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Posts Tagged ‘Vertrauen’

Was, wenn uns Gott nicht nur als Heilung begegnet, sondern als Krankheit? Nicht nur als Frieden, sondern als Zerwürfnis? Am 30.10 hatte ich die Freude, in der Stadtkirche St. Petri Dortmund eine Gastpredigt zum Thema Angst zu halten. Biblischer Gegenstand dieser mystischen Auslegung war die Geschichte der Sturmstillung (Mk 4,35-41). Die komplette Predigt „Leben inmitten des Sturms: Radikale Verletzbarkeit als Quelle der Gotteserfahrung“ ist nun auf Youtube nachzuhören. Viel Freude damit.

Stillung des Sturms

Am Abend jenes Tages sagte Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: »Lasst
uns ans andere Ufer fahren!« Sie schickten die Menge nach Hause, stiegen
in das Boot, in dem Jesus bereits war, und fuhren mit ihm ab. Einige andere
Boote begleiteten sie. Plötzlich brach ein heftiger Sturm los; die Wellen
schlugen ins Boot, und es begann sich mit Wasser zu füllen. Jesus aber
schlief im hinteren Teil des Bootes auf einem Kissen. Sie weckten ihn und
schrien: »Meister, macht es dir nichts aus, dass wir umkommen?« Jesus
stand auf, wies den Wind in seine Schranken und befahl dem See: »Schweig!
Sei still!« Da legte sich der Wind, und es trat eine große Stille ein.
»Warum habt ihr solche Angst?«, fragte Jesus sie. »Habt ihr noch kein
Vertrauen?« Da gerieten sie in große Furcht, und sie sagten zueinander:
»Wer ist nur dieser Mann, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?

(Markusevangelium 4,35-41, NGÜ)

 

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Es gibt eine schmerzliche und zugleich gnadenvolle Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, die wir nicht im Versiegen, Abbrechen oder Entsagen erleben, nicht inmitten von Sorge, Trennung, Krankheit oder Tod – dort also, wo uns die Unerträglichkeit des Unvollendeten, des nicht gelingenden oder des jäh Fortsterbenden wie eine unheilvolle Klinge zerteilt – sondern im Angesicht ehrfurchtgebietender Schönheit und Anmut, dort wo Entzücken und Seligkeit uns so haltlos aus den Augen perlen, weil wir erstmalig schmecken, was das Wort „Leben“ überhaupt bedeuten könnte, lernten wir, Ergebenheit zu einem fortwährenden Gebet unseres Herzens heranreifen zu lassen.

Solcher Art ist diese Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit, dass sie uns direkt und unverhohlen aus der verschwenderischen Schönheit des Augenblicks grüßt, aus dem Kuss der Geliebten, der Treue verheißt, aus dem Duft der Blüte, die ein stilles Amen auf das weit gereiste Licht der Sonne singt. Wie ein klagendes, jauchzendes Duett tönt in uns dann die Ewigkeit, die sich des Eingegossenseins in endliche Gestalten erinnert, und die Endlichkeit, die sich daran erinnert, Gefäß des Ewigen zu sein. Unter diesem Gesang sind wir Verwundete – und wir gleichen dem Jünger Thomas, da wir wie er, erst nachdem unsere Hände in die Wunde getaucht sind, das Wunder der Ewigkeit, das nicht ohne den blutberänderten Riss, nicht ohne das Sterben auskommt, bejahen und vertrauensvoll umarmen.

Wir wären Narren, nähmen wir die Verwundung durch die Gewissheit der Endlichkeit zum Anlass, zu verzagen. Und Narren wären wir, nähmen wir jene Verwundung zum Anlass, unser Glück auf den letzten Ruf in die Ewigkeit zu vertagen. Jene Verwundung inmitten beseelter Schönheit hat die Macht, uns zu läutern und zu klären, und unsere Hände, die vielleicht bisher nur als grobe Enden unserer Ungeschicklichkeit hölzern in die Welt ragten, zu tatkräftigen, redlichen, irdenen Werkzeugen umzuformen, unter deren trauerlosem Fleiß eine neue Welt sich zu erkennen gibt. Oh, der Schönheit ist genug in unsere alte vernarbte Welt gegossen, doch unsere Werkzeughände liegen noch in ungeöffneten Truhen unter Schichten von Staub.

