit zu flüchten, die nicht am Verkosten jedes menschlichen, ja, jedes kreatürlichen Kummers gereift ist.

fruehling16

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Wenn Auferstehung die Überwindung des Todes ist, so bedeutet sie die Erlösung all dessen, was uns Leben verweigert, uns hindert, uns der Kraft beraubt, uns lähmt und unser Licht auslöscht. Welche Dinge sind das? Leidet der Mensch, leidet sein Leuchten unter dem physischen Tod? Nein, der physische Tod ist nur ein Übertritt, eine Gestaltwandlung, ein Zerrinnen der Form.

Was aber den Menschen in tiefstes Leid drängt und ihm Leben entzieht, das ist die Abwesenheit von Liebe, das sind Gleichgültigkeit, Angst, Hoffnungslosigkeit, ausweglose Selbstbezogenheit, das sind Gewalt und Tyrannei – damals nannten die Menschen dies „Sünde“. Es bedeutet nichts anderes, als vom Leben getrennt zu sein – den Strom des Lebens in uns nicht zuzulassen und das Licht gelebter Menschlichkeit immerzu durch Trennung schaffendes zu verdunkeln. Es bedeutet, sich den dunklen Wünschen in uns zu überlassen, die niemals nach Begegnung streben, nicht nach Frieden und Gemeinschaft, nicht nach Achtung vor jeglichem Leben, sondern immer nur nach unmittelbarer selbstbezogener Bedürfnisbefriedigung, nach einer Selbstüberhöhung, die die Schwäche des Anderen instrumentalisiert. Sünde ist sehr real, auch heute noch. Sie ist nichs anderes als eine Entscheidung, die die Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft willentlich außer acht lässt.

In der Geschichte Jesu sehen wir einen Menschen, der der Gleichgültigkeit und Angst, der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit begegnet. Der sowohl jene, die wir Täter nennen, liebt, als auch jene, die in ihrem Scheitern niemandem mehr gut genug sind. Der bereit ist, sich jenen entgegen zu stellen, die Menschen unterdrücken, tyrannisieren und beherrschen. Der bereit ist, sich verurteilen zu lassen und den gewaltsamen Tod zu durchschreiten. Hier erhebt sich einer, der all die menschengemachte Trennung erkennt, benennt, verzeiht, durchbricht und transzendiert. Er nimmt die Schläge der Soldaten mit ans Kreuz, ebenso die Feigheit des Petrus, den verlogenen Kuss des Judas, und damit all unsere Feigheiten und unseren Verrat an dem, was wir sein könnten, erlaubten wir dem Strom des Lebens, uns mitzureißen und zu verwandeln. Alles was uns vom Leben trennt, nimmt er mit ans Kreuz und hinab in das Reich des Todes, in jenes dunkle Reich menschengemachter Vereinsamung, Hoffnungslosigkeit und Vernichtung, in das sich niemand mehr hineinwagt als Gott in Person.

Und dann kehrt er zurück. Mit ungebrochenem Leben. Als Schöpfer, Hüter und Spender nicht endenden Lebens, an dem all unser Trennendes versiegen muss. Das Grab ist leer. Das Echo aller vernichtenden Ängste und Untaten ist verklungen.

Wie wäre es, wäre unser Grab leer? Diese Gruft unserer falschen Entscheidungen, unserer boshaften Gedanken, unserer hohlen Worte, unserer Renitenz mit der wir darauf beharren, nur Menschen zu sein, die mit ausgefahrenen Ellbogen und Scheuklappen an den Augen dafür sorgen müssen, dass sie in ihrer kurzen Lebensspanne halbwegs glücklich sind, auf wessen Kosten auch immer?

Und wie wäre es, sähen wir den Auferstandenen? Maria Magdalena erblickt ihn im Garten. Auch wir können ihm dort begegnen, im Garten unserer Seele, und ebenso wie sie erkennen wir ihn vielleicht für eine ganze Weile nicht. Auferstehung ist kein altes Märchen, kein vergangenes Ereignis, keine Trostgeschichte für eine vom Tod geplagte Welt. Auferstehung ist das Wunder mystischer Erweckung, ist ein Schmelzen unserer totenstarren Seelenanteile unter Gottes guter Hand, hinein in das Wunder nicht endenden Lebens.

Auferstehung feiern heisst, Christus einzulassen in unsere inneren Reiche des Todes. Und mit ihm, ja in ihm aufzuerstehen zu einem Leben, das Segnung, Fülle und Freude für alle vorsieht.

Ich wünsche Euch Frohe Ostern!

