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Die Scham ablegen

Mich fragte einmal ein Freund, ob ich mich nicht schämte für das was ich früher sagte oder früher war. Und ich dachte nach, und sofort stach mich Scham, für das was ich kindlich fand, kühn, was ich gedankenlos fand oder zu durchdacht, was ich gesagt hatte wider besseren Wissens und was ich nicht gesagt hatte obwohl es nötig gewesen wäre.

Dann ging ich in die Scham bis sie aus meinen Poren quoll wie Blut, und dann ging ich aus ihr heraus, wie eine Mutter, die ihr blutendes Kind betrachtet mit nichts als Erbarmen im Herzen. Und dann war ich schamlos, wie eine die begreift dass Dinge eben werden, und dem Werdenden nie Qual sein kann, dass die Dinge gestern noch anders waren, und dass sie morgen anders sein werden als er ahnen könnte.

Als Künstlerin kennt man das noch auf eine andere Weise: vielleicht sind einem die Texte fremd, die man gestern schrieb, die Bilder unangenehm, die man vorgestern malte, die Lieder schal, die nur allzu schnell unter einer Patina der Vergänglichkeit verklangen. Oft ist es, als habe die Wahrheit, die aus einem drängt, eine nur kurze Halbwertszeit – ständig stirbt sie in das weiter werdende Herz hinein, das Du bist, und die gestrige Kleinheit mag sie verletzt haben.

Wenn Dich Dinge reuen, die Du gestern sagtest, für die Du gestern branntest, dann lass der Scham ihre Seufzer, aber halte sie nicht fest, denn jeder Mensch der begreift dass er ein Werdender ist, hat die Größe, die Unzulänglichkeiten des Gestern, und jene die noch kommen, in sich zu bergen. Auch Du. Und die Welt, die in Dir heranwächst, sucht sich den Ausdruck, dessen Du fähig bist – mit einer Gnade die Dir alles verzeiht, und mit einer Kraft, die alles überwindet.

Bild: © Gina-Maria Pilipovici

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Der Sog des Heiligen

Die heilige Woche beginnt. „Frohe Ostern“ rufen schon viele, und das ist mehr als eine Unachtsamkeit gegenüber dem Kirchenjahr mit seiner Festordnung – es zeugt viel mehr von unserer Furcht vor dem Schmerzlichen und unserem Wunsch, schon in festlicher Freude angekommen zu sein. Denn die Karwoche erzählt eine quälende Geschichte von Leid und Sterben, von Unausweichlichkeit und Verlust – und wenn wir diese Geschichte auch als Skizze eines persönlichen, innerseelischen spirituellen Prozesses begreifen, dann schwant uns, dass auch wir vieles sterben lassen müssen um ein neues Leben zu finden.

Als Papst Franziskus gestern dazu aufforderte, Jesus nicht nur auf Gemälden anzusehen, sondern sein Gesicht in all den Leidenden denen wir begegnen zu finden, dachte ich, diese Mahnung hat auch in der freien spirituellen Szene Gültigkeit. Denn wie sehr wird dort ein Bogen um den Leidenden gemacht. Wie sehr wird dort der starke, erfolgreiche, gesunde, junge Mensch verehrt, und wie sehr wird dort Leid als Folge fehlerhafter Gedanken, Verhaltensmuster und Interpretationen stigmatisiert. Westliche Spiritualität ist längst so grundlegend instrumentalisiert, dass sie zu einer Selbstimmunisierung gegen Leid schlechthin dient – auch und vor allem gegen das Leid des Anderen, an dem wir oftmals nicht unbeteiligt sind.

Was das verehrte Jesusgemälde an der Wand und das Idealbild des erwachten postmodernen Spirituellen gemein haben, ist, dass sie nicht viel mit dem Alltag zu tun haben. Dass sie unseren Wunsch bedienen, unversehrt und heil zu sein. Dass wir sie dazu benutzen, uns gedanklich und real aus einem leidvollen Kontext herauszuheben.

Jesu Worte, nachdem er auf einem Esel reitend in Jerusalem empfangen wird, fahren wie ein Schwert in diese Beschaulichkeit:

„Wem sein eigenes Leben über alles geht, der verliert es. Wer aber in dieser Welt sein Leben loslässt, der wird es bewahren für das ewige Leben.“ (Joh 12,25)

Das ist keine Einladung dazu, das irdische Leben gering zu achten oder auf die Welt herabzublicken. Es ist aber eine Aufforderung dazu, das kostbare irdische Leben in einen größeren Kontext zu betten. Der große Kontext des Christentums ist Begegnung und Beziehung, ist Verbundenheit und Verbindlichkeit. Ob wir nun also Gott suchen oder ein Heilsein, gelingendes Leben oder unser wahres Glück – wir finden es nicht jenseits des Menschen, nicht jenseits des Leidenden, nicht jenseits der Tatkraft, die den Leidenden aufrichten will.