Dies ist die Gnade der Verwundung, dass sie uns zu gestaltenden Schöpfern umformt, deren Maß der Liebe ein Tun ist, ein menschenmögliches im kostbarsten Sinne, nicht um der Liebe die vollkommen ist, ein Jota hinzuzufügen, sondern um eine jede Stunde als Sakrament zu begreifen, in der die Liebe sich in den Menschen verwandelt, in den Menschen der ich bin, in den Menschen der Du bist, mit all unseren äschern gewordenen Worten und unseren Händen aus Treibholz auf einem Meer der Verzweiflung.

Die Liebe weiß nichts weiter, als Du zu werden, das ist wohl ihre Torheit, doch eine die wir begreifen, wenn erst die Schönheit uns bestürmt und einnimmt, ohne Rücksicht auf unser Beharren, dass alle Dinge bedeutungslos seien oder bitter wie Wermut.

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Zur Nacht

Leg Deine Ängste nieder.
Für eine Nacht nur gib den Sternen was Dich sorgt.
Es kehrt die Ruhe wieder.
Denn alle Dinge, die wir halten, sind geborgt.
Du darfst die Augen schließen.
Du darfst vergessen, was Dich eben noch gebeugt.
Das Blau der Nacht lass fließen,
das eine namenlose Liebe treu bezeugt.
Du bist von ihr umgeben.
Lass nun den Dingen ihren Lauf und schlafe ein.
Du bist beschenkt mit Leben.
Ein jeder Morgen lockt Dich zärtlich, Licht zu sein.

(Geistliche Gedichte findest Du auch in meinem Band „Dorn der Liebe“, echter Verlag 2015, überall im Buchhandel und in meinem Shop.)

Bild: Toshiyuki Enoki

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Es gibt diese Erzählung von zwei Mönchen, die ihre Vorstellung vom Paradies hatten und einander versprachen, derjenige der zuerst sterbe, werde dem Hinterbliebenen davon erzählen, wie es dort drüben sei. Sie versprachen einander, nur ein Wort zu sagen, nämlich „aliter“, was bedeutet „Es ist anders, als wir es uns vorstellten“, oder „taliter“, „Es ist so, wie wir es uns vorstellten“. Als nun der eine Mönch starb, erschien er seinem Bruder im Traum, doch nicht wie versprochen mit einem dieser Worte, sondern mit den Worten „Totaliter aliter“, was bedeutet: „Es ist vollkommen anders, als wir es uns vorgestellt haben“.

Für mich sind diese zwei Worte wie ein kraftvolles Mantra. Wann immer ich feststelle, dass ich mich in festen Vorstellungen über einen Menschen, über die Welt, über die Sinnhaftigkeit des Lebens oder gar das Wesen Gottes befinde, sagt es in mir wie von selbst: „Totaliter aliter“.

Denn nur wenn wir uns eingestehen, einen Menschen nicht zu kennen, können wir ihm noch begegnen. Und nur wenn wir die Ahnung von der Unvorstellbarkeit des Lebens hereinlassen, können wir uns der Welt noch fragend, sehnend und atmend zuwenden. Und nur wenn wir bereit sind, noch jede tröstliche Vorstellung von Gott loszulassen, öffnen wir uns dem, den wir nicht kennen, dem, der da kommt. Dem, den wir erfahren, jenseits von Wissen und Erwartung.

„Totaliter aliter“ ist ein Gebet des Loslassens, ein Mantra des Nichtwissens, eine Einlassung in die Größe der Liebe, die alle unsere Vorstellung zum Schweigen bringt, all unsere Grenzen sprengt und all unsere Gewissheiten unendlich übersteigt.

Und wenn ich nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu wissen und nichts mehr zu hoffen hätte, wären es diese beiden Worte, auf denen ich reisen wollte, und ich wüsste, dass es eine gute Reise ist.

