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Posts Tagged ‘Zugewandtheit’

Wenn Du Deinem Mitmenschen einen echten Liebesdienst erweisen willst, lass ihn ausreden. Fall ihm nicht ins Wort. Reiche ihm kein vertrautes Wort an, wenn er um die Sagbarkeit einer Erfahrung ringt. Beende seine Sätze nicht auf der Suche nach dem Ruhebett vermeintlicher Übereinstimmung. Versuche nicht vorauseilend damit zu glänzen, dass Du weißt was er zu sagen anhebt. Kränke ihn nicht mit Deiner Ungeduld. Belehre ihn nicht mit Deiner Meinung, die sich für wichtiger hält als das Hören. Unterwirf die Worte die Du hörst, nicht widerstandslos der Herrschaft Deiner eigenen Urteile, kämpfe viel eher für ihr Recht auf Freiheit. Heuchle kein Interesse. Begib Dich lieber an den stillen heiligen Ort in Dir an dem eine natürliche Zugewandtheit zum Anderen längst lebendig ist. Höre die Worte des Anderen mit Staunen.

Sei weich genug, auch die spitzen Worte anzunehmen. Sei weise genug, auch das Ungesagte wahrzunehmen, das ebenso um Dein Hören ringt. Suche die blutrote Spur tiefen Verstehens, die durch Dein Herz wie durch Dein Denken führt, durch Dein Wissen wie durch Dein Nichtwissen, durch Deinen Leib noch, der selbst ein Organ des Hörens ist. Erlaube Dir, mit den Worten des Anderen zu hadern, an ihnen zu leiden, Dich schneiden zu lassen von der Fremdheit darin, aber nimm dies nicht zum Anlass, im Hören nachzulassen. Spüre der Ahnung nach, dass Dein Hören bereits Zwiesprache ist. Dass Deine Erwiderung nicht halb so wichtig ist, wie diese hohle Hand, diese sehnsüchtige Schale des Lauschens.

Tiefes Hören ist ein Schöpfungsakt – ein Leben wächst in einem anderen, ein Sprechen und ein Gehörtwerden öffnen den Raum für ein Drittes. Bezähme das Leben nicht im Beharren auf dem was Du weisst und auf dem was Du hören willst. Staune über die schöpferische Kraft des Hörens die auch Dich verwandelt und die von einem Menschsein zeugt, in das hineinzureifen wir eingeladen sind.

klanggebet7

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Es gibt eine namenlose Schönheit der Dinge, die sich dem Menschen erst dann offenbart, wenn er bereitwillig in eine Zugewandtheit tritt, die das Andere um seiner selbst willen zu achten beginnt. Wie eine geduldige Geliebte wartet die Schönheit der Dinge auf diesen kostbaren Moment, in dem die Seele nicht länger der Verstrickung ins Gestrige erliegt. Dieser Moment ist wie ein läuterndes Feuer, doch ohne Qual. Nicht länger will das Auge dann sehen was ihm wohlgefällig ist, nicht länger will das Ohr hören was ihm schmeichelt, nicht länger will der Gaumen schmecken was ihn tröstet, nicht länger will die Nase riechen, was sie betört, und nicht länger will die Hand berühren um zu besitzen. Die Sinne sind nicht länger angekettete Tiere, dem Willen ihres Herren unterworfen – sie werden Atemzüge des Geistes, der sich selbst verströmt.

Diese Zugewandtheit zu erlangen ist dem Menschen möglich, der auf schmerzlichen Übungswegen Erkenntnis über die Natur seiner Bedürfnisse erlangt, doch ist sie auch jedem Narren gegeben, den Gottes Gnade bedingungslos beschenkt – niemand ist also von solch befreiender Schau ausgenommen, wie niemand ausgenommen ist vom Wesen der Schönheit, die im Grunde eine unbeschadete, grenzenlose und immerwährende Gutheit ist. Die Gutheit der Dinge inmitten des Schreckens zu schauen, ist eine Ungeheuerlichkeit, an der viele Menschen ihren Verstand zu verlieren imstande sind, und doch ahnt jeder Mensch darum, der im lodernden zerstörerischen Feuer die Schönheit der Sonne wiedererkennt, der im Kranken des Körpers die Vollkommenheit des menschlichen Organismus erkennt, und der im Klagen um einen Verstorbenen die Zeit überdauernde Liebe erkennt.

Zugewandtheit ist der Pfad zur Schönheit, und diese kann sich sowohl an der Geliebten entfalten, die wir unter Sternenlicht küssen, als auch an dem Kranken, den wir pflegen, dem Vogel, dessen Lied wir lauschen oder dem Grashalm den wir um Verzeihung bitten, weil wir ihn zertraten. Diese Zugewandtheit ist wohl eine Selbstvergessenheit, doch trägt diese Vergessenheit keine Makel der Verdrängung, Verstrickung oder Flucht – dies Vergessen gleicht dem Schließen der Augen, wie wir es kennen von unzähligen Stunden des Betens, Lauschens, Liebens und Schlafens. Die Stimme eines neuen Menschen in uns spricht, und alles horcht und gehorcht ihr: Nun da ich schaute, kann ich die Augen schließen.

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