Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Spiritualität’

In einem aktuellen Interview, das Doris Iding mit mir führte, sprachen wir über Synästhesie, mystische Erfahrung, Klöster, Gebetsleben und das Heiligtum des Alltags. Das Interview findet Ihr im Yoga aktuell Heft 99, das zum 1.8. erscheint – am Kiosk oder bestellbar unter diesem Link.

yogaaktuell2

yogaaktuell1

ya

Read Full Post »

Wir alle brauchen Vergebung, denn wir alle vergehen uns. Wir vergehen uns an der Freiheit des Anderen, an der Würde des Anderen, an dem Recht auf Entfaltung unseres Nächsten, der Leben ebenso verkosten will wie wir. Wir sprechen viele achtlose Worte. Wir tun Dinge, derer wir uns am nächsten Tag schon schämen. Öfter noch unterlassen wir das Nötige, das Not-Wendige, das dem Leben dienende, und schliessen die Augen vor dem Leiden des Mitmenschen. Wir denken dunkle Gedanken, in denen sich unser Gesicht viel mehr offenbart als das Gesicht der Welt oder das des Menschen, über den wir mutmaßen.

Das Christentum ist randvoll mit der Betrachtung des Schuldigwerdens, randvoll auch mit einem Aufschrei um Vergebung, und niemand geringeres rufen wir an, als die Gottheit selbst, weil wir ahnen, dass nur die reine, unkorrumpierte Liebe ausreichend sei, unsere Fehlbarkeit zu umarmen.

Aber was ist Vergebung, wenn sie nicht im Menschen Gestalt annimmt? Was ist eine Bitte um Verzeihung, wenn wir ihr nicht den Weg freimachen in die Mitte unseres Herzens, und uns ihr ergeben mit dem Willen, dem Anderen Freiheit zu schenken? Wie wird Vergebung lebendig, wenn wir es nicht sind, die einander vergeben? Wenn wir es Gott überlassen, unsere Ketten zu lösen?

„Liebt einander“, das enthält eine tiefe, folgenreiche Aufforderung zur Vergebung. Vergebung enthält ein Moment tiefer Selbsterkenntnis, denn erst der Mensch der sich als fehlbar und gefallen begreift, vermag nicht länger mit marmorner Härte von der Verfehlung des Anderen zu sprechen.
Vergebung enthält auch ein Moment tiefer Erkenntnis über die strebende, wachsende, reifende Natur des Lebens. Alles Lebendige reift am Scheitern. Am Fehler. Am Irrtum. Und es ist eine unschätzbare Lebenskunst, das Scheitern, den Fehler und den Irrtum nicht als Makel zu erdulden, sondern als Lebensatem zu begreifen. Als Weg der Reifung zu betreten.
Und letztlich enthält Vergebung auch einen Sog der Begegnung. Denn Vergebung ist nur in Zwiesprache zu erlangen, und nur in Zwiesprache zu gewähren. Wer vergibt, wer Vergebung erlangt, begreift, dass das Trennende überwindbar ist. Dass es ein Ungetrenntes gibt, das alle dunklen Wunden zu schließen vermag. Etwas, das heil ist und heil war, die ganze Zeit.

Und doch gibt es Dinge, die nur schwer zu verzeihen sind. Für manch einen Menschen, der schwer verwundet wurde, reicht eine Lebensspanne nicht aus, um Vergebung gewähren zu können. Auch das müssen wir aushalten, annehmen, und einander darin Gefährten sein. Wir können lernen, das Unverzeihliche das den Anderen plagt, mitzutragen. Raum zu sein, in dem das Schmerzliche das keine Heilung findet, atmen darf. Wir verkennen oft, wie wichtig dieses Miteinandertragen ist, und wie sehr auch dieses Tun Wege zu Vergebung öffnet. Jemand, der mit seiner Bitterkeit allein ist, wird alle Tage bitter sein. Jemand, der mit seinen Tränen allein ist, wird aller Tage untröstlich sein. Wir sind es, die einander Gefährten sein müssen, und dann werden wir staunen, darüber wie wir angesichts tiefer Begegnung und Gemeinschaft, angesichts heilsamen Miteinanders, neuen Frieden und neue Güte erlangen, die fruchtbarer Boden für Vergebung als Lebenshaltung werden.

