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Posts Tagged ‘Schweigen’

Wir müssen die Leben derer, die wir nicht verstehen, die wir nicht ertragen, wenigstens in einem Atemholen, wenigstens in einem Schweigen zärtlich betten – nicht dass sie sich veränderten in das für uns Annehmbare, doch dass wir die Tür nicht zufallen liessen zu den Räumen, in denen jeder Mensch sich aufgehoben wissen darf, in denen auch wir uns als Aufgehobene verstehen dürfen, deren Zerbrochenheit mehr ist als eine Bürde für unseren Nächsten: Signum und Würde des Werdenden. Denn alles Werdende kann nie verstanden, kann nie angenommen sein; es steht unter dem Gesetz der Vorläufigkeit, unter dem wir so vielfach leiden wie unter dem Stachel des Endlichen: ein Nein, das nicht zu beruhigen ist. Dort aber, wo unser Schweigen das Werdende trägt, das wir nicht tragen können, beginnt das eigentliche Beten: jenes Beten, das ablässt von der Lust des Bewahrens, und von der Verzweiflung am Kommenden, vom dunklen Eigenwillen, der nie mehr erhoffen kann, als ein wurmstichiges Wohlergehen, eine flüchtige Beruhigung, die sich immer gegen den Anderen, den verhassten Boten der Endlichkeit, schützen muss. Das tiefste Beten kommt nicht von redlichen Lippen und nicht aus wohlwollendem Herzen – es wird gesprochen von einer fernen Stimme. Sie betet uns, überwältigt uns, sie stürzt aus dem kleinen Schweigen, das wir ihr liessen, in alles, was wir für Heimat hielten, in jedes Begehren, dem wir einander auslieferten, und beschenkt uns mit dem, worum wir nie zu bitten im Stande sind: mit dem Schwinden jeder Gewissheit.

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Ich bin Kind einer Generation, die in der Schule eine ganze Menge über das Aufkommen des Nationalsozialismus und dessen verheerende Folgen lesen musste. Wenn ich so zurückdenke, habe ich oft das Gefühl, meine Kindheit stand unter dem dunklen Stern von Aufarbeitung der Volksschuld einerseits und unter dem ebenso finsteren Stern des Wettrüstens und des kalten Krieges. Ich unterhielt mich mit Klassenkameraden oft über Angst. Angst vor dem dritten Weltkrieg. Angst vor eskalierender Feindseligkeit. Tschernobyl gab unserer kindlichen Unschuld irgendwie den Rest. Fortan fürchteten wir auch noch die unsichtbare Verseuchung der Dinge die wir uns arglos als Nahrung in den Mund steckten. Für Kinder ist es sicher nicht leicht, Fakten und Gefühl, Gefahren und diffuse Ängste zu unterscheiden. Glücklicherweise hatte ich Eltern, die immer willens waren, dieses Chaos mit mir zu sortieren, und die niemals aufhörten an das Gute im Menschen zu glauben. Es blieb aber dennoch dabei: es waren schwere, beängstigende Themen, und ich hatte das Gefühl, in einer gefährlichen Welt zu leben. Und das Gefährliche daran waren die Dummheit und die unkontrollierten dunklen Gefühle des Menschen – eine Feindseligkeit wie eine nicht zu beherrschende Krankheit.

Das Thema „Drittes Reich“ beschäftigte mich so sehr, dass ich auch in meiner Freizeit ständig Bücher las, die sich damit befassten. Einerseits Romane wie „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, „Stern ohne Himmel“ oder „Damals war es Friedrich“, andererseits Zeitdokumente wie Anne Franks Tagebücher oder schreckliche Einblicke in den KZ Alltag wie Eugen Kogons „Der SS Staat“.

Ich schildere das jetzt bewusst so, wie es bei mir als Kind ankam, weil das frei war von Theorien, Deutungen, und weil mir die Informationen nicht durch das innere Sieb der Political Correctness oder dergleichen sickerten. Ich war unbedarft in der Wahrnehmung all dessen – und mein Schrecken war ein unmittelbarer. Als ich zum ersten mal in Fernseh-Dokus die Schubkarren der KZ’s sah, auf denen sich ausgemergelte Leichen türmten, begriff etwas in mir, dass es Dämonen im Menschen gibt, die mitten im Alltag ein Tor zur Hölle öffnen können.