Bild: Kim Young Gil

kimyounggil

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“Me mou haptou” im griechischen Originaltext, vielfach ins Lateinische übersetzt als “Noli me tangere”, übersetzt also: “Berühre mich nicht!” ist ein überliefertes Jesuswort des Johannesevangeliums. Maria Magdalena, die um den Gekreuzigten trauert, begegnet im Garten einem Mann, den sie für den Gärtner hält. Die Kunst hat diese scheinbar absurde Szene zum Anlass für zahllose Meisterwerke genommen – man denke nur an Rembrandt, Holbein, Dürer, Tizian oder Correggio.

Maria Magdalena erkennt Jesus nicht, doch als sie ihn erkennt, will sie ihn berühren. Die Kunst ist voller Bilder, die sie kniend zeigen, sehnsüchtig ihre Hände nach dem Liebsten ausstreckend, gleichzeitig wie in Ehrfurcht erstarrt, sodass ihre Hände knapp über dem Gewand Jesu in der Luft verharren, ohne Erfüllung ihres Begehrs zu finden.

Jesus wird oft mit einem zurückweisenden Handgestus dargestellt, der die Berührung im letzten Moment abwendet und sich dem sehnsüchtigen Wünschen Marias entzieht, halb schon zum Himmel ausgerichtet, zu dem er aufzufahren gedenkt, um wieder beim Vater zu sein.

Meist wird das Jesuswort moderner mit “Halt mich nicht fest!” übersetzt, vielfach wird aber angegeben, die originalgetreuere Übersetzung sei “Wolle mich nicht festhalten!” Ein rätselhaftes Wort, das zur Betrachtung einlädt, ebenso wie die gesamte Szene, der wir Unrecht täten, nähmen wir sie bloß wörtlich, ohne die Symbolwelten die sie eröffnet, tastend abzuschreiten.

Als bedeutsam hervorheben möchte ich an dieser Stelle nur einige wenige Aspekte:

Maria Magdalena erkennt Jesus und sich selbst, als er sie beim Namen nennt

Die religiöse Mythologie nicht nur der Christen, sondern vieler anderer Traditionen, ist voller Begebenheiten, in denen der Mensch zu einer Form der Selbst- oder Gotteserkenntnis gelangt, in dem Moment, in dem er beim Namen genannt wird. Der Name ist mehr als bloß ein Rufwort, er ist gleichsam zum Wort geronnene Essenz. Einer der Gründe, warum beispielsweise auch in heutigen esoterischen Strömungen viel von “Seelennamen” oder “Ursprungsnamen” gesprochen wird: Ausdruck des Glaubens und der Hoffnung, der Name bilde eine Einheit mit der Seinsessenz, und werde, gleichsam wie ein Mantra, besonders wirkmächtig durch die Einheit von Bezeichnung und Bezeichnetem (und Ausdruck der Hoffnung, dieser Name sei eigenmächtig zu “erwerben”). Als Jesus Maria Magdalena beim Namen nennt, erkennt sie nicht nur ihn, sie erkennt auch sich selbst in ihrer von nun an Gestalt annehmenden Rolle als Verkünderin der Auferstehung und der Heilsbotschaft – sie ist es, die die Gefolgschaft Jesu darüber informiert, dass der Nazarener von den Toten auferstanden sei.

Mit der Auferstehung beginnt eine neue Seinsform

So wie die Geschichte erzählt ist, mag man sich fragen, warum Jesus, nachdem er seinen Körper offenbar in gesunder und lebensfähiger Form wieder angelegt hat, nicht einfach durch die Welt geht und selbst darüber spricht, was er in den letzten drei Tagen bewirkt hat, und warum es Maria Magdalenas Aufgabe wird, den Anderen davon zu erzählen, was sie gesehen hat, und das, wo doch Hörensagen noch nie eine besonders verlässliche Quelle war. Es wird klar, dass die auferstandene Seinsform keineswegs eine Korrektur am Tod ist, oder eine Aufhebung des Todes, die dann dazu führt, dass weiterhin eine körperliche Existenz “wie zuvor” möglich ist. Mit der Auferstehung beginnt eine neue Seinsform, die zwar die Zeichen des Irdischen trägt, wohl aber ganz ausgerichtet auf das “Gehen zum Vater” ist, und somit auch alle Zeichen eines himmlischen Paradieses in sich vereint.

