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Posts Tagged ‘Seele’

Wir müssen die Leben derer, die wir nicht verstehen, die wir nicht ertragen, wenigstens in einem Atemholen, wenigstens in einem Schweigen zärtlich betten – nicht dass sie sich veränderten in das für uns Annehmbare, doch dass wir die Tür nicht zufallen liessen zu den Räumen, in denen jeder Mensch sich aufgehoben wissen darf, in denen auch wir uns als Aufgehobene verstehen dürfen, deren Zerbrochenheit mehr ist als eine Bürde für unseren Nächsten: Signum und Würde des Werdenden. Denn alles Werdende kann nie verstanden, kann nie angenommen sein; es steht unter dem Gesetz der Vorläufigkeit, unter dem wir so vielfach leiden wie unter dem Stachel des Endlichen: ein Nein, das nicht zu beruhigen ist. Dort aber, wo unser Schweigen das Werdende trägt, das wir nicht tragen können, beginnt das eigentliche Beten: jenes Beten, das ablässt von der Lust des Bewahrens, und von der Verzweiflung am Kommenden, vom dunklen Eigenwillen, der nie mehr erhoffen kann, als ein wurmstichiges Wohlergehen, eine flüchtige Beruhigung, die sich immer gegen den Anderen, den verhassten Boten der Endlichkeit, schützen muss. Das tiefste Beten kommt nicht von redlichen Lippen und nicht aus wohlwollendem Herzen – es wird gesprochen von einer fernen Stimme. Sie betet uns, überwältigt uns, sie stürzt aus dem kleinen Schweigen, das wir ihr liessen, in alles, was wir für Heimat hielten, in jedes Begehren, dem wir einander auslieferten, und beschenkt uns mit dem, worum wir nie zu bitten im Stande sind: mit dem Schwinden jeder Gewissheit.

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Es gibt eine schmerzliche und zugleich gnadenvolle Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, die wir nicht im Versiegen, Abbrechen oder Entsagen erleben, nicht inmitten von Sorge, Trennung, Krankheit oder Tod – dort also, wo uns die Unerträglichkeit des Unvollendeten, des nicht gelingenden oder des jäh Fortsterbenden wie eine unheilvolle Klinge zerteilt – sondern im Angesicht ehrfurchtgebietender Schönheit und Anmut, dort wo Entzücken und Seligkeit uns so haltlos aus den Augen perlen, weil wir erstmalig schmecken, was das Wort „Leben“ überhaupt bedeuten könnte, lernten wir, Ergebenheit zu einem fortwährenden Gebet unseres Herzens heranreifen zu lassen.

Solcher Art ist diese Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, dass sie uns direkt und unverhohlen aus der verschwenderischen Schönheit des Augenblicks grüßt, aus dem Kuss der Geliebten, der Treue verheißt, aus dem Duft der Blüte, die ein stilles Amen auf das weit gereiste Licht der Sonne singt. Wie ein klagendes, jauchzendes Duett tönt in uns dann die Ewigkeit, die sich des Eingegossenseins in endliche Gestalten erinnert, und die Endlichkeit, die sich daran erinnert, Gefäß des Ewigen zu sein. Unter diesem Gesang sind wir Verwundete – und wir gleichen dem Jünger Thomas, da wir wie er, erst nachdem unsere Hände in die Wunde getaucht sind, das Wunder der Ewigkeit, das nicht ohne den blutberänderten Riss, nicht ohne das Sterben auskommt, bejahen und vertrauensvoll umarmen.

Wir wären Narren, nähmen wir die Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit zum Anlass, zu verzagen. Und Narren wären wir, nähmen wir jene Verwundung zum Anlass, unser Glück auf den letzten Ruf in die Ewigkeit zu vertagen. Jene Verwundung inmitten beseelter Schönheit hat die Macht, uns zu läutern und zu klären, und unsere Hände, die vielleicht bisher nur als grobe Enden unserer Ungeschicklichkeit hölzern in die Welt ragten, zu tatkräftigen, redlichen, irdenen Werkzeugen umzuformen, unter deren trauerlosem Fleiß eine neue Welt sich zu erkennen gibt. Oh, der Schönheit ist genug in unsere alte vernarbte Welt gegossen, doch unsere Werkzeughände liegen noch in ungeöffneten Truhen unter Schichten von Staub.

Dies ist die Gnade der Verwundung, dass sie uns zu gestaltenden Schöpfern umformt, deren Maß der Liebe ein Tun ist, ein menschenmögliches im kostbarsten Sinne, nicht um der Liebe die vollkommen ist, ein Jota hinzuzufügen, sondern um eine jede Stunde als Sakrament zu begreifen, in der die Liebe sich in den Menschen verwandelt, in den Menschen der ich bin, in den Menschen der Du bist, mit all unseren äschern gewordenen Worten und unseren Händen aus Treibholz auf einem Meer der Verzweiflung.