Als Kind fühlte ich in all diesen Büchern, Filmen, Dokumentationen zwei ganz widersprüchliche Dinge: Das eine war die brüllende, marodierende Wut und Gewalt, die sich oft in den Menschen zeigte – in den Diskriminierern und Verfolgern, in den Pogrom-Vandalen, in den Denunzianten, den Gestapo-Offizieren, ja noch in den gehirngewaschenen Kindern, die einander mobbten und dem Tod preisgaben.

Das andere war die unerträglich leise Beiläufigkeit, mit der der unnennbare Schrecken seinen Lauf nahm. Auch Eugen Kogon erzählte davon in seinem Buch „Der SS Staat“ – von der geräuschlosen, kalten und beiläufigen Ermordung zahlloser Insassen, als wäre es nichts. Als schnippte man sich gelangweilt eine Fliege von der Bluse. Die scheinbare Sachlichkeit der Tötungsabsichten und -handlungen, minutiös festgehalten in Listen, Ordnern, Archiven, als leiste man einen ordnenden Dienst an der etwas chaotisch gewordenen Menschheit. Die scheinbare Normalität all dessen, was sich kein Mensch eigentlich je ausdenken können sollte.

Und heute, dreissig Jahre später, stehe ich fassungslos vor dem Fernseher, in dem marodierende Menschenmengen Aslyheime anzünden, Busse überfallen in denen Flüchtlinge hoffnungsvoll einer Zukunft in Sicherheit entgegenfahren, in denen hasserfüllte Fratzen davon brüllen, wer das Volk sei und wer nicht, was deutsch sei und was nicht, was erwünscht sei und was nicht. Ich sitze fassungslos vor einem Medium Internet, von dem wir damals, als es entstand, alles erhofften aber nichts fürchteten, und begegne dort gesichtslosen Kommentatoren, die mehr Hass in eine Zeile quetschen können als ich mir je auszumalen im Stande wäre. Menschen, die „Gut so!“ brüllen, wenn ein Flüchtlingskind ertrinkt, Menschen, die davon fantasieren, Moscheen anzuzünden und Nichtchristen die Einreise zu verweigern. Menschen, die selbst den Mauerfall und den Neubeginn im Westen erlebt haben und sich dennoch nicht scheuen, vor laufender Kamera mit cholerisch errötetem Kopf davon zu brüllen, dass dieses Land ihnen gehöre und „Bootsneger“ oder „Hammelfresser“ darin nichts zu suchen hätten. Ich sehe Pegida-Massen durch die Straßen strömen, und frage mich, woher all diese Leute kommen, die scheinbar nur auf den richtigen Moment gewartet haben, um ihre Feindseligkeit endlich frei artikulieren zu können. Der Vandalismus ist längst da. Die Feuer sind längst da. Wir brauchen keine staatlich gesteuerte Pogromnacht mehr, denn der Mob hat das bereits in die Hand genommen und im Menschenverstand ist es längst Nacht geworden.

Und ich stehe fassungslos vor der Beiläufigkeit und leisen „Normalität“, die ebenfalls, wie damals, Wirklichkeit geworden ist. Vor dieser Business-as-usual-Mentalität, während Heime brennen und selbsternannte Bürgerwehren auf den abenddunklen Straßen nach Ausländern suchen, denen sie ihre Werte mit Fäusten vermitteln können. Es gab da diesen Mann, der eine Afrikanerin aus der Straßenbahn schubste. Sie fiel und starb. Es war eine kaum merkliche Bewegung seinerseits, und fast hätte es niemand gesehen. Der Mann verzog keine Miene. Ein Leben endet, und weiter geht’s in der Straßenbahn durch die Illusion von Normalität. Ich stehe fassungslos vor der scheinbaren Sachlichkeit, mit der Politiker die eine Schande für ihre Zunft sind, vorschlagen, man solle Kriegsflüchtlinge erschießen oder sich nicht von leidvollen Kinderaugen „erpressen“ lassen. Solche Meldungen laufen zwischen Bierwerbung und Daily Soap, und wir möchten gern glauben, dass weiterhin alles normal ist, deswegen geben wir unsere Empörung auch gerne nach fünf Sekunden wieder ab. Ich stehe fassungslos vor der geräuschlosen Bosheit, die all den Abschiebungen zugrunde liegt. Eine Unterschrift nur, ein Füller kratzt für eine Sekunde auf geduldigem Papier, und das bedeutet den Tod für so viele, und die unerträgliche Trennung von Familien, die nichts mehr haben als einander. Die kalte Beiläufigkeit des Bösen ist längst da. Wir brauchen keine gefühllosen Gestapo-Roboter mehr, die vermeintlich nur Befehle ausführen, denn etwas in diesem Land ist längst so kalt und so fremdgesteuert von namenloser Verachtung.