Read Full Post »

Etwas, das wir heute kaum noch begreifen, etwas das uns ambitioniert und elitär denkende Spiritualität ausgetrieben hat, ist, auch die Tränen jener zu achten, die daraus ganz und gar nichts Kraftvolles, Schöpferisches oder Erhebendes gewinnen können, und deren Umgang mit Leiden alle Zeichen des Zerbrechens und Scheiterns trägt, und keine der Transformation oder des Triumphs.

Zeitgenössische spirituelle Konzepte loten für uns den Idealmenschen aus, der zwar den unseligen Regeln von Kapitalismus, Medienmanipulation und unterdrückenden religiösen Systemen schlau in die Karten schaut, der dafür aber in dem was wir für geistiges und körperliches Glück halten, deutlich raffgierige, manipulative und despotische Züge trägt, der also die Systeme die er ablehnt, ganz und gar verinnerlicht und auf seine spirituellen Wahrnehmungsgewohnheiten übertragen hat.

Es wird gemobbt wie an jeder durchschnittlichen Mittelschule, und Objekt der Ablehnung und offenen Aggression ist oft der Mensch, der an dem ihm widerfahrenen Leid zugrunde geht.
Die spirituellen Aggressoren finden dafür allerlei wortreiche Begründungen: der zerbrechende Mensch sei resilienzunfähig, erkenntnisunfähig, niedrig-memig, unerwacht, egoverhaftet, karmisch verstrickt, widerständig, unerlöst, möglicherweise sogar verflucht, besessen oder wenigstens fremdbestimmt. Je flacher die esoterischen Gewässer, desto tiefer die Ablehnung gegen den leidenden Menschen, gegen das Schmerzliche, das sich nicht kurieren lässt.

Die Ablehnung richtet sich sowohl gegen den geschundenen Körper, als auch gegen die von Traurigkeit erdrückte Seele. Zahllose Bestseller auf dem Lebenshilfemarkt suggerieren uns, Krankheit sei eine direkte Folge falscher Denkmuster und somit im Umkehrschluss durch Besserung innerer Gewohnheit auch in jedem Fall zu heilen. Der nicht genesende Mensch steht unter Generalverdacht, die ihm innewohnenden Fähigkeiten zur Regulierung seiner Körperfunktionen schlicht und ergreifend nicht wahrzunehmen, sei es aus Unwillen oder Unfähigkeit, was gleichermaßen eine Beleidigung des „natürlichen Zustands Gesundheit“ darstellt
.
Der traurigen Seele geht es ähnlich: sie bringt sich ja um das ihr vermeintliche verliehene „Geburtsrecht Glück“. Man bringt ihr bestenfalls Bedauern entgegen, dafür dass sie den natürlichen Zustand der Seele, „bliss“, Seligkeit, Glück, das Bewusstsein für die Schönheit und Gutheit aller Dinge nicht zu erlangen imstande ist.

Wenn auch aus psychologischer, medizinischer und spiritueller Perspektive viele dieser Behauptungen Wahrheit enthalten – niemand wird leugnen wollen, dass Gesundheit durch willentliche Entscheidungen, gedankliche Neuorientierung und das Schaffen gesundheitsfördernder Gewohnheiten stabilisiert werden kann, und niemand wird leugnen, dass es eine ganz natürliche Fähigkeit zum Glück gibt, die bei uns meist zum Vorschein kommt wenn wir nicht von zahllosen Strukturen der Gewalt drangsaliert sind – so haben sich Mechanismen der Ablehnung und Stigmatisierung längst verselbständigt und als tiefschwarzer Schatten Einzug in unsere spirituellen Konzepte gehalten.

