Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Selbst’

Menschen mit mystischen Erfahrungen stellen in der Regel zwei erstaunliche Dinge fest. Das eine ist: der Schmerz wird größer. Es wächst die Anteilnahme am Leiden jeder Kreatur. Plötzlich wird der Schmerz des Anderen zum höchst eigenen Schmerz. Ich kenne Menschen, die nach ihrer ersten mystischen Erfahrungen wochenlang nur geweint haben, weil ihnen das Leiden der Welt kaum zu ertragen war. Das Erlebnis des Ungetrenntseins bedeutet eben auch: ungetrennt zu sein vom Anderen, vom Empfinden des Leids des Anderen. Ungetrennt zu sein von der Not und Angst des Anderen, ob Mensch oder Tier.

Viele erschreckt das und sie denken, etwas sei „falsch gelaufen“ oder sie befänden sich inmitten eines psychischen Zusammenbruchs. Das ist nicht der Fall. Es ist eine natürliche Konsequenz des sich weitenden Horizonts und Herzens, dass darin mehr Schmerz Platz hat. Es ist eine natürliche Konsequenz der feineren Empfindsamkeit, dass das was gestern noch erfolgreich ausgeblendet wurde, heute ins Bewusstsein tritt.

Das zweite, was Menschen mit mystischen Erfahrungen feststellen, ist dass auch ein Zustand der Freude und Gelassenheit wächst. Das Erleben des Ungetrenntseins vom Strom des Lebens, der alle Schöpfung hervorbringt, und das Erleben von der Gutheit aller Dinge wecken eine freudige, friedliche Präsenz in uns, die jeden noch so widrigen Umstand hinnehmen und annehmen kann. Viele erschreckt auch das – sie fürchten, gefühllos oder weltfremd geworden zu sein, weil sie selbst inmitten leidvoller Erfahrungen noch ein tiefes Alles-ist-gut in sich empfinden, und mitten im Unglück glücklich sein können. Aber auch das ist eine natürliche Konsequenz des mystischen Erlebens: Es ist die Wahrnehmung einer unbeschädigten Instanz, die inmitten jeder Trostlosigkeit eben immer sie selbst bleibt.

Nun ist beileibe nicht bei jedem Menschen die Gabe vorhanden, diese beiden Erfahrungen friedlich in sich zu vereinen. Je nach charakterlicher Disposition neigt der eine Mensch dazu, zu tief ins Leiden der Welt zu gehen und daran zu verzagen, oder zu hoch in die erhabene Gelassenheit zu gehen und somit an Mitgefühl und Erdverbundenheit zu verlieren. Es zeigt sich also, wie im vorigen Artikel beschrieben, dass der Mensch mit mystischer Erfahrung üben muss, um weder zu tief ins Leiden, noch zu entrückt in die Gelassenheit zu gehen. Es obliegt der eigenen, gewissenhaften und verantwortungsvollen Prüfung, festzustellen ob wir uns im Ungleichgewicht befinden, und dann korrigierend darauf einzuwirken. Korrigierend deshalb, weil der Welt und Menschengemeinschaft weder mit am Leiden verzagenden Menschen noch mit entrückten Gleichmütigen geholfen ist. Wer in sich ein Übermaß an Schmerzempfinden entdeckt, tut gut daran, Gelassenheitsübungen aus Gebets- und Meditationstraditionen zu pflegen. Wer in sich ein Übermaß an teilnahmsloser Gleichmut entdeckt, tut gut daran, tief in den Staub des Alltags zu steigen und dort tätiges Mitgefühl zu üben. (Nach meinem Erleben fördert mantrisches Beten und Singen beispielsweise beides.)

Sowohl die wachsende Anteilnahme als auch der wachsende innere Friede sind große Gnaden und Geschenke des mystischen Erlebens, die uns liebevoll in die Verantwortung nehmen, an uns und dem Angesicht dieser Erde zu arbeiten.

herzjesu

Advertisements

Read Full Post »

Es gibt einige Missverständnisse, die symptomatisch für unsere Breitengrade und den spirituellen Zeitgeist sind. Diese Missverständnisse entfalten sich rund um die Frage, ob jemand „erwacht“ sei und jemand anderes eben nicht. Nicht nur zahllose spirituelle Dienstleister, sondern eine ganze Industrie lebt von der Kultivierung dieses Gefälles – der Kluft zwischen dem Erwachten und dem Nichterwachten. Eine ganze Kultur der Lehrer- und Jüngerschaft rankt sich um dieses Phänomen, das befremdlich deplatziert in unserer Welt und seltsam anachronistisch in unseren Tagen wirkt.