Die Vereinigung ist eine noch nicht eingelöste Gewissheit

Jesus weist Maria Magdalena mit der Begründung ab, er sei noch nicht zum Vater aufgestiegen. Da ist etwas noch unvollendet. Und dieses Nichtvollendetsein ist es, was die Berührung, die Umarmung, die, sagen wir, Verschmelzung Marias und Jesu hinauszögert, vertagt. Wie die christliche Ikonographie auf bemerkenswert vielfältige Weise zeigt, ist die ganze Körperlichkeit Maria Magdalenas auf Sehnsucht ausgerichtet. Ihre Hände sind liebende, sehnsüchtige, gleichwohl leere Hände, und Jesus spricht eine Heilsgewissheit gleich einem Versprechen aus – verspricht dabei nicht weniger als sich selbst in der höchsten Vollendung seiner Gegenwart, bleibt aber abgewandt und unberührbar. Man kann den sehnsüchtigen Schmerz förmlich spüren, der hier auf eine nahezu unerträgliche Weise auf die Spitze getrieben wird: im Moment tiefster Trauer, größter Erleichterung, innigster Hoffnung und gleichermaßen ungläubiger Freude findet Maria Magdalena keine Erfüllung, sie verbleibt, wenigstens körperlich, in der Versagung.

Es ist vollbracht und doch auch nicht – Die Schöpfung muss zum Vater aufsteigen

Eines der Jesusworte am Kreuz ist das “Es ist vollbracht!” Allzu gern hat die Christenheit dieses Wort zum Schlusspunkt des Erlösungswerkes angenommen, über die Jahrhunderte zutiefst verhaftet im Konzept von Schuld und Sühnetod. Gerade heute, da uns das Konzept von Schuld und sühnendem stellvertretenden Sterben zutiefst fremd ist, können wir uns innerlich davon lösen und fragen, was Jesus eigentlich meint, als er nach seiner Auferstehung zu Maria Magdalena sagt, er müsse noch zum Vater aufsteigen, weswegen sie ihn nicht berühren dürfe. Da ist etwas vollbracht, doch ein anderes noch nicht. Da ist etwas unvollendet. Jesus durchreist in dieser Szene als zweiter Adam im Garten die gesamte Schöpfungsgeschichte. Er, der Logos, stirbt am Kreuz, fährt in das Totenreich, kehrt in den Körper und auf die Erde zurück und verkündet dann, er müsse noch zum Vater aufsteigen. Um was zu tun? Liest man die Texte Teilhard de Chardins, taucht man in ein Verständnis ein, in dem Christus als Zielpunkt der gesamten Kosmos-Evolution die Schöpfung mitnimmt zum Vater. Wenn er zu Maria Magdalena sagt, er müsse noch zum Vater aufsteigen, so darf man wohl annehmen, er nehme dorthin die gesamte Schöpfung mit, nachdem er doch, so die Christologie, am Kreuz ebenfalls die gesamte Schöpfung mitnahm in seine Seitenwunde, aus der nicht nur Blut sondern auch das lebendige Wasser strömt.

“Wolle mich nicht festhalten” – auch im Gebet

Nimmt man das Jesuswort als Anleitung zum Gebets- und Glaubensleben, oder als Wahrheit für die eigene spirituelle Praxis, so darf man sich eingeladen fühlen, Gottesbilder loszulassen. Sicher hätte Maria Magdalena Jesus gern festgehalten, als Messias vielleicht, vielleicht als Freund, vielleicht als Erlöser, als Propheten, als Lehrer, manch einer sagt, als Geliebten. Er aber sagt “Wolle mich nicht festhalten”, und das bedeutet mehr noch als nur die Vorstellung vom Messias, Freund, Erlöser, Propheten, Lehrer und Geliebten loszulassen. Es bedeutet noch das Wollen loszulassen, das unaufhörlich nach Identifikation, Tröstung, festen Weltbildern und Gewissheiten strebt. Das heißt nicht, dass Du nicht im Glauben sein darfst. Das heißt nicht, dass Du nicht in Gewissheiten sein darfst. Aber vielleicht heißt es, dass da, wo Du bereit bist, Gottesbilder loszulassen, Gott Dir wirklich begegnen kann. So wie es die christlichen Mystiker lehrten, so wie Johannes vom Kreuz sagte, selbst noch der fromme Gedanke hindere Dich daran, Gott zu begegnen. Leerwerden für die Berührung Gottes – nicht, wann Du willst, sondern wann Er will – ist dies nicht tiefstes Anliegen der Kontemplation, der Meditation, der spirituellen Erfahrung?

Mit diesem Gedanken des Berührtwerdens vom Unberührbaren möchte ich diesen Osterzyklus schließen und Euch die Freude der Auferstehung wünschen.

 

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Oftmals, auf Nachfrage, entkleidet sich unser Streben nach spiritueller Entfaltung und „Erwachen“ in Sätzen wie „Ich will glücklich sein“ oder „Ich will das Leben meistern“. Oftmals auch geben diese Sätze wiederum den Blick auf den darunter liegenden Wunsch frei: „Ich will frei von Schmerz sein“.