Wir alle kennen oder sind Menschen, die zu strahlend glücklichen Leuten sagen: „Ich sehe zu Dir auf“, oder zu Menschen die sich von ihrer Krankheit geheilt haben „Ich danke Dir, dass Du mir aufzeigst, dass man die Krankheit überwinden kann“, oder zu Menschen, die mit allem im Reinen zu sein scheinen „Ich sehe in Dir die Verkörperung göttlichen Lichts“.
Es liegt uns aber fern, zu einem tieftraurigen Menschen zu sagen: „Ich sehe zu Dir auf.“, oder zu einem nicht genesenden Kranken „Ich danke Dir für das Leid, das Du trägst“ oder zu einem Verzweifelnden „Ich sehe in Dir das Zerbrochene als Manifestation Gottes“. Und das scheint mir schlicht und ergreifend eine krankhafte Verzerrung der Wirklichkeit, eine Schieflage die sich unserer Unfähigkeit verdankt, auch das was wir gemeinhin für Scheitern halten, als Schöpfungsprozess und als ehrbares Leben zu betrachten.

Nicht erst der Leidende der sein Leid überwindet, verdient unsere Achtung und Liebe – auch der Leidende der es niemals überwindet, verdient sie. Wir müssen unsere Zuneigung von Belohnung und Bestrafung befreien. Von Urteilen, die uns nicht zustehen. Dass wir menschengemachtes Leiden minimieren sollten steht freilich außer Frage. Wie wir aber mit jenen umgehen, die unsere obsessive Glücksbesoffenheit und unsere beschränkte Auffassung von gelungenem Leben nicht teilen, bedarf dringend einer Veränderung.

Wie kaum eine andere spirituelle Tradition trägt das Christentum dieses Wissen. Man nehme nur einmal die Geschichten um die Zöllner, Sünder und Prostituierten, um Menschen also, die nach damaligen gesellschaftlichen und religiösen Gepflogenheiten als unwürdig und gesellschaftsunfähig galten. Wir verkürzen diese Geschichte sehr, wenn wir nur den Aspekt der „Sünde“ darin sehen. Jesu Zuneigung galt all jenen, die den gebotenen Normen nicht genügten. Man blicke auf die extremste Figur des Christentums: Judas, dessen Verrat und verzweifelter Suizid sich in eine Heilsgeschichte verweben, die ohne sie gar nicht denkbar gewesen wäre. Das Christentum duldet, bevormundet oder bemitleidet keineswegs jene, die traurig, verzweifelt und aus gesellschaftlicher Perspektive untragbar sind. Stattdessen birgt es sie als heilige Orte, an denen Gott gegenwärtig ist, als menschliche Gärten, in denen Gott seine Schöpfung zur Blüte treibt.

Das Dunkel Vieler

Mir ist, als trügest Du die tausend Krüge,
die reich gefüllt sind mit den Tränen dunkler Nacht.
Wenn nur die Welt erst schläft und ihre Atemzüge
auch Deine Seele wiegen, die in Stille wacht,

dann lassen sinkend Deine rauen Hände
von den Gefäßen, die sich stürzen bis zum Grund.
Dort in den Scherben kommt ein Nachtgebet zum Ende,
und schwarze Vögel schrecken auf aus Deinem Mund.

Du bist wie ein verrußter Tabernakel,
so schwarz und gläsern wie der Rauchobsidian.
An Deinem Leiden ist kein Fehlen und kein Makel,
es folgt Dein Herz den Sternen gleich nur seiner Bahn.

