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Ein Hören

Das schönste Geschenk war,
dass Du mich fragtest.
Dass Du mich fragtest anstatt
zu meinen, anstatt zu glauben,
zu raten, zu tun.
Dass Du mich fragtest wie eine,
die mit mir Wüsten durchwandert
den Quellen entgegen,
mit geteiltem Durst.
Mit Raum im Herzen
für das, was noch tastend
noch ächzend am Du
ersucht, in der Welt zu sein.
Mit Blicken aus Seide
um das keimende Grün nicht zu schrecken,
um nicht zu ritzen
die schneezarte Haut.
Das schönste Geschenk war,
dass Du mich fragtest.
Dass Du mich fragtest wie eine,
die weiss: nur dann
hat das Leben eine Wahl
wenn ein Hören es beschwört.

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Segen

Ich wünsche Dir,
dass für jede Träne, die Du allein weinen musstest
jemand eine Freude mit Dir teilt,
dass für jede Angst, die Du durchschreiten musstest
eine heilsame Gewissheit aus Deinem Herzen aufsteigt,
dass für jedes Band, das Du lösen musstest
ein wahrer Freund auf Deinem Lebensweg erscheint.
Ich wünsche Dir,
dass Dir die Freude am Wagnis erhalten bleibt,
die Neugier auf das Unbekannte,
das Zittern der Vorfreude,
wenn Du ein neues Kapitel beginnst.
Und dass der Blick zurück Dir nicht das Herz beschwert,
dass alles Endliche, um das wir weinen
und das Unvollendete, unter dem wir leiden
Dir mit sanftem Drängen eine Tür öffnet
zu kindlichem Staunen, zu tiefer Dankbarkeit,
zu wachsender Güte, auch für Dich selbst,
und zu einer Liebe,
die alles Endliche überdauert.

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Heute, als ich in einem eisbereiften Tannenwald durch bläuliche Nebel wanderte, neben mir hunderte gefrorener Spinnennetze, deren Schönheit sich vor allem dem Paradox von Leichtigkeit und harter unermüdlicher Arbeit verdankt, wurde für mich wieder sehr fühlbar, dass wir an der Lebensfreude noch viel zu verstehen haben.

Lebensfreude ist ein großes Wort, das im spirituellen Kosmos einen festen Platz einnimmt – monolithisch steht das Wort da und peinigt uns nicht selten mit unserem Ungenügen. Lebensfreude – was ist das? Ist sie ein kleines umzäuntes Glück, das man gegen die Hässlichkeiten der Welt schützen muss? Ist sie ein Verschwinden im Moment, in der sorglosen und auseinandersetzungsfreien Sphäre in die unser Verstand uns nicht gern entlässt? Oder ist sie ein Eintauchen ins Wesentliche?

Was aber ist das Wesen-tliche, ist es ein leuchtendes Geheimnis hinter der Dunkelheit der Dinge? Oder suchen wir vergeblich nach dem Wesen das uns meint, das wir sind, und das uns ruft, wenn wir hinter den Dingen immer noch etwas größeres vermuten?

2016 war für Viele ein schweres Jahr. Viele nahmen es wahr als Jahr katastrophischer Ereignisse, als Jahr der Feindseligkeit, Angst und Bedrohung. Manche möchten es einfach nur noch hinter sich bringen, dieses Jahr in denen die Medien mehr denn je von Terror sprachen, und Viele nicht mehr wussten, ob der eigentliche Terror nicht vielleicht sogar der ist, dass uns ständige Bedrohung suggeriert wird obwohl die Welt auf viele Weisen besser wird.

Ich bin in diesem Jahr auch viele male still geworden – weniger andächtig als ratlos, weniger innehaltend als auf mich zurückgeworfen.