Das wäre alles zum Verzweifeln, nicht wahr. Aber Verzweiflung hat noch nie das Böse verhindert und noch nie das Gute genährt. Und deswegen werde ich nicht verzweifeln. Ich werde nicht aufhören, an das Gute im Menschen zu glauben und ich werde nicht aufhören, es in mir zu suchen, unter all der Gleichgültigkeit, die uns täglich injiziert wird. Ich weiss, dass wir uns nicht mehr auf einem „Warten auf die Katastrophe“ ausruhen können, denn die Katastrophe ist da. Vielleicht hat sie nicht das Gesicht, das wir immer erwarteten, oder das wir uns im Kopf ausgemalt haben in all der Zeit in der wir das Dritte Reich rauf- und runter studierten. Aber sie ist da. Eine Feindseligkeit hat sich breit gemacht, und das Erschreckende ist, dass sie salonfähig geworden ist. Sie ist kein Monopol von Extremisten und Außenseitern mehr, sie ist längst in die Wohnzimmer durchschnittlicher Mittelstandsfamilien gedrungen.

Und das Schamgefühl ist verschwunden, mit dem Menschen noch bis vor kurzem ihre fremdenfeindlichen Ressentiments für sich behielten. Immer mehr bleibt mir jedes Wort im Halse stecken, wenn Menschen plötzlich im Gespräch rassistischen Phrasen fallenlassen. Immer mehr begreife ich: sie fühlen sich sicher, und sie fühlen sich im Recht.

Wir müssen unsere Fassungslosigkeit überwinden und unser introvertiertes Betroffensein verlassen. Ich glaube, wir haben nun genug heimlich geweint, genug schweigend unter der Bosheit jener gelitten, die wir gestern noch für Gleichgesinnte hielten, genug darauf gewartet dass die Dummen ihre Dummheit und die Aggressiven ihre Wut überwinden. Wir müssen ebenso frei und laut sprechen, wie jene die sich nicht mehr schämen das Unsagbare zu sagen. Wir müssen ebenso frei und laut auf den Straßen stehen wie jene, die das Abendland für sich beanspruchen obwohl sie von der Kultur des Abendlandes nicht die geringste Ahnung haben. Wir müssen ebenso selbstbewusst und stark sein wie jene, die fälschlicherweise glauben, ihr Rassismus sei eine freie Meinungsäusserung. Eine Demokratie erhält sich nicht von allein. Eine Willkommenskultur ist eine zarte Pflanze, die gepflegt werden muss. Eine offenherzige Menschlichkeit ist nur dann ansteckend, wenn wir sie glaubhaft verkörpern.

Wir müssen mutiger sein, hörbarer, sichtbarer. Ich weiss, dass das irgendwie ohnmächtig klingt, denn die Ohnmacht der Fassungslosigkeit klebt zweifelsohne daran. Aber suhlen wir uns nicht darin. Jeder von uns hat die Kraft und die Möglichkeit, mit Herz und Verstand für das Gute einzustehen, das wir für die kommende Generation wirklich werden lassen wollen. Es ist ja in uns. Und es muss sichtbar sein – jeden Tag, und mehr denn je.

Bild: Käthe Kollwitz „Solidarität“

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Aus dem KLANGGEBET-Album „Seelengrund“ (2013). Dieses Klanggebet entstand aus kontemplativer Stille. Ich begann die Aufnahme spontan ohne Liedtitel oder Lyrics notiert oder im Sinn zu haben, überliess mich dem aufrichtigsten Betenden in uns: dem Herzen – und diese Worte stiegen auf. Nicht immer wissen wir, wie oder was wir beten sollen. Schon die Jünger fragten Jesus „Herr, wie sollen wir beten?“. Manchmal ist es Gebet, sich dem Schweigen zu überlassen. Oder den Worten, die kommen wie von selbst. Oder dem Gesang, der es besser weiß als wir. Oder der Natur. Dem Hören und Zugehören. Finde Dein Gebet, den Atem Deiner Seele, Deine Art, das Wagnis der Liebe einzugehen.

