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Posts Tagged ‘Psychologie’

Eine aufrichtige Spiritualität muss immer auch wachsam in Bezug auf ihre Pervertierung sein. Die Pervertierung von Demut ist Kleinmut. Die Pervertierung von Gottvertrauen ist Tatenlosigkeit. Die Pervertierung von Innerlichkeit ist Selbstbezogenheit. Die Pervertierung von Mitgefühl ist Verzweiflung. Die Pervertierung von Schöpferkraft ist Machbarkeitswahn.
Wir haben tausend Wege, das Heilige zu benutzen, zu verdrehen, zu instrumentalisieren, zu verkitschen und zu verharmlosen, und der einzige Gott dem wir damit dienen, ist der unserer Ichbezogenheit. Die alten Mystiker wussten noch darum, weswegen sie mit unglaublicher psychologischer Kenntnis, lange bevor die„Seelenlandschaft“ von der Psychologie kartographiert wurde, all jene Hindernisse beschrieben, die unsere Aufrichtigkeit unterwandern. Auch wenn Mystik heute erfreulicherweise ein großes Thema ist – die Klarheit in Bezug auf die Pervertierungen ist uns verlorengegangen, wohl weil wir die Früchte der Mystik ernten wollen ohne die schwere Arbeit, erst aussäen und Unkraut jäten zu müssen. Die Liebe zu dem, was nicht so leicht ist, und was unsere besondere Aufmerksamkeit braucht, kehrt aber zurück in dem Maße, in dem wir üben. Und wenn wir in uns gereinigtes, aufrichtiges Beten wahrnehmen, wächst in uns eine Freude, die durch nichts aufzuwiegen ist.

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Das Gestern steht nicht hoch im Kurs bei vielen Spirituellen. Wir versuchen es zu verinnerlichen, das Leben im Jetzt, das Verkosten des Moments, das Hier- und Sosein. Und das ist auch gut so. Allzu leicht aber gerät uns dann das Gestern in Misskredit, als Zeit die wir nicht mehr ändern können und die uns daher nur unnötig aufhält, als Gefilde, in denen nicht viel mehr zu verorten ist als unsere Sorge, Dinge falsch gemacht zu haben oder unser Leiden daran, Dinge nicht mehr beeinflussen zu können. Und obendrein hat es ja, viel zitiert im Internet, selbst der Dalai Lama gesagt, nicht wahr, dass weder gestern noch morgen in unserem Handlungsspielraum liegen, ergo relevant seien, was soll also der Blick zurück?

Das Gestern mutiert so in unserer Vorstellung oft zu einer Brutstätte der Depression, und gerne bringen wir es in Verbindung mit Begriffen wie „Altlasten“, „Ballast“, „alte Muster“ (warum eigentlich nicht mit „Beginn“, „Geburtsstunde von“ oder „Weichenstellung für“?). Bevor wir aber in solche feindselige Angst geraten, die dem Gestern entfliehen will, sollten wir innehalten. Denn das Gestern verrät uns so viel, ein beredter Freund ist es, dessen Worten wir zuhören dürfen. Das was wir bedauern, das was wir versäumten, das was wir zurücksehnen ebenso wie das was wir zu vergessen im Begriff sind, erzählt uns eine Menge darüber, wer wir sind. Wer wir sein könnten.

Es ist nichts falsch daran, wieder dort hin zu gehen, wo ein alter Schmerz pulsiert oder eine alte Freude immer noch leuchtet. Es ist nichts falsch daran, Reue zu empfinden, weil man ahnt dass man Dinge besser hätte machen können. Es ist nichts falsch daran, sich zu fragen, wie man all die Jahre gelebt hat, wenn jetzt ein ganz anderes Leben zu Tage treten will. Es ist auch nichts falsch daran, dort hinzusehen, wo noch offene Fragen an das rühren, was wir werden wollen, oder an Worte, die noch gesagt werden wollen. Manch eine Versöhnung wartet in den schmerzlichen Blicken aufs Gestern, in der Bereitschaft, für einen Moment noch einmal durch das zu gehen, von dem wir wissen dass es uns oder andere verletzte.

