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Posts Tagged ‘Stille’

Wir leben in einer Zeit und in einem Teil der Welt, in dem wir annehmen dass alles gut würde und jedes Glück uns offen stünde, wenn wir uns nur um uns selbst kümmerten.

Ja, das stimmte wohl, nähmen wir radikal ernst, was „um sich selbst kümmern“ heisst.

Kümmer Dich um Dich selbst, das heisst, kümmere Dich um Deinen Leib, der in einen sinnvollen, empfindlichen Naturzusammenhang eingebettet ist, der Bewegung braucht und Luft, der Sonne und Regen braucht und Stille, der seine Kräfte entfalten und erschöpfen will, und der mit allen Sinnen dem Klang, dem Anblick, dem Duft, dem Geschmack, dem Gefühl von Schöpfung, von lebendiger, strömender Energie nachgehen und auf den Grund gehen will, der darin aufgehen will wie stürzende Fälle im Flussbett.

Kümmer Dich um Dich selbst, das heisst, kümmere Dich um Dein Gefühl, um Deine Wunde die pocht, und um Deine Freude, die strömen will, um Deinen Zorn, der die unerträglichen Dinge zermalmen will, um Deine Angst, die die Angst des Sterblichen ist, und um Deine Sehnsucht, die Dich immer und immer wieder über die Grenze Deines Wohlempfindens hinauszulocken versucht, noch gegen jeden Deiner unerbittlichen Widerstände.

Kümmer Dich um Dich selbst, das heisst, kümmere Dich um Deine Gedanken, die an den Dir auferlegten Grenzen ausbluten, weil sie nicht genug wagen, nicht hoch genug springen, und sich nicht tief genug verzweigen, Deine Gedanken denen Du nicht erlaubst, das Unbegreifliche zu suchen und das Undenkbare zu träumen, und denen Du nicht gestattest, den Schleier von den Dingen zu reißen, unter denen eine Liebe wohnt, die nach nichts mehr verlangt, als danach enthüllt zu werden.

Kümmer Dich um Dich selbst, das heisst, kümmere Dich um Dein Wesen, das Anteil am Wesen Gottes hat, das nicht bezähmt sein will durch Dein kindliches Bedürfnis nach Sicherheit, Kontrolle, nach Unversehrtheit, Gewissheit und Anerkennung, das sich längst nicht erschöpft in diesem winzigen Territorium das Du für Deine Person hältst, und in dem winzigen Zeitraum, den Du Deine Lebensspanne nennst.

Kümmere Dich um Dein Wesen, das ozeanische Weite ist und das Anteil hat an der Blüte jedes Baumes, am Seufzen jedes Menschen, an der schöpferischen Lust und an jedem blutroten Schimmer einer anderen, einer kommenden, einer wirtlicheren Welt, in der wir uns selbst und einander die Weite darbieten, in der wir endlich, endlich Atem holen und als Menschen gesunden können.

Gib Dich der Verwandlung preis, die am Grunde aller Dinge auf Dich wartet, die in der Stille nach Dir greift, und die Dich hineinruft in die Gärten der Begegnung, immerzu, auch – lausche doch! – wenn Du mit Dir allein bist. Gib Dich nicht zufrieden mit jenem Kümmern, das ein Verkümmern ist, und mit jenem Selbst, das so klein und verloren ist wie ein Tropfen der auszog, um das Meer zu vergessen.

Ein jeder, der sich um sich selbst kümmerte, so nackt, roh und bodenlos mutig wie es jedes Wort dieses Satzes verlangt, würde neu geboren.

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Ein aktuelles Interview mit mir ist derzeit beim Vier Türme Verlag nachzulesen. Darin widmen wir uns unter anderem der Frage, ob Konfessionen passé sind, was interreligiöser Dialog braucht, warum Mystik gesunde Weltwahrnehmung ist und wie Segenspraxis den Alltag kraftvoll umgestaltet und uns verwandelt. Viel Freude beim Lesen!

„Wir leben in einer Zeit, die sehr großen Wert auf persönliches Glück legt und dieses gleichzeitig ständig unterwandert. Denn das Habenwollen, die Angst vor Kontrollverlust und Verletzung machen uns nicht glücklich. Das machen ganz andere Dinge. Zum Beispiel erlebte Verbundenheit. Erlebte Freiheit und Gestaltungskraft. Fruchtbare Begegnungen. Sinnvolles Tun. Dafür aber müssen wir uns einlassen und auch etwas riskieren.“