Die Liebe weiß nichts weiter, als Du zu werden, das ist wohl ihre Torheit, doch eine die wir begreifen, wenn erst die Schönheit uns bestürmt und einnimmt, ohne Rücksicht auf unser Beharren, dass alle Dinge bedeutungslos seien oder bitter wie Wermut.

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Wir müssen uns eingestehen, dass das, was wir aus spiritueller Perspektive „Zuhören“ nannten, lange nichts weiter war als „Abhören“. Wir hörten den Anderen ab wie Großinquisitoren, immer auf der Suche nach der Verfehlung in seinen Worten, nach der Abweichung die geahndet werden muss, nach der Ketzerei, die ihn als nicht spirituell, nicht erwacht, nicht würdig entlarvt. Wir hörten den Anderen ab auf der Suche nach der kleinen Unebenheit, auf die wir unsere Finger legen konnten um sie niederzuschleifen und einzuebnen mit der unerbittlichen Lust an einer normativen Ordnung, an Gesetzmässigkeiten, die wir glühenden Herzens verteidigen könnten wie blutrünstige Krieger. Wir hörten den Anderen ab auf der unablässigen Suche nach unserem Besserwissen und Bessersein, und die Tränen des Anderen waren uns lange nichts als der Treibstoff, mit dem wir das trudelnde Raumschiff unserer Überlegenheit antrieben. Ein All der Einsamkeit haben wir erschaffen. Nichts davon kann Bestand haben und nichts davon verdient es, Bestand zu haben.

Wir müssen das Zuhören lernen, das vom Wissen um unsere eigene Fehlbarkeit zehrt. Das Zuhören, das am Nichtweiterwissen gereift ist, an zahllosen dunklen Stunden, in denen wir Gott nur als Abwesenheit erfuhren. Wir müssen das Zuhören lernen, das das Fremde aushält. Das das Andersartige erträgt. Das es berührt mit fragenden Händen. Das Zuhören, das sich dem Anderen zuneigt in einer Andacht, die wir Gott vorbehielten, nichtsahnend, dass Gott im Nächsten zu uns spricht, während wir erwartungsvoll vor Tabernakeln, Altären und Bildnissen verharrten. Wir müssen das Zuhören lernen, das in Begegnung führt statt in Besitztum und in Herrschaft. Das Zuhören, das ein Mutterschoß ist für die Geschichten des Anderen, so störend und verstörend sie sein mögen, ein dunkler, bergender, heiliger Raum wie eine Kapelle der Zärtlichkeit. Und je mehr wir es wagen, es üben, um so mehr werden wir uns daran erinnern, mit welcher Segnung das Menschsein bedacht ist, mit welcher uferlosen Kraft zur Liebe, der letztlich nichts, auch nicht unsere steinernen Gewohnheiten, standhalten können. Eine neue Welt wartet. Hörst Du sie?

Bild: © Deborah Koff Chapin

zuhoeren

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Wenn Auferstehung die Überwindung des Todes ist, so bedeutet sie die Erlösung all dessen, was uns Leben verweigert, uns hindert, uns der Kraft beraubt, uns lähmt und unser Licht auslöscht. Welche Dinge sind das? Leidet der Mensch, leidet sein Leuchten unter dem physischen Tod? Nein, der physische Tod ist nur ein Übertritt, eine Gestaltwandlung, ein Zerrinnen der Form.

Was aber den Menschen in tiefstes Leid drängt und ihm Leben entzieht, das ist die Abwesenheit von Liebe, das sind Gleichgültigkeit, Angst, Hoffnungslosigkeit, ausweglose Selbstbezogenheit, das sind Gewalt und Tyrannei – damals nannten die Menschen dies „Sünde“. Es bedeutet nichts anderes, als vom Leben getrennt zu sein – den Strom des Lebens in uns nicht zuzulassen und das Licht gelebter Menschlichkeit immerzu durch Trennung schaffendes zu verdunkeln. Es bedeutet, sich den dunklen Wünschen in uns zu überlassen, die niemals nach Begegnung streben, nicht nach Frieden und Gemeinschaft, nicht nach Achtung vor jeglichem Leben, sondern immer nur nach unmittelbarer selbstbezogener Bedürfnisbefriedigung, nach einer Selbstüberhöhung, die die Schwäche des Anderen instrumentalisiert. Sünde ist sehr real, auch heute noch. Sie ist nichs anderes als eine Entscheidung, die die Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft willentlich außer acht lässt.