Es ist wohl der Weiterentwicklung menschlicher Wahrnehmung zu verdanken, dass heute immer mehr Menschen sogenannte mystische Erfahrungen machen – solche also, die über die Grenzen der eigenen Biographie und Person hinausweisen. Entgrenzende Erfahrungen, Einheitserfahrungen, identitätsauflösende Erfahrungen. Dies können erheblich erschütternde Erlebnisse von Einheit und Urteilsfreiheit sein, von Ewigkeit, Unendlichkeit, von uferloser Liebe. Sie können gleichermaßen erhebend und verstörend sein, sie können nur wenige Sekunden dauern oder sich über längere Zeiträume erstrecken. Allen gemein ist: sie haben eine große Wirkung und sie werfen viele Fragen auf – denn im Alltagsbewusstsein und umgeben von alltäglicher Banalität, Sorge oder Dramatik erlebt der Mensch sich anders als in der Erfahrung mystischer Verschmelzung. Und der Verstand versucht unter großem Druck, diese verschiedenen Welten zu „synchronisieren“.

Bei vielen beginnt hier schon das erste Missverständnis: sie denken, das mystische Erlebnis sei „das Wahre“, und das Leben wie es zuvor war, „das Falsche“. Sie denken, alles was vorher gelebt und empfunden worden sei, müsse ja Ergebnis des Nichtwissens gewesen sein, des Nichterfahrenhabens, kurz gesagt: Illusion. Dann beginnen sie, auf den Alltag herabzusehen und wie ein Süchtiger seiner Substanz dem Gefühl von „bliss“ hinterherzurennen, das sie im Moment des mystischen Einbruchs empfanden.
Dass es überhaupt um diese Empfindung gehen könne – dass diese Empfindung das sei, worum es eigentlich im Leben geht, das ist ein grosses Missverständnis. Und ein folgenschweres. Denn die mystische Erfahrung lässt sich nicht einfangen, nicht herbeiführen, nicht herbeisehnen. Vielleicht besucht sie Dich nur einmal und danach nie wieder. Viele Menschen, die dann in das Verhalten von „Jüngern“ fallen, sind so. Sie haben den mystischen Einbruch erlebt und sehnen sich unendlich danach zurück. Sie finden aber allein nicht mehr in diesen Zustand und folgen daher einem Menschen, der ihnen Verkörperung dieses Zustandes zu sein scheint: einem „Erwachten“.

Das zweite große Missverständnis beginnt genau hier: jemand erlebt den mystischen Einbruch, die Identifikation mit dem All-Einen, die Einheit mit der Schöpfung oder die „Gutheit“ aller Erscheinungen (oder alle diese Phänomene zusammen) und schliesst daraus, er müsse nun erwacht sein, weil er „die Wahrheit geschaut“ und sich entgrenzt und verwandelt habe. Die mystische Perspektive scheint absolut. Die Alltagsperspektive fragmentarisch und subjektiv. Viele Menschen, denen es leicht fällt, das erlebte Gefühl und die erfolgte Schau zu rekapitulieren nennen sich „erwacht“. Viele wollen damit ausdrücken, dass sie ganz realisiert haben, wie viel mehr als ihre Biographie sie sind (oder in der Sprache des Neo-Advaita: wie viel weniger). Viele wollen damit auch ihrem Glauben Ausdruck verleihen, dass sie nun ungetrennt vom Göttlichen und frei von Illusion ihren Alltag feiern. Viele, die sich als erwacht begreifen, gehen dann ohne zu Zögern zum nächsten Schritt über: als Erwachte den Nichterwachten lehrend und belehrend zur Verfügung zu stehen. Diesem Phänomen verdanken sich zahllose Gurus, spirituelle Lehrer, Satsang-Geber und selbsternannte Meister.