Es ist der Schmerz, den wir um jeden Preis bändigen, heilen, auflösen, loslassen, vergessen, transzendieren, aufgeben wollen, und dafür werden wir so erfindungsreich in Theorie und Praxis, dass spürbar wird: hier geht es buchstäblich um Leben und Tod.
Denn alle Angst vor dem Schmerz ist letzten Endes eine Angst vor dem Tod. Eine Angst vor dem Ende des Glücks, der Gesundheit, der Familie, der Partnerschaft, des Wohlstands, der physischen Existenz, der Person.

Noch unsere spirituellen Konzepte sind oftmals leicht zu entlarvende Ränkespiele, mit denen wir uns schnell in den Gedanken der Ewigkeit und der All-Einheit, des Sinns oder der Vorbestimmung flüchten, bevor die Vorstellung unseres Schwindens uns auch nur einen erhöhten Puls verschafft. Da tun wir, was wir so oft und unerbittlich tun: wir überspringen das eine, das Notwendige, und nehmen unser Ankommen vorweg. Und der Grund dafür ist nichts weiter als Angst – unser Ankommen aber bleibt Selbstbetrug (und oft genug auch: Betrug an Anderen!). Und ohne es zu wissen, bringen wir uns damit um das tiefe Glück, das sich entfaltet wenn wir Leben in seiner Ganzheit annehmen und fließen lassen.

Heute ist Palmsonntag – die heilige Woche beginnt. Was uns die christliche Tradition über die Kartage erzählt, ist eine beispiellose Geschichte von Leiden und Sterben. Und bevor wir uns alle, erneut vorwegnehmend, „Frohe Ostern“ zurufen, sollten wir das aushalten und ansehen: Kartage.

Diese Tage erzählen uns von der Erfahrung schmerzlicher Wirklichkeiten, die angenommen und durchlebt werden wollen. Christus offenbart uns keine Formel, die wir künftig auf schmerzvolle Erfahrungen anwenden können, um uns die Tränen zu ersparen. Stattdessen lädt er uns ein, die Tränen zu weinen, mit aller Hingabe, und das Lachen zu lachen, mit ebensolcher Hingabe.

Weder gilt es, den Schmerz zu halten noch ihn aufzulösen (und bitte: ich rede hier von der inneren Erfahrung von Schmerz, und keineswegs davon, dass man leidverursachende Strukturen in der Welt nicht mit aller Tatkraft ändern sollte). Weder gilt es, das Glück zu halten, noch es aufzulösen. Das, was wir sind, jenseits der Schmerzen, ist mehr als der Schmerz. Das, was wir sind, jenseits des Glücks, ist mehr als das Glück. Und dieses Sein hat kein Bestreben, uns vor Schmerz oder Glück zu bewahren, die es selbst als Schöpfung hervorgebracht hat.

Wenn ich versucht bin, mir eine Erfahrung schönzureden, sie zu meiden, sie auszubessern, wenn ich an meiner Trauer herumdoktere oder an meiner Unfähigkeit zur Vergebung, wenn ich einen Kummer vorschnell zum Schweigen bringen oder eine Angst wegrationalisieren will, wenn ich versucht bin, mich in ein geiziges, einsames Glück zu kleiden wie in Watte, dann rufe ich mir ein Bild vor Augen, das mich innerhalb weniger Sekunden neu ausrichtet (Metanoia):

Es ist das Bild von Jesus im Ölgarten, der darum bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen, und der sich dann betend den Satz erringt „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“. Wir werden diesen Satz feiern, am Donnerstag.

Dieser Satz ist keine Einladung zu Fatalismus oder Determinismus, er ist kein Aufgeben der Souveränität in ein frommes Sklaventum. Dieser Satz ist ein Dialog zwischen endlicher Existenz und unendlichem Sein, zwischen Illusion und Wirklichkeit, zwischen Angst und Liebe. Dieser Satz ist eine Kapitulation im besten Sinne: Ausdruck der Bereitschaft, einer Erfahrung zu begegnen und sie zu durchschreiten. Er bedeutet die Bereitschaft, der Wahrheit, die an unserem Herzensgrund liegt, zu begegnen, durch alle schmerzlichen Unwahrheiten unseres Lebens und Strebens hindurch. Dieser Satz, da er Schmerz bejaht anstatt ihn zu fliehen, ist eine Tür zum Anderen, an dessen Schmerz wir nun wahrhaftig mitfühlend Anteil nehmen können.

„Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“ – das ist ein Trümmerfeld, aus dem eine Blüte treibt.