Das Erdenleben gleicht dem Rosengarten.
Ein jeder Schritt treibt uns die Dornen in die Haut.
Die Gnade Gottes lässt uns nicht auf Tröstung warten,
wenn sie das Dunkel Vieler Einem anvertraut.

helfta

Read Full Post »

Wir müssen uns eingestehen, dass das, was wir aus spiritueller Perspektive „Zuhören“ nannten, lange nichts weiter war als „Abhören“. Wir hörten den Anderen ab wie Großinquisitoren, immer auf der Suche nach der Verfehlung in seinen Worten, nach der Abweichung die geahndet werden muss, nach der Ketzerei, die ihn als nicht spirituell, nicht erwacht, nicht würdig entlarvt. Wir hörten den Anderen ab auf der Suche nach der kleinen Unebenheit, auf die wir unsere Finger legen konnten um sie niederzuschleifen und einzuebnen mit der unerbittlichen Lust an einer normativen Ordnung, an Gesetzmässigkeiten, die wir glühenden Herzens verteidigen könnten wie blutrünstige Krieger. Wir hörten den Anderen ab auf der unablässigen Suche nach unserem Besserwissen und Bessersein, und die Tränen des Anderen waren uns lange nichts als der Treibstoff, mit dem wir das trudelnde Raumschiff unserer Überlegenheit antrieben. Ein All der Einsamkeit haben wir erschaffen. Nichts davon kann Bestand haben und nichts davon verdient es, Bestand zu haben.

Wir müssen das Zuhören lernen, das vom Wissen um unsere eigene Fehlbarkeit zehrt. Das Zuhören, das am Nichtweiterwissen gereift ist, an zahllosen dunklen Stunden, in denen wir Gott nur als Abwesenheit erfuhren. Wir müssen das Zuhören lernen, das das Fremde aushält. Das das Andersartige erträgt. Das es berührt mit fragenden Händen. Das Zuhören, das sich dem Anderen zuneigt in einer Andacht, die wir Gott vorbehielten, nichtsahnend, dass Gott im Nächsten zu uns spricht, während wir erwartungsvoll vor Tabernakeln, Altären und Bildnissen verharrten. Wir müssen das Zuhören lernen, das in Begegnung führt statt in Besitztum und in Herrschaft. Das Zuhören, das ein Mutterschoß ist für die Geschichten des Anderen, so störend und verstörend sie sein mögen, ein dunkler, bergender, heiliger Raum wie eine Kapelle der Zärtlichkeit. Und je mehr wir es wagen, es üben, um so mehr werden wir uns daran erinnern, mit welcher Segnung das Menschsein bedacht ist, mit welcher uferlosen Kraft zur Liebe, der letztlich nichts, auch nicht unsere steinernen Gewohnheiten, standhalten können. Eine neue Welt wartet. Hörst Du sie?

Bild: © Deborah Koff Chapin

zuhoeren

Read Full Post »

Die Dinge haben eine erlösende Leichtigkeit, wenn wir mit unserem Wesen die Natur des Lebens erfassen, das immer ein Drängen, Erneuern und Werden ist, eine überschäumende Seinslust, die alles immerzu über sich hinauswachsen lässt. Und die Dinge haben eine aufrichtige Traurigkeit, wenn wir mit unserem Wesen erfassen, wie schmerzlich jede Geburt ist, wieviel Kapitulation und Sterben allem Neuen vorausgeht, und wieviel vermeidbares Leiden wir einander antun. In einem weiten Herz wohnt das eine Wissen wie das andere, und allein die Liebe vermag die Spannung zwischen diesen Polen auszuhalten und würdevoll auszutragen. Diese Liebe vermag die Welt nicht gering zu achten oder in eine Seligkeit zu flüchten, die nicht am Verkosten jedes menschlichen, ja, jedes kreatürlichen Kummers gereift ist.

fruehling16

Read Full Post »

Es gibt eine ganze Menge Frauen, die durch das Frauenbild der Kirche, insbesondere der katholischen, regelrecht traumatisiert sind. Jahre- oder jahrzehntelang hörten sie von der Vorbildlichkeit einer marianischen Zurückhaltung, von der Bereitschaft, das Licht auszutragen, in deren Glanz sie ganz verschwinden. Sie schweigen in einer Welt der Männer, sie beugen sich dem niemals enden wollenden ehernen Gesetz, dass eine Frau nicht priesterlich sein könne. Bestenfalls als Gemeindereferentinnen oder Beisitzende in Kirchenvorständen organisieren sie Teekränzchen und Bibelkreise oder protestieren müde in einer Kirche von unten, die schon lange weiss, dass das Oben keine Anstalten macht, diese Rollenbilder jemals zu ändern.