Und wie wir durch das ein oder andere Bekenntnis von Aussteigern wissen, kann es manchmal Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis auch diese Blase platzt und der Erwachte seine Jüngerschaft öffentlich um Verzeihung bittet, und gesteht, nichts anderes getan zu haben als dem „feeling of bliss“ hinterherzulaufen und dem Schmerz alles Irdischen entkommen zu wollen.

Meine Erfahrungen mit Menschen in diesen beiden Missverständnissen sind zahlreich. Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum man sowohl in das erste Missverständnis, als auch in das zweite hineingerät. Es scheint nahe liegend. Manch einer ist nach einem mystischen Erlebnis so euphorisiert oder so erschüttert, dass das Leben einfach nicht wie zuvor weiter gehen kann. Verständlich – wie könnte man auch einfach zur Tagesordnung übergehen?
Manch einer kann nach so einem Erlebnis auch nicht aufhören, davon zu reden. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. Wir fühlen uns von Gott geküsst und sind trunken.

Wir alle aber sind Menschen – und unterliegen unserer Charakterbildung. Ein Mensch ohne große Tugend wird auch nach einem mystischen Erlebnis keiner mit großer Tugend sein. Ein Mensch voller Eitelkeit wird auch seinem mystischen Erlebnis seine Eitelkeit vorfinden. Mehr noch, er wird sogar versucht sein, sie mystisch zu verklären. Ein Mensch, der gerne im Mittelpunkt steht, wird dies auch nach seiner mystischen Schau noch gern tun. Im Rahmen eines Satsangs, in dem ihn viele Augen huldigend ansehen, wird er sich vermutlich sehr wohl fühlen.

Es gibt etwas, das wir Mystiker der neuen Zeit begreifen müssen: Mystische Erlebnisse machen uns nicht zu guten Menschen. Im schlimmsten Fall sind wir einfach Egomanen mit mystischen Erlebnissen. Wem ist damit gedient?

Ein mystisches Erlebnis als Einbruch des Göttlichen in die Alltagswirklichkeit ist immer eine Frage an uns, wie wir das Erfahrene in die Welt fliessen lassen wollen. Wie wir die umformende Kraft des Absoluten auf unser individuelles Leben einwirken lassen wollen. Wir stehen vor der alles entscheidenden Frage, ob wir das mystische Erlebnis zum Anlass nehmen wollen, zu üben. Ja, richtig, zu üben. Ein Wort, das nach unendlicher Wiederholung und Arbeit klingt, und genau das ist es. Mitgefühl kann man üben. Anteilnahme kann man üben. Zuhören kann man üben. Güte kann man üben. Dankbarkeit kann man üben. Eine mystische Gnade erfahren zu haben, bedeutet, dass wir gerufen sind uns in eine Andachtspraxis zu begeben um dem Ruf zu folgen der uns in die Seele drang. In Be-Ziehung zu treten ist das Gebot der Stunde.

Im besten Fall also nehmen wir das mystische Erlebnis zum Anlass, diesen Übungsweg und diesen lebenslangen Weg der Verwandlung zu bejahen. Im schlimmsten Fall kommen wir uns besonders vor, weil wir ein mystisches Erlebnis hatten und terrorisieren fortan die ganze Welt mit unserer vermeintlichen inneren Schönheit und Strahlkraft.

In meiner Arbeit mit Menschen mit mystischen Erfahrungen kommt mir mein eigenes Erleben zugute. Ich war noch ein Teenager, als erste mystische Erlebnisse über mich kamen. Viele Jahre wusste ich überhaupt nicht, wie ich die Dinge in Worte hätte kleiden sollen, die mir widerfuhren. Innere Ereignisse von solcher Größe inmitten eines normalen Alltags. Dinge, für die ich keinen angemessenen Erklärungskontext wusste. Als ich zu begreifen begann, begegneten mir alle Dämonen, die nach mystischen Erlebnissen so auftauchen – und ich versichere Euch, die haben sich seit Evagrius Ponticus nicht wesentlich verändert (offenbar unterliegen die menschlichen Versuchungen keiner Evolution). Die Völlerei, das ist die Sehnsucht nach ständiger Glückseligkeit, die Habsucht, das ist der ständige Drang, sich mit etwas so großartigem zu identifizieren wie dem Titel „Erwachter“, der Überdruss, das ist der Zustand in dem wir es leid sind, in dieser Welt zu sein, und was ist da tröstlicher als ein Leben auf der mystischen Wolke sieben. Es gäbe darüber viel zu sagen, aber das soll nicht ausufern und ich empfehle einfach entsprechende Lektüre.