Erst wenn der Kelch geleert ist, erst wenn wir uns haben stechen lassen, dort wo es wirklich weh tut, in der Wunde unserer Endlichkeit, kann etwas in uns singen: Oh Tod, wo ist Dein Stachel nun. Und diese Worte werden wir singen, zu Ostern.

Das ist Befreiung. Nicht Befreiung vom Leben in der Welt, sondern Befreiung zum Leben in der Welt hin. Befreiung vom Zwang, das Ich schützen und eine Denkungsart, Geisteshaltung oder ein Bekenntnis tragen zu müssen wie eine Rüstung. Befreiung in eine Handlungsfähigkeit und schöpferische Kraft, die Ausdruck von Liebe und Menschlichkeit ist.

Ich wünsche Euch eine besinnliche Karwoche.

Bild: © Octavio Ocampo

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Inzwischen sind vier Klanggebet-CD’s erschienen: Drei Lieder-CD’s und eine Meditations-CD, die zu einem herzensfrohen Leben in tiefer Verbundenheit mit Himmel und Erde einladen. In vorösterlicher Freude biete ich diese CD’s als Paket zum Sonderpreis von 59 € (statt 72 €) an, so dass Ihr Euch selbst oder Eure Liebsten damit beschenken könnt. Dieses Angebot hat Gültigkeit bis zum Ostermontag, den 6.4.2015. Bestellungen im Shop unter www.klanggebet-shop.de.

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Wenn Auferstehung die Überwindung des Todes ist, so bedeutet sie die Erlösung all dessen, was uns Leben verweigert, uns hindert, uns der Kraft beraubt, uns lähmt und unser Licht auslöscht. Welche Dinge sind das? Leidet der Mensch, leidet sein Leuchten unter dem physischen Tod? Nein, der physische Tod ist nur ein Übertritt, eine Gestaltwandlung, ein Zerrinnen der Form.

Was aber den Menschen in tiefstes Leid drängt, was sein Leuchten verdunkelt und ihm Leben entzieht, das ist die Abwesenheit von Liebe, das sind Gleichgültigkeit, Angst, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit, das sind Einbrüche von Gewalt und Tyrannei. In der Geschichte Jesu sehen wir einen Menschen, der der Gleichgültigkeit und Angst, der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit begegnet. Der sowohl jene, die wir Täter nennen. liebt, als auch jene, die in ihrem Scheitern niemandem mehr gut genug sind. Der bereit ist, sich jenen entgegen zu stellen, die Menschen unterdrücken, tyrannisieren und beherrschen. Der bereit ist, sich verurteilen zu lassen und den gewaltsamen Tod zu durchschreiten.

Auferstehung bedeutet, dass es Tode gibt, die durchschritten sein wollen. Hinter denen das Ewige wartet. Die kleinen und großen Tode kennen wir alle: ein Glaube, den wir verlieren, eine Beziehung, die endet, eine Angst, die uns jede Sicherheit nimmt. Eine Täuschung, eine Erkrankung, eine verlorene Hoffnung, ein Selbstbild das keiner Wahrheit mehr entspricht, ein Weltbild das zerbricht. Widerfahrenes Unrecht. Erkennen, dass auch wir Unrecht taten. Und unsere Gedanken und Gefühle können ebenfalls Tyrannen sein, gnadenlose Herrscher, die uns schlagen und quälen, wie jene, die Jesus auf dem Kreuzweg schlugen.

Oft rennen wir vor dem Schmerzlichen davon, hin zum Glück, von dem wir meinen es stünde uns zu, und zum Wohlstand von dem wir meinen er tröste über alles hinweg, und zum Nächsten, von dem wir denken, er sei für unser Wohlbefinden zuständig. Wir rennen zum Licht der Auferstehung, und drücken uns um das Sterben.

Auferstehung aber ist nach dem Sterben.

Spirituelles Leben erzählt viel vom ewigen Licht. Sie erzählt aber auch vom Sterben, das dafür nötig ist. Immer bereit, eine Wirklichkeit für eine andere aufzugeben, eine Sicherheit für ein Wagnis, eine Antwort für eine Frage, immer bereit ein Haus gegen ein Zelt auf dem Rücken einzutauschen – so ist der Mensch, der erkennt, dass Auferstehung einen Klang in uns hervorbringt, dem Grabesstille vorausgeht.

Der Auferstandene erzählt uns nicht von einem Leiden und Sterben das vermieden werden kann, von einem Leben ohne Tod. Er erzählt uns vom Triumph der Liebe, die so uferlos ist, dass sie das Sterben annimmt, durchschreitet und aufhebt.

isenheimer

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