Seelengrund

Alles was Du sagst
ist hier in meinem Herzen
liegt hier in meiner Hand
die tief in alle Welten reicht

Alles was Du sagst
hat Kraft mich zu behüten
aus meinen Händen regnen Blüten
für alle die bedürftig sind

Du bist hier an meinem Seelengrund
sprich nur ein Wort und meine Seele wird gesund

Alles was Du schweigst
ist hier in meinem Herzen
umhüllt mich wie die Nacht
so samten und geheimnisvoll

Alles was Du schweigst
lehrt mich mein tiefstes Wesen
lehrt mich in Dir zu lesen
den Weg den ich beschreiten soll

Alles was Du singst
wird mir zu heiligen Liedern
Deine Liebe zu erwidern
aus der immer jede Schöpfung steigt

Alles was Du singst
erinnert mich an Leben
an Freude, Dank, Vergeben
und Licht das sich so weit verzweigt

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Ich webe Schweigen
in meine Gedanken
ich webe Stille
in mein Gefühl
ich webe Ruhe
in meinen Körper
ich webe Frieden
in meine Seele
Danke
Du ewiger Geist
dass ich teilhaben darf
an Deinem Frieden

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Du mein Engel,
ich will von Dir das Loben lernen
denn Lob trägt uns’re Seele himmelwärts
ich will von Dir das Danken lernen
denn Dank entschleiert stetig unser Herz
ich will von Dir das Lieben lernen
denn liebend werden wir dem Einen gleich
ich will von Dir das Beten lernen
damit auf Erden wächst das Himmelreich
ich will von Dir das Schweigen lernen
denn unsere Taten sind in sich beredt
ich will von Dir Vertrauen lernen
dass bald der Morgen über uns’ren Tränen steht
ich will von Dir das Hören lernen
denn hörend schafft der Mensch die neue Erde
mein Engel, alles will ich von Dir lernen
dass ich von Seiner Hand verwandelt werde
Amen

Bild(ausschnitt): © William Brassey Hole

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© Paulo Zerbato

am grunde meines schweigens
sah ich dich
und deine hände gruben meine erde
und der tau des morgens
tropfte von deiner stirn
.

meine stimme rieselte wie asche
als ich um deinen namen rang
ich kenne dich
ein kelch voller abschied bist du
ein gastmahl des wiedersehns
.

am grunde meines schweigens
rief ich dich
und deine hände füllten meine augen
und das grün der ankunft
wuchs aus meiner stirn

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Ich geh’ mit Dir: 14tägiger Übungsweg. Tag 14: Bejahung

© Cristina McAllister

Der heutige Tag steht unter dem Wort „Bejahung“.

Dieser vierzehntägige Weg begann mit einem „Ja“. Und heute endet er mit einem „Ja“.

Wohlwissend, dass in diesem Ja so viele Neins eingeschlossen sind, die gesprochen werden müssen gegen Ungerechtigkeiten, Unwahrheiten und Untragbarkeiten. Wohlwissend, dass ein Ja nicht immer in seliger Ergebenheit gesprochen werden kann, sondern oftmals errungen werden will. Wohlwissend auch, dass es vor allem innere Hürden sind, die überwunden werden wollen auf diesem Weg der Bejahung.

Dies ist ein Ja zu innerer Entwicklung. Zu Liebe, Mitgefühl und Aufmerksamkeit. Zu Mut und Aufrichtigkeit, ein Ja dazu, jene Welten zu erschließen, die Du in meinen Seelengrund gelegt hast. Dies ist ein Ja zu einem bewussten Leben inmitten dieser Schöpfung, die auf unzählige Weisen von Dir erzählt. Dies ist ein Ja zu einer beherzten und bedachten Lebensreise, im Angesicht des Du, und in Deiner Gegenwart, die alles durchdringt.

Noch während ich alles dafür tun muss, wird mir alles geschenkt. Noch während Du meine Wege zeichnest, bin ich frei. Dies ist ein Geheimnis, in das ich sinke, wie der Samen in die Erde. Und dafür danke ich Dir.

Segne unsere Wege. Segne die Wege aller, die eine neue Erde in ihren Herzen tragen, berührt von Deiner Gegenwart mitten unter uns.

Paulus schrieb einst an seine Gemeinde: Gott ist in unseren Herzen aufgeleuchtet.

Dieses Leuchten möchte ich bejahen, feiern, besingen, tragen und teilen.

(Dies war ein Übungsweg vom 15.10. – 28.10. Er begann hier. Herzlichen Dank an all die vielen Leser, die mitgegangen sind und die Texte geteilt haben, und die mir so freundlich geschrieben haben. Weiterhin gute Reise.)

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