Dann flüchten viele Frauen in eine freie spirituelle Szene, in der irrigen Annahme, sie könnten nun ihrem Frausein auch noch ein anderes Gesicht geben als das einer duldsamen, schweigenden, empfangenden Maria. Weit gefehlt. Denn in der Esoterikszene herrschen ebenso rigide Gesetze wie in der Kirche. Eine Welt aus Männern erklärt der Frau, wie sie „wirklich“ ist, wie ihre „Qualitäten“ zum Vorschein kommen. Die Hellingers, Betzens und Lindaus reden sich den Mund fusselig, um der Frau zu erklären, wie sie endlich ihre weibliche Bestimmung verwirklicht. Tugenden der Frau: natürlich das Empfangen, das Fürsorgliche, das Nährende, die bedingungslose Liebe, das Mitgefühl. Maria lässt grüssen. Derweil zeichnen sich die Männer durch ihre Klarheit und Tatkraft aus, durch ihren Willen, ihre gestaltende Kraft und ihre Führungsqualitäten. Naja, denken sie wenigstens.

Und manch eine merkt es nicht, wie die Frau wieder und wieder in die Rolle einer sentimentalen Mystikerin gedrängt wird, für immer ihrer Gefühlsduselei ausgeliefert, während Männer natürlich „Bewusstseinspioniere“ sind, die mit wissenschaftlicher Präzision die Welten in der transpersonalen Erfahrung vermessen. Die Sprache, liebe Frauen, die Sprache verrät schon so viel über die schwelende Verachtung, über die ständige salonfähige Degradierung weiblicher Erfahrungswelten.

Und ebenso wie die Kirche eine Überhöhung der Frau zum Abbild der Gottesmutter vornimmt, um die reale, in der Kirchenbank befindliche Frau zur Wort- und Tatenlosigkeit zu verdammen, überhöht ein nicht unerheblicher Teil der Esoterikszene die Frau zur „Göttin“ und „wilden Urkraft“, ohne zu merken, dass dies nur eine ohnmächtige Reaktion auf die Entmachtung der Frau ist, und ohne zu merken auch, dass die Überhöhung immer schon der perfideste Weg der Entmachtung war: oben auf dem Sockel sind sie alle ungefährlich und harmlos, die Menschen, die Heiligen, die Gottheiten, denn dort sind sie ja weit genug von Lebenswirklichkeiten entfernt.

Wenn ich als Frau einer Frau in religiösen oder spirituellen Milieus etwas zu raten hätte, dann wohl dies: misstraue den Rollen, die Dir zugedacht werden. Misstraue der von Männern dominierten Welt, die das Weibliche verstanden haben will und Dir dieses Verstehen gegen Entgelt verabreichen möchte. Misstraue jenen, die Dich zu einem wandelnden Mutterschoß degradieren, die Dir Schwert, Stift und Fackel aus der Hand nehmen und Dir stattdessen raten, Deine Hände artig empfangend auf Deine Knie zu legen. Misstraue auch jenen, die Dir Honig ums Maul schmieren und Dich zur Göttin hochstilisieren, nur damit Du als Mensch zum Schweigen gebracht bist. Misstraue den vielen Bündnissen mit der „Schwesternschaft“, wenn sie Dir nur einen Ort schaffen, an dem Deine Ohnmacht besser zu ertragen ist, dort unter Gleichgesinnten, wo Du vielleicht ein bisschen tanzen, tönen oder träumen darfst, anstatt Deinem Bedürfnis nachzugehen, die Welt mit guillotinenscharfen Worten zu schneiden, dort wo ihre Geschwüre längst faulen.