Es gibt nur ein paar kleine Dinge, die ich über Lebensfreude begriffen habe. Dass sie zwei Gesichter hat. Das eine ist das selbstvergessene, und wir alle kennen sie, diese grundlose Freude die uns ereilt, wenn wir uns für einige Augenblicke in der Schönheit und Würde eines Moments verlieren. Ein stiller Wald unter Rauhreif, ein Duft von Schnee, ein Sonnenglanz auf eisigen Gebirgsbächen. Selbstvergessenheit und Lebensfreude fallen dort ganz leicht zusammen und sie kosten uns nichts, ausser der Illusion dass alles andere wichtiger sei als diese Schönheit. Diese Selbstvergessenheit trägt aber in sich eine kostbare Erinnerung an alle anderen Menschen. An alle lebende Kreatur. Deswegen sind wir in dieser Selbstvergessenheit auch nicht allein, und auch nicht aus der Verantwortung genommen. In der Erinnerung an alle anderen liegt eine feierliche Aufgabe: Leben als Miteinander zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen, einen Platz in der
größeren Ordnung einzunehmen.

Anders ist dieses zweite Gesicht der Lebensfreude. Denn es gibt jene Freude, die nicht leicht über uns kommt, die nicht einfach da ist wie ein raumeinnehmendes ätherisches Wesen, das uns alle Beschwerlichkeit abnimmt. Das zweite Gesicht der Lebensfreude ist das von Arbeit, von Anstrengung, von Kampf auch. Denn diese Freude müssen wir oft dem Alltag abringen, der Furcht abtrotzen, den schlaflosen Nächten und den ungelösten Konflikten. Den unausgesprochenen Worten, den schneidend kalten Verstimmungen, der Ohnmacht, dem Nichtweiterwissen. Das ist nicht immer angenehm. Es kostet uns Mühe und es fordert uns, uns selbst immer wieder in Frage zu stellen. Es fordert uns auf, auch hungrig an den Mund des Anderen zu denken, auch traurig an die Tränen des Anderen, es fordert uns dazu auf, immer wieder den Sprung über die Enge unserer Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit zu wagen.

Lebensfreude, so begreife ich in diesem Jahr, ist kein Zustand, kein Haus mit Dach und vier Wänden, Lebensfreude ist eine Bewegtheit. Und sie ist ein Feuer das aus der Glut der Begegnung entsteht.

So möchte ich uns am Ende dieses Jahres, an dem wir oftmals Gelegenheit hatten festzustellen wie sicher, glücklich und gut genährt wir im Vergleich mit vielen vielen Menschen auf dieser Erde leben, uns allen Lebensfreude wünschen. Jene Freude, die sich in der Selbstvergessenheit an den Nächsten erinnert. Jene Freude, die leicht ist und ein Geschenk. Jene Freude auch, die uns fordert und überfordert, die uns Mühe macht, und die nach dem Lärm der Straßen klingt und den Duft des Alltags trägt. Jene Lebensfreude, die sich nicht davor fürchtet, eine mächtige Kraft der Veränderung zu sein.

Mögen wir alle diese Freude erfahren und weiterreichen. Ich wünsche Euch einen sanften Jahresausklang und ein gesegnetes 2017.

silvester

Ein tiefes Hören

Wenn Du Deinem Mitmenschen einen echten Liebesdienst erweisen willst, lass ihn ausreden. Fall ihm nicht ins Wort. Reiche ihm kein vertrautes Wort an, wenn er um die Sagbarkeit einer Erfahrung ringt. Beende seine Sätze nicht auf der Suche nach dem Ruhebett vermeintlicher Übereinstimmung. Versuche nicht vorauseilend damit zu glänzen, dass Du weißt was er zu sagen anhebt. Kränke ihn nicht mit Deiner Ungeduld. Belehre ihn nicht mit Deiner Meinung, die sich für wichtiger hält als das Hören. Unterwirf die Worte die Du hörst, nicht widerstandslos der Herrschaft Deiner eigenen Urteile, kämpfe viel eher für ihr Recht auf Freiheit. Heuchle kein Interesse. Begib Dich lieber an den stillen heiligen Ort in Dir an dem eine natürliche Zugewandtheit zum Anderen längst lebendig ist. Höre die Worte des Anderen mit Staunen.

Sei weich genug, auch die spitzen Worte anzunehmen. Sei weise genug, auch das Ungesagte wahrzunehmen, das ebenso um Dein Hören ringt. Suche die blutrote Spur tiefen Verstehens, die durch Dein Herz wie durch Dein Denken führt, durch Dein Wissen wie durch Dein Nichtwissen, durch Deinen Leib noch, der selbst ein Organ des Hörens ist. Erlaube Dir, mit den Worten des Anderen zu hadern, an ihnen zu leiden, Dich schneiden zu lassen von der Fremdheit darin, aber nimm dies nicht zum Anlass, im Hören nachzulassen. Spüre der Ahnung nach, dass Dein Hören bereits Zwiesprache ist. Dass Deine Erwiderung nicht halb so wichtig ist, wie diese hohle Hand, diese sehnsüchtige Schale des Lauschens.