In der Geschichte Jesu sehen wir einen Menschen, der der Gleichgültigkeit und Angst, der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit begegnet. Der sowohl jene, die wir Täter nennen, liebt, als auch jene, die in ihrem Scheitern niemandem mehr gut genug sind. Der bereit ist, sich jenen entgegen zu stellen, die Menschen unterdrücken, tyrannisieren und beherrschen. Der bereit ist, sich verurteilen zu lassen und den gewaltsamen Tod zu durchschreiten. Hier erhebt sich einer, der all die menschengemachte Trennung erkennt, benennt, verzeiht, durchbricht und transzendiert. Er nimmt die Schläge der Soldaten mit ans Kreuz, ebenso die Feigheit des Petrus, den verlogenen Kuss des Judas, und damit all unsere Feigheiten und unseren Verrat an dem, was wir sein könnten, erlaubten wir dem Strom des Lebens, uns mitzureißen und zu verwandeln. Alles was uns vom Leben trennt, nimmt er mit ans Kreuz und hinab in das Reich des Todes, in jenes dunkle Reich menschengemachter Vereinsamung, Hoffnungslosigkeit und Vernichtung, in das sich niemand mehr hineinwagt als Gott in Person.

Und dann kehrt er zurück. Mit ungebrochenem Leben. Als Schöpfer, Hüter und Spender nicht endenden Lebens, an dem all unser Trennendes versiegen muss. Das Grab ist leer. Das Echo aller vernichtenden Ängste und Untaten ist verklungen.

Wie wäre es, wäre unser Grab leer? Diese Gruft unserer falschen Entscheidungen, unserer boshaften Gedanken, unserer hohlen Worte, unserer Renitenz mit der wir darauf beharren, nur Menschen zu sein, die mit ausgefahrenen Ellbogen und Scheuklappen an den Augen dafür sorgen müssen, dass sie in ihrer kurzen Lebensspanne halbwegs glücklich sind, auf wessen Kosten auch immer?

Und wie wäre es, sähen wir den Auferstandenen? Maria Magdalena erblickt ihn im Garten. Auch wir können ihm dort begegnen, im Garten unserer Seele, und ebenso wie sie erkennen wir ihn vielleicht für eine ganze Weile nicht. Auferstehung ist kein altes Märchen, kein vergangenes Ereignis, keine Trostgeschichte für eine vom Tod geplagte Welt. Auferstehung ist das Wunder mystischer Erweckung, ist ein Schmelzen unserer totenstarren Seelenanteile unter Gottes guter Hand, hinein in das Wunder nicht endenden Lebens.

Auferstehung feiern heisst, Christus einzulassen in unsere inneren Reiche des Todes. Und mit ihm, ja in ihm aufzuerstehen zu einem Leben, das Segnung, Fülle und Freude für alle vorsieht.

Ich wünsche Euch Frohe Ostern!

Bild: Kim Young Gil

kimyounggil

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Machen wir doch nicht den Fehler zu glauben, dass es ein „davor“ gebe, in dem das Leben weniger heilig, weniger kostbar, weniger Leben selbst sei. Wir haben so viele Arten, unser Leben in Fragmente zu schneiden und einige dieser Fragmente für unbedeutend, unnütz oder vergebens zu halten, und grösser könnte unser Irrtum kaum sein – und wie oft begreifen wir dies, doch erst angesichts des Sterbens. Es gibt sie nicht, diese unwichtige oder unwirkliche Zeit „vor“ dem Erwachen, vor der Berufung, vor der mystischen Erfahrung, vor der Heilung, vor der Begegnung mit dem Seelengefährten. Es gibt nur Leben, das wächst und atmet und stockt und bricht und wogt und abebbt und wieder aufs neue strömt.

Das Leben, jeder Seufzer, jede Träne, jeder Triumph und jedes Scheitern, ja jede Zelle und jedes Atom sind durch und durch heilig, und selbst wenn die tiefste Gotteserkenntnis Dich heute erschütterte und aus Dir einen neuen Menschen machte, und Dein ganzes Gewordensein in ein anderes Licht rückte, so wäre Dein Lebensweg immer noch Ausdruck einer Liebe, die viele Gestalten annimmt und die um jedes Haar auf Deinem Kopf weiss und um jede Träne, die Du vor der Welt zu verstecken trachtest, und deren Weisheit auch jene Momente ersonnen hat, in denen Du noch nichts anderes sehen kannst als heilloses Chaos.

Es gibt eine Liebe zum Leben, die alles andere ist als süss und leicht – sie tut nicht weniger als alle Sekunden gewordenen Lebens, die unrühmlichsten und schmerzvollsten noch, in sich zu bergen mit einem bodenlosen Vertrauen, das nur aus dem Feuer der Kapitulation und des Nichtwissens hervorgehen konnte. Wenn es etwas gibt, das wir angesichts des Endenden begreifen dürfen, auch angesichts des endenden Jahres, mit Blick auf alles was es uns schenkte und auf alles, dessen es uns beraubte, so ist es wohl dies: Leben ist kostbar, ist heilig, und in ihm ist eine so zwingende und bezwingende Kraft und Schönheit, der wir, halten wir auch nur einmal aufrichtig inne, nur erliegen können. Aus diesem Erliegen ergibt sich das, was wir kindlicherweise immer „Vorsätze“ nennen, von ganz alleine: ein Wunsch kristallisiert sich heraus, nichts mehr gering zu achten, was das Leben hervorbringt.