Es liegt mir in meiner Arbeit daher sehr daran, mit Mythen und Verklärungen aufzuräumen, die dazu führen, dass vermeintlich Erwachte vermeintlich Nichterwachte an der Nase herumführen oder in Abhängigkeiten halten oder finanziell ausbeuten oder in Ashrams mit sektenartigen Strukturen vereinnahmen. Dafür gibt es keinen Anlass.

Mystische Schau ist kein Ende, sondern ein Beginn. Kein Ende einer Entwicklung, sondern Beginn einer lebenslangen Entwicklung. Und gibt es ein Erwachen, so ist dies wohl ein Erwachen zur Tat, das unser Leben erst unter Beweis stellen muss.

Eine lautere spirituelle Wegbegleitung kann meines Erachtens nur darin liegen, Menschen geistlich zu begleiten, die mystische Erfahrungen gemacht haben oder machen und die sich nicht sicher sind, wie diese ihren Alltag fortan durchwirken können. Die sich nicht sicher sind, wie sie angesichts solcher Erfahrungen in ihrer Konfession bleiben sollen, oder an ihrem Arbeitsplatz, oder in ihrer Beziehung. Die nicht wissen, wie sie damit klarkommen sollen, dass nach der mystischen Erfahrung jedes Leid auf der Welt plötzlich schwerer zu wiegen scheint, im eigenen Herzen.

Eine solche spirituelle Wegbegleitung kann nur auf Augenhöhe stattfinden. In tiefer Achtung vor der Erfahrung des Anderen, so vertraut oder fremd sie mir sein mag. Solcherlei Arbeit muss jede Form von Jüngerschaft ablehnen – aus tiefem Respekt vor der Würde des Einzelnen, der seinen ganz ureigenen Weg in und mit Gott geht.

bernini_theresa_face_front

(Bild: Die Verzückung der heiligen Teresa – Giovanni Lorenzo Bernini)

Read Full Post »

Den gestrigen Passus postete ich im Denken an den westlichen Ichbegriff. Folgende ketzerische Gedanken möchte ich anschließen: Unsere westlichen Gemüter hängen sehr am personalen Ich. Nicht nur bei uns selbst – auch unseren Gott haben wir mit allen Attributen einer Person ausgestattet, der Katholizismus sogar gleich mit dreien (Trinitätslehre). Unser Ich ist uns so wichtig, dass wir es für absolut halten. So absolut, dass auf christlichen Darstellungen Verstorbene in eben ihrer alten Form ihrem himmlischen Schöpfer begegnen. Kinder sitzen auf Jesu Schoß. Alles beim alten, nur der olle Körper ist eingemottet. So sprechen die Geistlichen auch in nahezu jeder Grabrede; der Verstorbene sei jetzt bei Gott, in Gemeinschaft mit den Heiligen, in freudigem Wiedersehen mit jenen, die vor ihm starben. Dass das Ich ebenso über den Jordan gehen könnte wie unser Körper, möchten wir nicht so gerne denken, meistens kommt es uns gar nicht in den Sinn.

Reinkarnationslehre mit Ich-Versessenheit

Die New Age Lehren, die sich ganze östliche Systeme einverleibt haben, haben dies auf sehr westliche Weise getan. Auch noch die Reinkarnationslehre wird bei uns zum Episodenfilm eines Ich, das immer mal wieder inkarniert. Da ist man dieser und jener, Frau, Mann, König, Bettler, Priester, Musiker, Hausfrau, aber immer ist es doch das unverrückbare Ich, das da die Körper an- und auszieht wie aus der Form geratene Klamotten. Sogenannte Rückführungen mit bilderreichen Erinnerungen „belegen“ uns, dass wir schon allerlei Inkarnationen hinter uns gebracht haben, und wir können sie durch leichte Hypnoseformen alle rekapitulieren – und fühlen uns hinterher nur darin bestätigt, dass es ein unverrückbares Ich gibt, einen Wesenskern, der eben denkt und fühlt wie wir in unserer aktuellen Inkarnation denken und fühlen.