In der Wunde unserer Endlichkeit, die wir fürchten und fliehen, ist der Sog des Heiligen, des Lebens das nicht endet und der Schönheit die wir nur erahnen. Sich in diesen Sog zu ergeben, kann das Schwerste und Unerträglichste sein – das erlebt auch Jesus im Ölgarten.

Vielleicht können wir die Karwoche zum Anlass nehmen, dieses Wagnis einzugehen: Gott unser Glück denken zu lassen. Abzulassen von der Unerbittlichkeit, mit der wir Unversehrtheit einfordern. Vorstellungen loszulassen, unter denen längst eine aufrichtigere Sehnsucht atmet.
Den Sog wahrzunehmen.

Ich wünsche Euch eine gesegnete Karwoche.

Vom 29.1. bis zum 6.4. dauert die drei feministische Gottesdienste umfassende thematische Reihe „Vergebung“ in der evangelischen Stadtkirche St. Petri, Dortmund. Am 26.2.2017 durfte ich als Gastpredigern einige Betrachtungen zur Aufforderung Jesu, grenzenlos zu vergeben, beitragen:

Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal – Zwischen grenzenloser Vergebungsbereitschaft und dem Unverzeihlichen„.

Diese Predigt ist nun auf Youtube nachzuhören.

Was erscheint, wenn wir uns von Vergebungspraxis als ethischem Anspruch lösen? Was eröffnet sich, wenn wir auch unser Nichtvergebenkönnen anerkennen? Worauf verweist Jesu Aufforderung zu unendlicher Vergebungsbereitschaft?

Eine Spurensuche auf dem Hintergrund mystischer Erfahrung.

(Als PDF Download befindet sich die Predigt auf meiner Website)

Ein Hören

Das schönste Geschenk war,
dass Du mich fragtest.
Dass Du mich fragtest anstatt
zu meinen, anstatt zu glauben,
zu raten, zu tun.
Dass Du mich fragtest wie eine,
die mit mir Wüsten durchwandert
den Quellen entgegen,
mit geteiltem Durst.
Mit Raum im Herzen
für das, was noch tastend
noch ächzend am Du
ersucht, in der Welt zu sein.
Mit Blicken aus Seide
um das keimende Grün nicht zu schrecken,
um nicht zu ritzen
die schneezarte Haut.
Das schönste Geschenk war,
dass Du mich fragtest.
Dass Du mich fragtest wie eine,
die weiss: nur dann
hat das Leben eine Wahl
wenn ein Hören es beschwört.

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Segen

Ich wünsche Dir,
dass für jede Träne, die Du allein weinen musstest
jemand eine Freude mit Dir teilt,
dass für jede Angst, die Du durchschreiten musstest
eine heilsame Gewissheit aus Deinem Herzen aufsteigt,
dass für jedes Band, das Du lösen musstest
ein wahrer Freund auf Deinem Lebensweg erscheint.
Ich wünsche Dir,
dass Dir die Freude am Wagnis erhalten bleibt,
die Neugier auf das Unbekannte,
das Zittern der Vorfreude,
wenn Du ein neues Kapitel beginnst.
Und dass der Blick zurück Dir nicht das Herz beschwert,
dass alles Endliche, um das wir weinen
und das Unvollendete, unter dem wir leiden
Dir mit sanftem Drängen eine Tür öffnet
zu kindlichem Staunen, zu tiefer Dankbarkeit,
zu wachsender Güte, auch für Dich selbst,
und zu einer Liebe,
die alles Endliche überdauert.

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Heute, als ich in einem eisbereiften Tannenwald durch bläuliche Nebel wanderte, neben mir hunderte gefrorener Spinnennetze, deren Schönheit sich vor allem dem Paradox von Leichtigkeit und harter unermüdlicher Arbeit verdankt, wurde für mich wieder sehr fühlbar, dass wir an der Lebensfreude noch viel zu verstehen haben.

