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Posts Tagged ‘Schöpfung’

Es gibt eine namenlose Schönheit der Dinge, die sich dem Menschen erst dann offenbart, wenn er bereitwillig in eine Zugewandtheit tritt, die das Andere um seiner selbst willen zu achten beginnt. Wie eine geduldige Geliebte wartet die Schönheit der Dinge auf diesen kostbaren Moment, in dem die Seele nicht länger der Verstrickung ins Gestrige erliegt. Dieser Moment ist wie ein läuterndes Feuer, doch ohne Qual. Nicht länger will das Auge dann sehen was ihm wohlgefällig ist, nicht länger will das Ohr hören was ihm schmeichelt, nicht länger will der Gaumen schmecken was ihn tröstet, nicht länger will die Nase riechen, was sie betört, und nicht länger will die Hand berühren um zu besitzen. Die Sinne sind nicht länger angekettete Tiere, dem Willen ihres Herren unterworfen – sie werden Atemzüge des Geistes, der sich selbst verströmt.

Diese Zugewandtheit zu erlangen ist dem Menschen möglich, der auf schmerzlichen Übungswegen Erkenntnis über die Natur seiner Bedürfnisse erlangt, doch ist sie auch jedem Narren gegeben, den Gottes Gnade bedingungslos beschenkt – niemand ist also von solch befreiender Schau ausgenommen, wie niemand ausgenommen ist vom Wesen der Schönheit, die im Grunde eine unbeschadete, grenzenlose und immerwährende Gutheit ist. Die Gutheit der Dinge inmitten des Schreckens zu schauen, ist eine Ungeheuerlichkeit, an der viele Menschen ihren Verstand zu verlieren imstande sind, und doch ahnt jeder Mensch darum, der im lodernden zerstörerischen Feuer die Schönheit der Sonne wiedererkennt, der im Kranken des Körpers die Vollkommenheit des menschlichen Organismus erkennt, und der im Klagen um einen Verstorbenen die Zeit überdauernde Liebe erkennt.

Zugewandtheit ist der Pfad zur Schönheit, und diese kann sich sowohl an der Geliebten entfalten, die wir unter Sternenlicht küssen, als auch an dem Kranken, den wir pflegen, dem Vogel, dessen Lied wir lauschen oder dem Grashalm den wir um Verzeihung bitten, weil wir ihn zertraten. Diese Zugewandtheit ist wohl eine Selbstvergessenheit, doch trägt diese Vergessenheit keine Makel der Verdrängung, Verstrickung oder Flucht – dies Vergessen gleicht dem Schließen der Augen, wie wir es kennen von unzähligen Stunden des Betens, Lauschens, Liebens und Schlafens. Die Stimme eines neuen Menschen in uns spricht, und alles horcht und gehorcht ihr: Nun da ich schaute, kann ich die Augen schließen.

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Die Dinge haben eine erlösende Leichtigkeit, wenn wir mit unserem Wesen die Natur des Lebens erfassen, das immer ein Drängen, Erneuern und Werden ist, eine überschäumende Seinslust, die alles immerzu über sich hinauswachsen lässt. Und die Dinge haben eine aufrichtige Traurigkeit, wenn wir mit unserem Wesen erfassen, wie schmerzlich jede Geburt ist, wieviel Kapitulation und Sterben allem Neuen vorausgeht, und wieviel vermeidbares Leiden wir einander antun. In einem weiten Herz wohnt das eine Wissen wie das andere, und allein die Liebe vermag die Spannung zwischen diesen Polen auszuhalten und würdevoll auszutragen. Diese Liebe vermag die Welt nicht gering zu achten oder in eine Seligkeit zu flüchten, die nicht am Verkosten jedes menschlichen, ja, jedes kreatürlichen Kummers gereift ist.

fruehling16

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Manche Fragen werden niemals beantwortet. Manche Zerwürfnisse niemals geklärt. Manch ein Geschehnis wird niemals verstanden. Manches Begonnene niemals vollendet, und manch ein jähes Ende niemals getröstet. Das Leben ist ozeanisch, manch eine Welle reiten wir, eine andere reisst uns hinab und wir treiben atemlos wieder zur Oberfläche.