Dass das mit der östlichen Reinkarnationslehre nicht das geringste zu tun hat, sehen wir nicht, ebenso wie wir nicht sehen, dass die auf dem westlichen Buchmarkt boomenden buddhistischen Bestseller laufend das Wort „Glück“ im Titel tragen, weil es dem westlichen Leser eben um beinahe nichts anderes geht als um das individuelle Glück, das Dauerwohlgefühl des Einzelnen – ein Alptraum für östliche Buddhisten.

Unterm Strich zähl‘ ich, das sagt schon die Werbung, und die muss es ja wissen, denn sie kennt den Verbraucher, und nur ein Ich mit Bedürfnissen verbraucht auch ordentlich, besonders auf der Suche nach dem individuellen Glück, der Verwirklichung des Einzelnen.

Spiritueller Kulturschock angesichts der Ich-Bedrohung

Ich erlebe es häufig, dass Menschen, die sich auf eine spirituelle Suche begeben und ihre Fühler in östliche Geisteswelten ausstrecken, unter der Ich-Erschütterung enorm leiden. Ob sie sich mit Buddhismus oder Hinduismus, mit Neo-Advaita oder mit synkretistischen spirituellen Systemen beschäftigen, überall begegnet ihnen die Aussage, dass das „Ich“ Illusion sei, hinfällig, flüchtig, im Grunde sowieso nur geistige Vernebelung der westlichen Welt. Meist regen sich hier massive Widerstände bis hin zur totalen Ablehnung.

Wie auch nicht – die abendländische Philosophie hat sich am Ich abgearbeitet als gäbe es nichts wichtigeres. Leib-Seele-Dualismus, cogito ergo sum, das schwimmt alles in der Muttermilch die uns groß gemacht hat. Das ist Teil unserer Geschichte, unserer Kultur, unserer Wahrnehmung und Denke, unserer versprachlichten Ich- und Welterfassung. Der wohl dramatischste Einbruch in dieses Verständnis kam mit der Postmoderne auf: die freute sich über den Zerfall von Identitäten, über die Entlarvung der abendländischen herrschaftlichen Vernunftkonzeption, das Subjekt diente ihr als Objekt des Spotts.

Die heutige Philosophie kommt weitgehend ohne Begriffe wie Seele oder Substanz aus, denn das Vertrauen in diese ist nachhaltig erschüttert. Gerne werden soziologische, entwicklungspsychologische und neurologische Erkenntnisse bemüht, um von der Flüchtigkeit von Identitäten zu sprechen. Thomas Metzingers „Being No One“ spricht vom Selbst als „Vorgang“, Identitäten seien transitorisch, und einen unverrückbaren Wesenskern gebe es ohnehin nicht. Das ist für Metzinger ein Revival der Mystik, nur dass wir heute eben vermeintlich ohne die Glaubenssysteme der Mystiker auskommen sollten. Das impliziert eine Forderung nach einer gänzlich säkularen Spiritualität, wenigstens aber nach einer Bereitschaft, die verkrallten Finger vom „Selbst“ zu nehmen. Nur seien wir mal ehrlich: wer außer jenen, die sich gezielt für so etwas interessieren, wer außer Akademikern und cognacschlürfenden ZEIT-Lesern bekommt von solchen akademischen Diskursen eigentlich etwas mit?

Wieviel Ich-Erschütterung ist denn im Alltag, im Büro, abends in der Kneipe oder vor dem Fernseher spürbar?

Die mystische Erfahrung: Bleibt alles anders

Dass die Grenzen des Ich sich im Jenseits oder bereits hier auf Erden auflösen sollten, begreifen wir in der Regel – unabhängig vom Bildungsniveau – als drohenden Tod. Und dieser Tod ist weit beängstigender als bloß das Sterben des Körpers.

