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Posts Tagged ‘Reue’

Mich fragte einmal ein Freund, ob ich mich nicht schämte für das was ich früher sagte oder früher war. Und ich dachte nach, und sofort stach mich Scham, für das was ich kindlich fand, kühn, was ich gedankenlos fand oder zu durchdacht, was ich gesagt hatte wider besseren Wissens und was ich nicht gesagt hatte obwohl es nötig gewesen wäre.

Dann ging ich in die Scham bis sie aus meinen Poren quoll wie Blut, und dann ging ich aus ihr heraus, wie eine Mutter, die ihr blutendes Kind betrachtet mit nichts als Erbarmen im Herzen. Und dann war ich schamlos, wie eine die begreift dass Dinge eben werden, und dem Werdenden nie Qual sein kann, dass die Dinge gestern noch anders waren, und dass sie morgen anders sein werden als er ahnen könnte.

Als Künstlerin kennt man das noch auf eine andere Weise: vielleicht sind einem die Texte fremd, die man gestern schrieb, die Bilder unangenehm, die man vorgestern malte, die Lieder schal, die nur allzu schnell unter einer Patina der Vergänglichkeit verklangen. Oft ist es, als habe die Wahrheit, die aus einem drängt, eine nur kurze Halbwertszeit – ständig stirbt sie in das weiter werdende Herz hinein, das Du bist, und die gestrige Kleinheit mag sie verletzt haben.

Wenn Dich Dinge reuen, die Du gestern sagtest, für die Du gestern branntest, dann lass der Scham ihre Seufzer, aber halte sie nicht fest, denn jeder Mensch der begreift dass er ein Werdender ist, hat die Größe, die Unzulänglichkeiten des Gestern, und jene die noch kommen, in sich zu bergen. Auch Du. Und die Welt, die in Dir heranwächst, sucht sich den Ausdruck, dessen Du fähig bist – mit einer Gnade die Dir alles verzeiht, und mit einer Kraft, die alles überwindet.

Bild: © Gina-Maria Pilipovici

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Das Gestern steht nicht hoch im Kurs bei vielen Spirituellen. Wir versuchen es zu verinnerlichen, das Leben im Jetzt, das Verkosten des Moments, das Hier- und Sosein. Und das ist auch gut so. Allzu leicht aber gerät uns dann das Gestern in Misskredit, als Zeit die wir nicht mehr ändern können und die uns daher nur unnötig aufhält, als Gefilde, in denen nicht viel mehr zu verorten ist als unsere Sorge, Dinge falsch gemacht zu haben oder unser Leiden daran, Dinge nicht mehr beeinflussen zu können. Und obendrein hat es ja, viel zitiert im Internet, selbst der Dalai Lama gesagt, nicht wahr, dass weder gestern noch morgen in unserem Handlungsspielraum liegen, ergo relevant seien, was soll also der Blick zurück?

Das Gestern mutiert so in unserer Vorstellung oft zu einer Brutstätte der Depression, und gerne bringen wir es in Verbindung mit Begriffen wie „Altlasten“, „Ballast“, „alte Muster“ (warum eigentlich nicht mit „Beginn“, „Geburtsstunde von“ oder „Weichenstellung für“?). Bevor wir aber in solche feindselige Angst geraten, die dem Gestern entfliehen will, sollten wir innehalten. Denn das Gestern verrät uns so viel, ein beredter Freund ist es, dessen Worten wir zuhören dürfen. Das was wir bedauern, das was wir versäumten, das was wir zurücksehnen ebenso wie das was wir zu vergessen im Begriff sind, erzählt uns eine Menge darüber, wer wir sind. Wer wir sein könnten.

Es ist nichts falsch daran, wieder dort hin zu gehen, wo ein alter Schmerz pulsiert oder eine alte Freude immer noch leuchtet. Es ist nichts falsch daran, Reue zu empfinden, weil man ahnt dass man Dinge besser hätte machen können. Es ist nichts falsch daran, sich zu fragen, wie man all die Jahre gelebt hat, wenn jetzt ein ganz anderes Leben zu Tage treten will. Es ist auch nichts falsch daran, dort hinzusehen, wo noch offene Fragen an das rühren, was wir werden wollen, oder an Worte, die noch gesagt werden wollen. Manch eine Versöhnung wartet in den schmerzlichen Blicken aufs Gestern, in der Bereitschaft, für einen Moment noch einmal durch das zu gehen, von dem wir wissen dass es uns oder andere verletzte.