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Wir müssen die Leben derer, die wir nicht verstehen, die wir nicht ertragen, wenigstens in einem Atemholen, wenigstens in einem Schweigen zärtlich betten – nicht dass sie sich veränderten in das für uns Annehmbare, doch dass wir die Tür nicht zufallen liessen zu den Räumen, in denen jeder Mensch sich aufgehoben wissen darf, in denen auch wir uns als Aufgehobene verstehen dürfen, deren Zerbrochenheit mehr ist als eine Bürde für unseren Nächsten: Signum und Würde des Werdenden. Denn alles Werdende kann nie verstanden, kann nie angenommen sein; es steht unter dem Gesetz der Vorläufigkeit, unter dem wir so vielfach leiden wie unter dem Stachel des Endlichen: ein Nein, das nicht zu beruhigen ist. Dort aber, wo unser Schweigen das Werdende trägt, das wir nicht tragen können, beginnt das eigentliche Beten: jenes Beten, das ablässt von der Lust des Bewahrens, und von der Verzweiflung am Kommenden, vom dunklen Eigenwillen, der nie mehr erhoffen kann, als ein wurmstichiges Wohlergehen, eine flüchtige Beruhigung, die sich immer gegen den Anderen, den verhassten Boten der Endlichkeit, schützen muss. Das tiefste Beten kommt nicht von redlichen Lippen und nicht aus wohlwollendem Herzen – es wird gesprochen von einer fernen Stimme. Sie betet uns, überwältigt uns, sie stürzt aus dem kleinen Schweigen, das wir ihr liessen, in alles, was wir für Heimat hielten, in jedes Begehren, dem wir einander auslieferten, und beschenkt uns mit dem, worum wir nie zu bitten im Stande sind: mit dem Schwinden jeder Gewissheit.

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Wintergebet

Ich habe zu essen,
ich habe es warm,
die Sonne stand heute
über leuchtenden Dächern,
und der Frost begrüßte mich
am Briefkasten,
in dem ein Brief einer Freundin lag.
Meine Füße tragen mich
wohin ich gehen mag,
und meinen Ohren entgeht nicht
der heitere Gesang der Vögel am Morgen.
Es geht mir gut.

Mein Herz ist angefüllt mit Dank,
wie ein Brunnen mit reinem Wasser.
Ein Brunnen aber tränkt Viele.
Gib mir den Sinn, das Herz,
den Blick und die Bereitschaft,
dort zu sein,
wo Menschen hungrig sind,
frieren, und zu viele Sorgen haben
um sich an Rauhreif und Abendgold
zu erfreuen.

Mein Glück gehört mir nicht,
es ist ein fließendes Wasser,
so wie Du ein fließendes Wasser bist,
Du Strom des Lebens.
An Deinem Herzen
will ich zu neuer Menschlichkeit
erwachen.

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Wenn Beten bloß ein Bitten wäre – und dies ist ein so gängiges Missverständnis unserer Zeit – dann wäre es in der Tat ein unseliges Gefängnis der Unmündigkeit, in das wir uns selbst jeden Tag aufs Neue einsperren, in dem wir einander nicht mehr wären als menschliche Abgründe, deren Leere mit nichts zu füllen ist, und in dem wir Gott gegenüber träten als ewige Kinder ohne Aussicht auf den köstlichen Moment, in dem uns die Gegenwärtigkeit des Gebrauchten und Gewollten, ja noch des Nicht zu erhoffenden so durchdringt wie Morgenlicht die müden Weiten alter Erde.

Aber Beten ist – und das wirst Du selbst dann erfahren, wenn Du es als unermüdlich Bittende/r beginnst – so viel mehr als eine Frage an den Liebsten, als eine Hoffnung auf das Sich Verschenkende, als eine Erinnerung an ein altes Versprechen dessen Einlösung sich fortwährend ereignet.

Beten ist selbst der heilige Raum, in dem wir in alles hineinwachsen, was in uns als Same schlummert – in Einsicht, in Tiefe, in Klarheit, in Begegnung, in Liebe die aus reinigendem Feuer hervorging. Gebet ist ein Lebensweg, dem ein Entschluss zugrunde liegt – selbst noch dann, wenn wir nichts von ihm wissen – der Entschluss nämlich, zu werden wozu Gott uns erdacht hat und erdenkt, noch in diesem Moment. Und es mögen tausend Stunden vor uns liegen, angefüllt mit wüstenöder Trockenheit, mit dem alles umspannenden Gefühl der Sinnlosigkeit, das Beten mag uns vorkommen wie eine Verwirrung, die kein Ende findet, aber einmal kommt der Moment, in dem das Gebet der reißende Strom wird, der Dich mitnimmt, der Dich Dir wegnimmt, und der Dich in etwas überführt, von dem Du jetzt – und es gibt keinen Grund, das zu bedauern – noch nichts ahnst.

