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Posts Tagged ‘Scham’

Mich fragte einmal ein Freund, ob ich mich nicht schämte für das was ich früher sagte oder früher war. Und ich dachte nach, und sofort stach mich Scham, für das was ich kindlich fand, kühn, was ich gedankenlos fand oder zu durchdacht, was ich gesagt hatte wider besseren Wissens und was ich nicht gesagt hatte obwohl es nötig gewesen wäre.

Dann ging ich in die Scham bis sie aus meinen Poren quoll wie Blut, und dann ging ich aus ihr heraus, wie eine Mutter, die ihr blutendes Kind betrachtet mit nichts als Erbarmen im Herzen. Und dann war ich schamlos, wie eine die begreift dass Dinge eben werden, und dem Werdenden nie Qual sein kann, dass die Dinge gestern noch anders waren, und dass sie morgen anders sein werden als er ahnen könnte.

Als Künstlerin kennt man das noch auf eine andere Weise: vielleicht sind einem die Texte fremd, die man gestern schrieb, die Bilder unangenehm, die man vorgestern malte, die Lieder schal, die nur allzu schnell unter einer Patina der Vergänglichkeit verklangen. Oft ist es, als habe die Wahrheit, die aus einem drängt, eine nur kurze Halbwertszeit – ständig stirbt sie in das weiter werdende Herz hinein, das Du bist, und die gestrige Kleinheit mag sie verletzt haben.

Wenn Dich Dinge reuen, die Du gestern sagtest, für die Du gestern branntest, dann lass der Scham ihre Seufzer, aber halte sie nicht fest, denn jeder Mensch der begreift dass er ein Werdender ist, hat die Größe, die Unzulänglichkeiten des Gestern, und jene die noch kommen, in sich zu bergen. Auch Du. Und die Welt, die in Dir heranwächst, sucht sich den Ausdruck, dessen Du fähig bist – mit einer Gnade die Dir alles verzeiht, und mit einer Kraft, die alles überwindet.

Bild: © Gina-Maria Pilipovici

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Wir wollen, steigen, schweben, fliegen. Doch himmelwärts kann man nur fallen. Es ist das Hinab, das mich ruft, das Hinunter, das mich zieht. Der König muss zum Bettler werden, der Wissende zum Törichten, der Große zum Kleinsten. Meine übervollen Hände muss ich leeren an der Pforte, an der man mich nach meinem Namen fragt. Meine Gewänder ablegen, die mich nicht wärmen an jenem Ort hinter den Worten. Geständig muss ich sein, gleich einem Büßer, doch ohne Scham. Mein Bekenntnis ist ein Ja zu dem der kommt, zu unbekannter Stunde. Fallend sehe ich die Gesichter die ich trug; wie Regen kehren sie zurück in den Schoß der Erde, zurück in das Leben mit seinen zahllosen Gestalten. Durch jeden Schmerz der Erde falle ich, sein Geäst gleicht dem meiner Blutgefäße, in mich ist eingeschrieben das Geschick des Erschaffenen. Dort wo ein Zuhause ist, darf ich nicht rasten, dort wo Seligkeit ist, nicht ruhen. Als Fallende wohne ich dem Leben bei, mit schöpferischer Hand, die keinen Triumph kennt. Als Fallende hoffe ich ihm zu begegnen, der fiel, damit für jeden Heimat sei.

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© Deborah Koff-Chapin

Manchmal reicht ein aufrichtiges Wort des Dankes, von Deinem Gegenüber an Dich gerichtet, und alles lichtet sich. Dort wo das Licht hinfällt, werden Deine Nöte sichtbar, von denen Du eben noch nicht wusstest: Dein Gefühl, nicht zu genügen. Deine Angst, nicht wahrgenommen zu werden. Deine Schuldgefühle, nicht genug getan zu haben. Nackt liegen sie da, jene Nöte, und die Schatten die sie warfen, doch beschämt Dich jene Nacktheit nicht, und die Schatten haben keine Macht mehr, Dunkel über Dich zu legen.

Wenn Deine Nöte sich unter dem freundlichen Lächeln des Dankes offenbaren, sind sie bereit zu gehen. Dass Du sie ansiehst, genügt ihnen, und leise weichen sie der Wahrheit, an die der Dank rührte. Denn der Dank erinnert Dich daran, ein Mensch zu sein, der geben und schenken kann, der zuhören und zusprechen, der Nöte lindern und Freude mehren kann. (mehr …)

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Ein Jesuitenpater meiner Schulzeit pflegte zu sagen: „Ich kann mich nicht mit Psychologen unterhalten. Die wollen nie wissen, was man sagt, sondern nur, warum man etwas sagt.“

Interessant, dachte ich, aber da ich damals keine Psychologen kannte, konnte ich diese Aussage nicht bestätigen oder widerlegen. Fast zwei Jahrzehnte und etliche studienbedingte Psychologenbekanntschaften später kann ich mit einem gewissen Schmunzeln sagen, dass es gar nicht so falsch war. (mehr …)

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Deutschland wird vom Winter geküsst. Was wir dieser Tage erleben, ist ein seltenes Vergnügen. Ich stapfte heute durch ein zugeschneites Berlin, und der Wind wirbelte den Schnee durch die Straßen wie im Tanz. Man muß schon richtig angezogen sein, um das zu genießen – und richtig angezogen heisst in diesem Fall: den Modegedanken der Funktionalität opfern.

Auf der Straße begegnete ich heute Menschen, die ähnlich wie ich dem Zwiebelprinzip entsprechend gekleidet waren: Pulli über Pulli über Pulli, darüber Mantel und Stiefel und Handschuhe und Schals und Mützen, für die ich in meiner Kindheit von Schulkameraden verhauen worden wäre. Ich sah Männer mit puscheligen Ohrenwärmern und junge Leute mit Strickwaren, die möglicherweise von sibirischen Verwandten angefertigt wurden, ganz sicher aber nicht von weltfernen Designern. (mehr …)

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