Im Moment zu sein, das heisst nicht, das Gestern abzuweisen wie einen nicht willkommenen Gast. Achtsam zu sein heisst auch, alles was wir waren und wurden ansehen zu können, selbst wenn es uns ängstigt, doch dann wenigstens ohne diese eine Angst, damit unsere Gegenwart zu beschädigen. Anzunehmen was ist, heisst auch anzunehmen was war. Selbst noch dort, wo das Gestern unrechtmäßig schwer ist, wo wir ihm erlauben, uns einzunehmen und zu fesseln, als scheinbar unlösbare Verstrickung in Dinge, die jedes Wachstum im Keim erstickt, verrät es uns etwas über das was wir wollten und nicht erlangten, und somit über das was unsere Seele zu erlangen ersehnt und zu erlangen im Stande ist. Im Gestern lesen heisst nicht weniger als liebevoll auf sich selbst zu blicken auf der Suche nach einem tiefen Verständnis für die Person die wir waren, wurden und sind. Und vieles lässt sich erst verstehen, wenn wir nach langer langer Zeit, weich geworden durch den Fluss des Lebens, zurückblicken. Dieser liebevolle annehmende Blick auf sich selbst durch die Jahre hindurch will gelernt und gepflegt sein.

Ich kann nicht für dieses seltsam vergessliche Leben ohne Gestern plädieren, dessen Motiv wohl oft eher Vermeidung als Verkostung ist, wohl aber für ein Leben ohne Angst vor der Angst. Wenn Du Dir Dein Gestern ansehen magst, weil Du fühlst dass es an Dir zieht, nagt, Dich in Frage stellt oder einfach noch schwer wiegt, oder weil Du ahnst dass es Dir Aufschluss geben kann über offene Fragen, und wenn Du es ferner angstfrei annehmen möchtest als Teil Deines Lebensweges, dann lade alles ein, was sich dort aufhält: die Freude, das Bedauern, die Reue, das Versäumnis, das Ungelöste, das Unversöhnte, das Unvollendete, das Frohe wie das Traurige und betrachte all diese Gäste als Deine Freunde, die auf ihre Weise mit Dir sprechen um Dir dabei zu helfen, der beste Mensch zu werden der Du sein kannst.

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Ich geh’ mit Dir: 14tägiger Übungsweg. Tag 14: Bejahung

© Cristina McAllister

Der heutige Tag steht unter dem Wort „Bejahung“.

Dieser vierzehntägige Weg begann mit einem „Ja“. Und heute endet er mit einem „Ja“.

Wohlwissend, dass in diesem Ja so viele Neins eingeschlossen sind, die gesprochen werden müssen gegen Ungerechtigkeiten, Unwahrheiten und Untragbarkeiten. Wohlwissend, dass ein Ja nicht immer in seliger Ergebenheit gesprochen werden kann, sondern oftmals errungen werden will. Wohlwissend auch, dass es vor allem innere Hürden sind, die überwunden werden wollen auf diesem Weg der Bejahung.

Dies ist ein Ja zu innerer Entwicklung. Zu Liebe, Mitgefühl und Aufmerksamkeit. Zu Mut und Aufrichtigkeit, ein Ja dazu, jene Welten zu erschließen, die Du in meinen Seelengrund gelegt hast. Dies ist ein Ja zu einem bewussten Leben inmitten dieser Schöpfung, die auf unzählige Weisen von Dir erzählt. Dies ist ein Ja zu einer beherzten und bedachten Lebensreise, im Angesicht des Du, und in Deiner Gegenwart, die alles durchdringt.

Noch während ich alles dafür tun muss, wird mir alles geschenkt. Noch während Du meine Wege zeichnest, bin ich frei. Dies ist ein Geheimnis, in das ich sinke, wie der Samen in die Erde. Und dafür danke ich Dir.

Segne unsere Wege. Segne die Wege aller, die eine neue Erde in ihren Herzen tragen, berührt von Deiner Gegenwart mitten unter uns.

Paulus schrieb einst an seine Gemeinde: Gott ist in unseren Herzen aufgeleuchtet.

Dieses Leuchten möchte ich bejahen, feiern, besingen, tragen und teilen.

(Dies war ein Übungsweg vom 15.10. – 28.10. Er begann hier. Herzlichen Dank an all die vielen Leser, die mitgegangen sind und die Texte geteilt haben, und die mir so freundlich geschrieben haben. Weiterhin gute Reise.)

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Ich geh’ mit Dir: 14tägiger Übungsweg.Tag 13: Gemeinschaft

© Angela Treat Lyon

Der heutige Tag steht unter dem Wort „Gemeinschaft“.