Nimm Dir die Freiheit, dem Ausdruck zu verleihen, was in Dir nach Ausdruck verlangt, und schere Dich nicht darum, ob es als männlich oder weiblich gilt, als ermächtigt oder ohnmächtig, als wild oder besonnen. Schau Dir eine Simone de Beauvoir, eine Jane Goodall, eine Malala an, um zu sehen was eine Frau sein kann. Und dann lache herzlich über die betulichen, kleinkrämerischen Frauenbilder, die Dir auf Esoterikseminaren angeboten werden, um Dich für immer zu bezähmen und zu sedieren, auf dass Du nicht an der Welt rüttelst, die schon so lange aus den Fugen ist, die aber von so vielen um jeden Preis bewahrt werden will.

(P.S.: Ich halte übrigens sehr viel von marianischer Spiritualität. Aber wie man das angeht ohne sich mundtot und handlungsunfähig machen zu lassen, ist eine andere Geschichte.)

Bild: Chie Yoshii

Read Full Post »

Ich bin Kind einer Generation, die in der Schule eine ganze Menge über das Aufkommen des Nationalsozialismus und dessen verheerende Folgen lesen musste. Wenn ich so zurückdenke, habe ich oft das Gefühl, meine Kindheit stand unter dem dunklen Stern von Aufarbeitung der Volksschuld einerseits und unter dem ebenso finsteren Stern des Wettrüstens und des kalten Krieges. Ich unterhielt mich mit Klassenkameraden oft über Angst. Angst vor dem dritten Weltkrieg. Angst vor eskalierender Feindseligkeit. Tschernobyl gab unserer kindlichen Unschuld irgendwie den Rest. Fortan fürchteten wir auch noch die unsichtbare Verseuchung der Dinge die wir uns arglos als Nahrung in den Mund steckten. Für Kinder ist es sicher nicht leicht, Fakten und Gefühl, Gefahren und diffuse Ängste zu unterscheiden. Glücklicherweise hatte ich Eltern, die immer willens waren, dieses Chaos mit mir zu sortieren, und die niemals aufhörten an das Gute im Menschen zu glauben. Es blieb aber dennoch dabei: es waren schwere, beängstigende Themen, und ich hatte das Gefühl, in einer gefährlichen Welt zu leben. Und das Gefährliche daran waren die Dummheit und die unkontrollierten dunklen Gefühle des Menschen – eine Feindseligkeit wie eine nicht zu beherrschende Krankheit.

Das Thema „Drittes Reich“ beschäftigte mich so sehr, dass ich auch in meiner Freizeit ständig Bücher las, die sich damit befassten. Einerseits Romane wie „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, „Stern ohne Himmel“ oder „Damals war es Friedrich“, andererseits Zeitdokumente wie Anne Franks Tagebücher oder schreckliche Einblicke in den KZ Alltag wie Eugen Kogons „Der SS Staat“.

Ich schildere das jetzt bewusst so, wie es bei mir als Kind ankam, weil das frei war von Theorien, Deutungen, und weil mir die Informationen nicht durch das innere Sieb der Political Correctness oder dergleichen sickerten. Ich war unbedarft in der Wahrnehmung all dessen – und mein Schrecken war ein unmittelbarer. Als ich zum ersten mal in Fernseh-Dokus die Schubkarren der KZ’s sah, auf denen sich ausgemergelte Leichen türmten, begriff etwas in mir, dass es Dämonen im Menschen gibt, die mitten im Alltag ein Tor zur Hölle öffnen können.