Durch das tägliche Leben wenig vorbereitet, werden jene, die eine mystische Erfahrung machen, ins kalte Wasser gestoßen. Da ist das illusorische Ich nicht angelesen und daher entfällt jede Notwendigkeit, sich mit Autoren, Lehrern oder Szenen darüber zu streiten. Die, die am eigenen Leib erleben, was wir schlechthin „mystische Erfahrung“ oder „transpersonale Erfahrung“ nennen, mögen davon hinterrücks überrascht sein. Anders als im akademischen Diskurs trifft hier die Erschütterung nicht bloß den Intellekt oder die eigenen Eitelkeiten. So eine mystische Erfahrung stellt die ganze Welt auf den Kopf, erfasst das ganze namenlose Etwas, das wir sind.

Wer einmal aus den Grenzen seines Ich geflossen ist (oder katapultiert wurde, denn so sanft geht das nicht immer von statten), kehrt als Anderer zurück in die Welt. Und freilich geht der eine Mensch mit dieser Erschütterung anders um als der andere. Manch einem gelingt es nicht, das erlebte Nicht-Ich und das performante soziale Ich in eine Harmonie zu bringen. Das kann verschiedenes zur Folge haben, beispielsweise die Weigerung, weiterhin am Alltagsleben teilzunehmen. Da werden Berufe aufgegeben, Familien verlassen, sprachliche Normen (wie der Gebrauch des Wortes „Ich“) boykottiert. Manch einer flüchtet sich in Satsang-Biotope, in denen nur jene ein- und ausgehen, die verstehen. Oder wenigstens verstehen wollen. Manch einer wird zum Dauermeditierer daheim, auf der Suche nach der Antwort, nachdem die Erschütterung so viele Fragen aufwarf oder auf der Suche nach der erlebten Einheit, da doch alles Trennende nun um ein vielfaches schmerzlicher ist als zuvor. Glücklicherweise ist dies für viele ein vorübergehendes Phänomen, an das sich eine Rückkehr in die Welt anschließt.

Christliche Tradition und Mystik: ein immerwährendes Zerwürfnis

Grundsätzlich aber kann man vielleicht sagen, dass unser Alltagsleben uns nicht ausreichend auf die Möglichkeiten solchen Erlebens vorbereitet. Auch und gerade die christlichen Kirchen tun dies nicht. Fragt man heute Christen nach Mystikern, fallen zumeist die Namen Meister Eckhart und Johannes Tauler, wohlgemerkt Mystiker des Mittelalters. Dass die christliche Tradition aber weiterhin Mystiker hervorgebracht hat und heute noch hervorbringt, wissen viele nicht. Mystik bleibt, auch wenn Papst Benedikt sich zu der Aussage hinreißen ließ, dass die Mystik „Herzstück der christlichen Tradition“ sei, weiterhin unterdrückt, ausgegrenzt oder der Bedeutungslosigkeit preisgegeben. Das vermeintliche Problem, an dem die katholische Kirche weiterhin festhält, ist die in der Mystik geschehende Aufwertung der persönlichen spirituellen Erfahrung und eine damit befürchtete Abwertung der bindenden Glaubenslehren. Was nicht viel mehr bedeutet, als dass mystische Erfahrung einen Machtverlust der Institution verursacht. Damals wie heute erleben wir, dass jenseits des Gezänks am heiligen Stuhl viele Klöster lebendige Brunnen mystischer Erfahrung sind – und dort strömen die Menschen hin.

Und sie strömen auch zu Willigis Jäger, dessen gestern zitierte Worte sich wie eine Liebkosung des Ich lesen, das im Angesicht der mystischen Erfahrung um seine Existenz, seinen Wert und seine Würde bangt. Wert und Würde des Ich aber stehen nicht in Frage, wenigstens ganz sicher nicht aus christlicher Perspektive. Doch entkleidet es sich seiner Absolutheit.