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Wenn Du etwas Neues beginnst, vertraue auf deine Faehigkeiten. Auf die, die Du kennst, aber mehr noch auf die, die Du noch nicht kennst – und wisse, es sind viele. Wenn Du etwas Neues beginnst, vertraue darauf, dass dem Leben selbst Weisheit innewohnt, die Dich genau an diesen Punkt, an diesen Ort, in diese Situation geführt hat. Wenn Du etwas Neues beginnst, genieße den Zauber des Neuen und lass Dich vom Schrecken des Neuen nicht verängstigen. Denn alles was passieren kann, ist, dass Du Erfahrungen machst, an denen Du wachsen und reifen kannst, und Leben war und ist immer Lernen und Erfahren und Entgrenztwerden. Wenn Du etwas Neues beginnst, reise, auch wenn Du das Ziel Deiner Reise noch nicht kennst. Der Reisende grüßt das Unbekannte, und das Unbekannte grüßt ihn und füllt ihn an mit Leben. Bedauere nicht, dass Du eine Gewohnheit hinter Dir lässt, einen Tagesablauf, ein vertrautes Immergleiches, eine Comfort Zone. Denn diese Dinge wiegen Dich in Sicherheit und verschaffen Dir eine Ruhe, für die Du oft einen viel zu hohen Preis zahlst. Den, Deine Größe nie zu erfahren. Den, nie die Freude zu erleben, an einer Herausforderung zu wachsen. Den, nie von der Freiheit zu kosten, die im Verlassen der Grenzen liegt. Wenn Du etwas Neues beginnst, akzeptiere, dass Dir vielleicht das Herz bis zum Hals schlägt. Dass Du Dir vorkommst wie ein Kind, wie ein Unwissender, wie jemand der nicht weiss was er tut. Liebe den Mut, den Schritt dennoch zu gehen. Liebe die Reise, die Dich in neues blühendes Leben führt. Liebe den Moment, in dem Du erkennst, dass all das Neue, all das Beängstigende, all das Unwägbare Segen war und ist. Dir geschenkt, auf dass sich Deine Seele entfalte und ihre Flügel ausbreite, an einem Himmel voller Seelen, die mit Dir auf Reisen sind.

wagedasneue

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In meiner Wohnung hängt dieses Kreuz. Ich liebe es sehr. Es ist ein altes, ein verfärbtes, ein mitgenommenes Kreuz, und die Spiegelflächen, die der Künstler um die eigentlichen Balken geklebt hat, sind zerbrochen. Es stammt aus Bolivien, und vereint in sich die landestypische Frömmigkeit und Verspieltheit.

Links von Jesus sieht man eine lachende Sonne. Rechts von Jesus einen Pfeife rauchenden Mond. Ich habe das Kreuz in einem Antiquitätenladen erstanden, und das hätte ich vermutlich allein schon wegen des Pfeife rauchenden Mondes.

Agua Viva

Der eigentliche Grund aber ist der: der Jesus, der dort am Kreuz hängt, zeigt zwar die üblicherweise in den Vordergrund tretenden Wundmale und blutenden Blessuren, um die gerade in katholischer Tradition alles kreist, doch in einem unterscheidet es sich von den üblichen Darstellungen: der Künstler hat Ströme blauen Wassers aus Jesu Wunden treten lassen. Aus seinen Händen, seinen Füßen, seiner Seite rinnt das kostbare Wasser, und auch die Schweissperlen auf seinem Gesicht und die Tränen an seinen Wimpern gehören dazu. Unten am Kreuzstamm werden diese Rinnsale zu einem Gewässer, in das der Künstler „Agua Viva“ geschrieben hat: „Lebendiges Wasser“.

Und das ist der Grund, warum dieses Kreuz für mich eines ist, das von einem erfahrbaren Geheimnis erzählt, dem die Mystiker aller Kulturen sich stets näherten, und dem jeder Betende sich zu nähern imstande ist, und weniger von einem Blutzoll, der sich einer vermeintlichen universellen Sünde verdankt. Das ist der Grund, warum dieses Kreuz für mich Signum der Lebendigkeit ist – ein Kreuz der Freude, auch angesichts der größten Ungeheuerlichkeit einer sterbenden Gottheit.