Du musst also nicht auf das Geschick Deines Betens vertrauen, oder auf dessen Schönheit, auch nicht auf dessen Wirkung oder das dabei herrschende Gefühl. Dein Vertrauen darf dem Gebet selbst gelten, und dem darin lebendigen Unbekannten, der ultimativen Bodenlosigkeit, die Jesus wohl meinte, als er sagte, der Menschensohn habe keinen Ort, an dem er sein Haupt betten könne. Gebet ist der Nichtort, an dem Beheimatung eine neue Bedeutung gewinnt. Gebet ist der Nichtort, von dem aus unsere Pilgerschaft sich entfaltet. Dies ist wohl nicht weniger als ein Geheimnis, ein Abenteuer und ein großes, lebendiges Wunder.

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Die Welt liegt da wie eine längst verklung’ne Frage,
und wie vergang’ne Stille hängt daran der Mond.
Bin ich noch Mensch, wenn ich am Anderen verzage?
An Asche, die in feuerlosen Herzen wohnt?

Bin ich noch Betende, wenn sie mich jäh verließen,
die guten Worte, die an Dankbarkeit gereift?
An ihrer statt, da wandern nun, mit nackten Füßen,
nur Bettelworte, deren Hand nach Lind’rung greift.

Wann sind die Stämme von den Wurzeln abgefallen?
Wann schloss die Erde ihren nachtgeschwärzten Schoß?
Wann wird der letzte Ruf nach Frieden ganz verhallen?
Wann stellt der Mensch des letzten Menschen Würde bloß?

Ich bin versprengt, wie tausend Tränen, tausend Splitter,
es wärmt bei Nacht die Ärmsten nur vergossnes Blut.
Die Welt war Leben, doch ihr Meister ist der Schnitter,
der nun wie rasend seine dunkle Arbeit tut.

Es gibt ein Sterben, das sie schliesst, die dunkle Wunde,
an deren Schmerz die ganze Welt sich tief entzweit.
Und jede Angst muss enden am Gebot der Stunde,
dass nun das Herz des neuen Menschen sich befreit.

Sieh doch das Blut, es strömt in tausenden Gefäßen,
als habe Gott sich jedem Zweiglein hingeschenkt.
Dass wir dies wüssten, atmeten und nie vergäßen!
Weil alles Leben, Bruder, letztlich daran hängt.

mon

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Ich weiss nicht, warum ich das Glück höher schätzen sollte als die Traurigkeit. Die Traurigkeit hat mich so tief in die Stille geführt, in ein Hören das Anteil nimmt an den Leben derer, die viele Tränen zu weinen haben. Sie hat mich weich gemacht in einer Welt der Härte.

Ich weiss nicht, warum ich die Sanftmut höher schätzen sollte als den Zorn. Der Zorn hat mich so oft daran erinnert, dass in manchen Dingen ein notwendiger Aufschrei klingt. Dass es Wirklichkeiten gibt, die sich niemals bessern, wenn wir uns nicht empören, wenn wir der zum Schweigen gebrachten Menschlichkeit keine Stimme geben. Der Zorn hat zu mir gesprochen wie ein Mahner, wie ein Seher, wenn Viele die Blindheit wählen.

Ich weiss nicht, warum ich den Moment höher schätzen sollte als das Gestern oder das Morgen. Meine geduldigste Lehrerin war die Vergangenheit, meine, und die derer, die mich ins Herz trafen. Das Morgen aber grüßt mich als ungeschriebener Vers, und ich muss das Beste in meiner Seele finden, einem Perlenfischer gleich, damit dieser Vers Vielen wohlgefällig sei.

Ich weiss nicht, warum ich die Gesundheit höher schätzen sollte als die Krankheit. Vieles, was ich in gesunden Tagen vergaß, wurde mir bewusst, als ich Schmerzen trug. Als ich nicht mehr teilnehmen konnte an Leben, das mir selbstverständlich geworden war. Die Krankheit sprach zu mir als Endlichkeit, und ich lernte ihr zuzuhören mit reifendem Herzen.

Ich weiss nicht, warum ich die Geburt höher schätzen sollte als den Tod. Beide sind nur Momente, in denen Gott mir eine Tür öffnet. Und Er weiss besser als ich, wann diese Tür geöffnet werden muss, und welche Gärten dahinter liegen.

Es liegt kein Gift in diesen Dingen. Nur ein Gift ist in uns, und das ist das Festhalten an dem was wir haben, und an dem was wir haben wollen. Ihm verdankt sich unser ganzes Unglück.

Das Gebet aber ist wie ein Aderlass, es lässt das Gift aus uns heraus. Wenn die ganze Seele betet, sinkt unser Willen in den Seinen, und das Leben darf endlich wogen wie die See.

Bild: Jules Joseph Meynier, „Christ asleep in his boat“

christsleeping

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