Entgrenzende Erfahrung und Wege zum Anderen

Das vielzitierte Rahner-Wort, dass der Christ der Zukunft Mystiker sei oder gar nicht sei, möchte ich beinahe umschreiben in „Der Mensch der Zukunft wird ein Mystiker sein“. Das Gebot der Stunde ist, so scheint es mir seit vielen Jahren, diese Räume innerer Erfahrung zu betreten, mit allem Mut und aller Entschlossenheit, die dazu nötig sind. Das heisst nicht, dass man mystische Erfahrung herstellen könnte. Das heisst aber, dass wir eine Bereitschaft schaffen können, gewohnte, fremdbestimmte und herrschaftliche Räume zu verlassen und uns als Pilgernde auf den Weg der Entgrenzung zu machen.

Und dieser Weg wird Antworten geben müssen auf dringende Fragen unserer Zeit, auf Leiden, Einsamkeit und eine erschöpfte Natur inmitten einer globalisierten und vernetzten Welt, die mehr denn je Möglichkeiten hat, dem, was über sie hinausweist, zu begegnen.

Read Full Post »

darf mein herz an deinem ruhn
und meine not in deiner erde
darf ich weil du weite bist
versöhnen was ich war und werde

darf ich, weil in dir sich zeugt
der einen hohen ordnung glanz
an deiner haut die meine wärmen
fest umschlingend dich im tanz

darf ich deine hände legen
auf die stirn die mir verbrennt
auf die worte, die ich lasse
weil das wort nichts mehr benennt

wirst du deine hände legen
auf meine müden kriegerhände
dass auch die letzte waffe sinke
dass auch der kampf der hoffnung ende

darf mein tasten dich denn meinen
dich, die du erinn’rung bist
so öffne mir die dunkle wunde
die deine, meine liebe ist

.

Bilder: © (The great) Paulo Zerbato

Read Full Post »

Ich geh’ mit Dir: 14tägiger Übungsweg. Tag 14: Bejahung

© Cristina McAllister

Der heutige Tag steht unter dem Wort „Bejahung“.

Dieser vierzehntägige Weg begann mit einem „Ja“. Und heute endet er mit einem „Ja“.

Wohlwissend, dass in diesem Ja so viele Neins eingeschlossen sind, die gesprochen werden müssen gegen Ungerechtigkeiten, Unwahrheiten und Untragbarkeiten. Wohlwissend, dass ein Ja nicht immer in seliger Ergebenheit gesprochen werden kann, sondern oftmals errungen werden will. Wohlwissend auch, dass es vor allem innere Hürden sind, die überwunden werden wollen auf diesem Weg der Bejahung.

Dies ist ein Ja zu innerer Entwicklung. Zu Liebe, Mitgefühl und Aufmerksamkeit. Zu Mut und Aufrichtigkeit, ein Ja dazu, jene Welten zu erschließen, die Du in meinen Seelengrund gelegt hast. Dies ist ein Ja zu einem bewussten Leben inmitten dieser Schöpfung, die auf unzählige Weisen von Dir erzählt. Dies ist ein Ja zu einer beherzten und bedachten Lebensreise, im Angesicht des Du, und in Deiner Gegenwart, die alles durchdringt.

Noch während ich alles dafür tun muss, wird mir alles geschenkt. Noch während Du meine Wege zeichnest, bin ich frei. Dies ist ein Geheimnis, in das ich sinke, wie der Samen in die Erde. Und dafür danke ich Dir.

Segne unsere Wege. Segne die Wege aller, die eine neue Erde in ihren Herzen tragen, berührt von Deiner Gegenwart mitten unter uns.

Paulus schrieb einst an seine Gemeinde: Gott ist in unseren Herzen aufgeleuchtet.

Dieses Leuchten möchte ich bejahen, feiern, besingen, tragen und teilen.

(Dies war ein Übungsweg vom 15.10. – 28.10. Er begann hier. Herzlichen Dank an all die vielen Leser, die mitgegangen sind und die Texte geteilt haben, und die mir so freundlich geschrieben haben. Weiterhin gute Reise.)

Read Full Post »

Ich geh’ mit Dir: 14tägiger Übungsweg.Tag 13: Gemeinschaft

© Angela Treat Lyon

Der heutige Tag steht unter dem Wort „Gemeinschaft“.