Diesem Leben, an dem wir so oft herumdoktern als sei es eine Krankheit, wohnt alles inne, zusammen mit einer Weisheit, die das Wie und Wann zu orchestrieren weiss, und wir haben diesen Sprung zu wagen, dieser Orchestrierung zu vertrauen, und unsere Kontrollsucht niederzulegen wie ein müder Krieger seine Waffen.

In einem der schönsten Texte der Bibel ist dieses tiefe Wissen festgehalten, und es mag den ein oder anderen verwundern, dass dieser Text aus dem Alten Testament stammt, das wir so oft für unlesbar oder unzeitgemäß halten.

„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden. Wenn jemand etwas tut – welchen Vorteil hat er davon, dass er sich anstrengt? Ich sah mir das Geschäft an, für das jeder Mensch durch Gottes Auftrag sich abmüht. Gott hat das alles zu seiner Zeit auf vollkommene Weise getan. Überdies hat er die Ewigkeit in alles hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wieder finden könnte. Ich hatte erkannt: Es gibt kein in allem Tun gründendes Glück, es sei denn, ein jeder freut sich und so verschafft er sich Glück, während er noch lebt, wobei zugleich immer, wenn ein Mensch isst und trinkt und durch seinen ganzen Besitz das Glück kennen lernt, das ein Geschenk Gottes ist. Jetzt erkannte ich: Alles, was Gott tut, geschieht in Ewigkeit. Man kann nichts hinzufügen und nichts abschneiden. Damit bewirkt Gott, dass die Menschen Ehrfurcht vor ihm haben. Was auch immer geschehen ist, war schon vorher da, und was geschehen soll, ist schon geschehen und Gott wird das Verjagte wieder suchen.“ (Kohelet 3,1-15)

Ich wünsche Euch einen friedlichen Jahresausklang und einen beherzten Schritt ins neue Jahr. Möge es Leben in Fülle für uns alle sein.

Bild: © Eyvind Earle

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In den Nächten, wenn es still wird, lern’ ich danken
für alles Gute, das die Liebe mir geschenkt.
Und ich denke an die Traurigen und Kranken,
deren Hügelschultern niemand sanft umfängt.

Und ich schicke, wie ein Hüter zahmer Tauben
diese Vögel stiller Hoffnung in die Welt:
niemand ließe unter Tränen seinen Glauben,
krank vor Einsamkeit, die alle einst befällt.

Gib doch den Händen, die ich zu Dir betend, falte
ein tiefes Wissen, das nie mehr, nie mehr vergeht,
dass ich selbst den Balsam süsser Lind’rung halte,
den der Leidende von Dir, mein Gott, erfleht.

Gib doch den Worten, die ich suchend, ringend spreche
eine Zärtlichkeit, die manche Wunde heilt.
Wenn ich selbst einmal am Fels der Angst zerbreche,
schicke Einen mir, der liebevoll verweilt.

voegel

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Die Welt liegt da wie eine längst verklung’ne Frage,
und wie vergang’ne Stille hängt daran der Mond.
Bin ich noch Mensch, wenn ich am Anderen verzage?
An Asche, die in feuerlosen Herzen wohnt?

Bin ich noch Betende, wenn sie mich jäh verließen,
die guten Worte, die an Dankbarkeit gereift?
An ihrer statt, da wandern nun, mit nackten Füßen,
nur Bettelworte, deren Hand nach Lind’rung greift.

Wann sind die Stämme von den Wurzeln abgefallen?
Wann schloss die Erde ihren nachtgeschwärzten Schoß?
Wann wird der letzte Ruf nach Frieden ganz verhallen?
Wann stellt der Mensch des letzten Menschen Würde bloß?

Ich bin versprengt, wie tausend Tränen, tausend Splitter,
es wärmt bei Nacht die Ärmsten nur vergossnes Blut.
Die Welt war Leben, doch ihr Meister ist der Schnitter,
der nun wie rasend seine dunkle Arbeit tut.

Es gibt ein Sterben, das sie schliesst, die dunkle Wunde,
an deren Schmerz die ganze Welt sich tief entzweit.
Und jede Angst muss enden am Gebot der Stunde,
dass nun das Herz des neuen Menschen sich befreit.

Sieh doch das Blut, es strömt in tausenden Gefäßen,
als habe Gott sich jedem Zweiglein hingeschenkt.
Dass wir dies wüssten, atmeten und nie vergäßen!
Weil alles Leben, Bruder, letztlich daran hängt.

mon

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