Lebensfreude ist ein großes Wort, das im spirituellen Kosmos einen festen Platz einnimmt – monolithisch steht das Wort da und peinigt uns nicht selten mit unserem Ungenügen. Lebensfreude – was ist das? Ist sie ein kleines umzäuntes Glück, das man gegen die Hässlichkeiten der Welt schützen muss? Ist sie ein Verschwinden im Moment, in der sorglosen und auseinandersetzungsfreien Sphäre in die unser Verstand uns nicht gern entlässt? Oder ist sie ein Eintauchen ins Wesentliche?

Was aber ist das Wesen-tliche, ist es ein leuchtendes Geheimnis hinter der Dunkelheit der Dinge? Oder suchen wir vergeblich nach dem Wesen das uns meint, das wir sind, und das uns ruft, wenn wir hinter den Dingen immer noch etwas größeres vermuten?

2016 war für Viele ein schweres Jahr. Viele nahmen es wahr als Jahr katastrophischer Ereignisse, als Jahr der Feindseligkeit, Angst und Bedrohung. Manche möchten es einfach nur noch hinter sich bringen, dieses Jahr in denen die Medien mehr denn je von Terror sprachen, und Viele nicht mehr wussten, ob der eigentliche Terror nicht vielleicht sogar der ist, dass uns ständige Bedrohung suggeriert wird obwohl die Welt auf viele Weisen besser wird.

Ich bin in diesem Jahr auch viele male still geworden – weniger andächtig als ratlos, weniger innehaltend als auf mich zurückgeworfen.

Es gibt nur ein paar kleine Dinge, die ich über Lebensfreude begriffen habe. Dass sie zwei Gesichter hat. Das eine ist das selbstvergessene, und wir alle kennen sie, diese grundlose Freude die uns ereilt, wenn wir uns für einige Augenblicke in der Schönheit und Würde eines Moments verlieren. Ein stiller Wald unter Rauhreif, ein Duft von Schnee, ein Sonnenglanz auf eisigen Gebirgsbächen. Selbstvergessenheit und Lebensfreude fallen dort ganz leicht zusammen und sie kosten uns nichts, ausser der Illusion dass alles andere wichtiger sei als diese Schönheit. Diese Selbstvergessenheit trägt aber in sich eine kostbare Erinnerung an alle anderen Menschen. An alle lebende Kreatur. Deswegen sind wir in dieser Selbstvergessenheit auch nicht allein, und auch nicht aus der Verantwortung genommen. In der Erinnerung an alle anderen liegt eine feierliche Aufgabe: Leben als Miteinander zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen, einen Platz in der
größeren Ordnung einzunehmen.

Anders ist dieses zweite Gesicht der Lebensfreude. Denn es gibt jene Freude, die nicht leicht über uns kommt, die nicht einfach da ist wie ein raumeinnehmendes ätherisches Wesen, das uns alle Beschwerlichkeit abnimmt. Das zweite Gesicht der Lebensfreude ist das von Arbeit, von Anstrengung, von Kampf auch. Denn diese Freude müssen wir oft dem Alltag abringen, der Furcht abtrotzen, den schlaflosen Nächten und den ungelösten Konflikten. Den unausgesprochenen Worten, den schneidend kalten Verstimmungen, der Ohnmacht, dem Nichtweiterwissen. Das ist nicht immer angenehm. Es kostet uns Mühe und es fordert uns, uns selbst immer wieder in Frage zu stellen. Es fordert uns auf, auch hungrig an den Mund des Anderen zu denken, auch traurig an die Tränen des Anderen, es fordert uns dazu auf, immer wieder den Sprung über die Enge unserer Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit zu wagen.

Lebensfreude, so begreife ich in diesem Jahr, ist kein Zustand, kein Haus mit Dach und vier Wänden, Lebensfreude ist eine Bewegtheit. Und sie ist ein Feuer das aus der Glut der Begegnung entsteht.

So möchte ich uns am Ende dieses Jahres, an dem wir oftmals Gelegenheit hatten festzustellen wie sicher, glücklich und gut genährt wir im Vergleich mit vielen vielen Menschen auf dieser Erde leben, uns allen Lebensfreude wünschen. Jene Freude, die sich in der Selbstvergessenheit an den Nächsten erinnert. Jene Freude, die leicht ist und ein Geschenk. Jene Freude auch, die uns fordert und überfordert, die uns Mühe macht, und die nach dem Lärm der Straßen klingt und den Duft des Alltags trägt. Jene Lebensfreude, die sich nicht davor fürchtet, eine mächtige Kraft der Veränderung zu sein.

Mögen wir alle diese Freude erfahren und weiterreichen. Ich wünsche Euch einen sanften Jahresausklang und ein gesegnetes 2017.

silvester