Begriffen wir doch, dass das Leben bedeutet, zahllose Fäden aufzugreifen und wieder fallen zu lassen, und selten, höchst selten mit einem verstehbaren, annehmbaren Beginn und Ende beschenkt zu sein. Wir suchen rastlos Heilung, und verstehen darunter das Vollenden des Begonnenen, das Heilen des Zerbrochenen, das Verstehen des Chaotischen und das Halten einer Ordnung, in der sich jedes Geschehnis artig in einen erkennbar sinnvollen Kontext reiht. Deswegen aber ist unsere Suche rastlos, weil diese Heilung keine ist. Diese Suche trägt alle Zeichen eines Bedürfnisses nach Kontrolle, Kontrolle aber ist tiefe, tiefe Angst.

Heilung würde am ehesten wohl bedeuten, das Fragmentarische anzunehmen, das Flüchtige, das Unvollendete, das Ungeklärte und Unrettbare, das Endliche und das Unkontrollierbare, als Ausdruck des Lebens selbst, und das schliesst ein, dass wir auch uns selbst als Ausdruck dieses Lebens begreifen. Du bist das Ungeklärte für einen Menschen, das Unvollendete, Du bist das Unverstehbare für eine Person und für eine andere das Unkontrollierbare, Du bist für wenigstens einen Menschen der Fels, an dem seine Hoffnungen zerschellen oder sein Glauben an die Ordnung der Dinge. Wir müssen dies begreifen. Es ist nicht möglich, Ozean zu sein, ohne selbst als Welle Wirklichkeiten in den Abgrund zu reissen, die jemandem unabdingbar schienen.

Sich diesen Einsichten zu stellen erfordert großen Mut. Es ist ein ganz anderer Mut als der, den es scheinbar kostet, Dinge eigenmächtig gestalten zu wollen. Es ist der Mut der nicht daran zerbricht, dass wir höchst verantwortlich und schöpferisch sind, und gleichzeitig ausagierende Kräfte einer unbezähmten Wildheit, die jedem Vulkanausbruch, jedem Sturm, ja jeder Sternengeburt zugrunde liegt.

meer

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wunderherzen

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Oft fällt das Wort Erdheilung in unseren Tagen. Und manch einer stellt sich darunter Menschen vor, die bemüht ihre guten Gedanken an die Erde senden, wie eine Mutter an ihr krankes Kind in der Ferne. Erdheilung ist aber ist keine Einbahnstraße. Es bezeichnet eine wechselseitige Wirkung, eine Beziehung. Es gibt eine erste und ursprüngliche tiefe Liebesbeziehung in unserem Leben, die gepflegt und geachtet werden will, und das ist die Beziehung zwischen uns und der Natur, die uns hervorgebracht hat.

Als Menschen werden wir nicht nur von der Natur genährt, wir finden in ihr auch die sinnbildlichen Geheimnisse, die uns die tiefere Dimension unseres geistigen Lebens erschliesst. Schamanen wie Hagazussen wussten das wohl schon immer. Aber auch Mystikern des Christentums war es eine Selbstverständlichkeit. Deswegen besang Franziskus Bruder Sonne und Schwester Mond, deswesen sagte Bernard von Clairvaux „Du wirst mehr in den Wäldern finden als in Büchern. Bäume und Steine werden Dich lehren, was Du von keinem Lehrmeister hörst.“ und deswegen sang die heilige Hildegard von Bingen von der Grünkraft Gottes, der Viriditas, die in der Natur zu finden sei. Der Mensch gesundet in der Natur an Körper und Seele, seine Erkenntniskraft speist sich an der Schönheit, Wildheit und Kraft der Schöpfung. Die Enge seines Ich schmilzt, wenn er sich als Teil einer unbezähmbaren Weite begreift. Erdheilung heisst hier: Heilung geht aus von der Erde an den Menschen. Ein Geschenk.