Ich bin nicht allein. Diese Reise, die ich antrete, führt durch Höhen und Täler, immer aber in Reichweite von Gefährten. Und Gefährte will auch ich sein. Nicht nur dem Menschen, der mich kennt, und der sich selbst in mir erkennt, der sich mir zuneigt und meiner Zuneigung bedarf. Sondern auch dem Wind und dem Wasser, dem Feuer und der Erde, dem Tier, allem Wachsenden und Werdenden will ich Gefährte sein. So gut ich kann will ich dies, doch heute sage ich: ich will es besser können als bisher. Wo dazu Übung nötig ist, will ich üben. Wo dazu Offenheit nötig ist, will ich mich öffnen. Hörend sein will ich, auch und gerade für den Ruf des Nächsten der an mich ergeht, immer tiefer in ein Verstehen und Verkosten dessen sinkend, was Leben ist.

Und was der Mensch ist und was er sein kann, das werden wir erweisen. Denn jeder Tag ist der Tag der Menschwerdung.

 

Du bist mir so vertraut
ist unser Glanz auch noch verhüllt
wir teilen einen Traum
nimm meine Hand damit er sich erfüllt

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(Dies ist ein Übungsweg vom 15.10. – 28.10. Er begann hier.)

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Ich geh’ mit Dir: 14tägiger Übungsweg. Tag 12: Liebe

© Elena Kotliarker

Der heutige Tag steht unter dem Wort „Liebe“.

Was weiß ich von der Liebe? Je mehr ich mich Dir aussetze, Du Namenloser, um so fremder scheint sie mir.

Denn Du entkleidest mich. Mit geduldiger Hand nimmst Du mir jede Schicht: meinen Mantel, der mich wärmte, und den ich für mütterliche Liebe hielt. Mein Hemd, das mich ordnete, und das ich für väterliche Liebe hielt. Meine Kleider, die mich schmückten, und die ich für romantische Liebe hielt. Meine Uniform, die mich einreihte, und die ich für Nächstenliebe hielt. Meine Stiefel, die mich trugen, und die ich für Gottesliebe hielt.

Entkleidet hast Du mich, doch nicht um mich zu beschämen. Entkleidet hast Du mich, dass ich erahnen könnte, wie gross die Liebe ist.

Die Liebe verwandelt alles. Sie macht uns sehend und hörend, aufmerksam für alles was in uns und um uns lebt und pulsiert. Sie erinnert uns an unsere Verbundenheit, noch während sie uns von der Freiheit erzählt. Sie durchtrennt unsere Fesseln, doch auf eine Weise, die uns zu den Dingen hin befreit. In jener Freiheit stehlen wir uns nicht davon, entlastet und abgewandt. In jeder Freiheit wenden wir uns den Dingen zu, und unsere geöffneten Hände nehmen begierig und mutig den Lebensfaden auf, den zu knüpfen wir einst versprachen. Diese Freiheit ist eine Freiheit zur Hingabe, und diese Hingabe scheut nicht den Staub auf den Straßen und die Tränen im Gesicht des Nächsten, und sie weiß um die Gräber, über denen der Morgen noch nicht leuchtet.

Solche Liebe zeigst Du mir in meiner Nacktheit, und keine Ordnung, kein Gesetz, keine Regel die wir uns erdachten um den Strom der Liebe zu bändigen, hat darin Bestand.

Du zeigst mir Liebe, die nicht von dieser Welt ist, und deren Weg doch ins Herz dieser Welt führt und in alle ihre Blutgefäße, derer auch ich eines bin. Und mich verlangt es nicht nach Unverwundbarkeit oder nach seliger Ruhe, denn meine Arbeit, unsere Arbeit ist noch nicht getan.

Die Liebe höret niemals auf, sagtest Du uns. Und jeder meiner Atemzüge weiß das. Mit dieser Gewissheit möchte ich selbst Liebe sein in dieser Welt, heute, morgen, und bis zum letzten meiner Tage.

(Dies ist ein Übungsweg vom 15.10. – 28.10. Er begann hier.)

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Ich geh’ mit Dir: 14tägiger Übungsweg. Tag 11: Klarheit

© Jennifer Baird

Der heutige Tag steht unter dem Wort „Klarheit“.

Eine unruhige See bin ich. Gedanken nehmen mich mit auf Reisen, Gefühle stärken und schwächen mich, immerzu. Immerzu ist diese Welt in Bewegung, und meine innere Welt folgt ihr mit ihrer Bewegtheit.