Ich bin nicht allein. Diese Reise, die ich antrete, führt durch Höhen und Täler, immer aber in Reichweite von Gefährten. Und Gefährte will auch ich sein. Nicht nur dem Menschen, der mich kennt, und der sich selbst in mir erkennt, der sich mir zuneigt und meiner Zuneigung bedarf. Sondern auch dem Wind und dem Wasser, dem Feuer und der Erde, dem Tier, allem Wachsenden und Werdenden will ich Gefährte sein. So gut ich kann will ich dies, doch heute sage ich: ich will es besser können als bisher. Wo dazu Übung nötig ist, will ich üben. Wo dazu Offenheit nötig ist, will ich mich öffnen. Hörend sein will ich, auch und gerade für den Ruf des Nächsten der an mich ergeht, immer tiefer in ein Verstehen und Verkosten dessen sinkend, was Leben ist.

Und was der Mensch ist und was er sein kann, das werden wir erweisen. Denn jeder Tag ist der Tag der Menschwerdung.

 

Du bist mir so vertraut
ist unser Glanz auch noch verhüllt
wir teilen einen Traum
nimm meine Hand damit er sich erfüllt

.

(Dies ist ein Übungsweg vom 15.10. – 28.10. Er begann hier.)

Read Full Post »

Ich geh’ mit Dir: 14tägiger Übungsweg. Tag 12: Liebe

© Elena Kotliarker

Der heutige Tag steht unter dem Wort „Liebe“.

Was weiß ich von der Liebe? Je mehr ich mich Dir aussetze, Du Namenloser, um so fremder scheint sie mir.

Denn Du entkleidest mich. Mit geduldiger Hand nimmst Du mir jede Schicht: meinen Mantel, der mich wärmte, und den ich für mütterliche Liebe hielt. Mein Hemd, das mich ordnete, und das ich für väterliche Liebe hielt. Meine Kleider, die mich schmückten, und die ich für romantische Liebe hielt. Meine Uniform, die mich einreihte, und die ich für Nächstenliebe hielt. Meine Stiefel, die mich trugen, und die ich für Gottesliebe hielt.

Entkleidet hast Du mich, doch nicht um mich zu beschämen. Entkleidet hast Du mich, dass ich erahnen könnte, wie gross die Liebe ist.

Die Liebe verwandelt alles. Sie macht uns sehend und hörend, aufmerksam für alles was in uns und um uns lebt und pulsiert. Sie erinnert uns an unsere Verbundenheit, noch während sie uns von der Freiheit erzählt. Sie durchtrennt unsere Fesseln, doch auf eine Weise, die uns zu den Dingen hin befreit. In jener Freiheit stehlen wir uns nicht davon, entlastet und abgewandt. In jeder Freiheit wenden wir uns den Dingen zu, und unsere geöffneten Hände nehmen begierig und mutig den Lebensfaden auf, den zu knüpfen wir einst versprachen. Diese Freiheit ist eine Freiheit zur Hingabe, und diese Hingabe scheut nicht den Staub auf den Straßen und die Tränen im Gesicht des Nächsten, und sie weiß um die Gräber, über denen der Morgen noch nicht leuchtet.

Solche Liebe zeigst Du mir in meiner Nacktheit, und keine Ordnung, kein Gesetz, keine Regel die wir uns erdachten um den Strom der Liebe zu bändigen, hat darin Bestand.

Du zeigst mir Liebe, die nicht von dieser Welt ist, und deren Weg doch ins Herz dieser Welt führt und in alle ihre Blutgefäße, derer auch ich eines bin. Und mich verlangt es nicht nach Unverwundbarkeit oder nach seliger Ruhe, denn meine Arbeit, unsere Arbeit ist noch nicht getan.

Die Liebe höret niemals auf, sagtest Du uns. Und jeder meiner Atemzüge weiß das. Mit dieser Gewissheit möchte ich selbst Liebe sein in dieser Welt, heute, morgen, und bis zum letzten meiner Tage.

(Dies ist ein Übungsweg vom 15.10. – 28.10. Er begann hier.)

Read Full Post »

Older Posts »