Der Mensch, der sich der Natur entfremdet, entfremdet sich nicht nur der Nahrung die ihn erhält, der Medizin die ihn gesund macht und der Schönheit die ihn tröstet, er verliert auch den Bezug zur Natur als Erkenntnisstifter, als Auslöser mystischer Verschmelzung, als entgrenzende Kraft. Und inzwischen ahnen wir das – deswegen zahlen wir Unmengen Geld für Schweigetage in den Bergen, für Retreats in der Wüste, für Besinnungstage am Meer. Wir staunen und sind wie vom Donner gerührt, weil wir sehen was die Natur vermag – wie sie uns zurückbringt zu uns selbst, zur Einfachheit, zum Göttlichen.

Der Mensch, der sich der Natur entfremdet, behandelt sie freilich auch wie ein Narr. Die Folgen dieses närrischen Verhaltens sehen wir heute in der Erde, der Luft, den toten Gewässern, den kontaminierten Nahrungsmitteln. Heilung muss hier ausgehen vom Menschen an die Erde – und das geschieht auf mehrere Weisen: zum einen öffnen wir uns für die Frage, wie ein naturverbundenes modernes Leben aussehen kann. Wie es aussehen kann, wenn wir uns nicht als herrschaftliche Nutzer der Ressourcen betrachten, sondern als dankbaren Teil eines Sinnzusammenhangs. Zum anderen darf unser Gebets- und Meditationsleben freilich auch wieder in die Natur verweisen. Körpergebet, Meditation, Rituale in, mit und für die Natur – sie verändern uns und unsere Umgebung. Erdheilung heisst hier: der Mensch tut das Seine, um heilsam mit der Erde und ihren Wunden umzugehen.

Erdheilung ist keine rückwärtsgewandte Ritualistik für Nostalgiker. Erdheilung darf und muss festes Element zeitgenössischer Spiritualität sein – Ausdruck einer lebendigen und lebensnotwendigen Beziehung die seit jeher heilig und überdies zerbrechlich ist.

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In der Offenbarung des Johannes werden die Seraphim als Engel beschrieben, deren Flügel innen wie außen mit Augen übersät sind. Ganz Auge zu sein, das ist auch das, was der Mensch im inneren Gebet bejaht. Ganz empfänglich, ganz offen, ganz berührbar. Selbst für die Empfindung der Leere und Gottesabwesenheit. Er mag sich für viele und über weite Zeiträume anfühlen wie eine Wüste – leer und öd, der Weg der Kontemplation, der Meditation, des inneren Betens. Doch irgendwann bemerkst Du, vielleicht beiläufig, wie viele Augen sich in Dir geöffnet haben. Um wieviel mehr Du selbst Auge geworden bist. Und plötzlich stehst Du vor einem Regentropfen und siehst.

sehendwerden

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Ich habe verlernt, mich beschenkt zu fühlen
Die Schönheit zu sehen, die mich umgibt
Ich habe vergessen, die Kraft zu spüren
Und die Anmut, die allem Lebendigen innewohnt
Ich habe versäumt, dankbar zu sein
Und das Glück des Augenblicks zu kosten
Weil meine Sorgen mich zerstreuten
Weil meine Tränen so schwer wogen
Weil meine Ängste so dunkel waren wie die Nacht
Ich will es wieder lernen
Das Staunen des Kindes
Die Freude dessen, der im Moment ist
Die Gelassenheit dessen, der vertraut
Ich will mich erinnern
Daran, wie leicht das Leben sein kann
Wie kostbar Begegnung ist
Wie einzigartig jeder Atemzug
Öffne mir das Herz, die Augen,
mein Denken und Fühlen
offenbare mir die Weite, die mich nie verliess
die Weisheit, die nie aufhörte mich zu tragen
die Liebe, die nie versiegte
und die mich hält und formt,
auch jetzt in diesem Augenblick.

schoenheitumgeben

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