Als Kind fühlte ich in all diesen Büchern, Filmen, Dokumentationen zwei ganz widersprüchliche Dinge: Das eine war die brüllende, marodierende Wut und Gewalt, die sich oft in den Menschen zeigte – in den Diskriminierern und Verfolgern, in den Pogrom-Vandalen, in den Denunzianten, den Gestapo-Offizieren, ja noch in den gehirngewaschenen Kindern, die einander mobbten und dem Tod preisgaben.

Das andere war die unerträglich leise Beiläufigkeit, mit der der unnennbare Schrecken seinen Lauf nahm. Auch Eugen Kogon erzählte davon in seinem Buch „Der SS Staat“ – von der geräuschlosen, kalten und beiläufigen Ermordung zahlloser Insassen, als wäre es nichts. Als schnippte man sich gelangweilt eine Fliege von der Bluse. Die scheinbare Sachlichkeit der Tötungsabsichten und -handlungen, minutiös festgehalten in Listen, Ordnern, Archiven, als leiste man einen ordnenden Dienst an der etwas chaotisch gewordenen Menschheit. Die scheinbare Normalität all dessen, was sich kein Mensch eigentlich je ausdenken können sollte.

Und heute, dreissig Jahre später, stehe ich fassungslos vor dem Fernseher, in dem marodierende Menschenmengen Aslyheime anzünden, Busse überfallen in denen Flüchtlinge hoffnungsvoll einer Zukunft in Sicherheit entgegenfahren, in denen hasserfüllte Fratzen davon brüllen, wer das Volk sei und wer nicht, was deutsch sei und was nicht, was erwünscht sei und was nicht. Ich sitze fassungslos vor einem Medium Internet, von dem wir damals, als es entstand, alles erhofften aber nichts fürchteten, und begegne dort gesichtslosen Kommentatoren, die mehr Hass in eine Zeile quetschen können als ich mir je auszumalen im Stande wäre. Menschen, die „Gut so!“ brüllen, wenn ein Flüchtlingskind ertrinkt, Menschen, die davon fantasieren, Moscheen anzuzünden und Nichtchristen die Einreise zu verweigern. Menschen, die selbst den Mauerfall und den Neubeginn im Westen erlebt haben und sich dennoch nicht scheuen, vor laufender Kamera mit cholerisch errötetem Kopf davon zu brüllen, dass dieses Land ihnen gehöre und „Bootsneger“ oder „Hammelfresser“ darin nichts zu suchen hätten. Ich sehe Pegida-Massen durch die Straßen strömen, und frage mich, woher all diese Leute kommen, die scheinbar nur auf den richtigen Moment gewartet haben, um ihre Feindseligkeit endlich frei artikulieren zu können. Der Vandalismus ist längst da. Die Feuer sind längst da. Wir brauchen keine staatlich gesteuerte Pogromnacht mehr, denn der Mob hat das bereits in die Hand genommen und im Menschenverstand ist es längst Nacht geworden.

Und ich stehe fassungslos vor der Beiläufigkeit und leisen „Normalität“, die ebenfalls, wie damals, Wirklichkeit geworden ist. Vor dieser Business-as-usual-Mentalität, während Heime brennen und selbsternannte Bürgerwehren auf den abenddunklen Straßen nach Ausländern suchen, denen sie ihre Werte mit Fäusten vermitteln können. Es gab da diesen Mann, der eine Afrikanerin aus der Straßenbahn schubste. Sie fiel und starb. Es war eine kaum merkliche Bewegung seinerseits, und fast hätte es niemand gesehen. Der Mann verzog keine Miene. Ein Leben endet, und weiter geht’s in der Straßenbahn durch die Illusion von Normalität. Ich stehe fassungslos vor der scheinbaren Sachlichkeit, mit der Politiker die eine Schande für ihre Zunft sind, vorschlagen, man solle Kriegsflüchtlinge erschießen oder sich nicht von leidvollen Kinderaugen „erpressen“ lassen. Solche Meldungen laufen zwischen Bierwerbung und Daily Soap, und wir möchten gern glauben, dass weiterhin alles normal ist, deswegen geben wir unsere Empörung auch gerne nach fünf Sekunden wieder ab. Ich stehe fassungslos vor der geräuschlosen Bosheit, die all den Abschiebungen zugrunde liegt. Eine Unterschrift nur, ein Füller kratzt für eine Sekunde auf geduldigem Papier, und das bedeutet den Tod für so viele, und die unerträgliche Trennung von Familien, die nichts mehr haben als einander. Die kalte Beiläufigkeit des Bösen ist längst da. Wir brauchen keine gefühllosen Gestapo-Roboter mehr, die vermeintlich nur Befehle ausführen, denn etwas in diesem Land ist längst so kalt und so fremdgesteuert von namenloser Verachtung.