Du aber breitest eine See der Klarheit vor mir aus. Du aber sagst: Nimm. Trink. Werde.

Ich möchte Deine Klarheit hereinlassen. Möchte ihr sagen: komm und zähme meine Gedanken. Komm und streiche die Wogen aus meinem Gemüt. Komm und löse die Knoten, an denen ich strauchle, immer wieder.

Eine klare See will ich sein, die Deinen Himmel spiegelt. Die nichts hinzufügt und nichts wegnimmt, die ist, weil Du es so gewollt hast.

Ich möchte hinabsinken auf den Grund der Dinge, dorthin, wo alles still wird. Dorthin, wo das Licht der Klarheit in alle Winkel meines Daseins strahlt, und mich anfüllt mit Bewusst-Sein. Dorthin, wo eine Erinnerung liegt, die Du mir nicht vorenthältst.

Jeden Tag möchte ich dieser Klarheit Einlass gewähren, durch Gebet, durch Meditation, durch Momente der Stille, durch Momente des Innehaltens inmitten Deiner Schönheit, die Du so verschwenderisch in diese Welt gegossen hast.

Je mehr ich in diese See der Klarheit sinke, je mehr ich selbst diese Klarheit werde, um so mehr werde ich ihr Licht in meine Tage und Nächte tragen können. Alles was ich so tue, wird die Ruhe dieses heiligen Gewässers enthalten. Alles was ich so tue, wird Reinheit und Wahrhaftigkeit in sich tragen. Alles was ich so tue, wird Segen sein für diese Welt. Meine Worte werden klar sein, und dem Verstehen dienen. Meine Taten werden klar sein, und der Liebe dienen. Ich selbst werde geklärt sein in wachsender Erkenntnis unserer Verbundenheit. Was mich gestern noch täuschte, wird schwinden. Was mich gestern noch irritierte, vergehen. Dort wo Klarheit sich ausbreitet, werde ich mehr und mehr wahrhaftig und frei, und alles darf daran teilhaben.

Auf diesem Weg der Vervollkommnung gib Du mir Geleit.

Du Quelle der Klarheit, eine klare See will ich sein, die Deinen Himmel spiegelt.

(Dies ist ein Übungsweg vom 15.10. – 28.10. Er begann hier.)

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Ich geh’ mit Dir: 14tägiger Übungsweg. Tag 10: Mitgefühl

© Albena

Der heutige Tag steht unter dem Wort „Mitgefühl“.

Manchmal erinnert sich etwas in mir daran, mit allem verbunden zu sein. Dann ist mir der Zweig vertraut wie meine rechte Hand, das Wasser wie mein Blut, der Himmel wie meine Haut. Alles spricht zu mir und hört mein Sprechen. Alles lädt mich ein und sagt: Komm.

Dann bin ich tief in den Armen des Mitgefühls, dort, wo das Andere niemals das Fremde ist. Dort wo jeder meiner Blicke erwidert wird. Dort, wo jeder Schmerz auch meiner ist.

Dann schmerzt meine Hand, wenn der Zweig bricht, und mein Blut klagt, wenn das Wasser versiegt, und meine Haut brennt, wenn der Himmel sich verfinstert. Denn wir fließen im selben Strom, und alles was dort Kreise zieht, zieht Kreise bis hin zu meinem Herzen.

So ist es auch mit Dir, Mensch, wenn ich Dich ansehe. Deine Freude rührt immerzu an die meine – und Dein Schmerz weckt meinen Schmerz aus seinem Schlummer. Auf viele Weisen wissen wir uns vor dem Schmerz des Anderen zu schützen, wir lernen dies, kaum dass wir in diese Welt gekommen sind. Was aber schützt uns vor einer Welt ohne Mitgefühl?

Heute öffne ich mein Herz, um Dich, Du uferlose Kraft des Mitgefühls, einzuladen. Komm und lehre mich das Hören. Komm und lehre mich das Sehen. Dass ich die Klage höre und folge. Dass ich das Zerbrochene sehe und verweile. In Deinen Armen, an der Seite des Menschen. Nicht, um im Leiden aneinander gebunden das Schmerzende festzuhalten. Doch um im Wachsen einander verbunden das Schmerzende zu befrieden.

Du heiliges Mitgefühl, das Du immerzu aus der Barmherzigkeit Gottes fließt: ströme in mein Sein, und lass mein Sein selbst Strom des Mitgefühls in dieser Welt sein.

(Dies ist ein Übungsweg vom 15.10. – 28.10. Er begann hier.)

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