Das lebendige Wasser in der Bibel

Der Topos vom „Wasser des Lebens“ findet sich in vielen Stellen der Bibel. Schon das Alte Testament ist durchsetzt vom Bild Gottes als Quell. Jesus greift dieses Bild in seinen Reden auf, doch verweist er nicht auf diese Quelle im Außen, die der immer dürstende Mensch in der Ferne suchen müsse. Er sagt zwei Dinge, die für die Menschen damaliger Zeit ein Affront gewesen sein dürften: dass er nämlich dieses Wasser habe, und den Menschen gebe. Und dass in jedem Menschen, der davon trinke, der Quell lebendigen Wassers sprudeln werde.

Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.

(Johannes 4,14)

Und da dieses Wasser das höchste Gut ist, der Ursprung allen Lebens, das Versprechen der Ewigkeit, was muss der Mensch da wohl leisten, um es zu erlangen? In der Offenbarung des Johannes gibt Jesus die Antwort: nichts, außer durstig zu sein, außer es zu wollen. Ein Verlangen liegt allem zugrunde. Und dem der verlangt, wird das Wasser geschenkt.

Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, euch dies zu bezeugen für die Gemeinden. Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern. Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer von dem Wasser des Lebens trinken will, wird es geschenkt bekommen.

(Offenbarung 22,17)

Dieses Verlangen wohnt in uns allen. Wir haben viele Namen dafür. Der eine sagt, er sehne sich nach Glück. Der andere sagt, er sehne sich nach Seelenfrieden. Manch einer wünscht sich angesichts alles Endlichen, er möge etwas Bleibendes in der Welt hinterlassen. Der nächste wünscht sich Zweisamkeit, tiefe Liebe, Freundschaft, und wiederum ein anderer wünscht sich, dass endlich jedes Lebewesen frei von Leiden sei.

Verlangen als Erinnerung an unsere Natur

Ich möchte meinen, dass all jene Herzenswünsche so etwas sind wie ein tief in unsere Seele eingeschriebenes Versprechen: dass da Leben sei. Unerschöpfliches, unendliches, unteilbares Leben. Manchmal ist unsere Erinnerung daran ein Verkosten, eine Klarheit im Angesicht dessen, was an unserem Seelengrund liegt. Manchmal aber ist unsere einzige Erinnerung daran eine traurige Sehnsucht, und wir spüren jeden Tag die Abwesenheit von etwas, das alles was wir sind und tun in ein anderes Licht rücken würde.

Die Kartage sind eine Zeit, in der wir die Stille, die Abwesenheit und die Traurigkeit zulassen. Am Karsamstag verdichtet sich die Stille zu einem Meer des Schweigens – die katholische Kirche feiert an diesem Tag keine Messe und teilt an diesem Tag keine Kommunion aus (Ausnahme: Sterbende) weil der Tod Jesu, die Abwesenheit der Gottheit, vergegenwärtigt werden soll.

Mir gefällt dieser Brauch auch heute noch, weil er es zulässt, dass wir unsere satte Heilsgewissheit für einen Tag ablegen und uns auf eine Erfahrung einlassen, die keine Zeichen des Triumphs trägt – wohl aber Zeichen der Verbundenheit mit einem menschlichen Christus, der selbst ohne jeden Trost seine Gottverlassenheit am Kreuz ausrief.

Ein beredtes Bild

Der Christus an meinem Kreuz blutet und verströmt doch lebendiges Wasser. Das ist wohl ein einfaches und zutiefst beredtes Bild, das mir erzählt, wie nah uns der göttliche Strom immerzu ist – noch aus unseren Wunden leuchtet er, und auch da wo wir gebrochen sind, fließt er mit ungebrochener Kraft. Es erzählt mir auch, wieviel Sterben immerzu nötig ist, damit jener, der Quell allen Lebens ist, sich in uns erheben kann. Es erzählt mir, dass die Gottesgegenwart in der Seele ein Geheimnis ist, dessen Entschleierung sich in alle Äderchen des Lebens ausbreitet, auf unzählige Weisen.

Es gibt auch Zeiten, die sind wie ein nicht enden wollender Karsamstag, und jede Gewissheit und jede Freude sind fern. Dann bleibt uns aber immer noch, im Vertrauen auf die Offenbarungsworte von diesem größten aller Geschenke, denn Gott selbst ist es der sich schenkt, die Bitte der Samariterfrau am Brunnen:

Herr, gib mir von diesem Wasser.“ (Joh 4,15)

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