Im Moment zu sein, das heisst nicht, das Gestern abzuweisen wie einen nicht willkommenen Gast. Achtsam zu sein heisst auch, alles was wir waren und wurden ansehen zu können, selbst wenn es uns ängstigt, doch dann wenigstens ohne diese eine Angst, damit unsere Gegenwart zu beschädigen. Anzunehmen was ist, heisst auch anzunehmen was war. Selbst noch dort, wo das Gestern unrechtmäßig schwer ist, wo wir ihm erlauben, uns einzunehmen und zu fesseln, als scheinbar unlösbare Verstrickung in Dinge, die jedes Wachstum im Keim erstickt, verrät es uns etwas über das was wir wollten und nicht erlangten, und somit über das was unsere Seele zu erlangen ersehnt und zu erlangen im Stande ist. Im Gestern lesen heisst nicht weniger als liebevoll auf sich selbst zu blicken auf der Suche nach einem tiefen Verständnis für die Person die wir waren, wurden und sind. Und vieles lässt sich erst verstehen, wenn wir nach langer langer Zeit, weich geworden durch den Fluss des Lebens, zurückblicken. Dieser liebevolle annehmende Blick auf sich selbst durch die Jahre hindurch will gelernt und gepflegt sein.

Ich kann nicht für dieses seltsam vergessliche Leben ohne Gestern plädieren, dessen Motiv wohl oft eher Vermeidung als Verkostung ist, wohl aber für ein Leben ohne Angst vor der Angst. Wenn Du Dir Dein Gestern ansehen magst, weil Du fühlst dass es an Dir zieht, nagt, Dich in Frage stellt oder einfach noch schwer wiegt, oder weil Du ahnst dass es Dir Aufschluss geben kann über offene Fragen, und wenn Du es ferner angstfrei annehmen möchtest als Teil Deines Lebensweges, dann lade alles ein, was sich dort aufhält: die Freude, das Bedauern, die Reue, das Versäumnis, das Ungelöste, das Unversöhnte, das Unvollendete, das Frohe wie das Traurige und betrachte all diese Gäste als Deine Freunde, die auf ihre Weise mit Dir sprechen um Dir dabei zu helfen, der beste Mensch zu werden der Du sein kannst.

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© Eddie Michael Beck

Die Kernaussage des letzten Artikels hat freilich auch einen Umkehrschluss: nur weil ich etwas verstanden habe, muss ich deswegen keine Heilung erleben. Und wie oft haben wir diesen Satz schon gesagt: „Ich weiss nicht, warum ich dieses Problem noch nicht los bin – ich habe es doch inzwischen wirklich ausreichend verstanden!“ Ich persönlich habe diesen Satz so ungefähr gefühlte sechzehn Millionen mal gesagt. Dankbar bin ich, wenn ich etwas verstehen darf. Inzwischen bin ich aber auch im Bilde darüber, dass das oft eben nicht ausschlaggebend ist.

Das Scheitern einer Beziehung zu verstehen, bedeutet nicht, dass der Schmerz darüber nachlässt. Das erlebte Trauma kognitiv zu erfassen, bedeutet nicht, dass es sich auflöst. Zu wissen, dass man ein liebenswerter Mensch ist, bedeutet nicht, dass man es auch fühlt und verkörpert. Zu wissen, wie Angst funktioniert, bedeutet nicht, dass Herzrasen angenehmer wird. (mehr …)

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© Vonicia Verton

Neulich fragte mich eine Klientin, wie sie denn in einer bestimmten Sache Heilung erlangen solle, wenn sie die Angelegenheit einfach nicht verstehe. Ich fragte sie, warum sie denn glaube, nur dann heil zu werden, wenn sie eine Sache verstehe. Schweigen. „Ich hab‘ das so gelernt„, antwortete sie nach einer Pause.

Verstehen besänftigt die Angst

Ich kann diesen Gedanken sehr gut nachvollziehen. Mal abgesehen davon, dass wir Westler ja sowieso gern alles wissen, alles verstehen und alles erklären können, gibt es noch so etwas wie einen persönlichen Leistungsdruck, Dinge verstehen zu müssen, der im wesentlichen aus der Angst rührt, von Dingen hoffnungslos übermannt zu werden. (mehr …)

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