Das wäre alles zum Verzweifeln, nicht wahr. Aber Verzweiflung hat noch nie das Böse verhindert und noch nie das Gute genährt. Und deswegen werde ich nicht verzweifeln. Ich werde nicht aufhören, an das Gute im Menschen zu glauben und ich werde nicht aufhören, es in mir zu suchen, unter all der Gleichgültigkeit, die uns täglich injiziert wird. Ich weiss, dass wir uns nicht mehr auf einem „Warten auf die Katastrophe“ ausruhen können, denn die Katastrophe ist da. Vielleicht hat sie nicht das Gesicht, das wir immer erwarteten, oder das wir uns im Kopf ausgemalt haben in all der Zeit in der wir das Dritte Reich rauf- und runter studierten. Aber sie ist da. Eine Feindseligkeit hat sich breit gemacht, und das Erschreckende ist, dass sie salonfähig geworden ist. Sie ist kein Monopol von Extremisten und Außenseitern mehr, sie ist längst in die Wohnzimmer durchschnittlicher Mittelstandsfamilien gedrungen.

Und das Schamgefühl ist verschwunden, mit dem Menschen noch bis vor kurzem ihre fremdenfeindlichen Ressentiments für sich behielten. Immer mehr bleibt mir jedes Wort im Halse stecken, wenn Menschen plötzlich im Gespräch rassistischen Phrasen fallenlassen. Immer mehr begreife ich: sie fühlen sich sicher, und sie fühlen sich im Recht.

Wir müssen unsere Fassungslosigkeit überwinden und unser introvertiertes Betroffensein verlassen. Ich glaube, wir haben nun genug heimlich geweint, genug schweigend unter der Bosheit jener gelitten, die wir gestern noch für Gleichgesinnte hielten, genug darauf gewartet dass die Dummen ihre Dummheit und die Aggressiven ihre Wut überwinden. Wir müssen ebenso frei und laut sprechen, wie jene die sich nicht mehr schämen das Unsagbare zu sagen. Wir müssen ebenso frei und laut auf den Straßen stehen wie jene, die das Abendland für sich beanspruchen obwohl sie von der Kultur des Abendlandes nicht die geringste Ahnung haben. Wir müssen ebenso selbstbewusst und stark sein wie jene, die fälschlicherweise glauben, ihr Rassismus sei eine freie Meinungsäusserung. Eine Demokratie erhält sich nicht von allein. Eine Willkommenskultur ist eine zarte Pflanze, die gepflegt werden muss. Eine offenherzige Menschlichkeit ist nur dann ansteckend, wenn wir sie glaubhaft verkörpern.

Wir müssen mutiger sein, hörbarer, sichtbarer. Ich weiss, dass das irgendwie ohnmächtig klingt, denn die Ohnmacht der Fassungslosigkeit klebt zweifelsohne daran. Aber suhlen wir uns nicht darin. Jeder von uns hat die Kraft und die Möglichkeit, mit Herz und Verstand für das Gute einzustehen, das wir für die kommende Generation wirklich werden lassen wollen. Es ist ja in uns. Und es muss sichtbar sein – jeden Tag, und mehr denn je.

Bild: Käthe Kollwitz „Solidarität“

Read Full Post »

Older Posts »