Tiefes Hören ist ein Schöpfungsakt – ein Leben wächst in einem anderen, ein Sprechen und ein Gehörtwerden öffnen den Raum für ein Drittes. Bezähme das Leben nicht im Beharren auf dem was Du weisst und auf dem was Du hören willst. Staune über die schöpferische Kraft des Hörens die auch Dich verwandelt und die von einem Menschsein zeugt, in das hineinzureifen wir eingeladen sind.

klanggebet7

Wintergebet

Ich habe zu essen,
ich habe es warm,
die Sonne stand heute
über leuchtenden Dächern,
und der Frost begrüßte mich
am Briefkasten,
in dem ein Brief einer Freundin lag.
Meine Füße tragen mich
wohin ich gehen mag,
und meinen Ohren entgeht nicht
der heitere Gesang der Vögel am Morgen.
Es geht mir gut.

Mein Herz ist angefüllt mit Dank,
wie ein Brunnen mit reinem Wasser.
Ein Brunnen aber tränkt Viele.
Gib mir den Sinn, das Herz,
den Blick und die Bereitschaft,
dort zu sein,
wo Menschen hungrig sind,
frieren, und zu viele Sorgen haben
um sich an Rauhreif und Abendgold
zu erfreuen.

Mein Glück gehört mir nicht,
es ist ein fließendes Wasser,
so wie Du ein fließendes Wasser bist,
Du Strom des Lebens.
An Deinem Herzen
will ich zu neuer Menschlichkeit
erwachen.

Was, wenn uns Gott nicht nur als Heilung begegnet, sondern als Krankheit? Nicht nur als Frieden, sondern als Zerwürfnis? Am 30.10 hatte ich die Freude, in der Stadtkirche St. Petri Dortmund eine Gastpredigt zum Thema Angst zu halten. Biblischer Gegenstand dieser mystischen Auslegung war die Geschichte der Sturmstillung (Mk 4,35-41). Die komplette Predigt „Leben inmitten des Sturms: Radikale Verletzbarkeit als Quelle der Gotteserfahrung“ ist nun auf Youtube nachzuhören. Viel Freude damit.

Stillung des Sturms

Am Abend jenes Tages sagte Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: »Lasst
uns ans andere Ufer fahren!« Sie schickten die Menge nach Hause, stiegen
in das Boot, in dem Jesus bereits war, und fuhren mit ihm ab. Einige andere
Boote begleiteten sie. Plötzlich brach ein heftiger Sturm los; die Wellen
schlugen ins Boot, und es begann sich mit Wasser zu füllen. Jesus aber
schlief im hinteren Teil des Bootes auf einem Kissen. Sie weckten ihn und
schrien: »Meister, macht es dir nichts aus, dass wir umkommen?« Jesus
stand auf, wies den Wind in seine Schranken und befahl dem See: »Schweig!
Sei still!« Da legte sich der Wind, und es trat eine große Stille ein.
»Warum habt ihr solche Angst?«, fragte Jesus sie. »Habt ihr noch kein
Vertrauen?« Da gerieten sie in große Furcht, und sie sagten zueinander:
»Wer ist nur dieser Mann, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?

(Markusevangelium 4,35-41, NGÜ)

 

Das Andere

Alles Wachsende braucht Zeit,
alles Verwundete braucht Güte,
alles Verworrene braucht Sorgfalt
und alles Versprengte wachen Rückzug in die Mitte.
Alles Sterbende braucht Abschied,
alles Beginnende Ermutigung,
alles Starre Erschütterung,
und alles Verstrickte drängende Sehnsucht nach Freiheit.
Alles Menschliche braucht Begegnung,
alles Werden ein Du,
das neben dem Vertrauten das Andere trägt.
Das Andere, das uns fordert, in Frage stellt,
uns rührt, verunsichert und bewegt,
das uns sticht und drängt,
bis wir wagen, die zu sein
die wir nicht erwarteten
und die herbeigesehnt werden
von Vielen.